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Forschungsprojekt in Kassel, Kiel und Bremen

Kostenvergleich zwischen Radverkehr, Fußverkehr, motorisiertem Individualverkehr und ÖPNV anhand von kommunalen Haushalten

Nationaler Radverkehrsplan 2020
Nationaler Radverkehrsplan 2020 © BMVBS

Zielsetzung und Vorgehen

Während die kommunalen Aufwendungen des Kraftfahrzeugverkehrs meist keiner Rechtfertigung bedürfen, stehen die Ausgaben für den ÖPNV und den Radverkehr regelmäßig in der öffentlichen Diskussion. Einer der Gründe dafür ist, dass die genauen Kosten der einzelnen Verkehrssysteme und ihr Verhältnis zueinander nicht bekannt sind: Verkehrsrelevante Aufwendungen der Kommunen sind auf verschiedene Haushalts- und Rechnungsunterlagen des "Stadtkonzerns" verteilt und damit für die verschiedenen Verkehrssysteme nicht transparent. Dadurch kann unter anderem der Eindruck entstehen, der Kfz-Verkehr werde vernachlässigt, während beispielsweise der Radverkehr "um jeden Preis" gefördert werde.

Datengrundlage und Fallauswahl

Um Transparenz über die tatsächlichen für die Kommunen auftretenden Kosten zu schaffen, wurde am Fachgebiet Verkehrsplanung und Verkehrssysteme der Universität Kassel eine Methode entwickelt, mit der die Aufwendungen und Erträge differenziert nach Verkehrssystemen (Fußverkehr, Kfz-Verkehr, öffentlicher Nahverkehr und Radverkehr) angegeben und einander gegenübergestellt werden. Als Grundlage dazu dienen kommunale Haushalts- und Rechnungsunterlagen. Diese Methode wurde anhand konkreter Beispielstädte erarbeitet und exemplarisch dargestellt. Um die Generalisierbarkeit und somit die Übertragbarkeit der Methode zu gewährleisten, wurden Städte aus verschiedenen Bundesländern gewählt, da die Haushaltsstruktur durch Landesrecht vorgegeben wird: Kassel, Bremen und Kiel. Es wurden drei Haushaltsjahre (2009-2011) betrachtet, um Fehleinschätzungen aufgrund von Einmaleffekten abzumildern.

Konzeption der Berechnung

Damit die vielfältigen Aufwendungen und Erträge den verschiedenen Verkehrssystemen zugeordnet werden konnten, wurden für verschiedene Haushaltspositionen sachgerechte Aufteilungsschlüssel entwickelt. Diese wurden mit Hilfe digitaler Verkehrsnetze aus den Bestandsdaten der jeweiligen Kommune ermittelt. Die so herausgearbeiteten insgesamt sieben Aufteilungsschlüssel wurden anhand einer auf dem Nutzerprinzip basierenden Flächenaufteilung des vor Ort vorhandenen Verkehrsraums berechnet. Verkehrsflächen wurden dabei demjenigen Verkehrssystem zugeordnet, das diese nutzt. Da der Verkehrsraum in den meisten Fällen von mehreren Verkehrssystemen genutzt wird, wurden die Flächen der einzelnen Verkehrsteilräume, wie zum Beispiel Fahrbahn, Radweg, Gehweg und Radfahrstreifen, berechnet. Im Falle der Mischnutzung, beispielsweise bei der Kombination von Geh- und Radweg, wurden die Flächen auf die entsprechenden Verkehrssysteme aufgeteilt.

Grundsätzlich ist für alle Verkehrssysteme ein Zuschuss erforderlich, um ein adäquates Angebot zu gewährleisten. Der Nutzen des Verkehrsangebots ist sowohl auf der individuellen als auch auf der volkswirtschaftlichen Ebene feststellbar. Durch die Anwendung der sachgerechten Aufteilungsschlüssel auf die Aufwendungen und Erträge der kommunalen Haushalte wurden die in die einzelnen Verkehrssysteme geflossenen Zuschüsse ermittelt. Als Zuschuss wird in diesem Zusammenhang der negative Saldo, welcher sich aus der Differenz von Erträgen und Aufwendungen berechnet, bezeichnet.

Da die absoluten Zahlen zu den verkehrssystemspezifischen Erträgen und Aufwendungen wenig Aussagekraft besitzen, wurden unterschiedliche Kennwerte entwickelt, die eine Einordnung und Beurteilung ermöglichen. Die neu entwickelten Kennwerte sollen sowohl im Rahmen der Verkehrs- und Stadtplanung als auch im Rahmen der kommunalen Verkehrs- und Finanzpolitik für Transparenz sorgen und damit eine Basis für strategische Entscheidungen darstellen.

Erste Ergebnisse

In allen drei Städten wurden die höchsten Zuschüsse für den Kfz-Verkehr festgestellt. Im Zuschussranking folgen in absteigender Reihenfolge: ÖPNV, Fußverkehr und Radverkehr. Der Anteil des Zuschusses für den Radverkehr lag bei allen bisher betrachteten Städten im einstelligen Bereich und unterhalb des Anteils, den der Radverkehr am Modal-Split aufweist.

Im betrachteten Zeitraum (2009-2011) schwankte die Zuschussverteilung teilweise. Dies resultierte aus internen Umstrukturierungen in den Kommunen, beispielsweise bezüglich des ÖPNV und der Parkraumbewirtschaftung sowie aus lokalen Großprojekten im Verkehrssektor. Ob die Veränderungen der Zuschussverteilung auf eine veränderte Verkehrspolitik zurückzuführen ist, kann aufgrund des kurzen Betrachtungshorizonts nicht belegt werden.

