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BYPAD Rostock

Wirkungsprüfung zur Fahrradpolitik in der Hansestadt

BYPAD-Evaluationsgruppe in Rostock
BYPAD-Evaluationsgruppe in Rostock © Hansestadt Rostock

Hintergrund

BYPAD - Bicycle Policy Audit – ist ein Instrument zur Evaluierung und Qualitätsverbesserung kommunaler Radverkehrspolitik. Das BYPAD-Verfahren basiert auf einer qualitativen Analyse der Radverkehrspolitik vor Ort. Im Mittelpunkt stehen keine statistischen Zielwerte und Kennzahlen,
sondern die lokalen Entwicklungsprozesse und ihre Bewertungen durch die zuständigen Akteure.
Als Vergleichsgröße dient ein internationaler Überblick über die besten angewandten Maßnahmen und Strukturen in der lokalen Radverkehrspolitik.

BYPAD wurde 1999-2001 im Rahmen eines EU-Projekts von einem internationalen Konsortium entwickelt und in sieben europäischen Städten getestet: Gent, Graz, Troisdorf, Birmingham, Zwolle, Ferrara und Grenoble. In einem Nachfolgeprojekt, BYPAD+, wurde das Verfahren europaweit verbreitet, um zur Qualitätsverbesserung der Radverkehrspolitik in europäischen Städten beizutragen. Zwischen 2003 und 2005 nahmen 42 Städte in 15 europäischen Ländern an BYPAD+ teil. Sie wurden in ihren Audit-Prozessen von speziell dafür geschulten Beratern aus den jeweiligen Herkunftsländern begleitet. Die beteiligten Städte in Deutschland waren: Bünde, Ettlingen, Kiel, Köln, Lüneburg, Marl und Münster. Rostock war nach Karlsruhe die zweite Stadt in Deutschland, in der BYPAD nach Ablauf des zweiten EU-Projekts durchgeführt wurde.

Inhalt und Ablauf des BYPAD-Verfahrens

Die Evaluierung wird durch eine interne Kommission aus Vertretern der Stadtverwaltung, Politik und Verbänden durchgeführt. Die Rostocker Kommission bestand aus Vertretern der Verwaltung (Verkehrsplanung, Verkehrsbehörde, Umweltamt), der Politik (Bürgerschaftsfraktionen) und Verbänden (ADFC, BUND, Unternehmerverband, AStA der Universität Rostock). Die zum Teil divergierenden Standpunkte der Mitglieder wurden in den Diskussionen erörtert und führten im Ergebnis zu mehr Verständnis für die Positionen der Hauptakteure der kommunalen Radverkehrspolitik.

Die Kommission wird begleitet durch einen externen Experten (Auditor). Der Auditor sammelt vorhandene Daten, Fakten und Konzepte bezüglich des Radverkehrs und analysiert sie. Die Mitglieder der Evaluierungskommission arbeiten mit einem Fragebogen der 18 bis 35 Fragen enthält und definierte Antwortmöglichkeiten zu folgenden Modulen vorgibt:

  • Nutzeranforderungen
  • Steuerung der Fahrradpolitik
  • Strategien und Konzepte
  • Finanzielle und personelle Ressourcen
  • Infrastruktur, Sicherheit, Dienstleistung
  • Kommunikation und Erziehung
  • Zielgruppen und Partnerschaften
  • Ergänzende Maßnahmen
  • Evaluation und Wirksamkeit

Die Antworten geben Hinweise darauf, wie systematisch die einzelnen Aufgaben im Bereich des Radverkehrs bewältigt werden. Sie werden den Stufen 1 bis 4 zugeordnet: 1 Ad-hoc orientiert, 2 Isolierter Ansatz, 3 System-orientiert, 4 Integrierter Ansatz. Diese Ergebnisse werden beim ersten Treffen der Evaluierungsgruppe diskutiert.

Das zweite Treffen befasst sich mit den Analyseergebnissen des Auditors und der Diskussion über Ziele, Handlungsfelder und Maßnahmen. Anhand dieser Ergebnisse schreibt der Auditor einen Bericht und entwickelt einen Qualitätsplan.

BYPAD-Verfahren und Ergebnisse in Rostock

Die Hansestadt Rostock hat sich 2005/2006 als erste Stadt in den Neuen Bundesländern erfolgreich an dem Fahrradpolitik-Auditverfahren BYPAD beteiligt. Das Auditierungsverfahren in Rostock, wie auch das unten näher beschriebene 20-Punkte-Programm und zahlreiche weitere Maßnahmen zur Radverkehrsförderung wurden aus Mitteln des EU-Projektes "Baltic-Sea-Cycling" finanziert (siehe Praxisbeispiel "Radverkehrsförderung in der Region Rostock").

Stärken und Schwächen der Radverkehrspolitik in Rostock

Auf Grundlage einer umfangreichen Analyse des Status quo auf allen Ebenen der Radverkehrspolitik wurde eine Stärken-Schwächen-Analyse erstellt. Rostocks Stärken liegen z.B. in den Bereichen Radverkehrsplanung, Verkehrssicherheit und Kombination von Rad und öffentlichem Personennahverkehr. Deutliche Schwächen weisen die Felder Fahrradtourismus, Image und Öffentlichkeitsarbeit auf. Darauf aufbauend wurden Handlungsschwerpunkte, insbesondere für kostengünstige kurz- und mittelfristig umzusetzende Maßnahmen abgeleitet und in einem "Radverkehrsförderprogramm" zusammengefasst.

