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Systematische Planung des städtischen Radverkehrsnetzes

Zielkonzept für die zukünftige Radinfrastruktur in Köln

Zielkonzept für die zukünftige Radinfrastruktur in Köln
Zielkonzept für die zukünftige Radinfrastruktur in Köln © Stadt Köln, Amt für Straßen und Verkehrstechnik

In einer Großstadt wie Köln setzt die Planung von Radverbindungen in der Regel einen komplexen und mehrstufigen Prozess voraus. Eine Herausforderung besteht vor allem darin, genaue Informationen zu bestimmten Strecken zu erhalten, um auf dieser Basis die geeignete Führungsform auszuwählen. Seit 2011 verfügt die Stadt Köln über ein so genanntes Zielkonzept, in dem für das gesamte städtische Netz die idealen Führungsformen gemäß den Kriterien der ERA bestimmt sind und kartographisch dargestellt werden. Dies erleichtert es nicht nur, konkrete Maßnahmen zu planen und effizient durchzuführen, sondern ermöglicht es auch, die Entwicklung der städtischen Radverkehrsinfrastrukturen zu verbildlichen und gut verständlich nach außen zu kommunizieren.

Die Planung von Radverkehrsmaßnahmen in Köln

Radverkehrsnetzpläne als Ausgangspunkt

Jede Einzelplanung für den Radverkehr sollte eingebettet sein in ein übergeordnetes, strategisches Konzept. In der Regel handelt es sich dabei um eine integrierte Netzbetrachtung. In Köln übernehmen sogenannte "Radverkehrsnetzpläne", die für jeden der neun Stadtbezirke vorliegen, diese Funktion. Hier sind Hauptrouten des Radverkehrs ebenso festgelegt wie Stellen mit einem vordringlichen Handlungsbedarf.

ERA als Entscheidungsgrundlage für konkrete Maßnahmen

Die Radverkehrsnetzpläne treffen aber in aller Regel keine Aussage darüber, wie der Radverkehr auf einer konkreten Straße am besten geführt werden sollte. Für diese spezifischen Entscheidungen gibt es jedoch allgemeine, rechtliche und weitere planungsrelevante Vorgaben, die unter anderem die Einsatzgrenzen möglicher Führungsformen (Radweg, Radfahrstreifen, Schutzstreifen, Mischverkehr ohne eigenständige Führung) definieren.

Zu nennen sind hier insbesondere die "Empfehlungen für Radverkehrsanlagen" (ERA 2010), als aktuelles technisches Regelwerk für die Planung von Radverkehrsanlagen, deren Maßgaben in Nordrhein-Westfalen durch einen Ministerialerlass für die Verkehrsplanung bindend sind. Die durch die ERA 2010 definierten Kriterien für die Wahl der geeigneten Führungsform für den Radverkehr umfassen in der Hauptsache die vorhandene Kfz-Belastung und die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf dem zu gestaltenden Straßenabschnitt.

Anhand der Werte kann eine erste Abschätzung über die geeignete Radverkehrsführung für den betrachteten Straßenabschnitt getroffen werden. Wenn es in die konkrete Planung geht, sind selbstverständlich weitere Kriterien einzubeziehen; nicht zuletzt müssen die örtlichen Gegebenheiten in die weiteren Planungsüberlegungen einfließen. Auch die Art der Planung spielt eine entscheidende Rolle. So ist es ein großer Unterschied, ob im Bestand geplant wird oder eine komplette Umplanung erfolgen soll, bei der die vorhandene Straßenaufteilung geändert werden kann.

Prüfung der Verkehrssituation vor Ort

Gleichwohl steht die beschriebene Erstabschätzung immer am Anfang aller Überlegungen. Für jede Prüfung anhand der ERA-Kriterien müssen daher die Kennwerte im Vorfeld recherchiert und zusammengetragen werden. Sofern für den zu betrachtenden Straßenabschnitt keine aktuellen Messwerte hinsichtlich der Kfz-Belastung vorlagen, wurde bisher auf Werte zurückgegriffen, die mittels eines Verkehrssimulationsmodells, welches auf dem Programm VISUM basiert, erzeugt wurden.

Das Zielkonzept als neue Planungsgrundlage

Minimierung des Prüfaufwands als Ziel

Basierend auf dieser Ausgangslage stellten die verantwortlichen Verkehrsplaner Überlegungen an, wie der Prüfaufwand, der sich im Vorfeld jeder Maßnahme ergibt, minimiert werden kann. Schließlich fallen in Köln schon aufgrund der Stadtgröße jedes Jahr bis zu 100 solcher Prüfungen an. Als Ergebnis der Überlegungen wurde das sogenannte "Zielkonzept für die zukünftige Radinfrastruktur in Köln" entwickelt.

Flächendeckende Erhebung und kartographische Systematisierung der relevanten Daten

Bei dem Zielkonzept handelt es sich um eine kartographische, geodatenbasierte Darstellung des gesamten Kölner Straßennetzes mit einer straßenabschnittsscharfen Abbildung der jeweils optimalen Radverkehrsführung nach den von den ERA 2010 definierten Einsatzkriterien. Möglich wurde diese Darstellung, weil alle benötigten Daten für das gesamte Stadtgebiet flächendeckend und georeferenziert vorlagen und dadurch übereinandergelegt und miteinander verschnitten werden konnten. Hinsichtlich der Kfz-Belastungen wurde dabei auf das bereits erwähnte VISUM-Verkehrssimulationsmodell zurückgegriffen.

