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Radfahren bei beengten Verhältnissen

Wirkung von Piktogrammen und Hinweisschildern auf Fahrverhalten und Verkehrssicherheit

Fahrradpiktogramm auf der Fahrbahn
Fahrradpiktogramm auf der Fahrbahn © SVPT, Bergische Universität Wuppertal (2019)

Ausgangslage und Ziel des Projekts

Mit der Zunahme der Zahl der Radfahrenden in Deutschland nimmt auch die Nachfrage nach Radverkehrsinfrastruktur zu. Aufgrund zu geringer Querschnittsbreiten ist es jedoch nicht immer möglich, dem – insbesondere durch ein höheres Sicherheitsgefühl im Seitenraum bedingten – Wunsch vieler Radfahrender nach separater Radverkehrsinfrastruktur nachzukommen. In solchen Fällen werden teils Fahrrad-Sinnbilder auf der Fahrbahn aufgebracht oder Hinweisschilder am Fahrbahnrand aufgestellt. Auch im Zusammenhang mit der Aufhebung der Benutzungspflicht vorhandener Radwege werden derartige Maßnahmen in mehreren deutschen Städten in letzter Zeit umgesetzt. Sie sollen die Präsenz und das Recht Radfahrender, auf der Fahrbahn zu fahren, verdeutlichen sowie Kfz-Fahrende darauf hinweisen, dass mit Radfahrenden auf der Fahrbahn gerechnet werden muss und diese mit ihnen zu teilen ist. So soll die vorhandene Führungsform „Mischverkehr“ unterstützt werden, der Radverkehr in vormals unfallauffälligen Situationen sicherer gestaltet sowie das Verkehrsklima und das gegenseitige Miteinander verbessert werden. Allerdings sind im Rahmen der geltenden StVO insbesondere die Fahrrad-Sinnbilder zu diesem Zweck nicht vorgesehen. Aufgrund des Fehlens von umfassenden Erkenntnissen und Umsetzungsempfehlungen zu derartigen Maßnahmen wurde im Forschungsprojekt „Radfahren bei beengten Verhältnissen – Wirkung von Piktogrammen und Hinweisschildern auf Fahrverhalten und Verkehrssicherheit“ die Wirkung solcher Markierungen und Hinweisbeschilderungen untersucht.

Projektdurchführung

Das Projekt wurde gefördert durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) mit Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans 2020 und in Kooperation des Fachzentrums Verkehr der Bergischen Universität Wuppertal und der Professur Diagnostik und Intervention der Technischen Universität Dresden durchgeführt. 20 Strecken in 15 Kommunen in Deutschland wurden für Vorher-/Nachher-Untersuchungen sowie für Erhebungen im Bestand ausgewählt. Mit Hilfe von Kamerabeobachtungen und Befragungen der Verkehrsteilnehmenden, aber auch anhand von Unfallanalysen sollte untersucht werden, inwiefern die Piktogramme und Hinweisschilder durch die Verkehrsteilnehmenden wahrgenommen werden, wie sie verstanden werden, in welchem Ausmaß eine Änderung bzw. Anpassung des Fahrverhaltens von Rad- und Kfz-Fahrenden stattfindet und ob Verbesserungen der Verkehrssicherheit festgestellt werden können. Das Projekt sollte somit dazu beitragen zu erforschen, unter welchen Rahmenbedingungen diese Maßnahmen zur Unterstützung des Mischverkehrs sinnvoll sind, wie sie ausgestaltet werden sollen und wie die Umsetzung und Akzeptanz durch Öffentlichkeitsarbeit unterstützt werden kann. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts sind in einem wissenschaftlichen Bericht festgehalten.

Ergebnisse

Die Ergebnisse lassen einen eindeutigen Bedarf an einer Neuregelung mit Piktogrammen bzw. Hinweisschildern für Abschnitte des Basis- oder Vorrang-Radnetzes erkennen, in denen selbst bei Verzicht auf Parkreihen keine regelkonforme Radverkehrsanlage unterzubringen ist. In Videoanalysen zeigte sich eine Abnahme an Überholvorgängen von Radfahrenden durch Kfz und eine Zunahme der Zahl der Hinterherfahrten von Kfz. Wenngleich sich örtlich teils deutliche Verschiebungen mit größerem Abstand der Radfahrenden vom ruhenden Verkehr zeigten, so verschoben sich insgesamt sowohl die Fahrlinien der Rad- als auch der Kfz-Fahrenden kaum. Die Geschwindigkeit der Kfz nahm im Mittel leicht ab. Der Anteil von Radfahrenden auf dem Gehweg reduzierte sich, auf der Fahrbahn stieg er an, was sich auch mit dem berichteten Verhalten der Verkehrsteilnehmenden in Vor-Ort-Befragungen auf den Untersuchungsstrecken sowie postalischen und Online-Befragungen im Streckenumfeld deckte.