20-Punkte-Programm zur Radverkehrsförderung

In diesem 20-Punkte-Programm positioniert sich Rostock als "fahrradfreundliche Hansestadt", welche den Radverkehrsanteils im Binnenverkehr innerhalb von 10 Jahren von 15% auf 20% steigern möchte. Auch die Verkehrssicherheit für den Radverkehr soll deutlich erhöht werden. Die Zahl der schwer verunglückten Radfahrenden soll bis 2013 um mindestens 50% verringert werden. Bei allen Baumaßnahmen der Hansestadt Rostock, insbesondere im Verkehrsnetz, gleich ob es sich um Umbau, Sanierung oder Neubau handelt, sind die Belange des Radverkehrs zu beachten und Radverkehrsanlagen vorzusehen. Dabei soll der Radverkehr nicht nur auf Velorouten konzentriert werden. Auch Radstreifen auf der Fahrbahn sollen in Rostock als kostengünstige und sichere Lösung verstärkt eingesetzt werden. Verbesserungspotenziale sieht das Programm auch in den Bereichen Wegweisung, Straßenreinigung und Winterdienst, bei Abstellanlagen und der Öffentlichkeitsarbeit. Angeregt wurden in dem 20-Punkte-Programm weiterhin die Bildung eines Fahrradforums mit Vertretern aus den Fraktionen der Bürgerschaft, der Nutzerverbände und der Verwaltung. Darüber hinaus wurde ein jährlicher Bericht über durchgeführte Maßnahmen zur Förderung des Fahrradverkehrs in Rostock beschlossen. Das Programm wurde am 14.Juni.2006 durch die Rostocker Bürgerschaft bestätigt und inzwischen in wesentlichen Punkten umgesetzt.

Veränderungen der Verkehrsmittelnutzung

Der Radverkehrsanteil im Gesamtverkehr stieg von 1998 bis 2008 von 8,7% auf 20,2% (Daten aus der Verkehrserhebung SrV). Der Umweltverbund (Öffentlicher Personenverkehr, Radverkehr, Fußverkehr) ist von 58,5% auf 64,6% gewachsen. Die Nutzung des Autos für die täglichen Wege ist um 5% auf 35,4% zurückgegangen. Damit werden die Zielvorgaben des Integrierten Gesamtverkehrskonzepts von 1998 und die Ziele des Rostocker Programms zur Radverkehrsförderung von 2006 erreicht. Es ist gelungen, ein ausgeprägtes multimodales umweltfreundliches Verkehrssystem zu entwickeln, in welchem der Umweltverbund das Primat hat. Der ÖPNV und der Radverkehr sind gleichmäßig stark vertreten.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Das BYPAD-Verfahren hat in Rostock wesentlich zu einer sehr deutlichen Steigerung des Radverkehrsanteils beigetragen.

Mit BYPAD können Kommunen die Qualität ihrer Radverkehrspolitik in einer Stärken- und Schwächen-Analyse selber auswerten. Dabei erhalten sie gleichzeitig konkrete Hinweise dafür, wie sie ihre künftige Politik verbessern können. Das BYPAD ermöglicht somit einen sehr guten Einstieg, wenn die Radverkehrsförderung intensiviert werden soll. Auch bei verhärteten Fronten zwischen Verwaltung, Politik und Nutzergruppen kann das Verfahren durch die moderierte Diskussion zu einem Neuanfang und einer konstruktiven Zusammenarbeit führen.

Durch den Einsatz von BYPAD in vielen europäischen Städten entsteht ein europaweites Netzwerk von BYPAD-Städten. Dies bietet die Möglichkeit, Erkenntnisse und Erfahrungen untereinander auszutauschen und ermöglicht ein Benchmarking kommunaler Radverkehrspolitik.

Die geschulten BYPAD-Berater bilden ein europaweites Netzwerk nationaler BYPAD-Kontaktstellen. Sie sind auch die Anlaufstellen für weitere Städte, die an der Anwendung von BYPAD in ihrer Stadt interessiert sind.

Finanzierung

Finanzierung: 
EU-Mittel
Sonstige
Gesamtvolumen: 
15 000 €
Erläuterungen: 
Finanzierung im Rahmen des Interreg-III-B-Projektes "Baltic Sea Cycling"
Weitere im Rahmen von "Baltic Sea Cycling" geförderte Maßnahmen
  • Durchführung eines Fahrradklimatests
  • Postkarte "Hier wohne ich" (siehe Praxisbeispiel "Postkarte")
  • Internetseite www.fahrradregion-rostock.de
  • Plakatkampagne "Rostock steigt auf" (siehe Praxisbeispiel "Rostock steigt auf")
  • Kinospot "Eine Region steigt auf"
  • Wettbewerb "Gewinn-Faktor" Fahrrad"
  • Wegweisung Campus-Veloroutennetz (siehe Praxisbeispiel "Campus-Veloroutennetz")
  • Fahrradstadtplan mit regionaler Radkarte

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Eine Wirkungskontrolle des im BYPAD-Verfahren entstandenen 20-Punkte-Programms zur Radverkehrsförderung findet in Form des jährlichen Fahrradberichts der Hansestadt Rostock statt.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Hansestadt Rostock, Amt für Umweltschutz
Projektbeteiligte: 
  • Hansestadt Rostock mit Fachämtern und Bürgerschaftsfraktionen
  • Verbände (ADFC und BUND) und weitere relevante Institutionen (AStA der Universität, Unternehmerverband)
  • PGV Hannover als BYPAD-Auditor

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
September 2005
Projektende: 
Juni 2006

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Herr Steffen Nozon
Hansestadt Rostock
Amt für Umweltschutz
Holbeinplatz 14
18069 Rostock
Telefon: +49(0)381/3817328
E-mail: steffen.nozon@rostock.de

Meta-Info
Stand der Information
1. Oktober 2011
Autor
Thomas Möller und Stefan Nozon, Stadt Rostock
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Mecklenburg-Vorpommern