Konkrete Nutzungsmöglichkeiten und Vereinfachungseffekte

Der gewünschte Effekt, die Prüfungen der jeweiligen Verkehrssituationen vor Ort zu vereinfachen, wurde zweifelsfrei erzielt. Mittlerweile genügt ein Blick auf die Karte für die Entscheidung, ob für einen bestimmten Straßenabschnitt eine eigenständige Radverkehrsführung vorzusehen ist und wenn ja welche.

Binnen kürzester Zeit stellte sich heraus, dass die Einsatzmöglichkeiten des Zielkonzepts noch viel weitreichender sind und über Entscheidungsprozesse zu örtlichen Führungsformen hinausgehen. So findet das Zielkonzept in der Infrastrukturplanung inzwischen in folgenden Bereichen erfolgreich Verwendung, wodurch Synergien mit anderen Planungsprozessen genutzt werden:

  • Überprüfung aller Fahrbahndeckensanierungen auf Optimierungsmöglichkeit für den Radverkehr: Dank des Zielkonzepts sind kurzfristige Entscheidungen möglich, ob für einen bestimmten Bereich ein Markierungsplan (für Schutzstreifen oder Radfahrsteifen) erstellt wird oder nicht.
  • Überprüfung der Radwegebenutzungspflicht: Es werden im Zuge der systematischen Überprüfung bestehender Radwegebenutzungspflichten vorrangig jene Radwege geprüft, die laut Zielkonzept an Straßen liegen, in denen das Trennprinzip nicht aufrecht erhalten werden soll.
  • Städtisches Radwegsanierungsprogramm: Es werden vorrangig Radwege saniert, die laut Zielkonzept an Straßen liegen, in denen das Trennprinzip weiterhin aufrechterhalten werden soll.

Ein weiterer Nutzen ergibt sich aus der Darstellung selbst. Macht sie doch auf einen Blick deutlich, wie sich das Kölner Radverkehrsnetz verändern wird: Demnach wird es in Zukunft nur noch auf etwa 10% aller Kölner Straßen (insgesamt rund 2350 km) eine strikte Trennung zwischen Kfz-Verkehr und Radverkehr geben. Auf den verbleibenden 90% des Straßennetzes werden sich motorisierter und Radverkehr in Zukunft die Fahrbahn teilen, wobei nur etwa 20% eine teilweise Separation mittels Schutzstreifen erhalten werden.

Durch die Visualisierung werden diese zentralen Aussagen über die künftige Entwicklung der Radverkehrsinfrastruktur leicht verständlich und nachvollziehbar. Das Zielkonzept hat sich daher, neben dem Einsatz in der Planungspraxis, auch als hervorragendes Instrument für den öffentlichen Diskurs mit Politik, Verbänden und Initiativen sowie den Bürgerinnen und Bürgern erwiesen.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Die Systematik, die dem Zielkonzept für die zukünftige Radinfrastruktur in Köln zugrunde liegt, lässt sich prinzipiell auf alle Gebietskörperschaften im Bundesgebiet übertragen. Wie aus der Beschreibung hervorgeht, liegt der große Vorteil des Zielkonzepts in der übersichtlichen Darstellung der idealtypischen, auf den aktuellen Kriterien der ERA 2010 basierenden Radverkehrsinfrastrukturausstattung. Es macht deutlich, in welcher Weise die bestehende Radverkehrsinfrastruktur weiterzuentwickeln ist, damit sie aktuellen und zukünftigen Ansprüchen gerecht wird. Ein Abgleich mit der bestehenden Infrastruktur ermöglicht die Identifikation von Streckenabschnitten mit Handlungsbedarf. Ein Abgleich mit weiteren Daten, wie etwa Erhebungsdaten der Radverkehrsnutzungsintensität oder Unfallzahlen, ermöglicht zudem eine Priorisierung konkreter Maßnahmen.

Finanzierung

Erläuterungen: 
Das Konzept wurde durch Mitarbeiter der Verkehrsplanung im Amt für Straßen und Verkehrstechnik der Stadt Köln erstellt. Es sind dementsprechend keine Kosten im Sinne klassischer Projektaufwendungen entstanden.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Indirekt. Das Zielkonzept vereinfacht und erleichtert an vielen Stellen die alltägliche Arbeit der Verkehrsplanerinnen und –planer. Darüber hinaus eignet es sich sehr gut, die Öffentlichkeit über die aktuelle und zukünftige Entwicklung der Radverkehrsinfrastruktur in der Stadt zu informieren.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Stadt Köln, Amt für Straßen und Verkehrstechnik

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Januar 2011
Info zur Laufzeit: 
Das aktuelle Zielkonzept bleibt so lange gültig, wie es die zugrundeliegenden Planungskriterien sind. Sollten sich die Planungskriterien in Zukunft ändern, kann das Konzept durch entsprechende Anpassungen mit geringem Aufwand fortgeschrieben werden.

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Fahrradbeauftragter und Gruppenleiter Verkehrsplanung
Herr Jürgen Möllers
Stadt Köln
Amt für Straßen und Verkehrstechnik
Willy-Brandt-Platz 2
50679 Köln
Telefon: 0221/221-21155
E-mail: fahrradbeauftragter@stadt-koeln.de
WWW: www.stadt-koeln.de/4/verkehr/r...

Meta-Info
Stand der Information
31. Oktober 2013
Autor
Benjamin Klein und Hendrik Colmer, Stadt Köln - Amt für Straßen und Verkehrstechnik
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Nordrhein-Westfalen