Zudem verbesserte sich das Regelwissen der Befragten, wo Radfahren auf der Untersuchungsstrecke erlaubt war. Die Befragten fühlten sich nach der Maßnahmenumsetzung signifikant sicherer als zuvor und empfanden Interaktionen mit anderen Verkehrsteilnehmenden im Mischverkehr als angenehmer.

Die Daten aus Unfalluntersuchungen und den Videoanalysen deuten auf eine Verringerung des individuellen Unfallrisikos der Radfahrenden an Knotenpunkten sowie eine Reduktion der Konfliktschwere im Seitenraum und auf der Fahrbahn hin. Eine Analyse von durchgeführten Öffentlichkeitsarbeitsmaßnahmen sowie die Gespräche mit den Befragten deuten auf die Notwendigkeit hin, Gründe für das Markieren von Piktogrammen auf der Fahrbahn bzw. Aufstellen von Hinweisschildern am Fahrbahnrand wie zu geringe Querschnittsbreiten und die Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht zu kommunizieren.

Insgesamt lassen die Ergebnisse aus der vorliegenden Untersuchung auf einen positiven Einfluss der umgesetzten Maßnahmen auf objektive und subjektive Sicherheit schließen. Piktogrammketten bieten sich insbesondere dort an, wo eine hohe Seitenraumnutzung zu beobachten ist, und um Netzlücken im Radverkehrsnetz zu schließen, an denen aufgrund von beengten Situationen keine regelkonformen Radverkehrsanlagen umgesetzt werden können. Bei etwaigen Flächenkonflikten sind zuvor alle Möglichkeiten zu prüfen, um regelkonforme Radverkehrsanlagen anbieten zu können. So sind zunächst alle Möglichkeiten der Verlagerung von Parkständen bzw. Parkreihen auszuschöpfen. Nur dann, wenn z.B. aufgrund eines nicht verlagerbaren Bedarfs an Liefer- und Lademöglichkeiten oder bei Vorhandensein von Baumstandorten und Bereitstellung von kombinierten Grün-/Parkstreifen keine Flächen für regelkonforme Radverkehrsanlagen gewonnen werden können, kommen Piktogrammketten auf Hauptverkehrsstraßen in Frage. Die im Projekt beobachtete eher geringe Veränderung der Fahrlinien der Radfahrenden ist darauf zurückzuführen, dass diese meist am rechten Rand der Piktogramme fuhren. Es ist daher zu empfehlen, die Piktogramme mittig auf dem Fahrstreifen zu platzieren, um zu vermeiden, dass Radfahrende in der sog. „Dooring“-Zone, also im Bereich sich möglicherweise öffnender Türen parkender Kfz, fahren. Im Zuge einer mittigen Markierung können zudem die Erhaltungskosten reduziert werden, da die Markierung von Kfz seltener überfahren wird.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Das Projekt leistet einen Beitrag zur Verbesserung des Verkehrsklimas durch eine optimierte Kommunikation zwischen Rad- und Kfz-Fahrenden. Die umgesetzten Maßnahmen führen zu einer Steigerung der objektiven und subjektiven Sicherheit auf den untersuchten Strecken.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Kommunale Mittel
Gesamtvolumen: 
406 650 €
Erläuterungen: 

Zum Gesamtvolumen hinzu kamen kommunale Mittel für Markierung/Beschilderung und Kommunikation.

Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) aus Mitteln des Nationalen Radverkehrsplans 2020 gefördert.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Im Rahmen des vorliegenden Vorhabens wurde zum einen das Forschungsprojekt selbst prozesshaft evaluiert (formative Evaluation) und zum anderen wurden die umzusetzenden Maßnahmen in ihrer Wirkung untersucht (summative Evaluation). Dementsprechend handelt es sich um zwei unterschiedliche Evaluationsgegenstände.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Bergische Universität Wuppertal

Projektbeteiligte: 
  • Bergische Universität Wuppertal
  • Technische Universität Dresden

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
August 2016
Projektende: 
August 2020

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Jürgen Gerlach
Bergische Universität Wuppertal, Lehr- und Forschungsgebiet Straßenverkehrsplanung und -technik
Pauluskirchstr. 7, 42285 Wuppertal
Telefon: +49 202 439 4087
Telefax: +49 202 439 4388
E-Mail: jgerlach@uni-wuppertal.de
www.svpt.de

Prof. Dr. Carmen Hagemeister
Technische Universität Dresden, Professur Diagnostik und Intervention
01062 Dresden
Telefon: +49 (0)351 463 3 69 94
Telefax: +49 (0)351 463 3 77 76
E-Mail: Carmen.Hagemeister@tu-dresden.de
tu-dresden.de/mn/psychologie/iaosp/diagnostische

Meta-Info
Stand der Information
30. Juni 2021
Autor
Koppers, A. (Bergische Universität Wuppertal), Ruf, S. (Technische Universität Dresden), Gerlach, J. (Bergische Universität Wuppertal), Leven, T. (Bergische Universität Wuppertal), & Hagemeister, C. (Technische Universität Dresden)
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Deutschland