Da die Methode neu entwickelt und erstmals angewendet wurde, fehlen Erfahrungen im Umgang mit den ermittelten durchschnittlichen Kennwerten (2009-2011), sodass eine Beurteilung der Kennwerte im Einzelnen und ein Vergleich zwischen den Städten bewusst noch nicht durchgeführt wurde. Auch die Ableitung von Handlungsanforderungen durch die ermittelten Kennwerte und gewonnenen Erkenntnisse wären aufgrund einer zu kleinen Datenbasis aktuell verfrüht. Eine Analyse und Auswertung weiterer Kommunen könnte der Sammlung von Erfahrungen und der Klassifizierung der Ergebniswerte dienen.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Das Forschungsprojekt trägt zu verbesserter Kostentransparenz im kommunalen Verkehrssektor bei. Nach Anwendung der Methode stehen objektiv ermittelte Fakten als Diskussionsgrundlage zur Verfügung, wenn Entscheidungen bezüglich der Verwendung von finanziellen Mitteln im Verkehrssektor getroffen werden sollen. Die ersten Ergebnisse zeigen bereits, dass der Radverkehr im kommunalen Haushalt nur marginal Berücksichtigung findet und die städtischen Mittel eher für die anderen Verkehrssysteme eingesetzt werden. Das Projekt unterstützt daher eine gerechtere Verteilung der Geldmittel für den städtischen Verkehr.

Die entwickelte Methode ist grundsätzlich übertragbar, da sie auch in anderen Städten eingesetzt werden kann, um den kommunalen Haushalt bezüglich der verkehrsrelevanten Aufwendungen und Erträge zu analysieren und diese verkehrssystemfein aufzuteilen. Zu diesem Zweck ist ein Folgeprojekt geplant, in dem unter anderem ein EDV-gestütztes Tool entwickelt werden soll, das die Praktikabilität erhöhen und die Anwendung der Methode in kommunalen Verwaltungen verbreiten soll.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Gesamtvolumen: 
130 000 €
Erläuterungen: 

Das Projekt wurde durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP) gefördert.

Evaluation

Evaluation: 
nein

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Universität Kassel, Fachgebiet Verkehrsplanung und Verkehrssysteme

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
November 2012
Projektende: 
Mai 2014

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

  • Was kosten Radverkehr, Fußverkehr, öffentlicher Personennahverkehr und Kfz-Verkehr eine Kommune? Entwicklung und Anwendung einer Methode für den Vergleich von Aufwendungen und Erträgen verschiedener Verkehrsmittel anhand von kommunalen Haushalten. Endbericht. Kurztitel: NRVP - Kostenvergleich zwischen Radverkehr, Fußverkehr, Kfz-Verkehr und ÖPNV anhand von kommunalen Haushalten.
    Univ. Kassel, Institut für Verkehrsplanung und Verkehrssysteme (Hrsg.); Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Berlin (Förd.)
    Kassel (2015); XI, 172 S.
  • Schmitt, V.; Bauer, B.; Sommer, C. "Was kosten Radverkehr, Fußverkehr, öffentlicher Personennahverkehr und Kfz-Verkehr eine Kommune? - Entwicklung und Anwendung einer Methode für den Vergleich verschiedener Verkehrsmittel anhand von kommunalen Haushalten", in: Schrenk, M; Popovich, V.; Zeile, P. (Hrsg.): REAL CORP 2012, Proceedings/Tagungsband, ISBN: 978-3-9503110-5-1, Schwechat, 2013
  • Hessische/Niedersächsische Allgemeine: "Was kostet der Verkehr?"; Zeitungsartikel vom 20.01.2014
  • Nachfolgeprojekt: NRVP 2020 - Welche Kosten verursachen verschiedene Verkehrsmittel wirklich?

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Prof. Dr.-Ing. Carsten Sommer
Universität Kassel
Fachgebiet Verkehrsplanung und Verkehrssysteme
Mönchebergstraße 7
34125 Kassel
Telefon: +49 (0)561/804-3381
Telefax: +49 (0)561/804-7382
E-mail: c.sommer@uni-kassel.de
WWW: www.uni-kassel.de/go/vpvs
 

Kommunale Ansprechpartner: 

Ludger Schleper
Stadt Bremen
Amt für Straßen und Verkehr Bremen, Abteilung -1- Allgemeine Verwaltung
Herdentorsteinweg 49/50
28195 Bremen
Telefon: +49 (0)421/361-9703
Telefax: +49 (0)421/361-9448
E-mail: Ludger.Schleper@ASV.Bremen.de

Heiko Lehmkuhl
Stadt Kassel
Straßenverkehrs- und Tiefbauamt Kassel - Verkehr
Friedrichsstraße 36
34117 Kassel
Telefon: +49 (0)561/787-1263
Telefax: +49 (0)561/787-3140
E-mail: heiko.lehmkuhl@kassel.de

Harald Schwind
Stadt Kiel
Tiefbauamt, Abteilung Verkehr
Fleethörn 9
24103 Kiel
Telefon: +49 (0)431/901-4553
Telefax: +49 (0)431/901-744553
E-mail: harald.schwind@kiel.de

Meta-Info
Stand der Information
27. Juni 2014
Autor
Prof. Dr.-Ing. Carsten Sommer, Daniel Leonhäuser (Universität Kassel)
NRVP-Handlungsfelder
Radverkehrsplanung und -konzeption
Fahrradthemen
Finanzierung
Forschung
Schlagworte
Studie
Land
Deutschland