Sie sind hier

Warenlieferung mit dem Fahrrad

Velo-Hauslieferdienste in der Schweiz

Unterwegs in Burgdorf
Unterwegs in Burgdorf © Stiftung intact

Ausgangssituation und Hintergrund

Einkaufsgewohnheiten und -bedürfnisse verändern sich ständig. Parallel zum anhaltenden Trend der Autofahrt in die Einkaufszentren steigt bei vielen, insbesondere städtischen KundInnen das Bedürfnis nach Flexibilität. Es gilt: Shopping in der City ist weit mehr als nur Einkaufen – es wird mit vielfältigen Freizeitaktivitäten verbunden, sei es der Kaffee mit Freunden, der Kinobesuch oder der Schaufensterbummel. Große und schwere Einkaufstüten sind dabei oftmals lästig. So ist das Tragen von eingekaufter Ware für viele Personen der Grund, weshalb sie für den Einkauf auch auf kurzen Distanzen das Auto nutzen oder separate Wege zurücklegen.

Der Hauslieferdienst per Velo (schweizerdeutsch für Fahrrad) bietet hierzu eine Alternative. Die KundInnen sind flexibler, da sie ohne Einkaufsware unterwegs sein und dadurch Einkauf, Arbeit und Freizeit verbinden können. Sie müssen keine Tüten auf längeren Fußwegen schleppen und können die eingekaufte Ware unbesorgt deponieren und nach Hause transportieren lassen.

Der erste Hauslieferdienst in der Schweiz wurde 1997 in Burgdorf aufgebaut. Mittlerweile existiert das Angebot landesweit in 21 Gemeinden und wird durch 18 Organisationen (Sozialfirmen, Stiftungen, Velokuriere etc.) betrieben.

Angebot

Der Velo-Hauslieferdienst funktioniert wie folgt: Der Kunde füllt im Geschäft, welches mit dem Velo-Hauslieferdienst kooperiert, einen Lieferschein aus und gibt seine Ware an der Kasse oder einer spezifischen Annahmestelle ab. Das Geschäft kontaktiert entweder den Hauslieferdienst oder wird von ihm bei häufigen Aufträgen regelmäßig aufgesucht. Der Lieferdienst transportiert die Ware per Velo und Anhänger innerhalb weniger Stunden nach Hause. KundInnen bezahlen dafür einen Kostenbeitrag (pro Lieferung oder mit Abonnement), teilweise beteiligen sich auch die Geschäfte an den Kosten. Bei Bedarf (schwere und/oder sperrige Ware) ist auch der Einsatz eines motorisierten Fahrzeuges möglich.

Der Großteil der in der Schweiz bestehenden Velo-Hauslieferdienste wird heute im Rahmen von Sozialhilfeprogrammen (z.B. Beschäftigungsprogrammen) betrieben. Es wurde erkannt, dass entsprechende Beschäftigungsmöglichkeiten die berufliche und soziale Eingliederung der Programmteilnehmenden fördern. Die Erfahrung zeigt zudem, dass es aufgrund der personalintensiven Dienstleistung schwierig ist, einen eigenwirtschaftlichen Betrieb aufzubauen, dessen Preise zugleich von einer breiten Kundschaft akzeptiert werden. Die Hauslieferungen lassen sich durch eine breite Palette an weiteren Serviceangeboten ergänzen: Recycling-Dienstleistungen, telefonische Bestellungen, Geschäftslieferungen, Mahlzeitenservice, Warendepot etc. Diese Angebote schaffen Kundenbindung und können eine höhere Eigenfinanzierung ermöglichen.

Erfahrungen und Nutzen

Der Nutzen eines Velo-Hauslieferdienstes für eine Stadt und ihre BewohnerInnen ist sehr vielfältig: Das Einkaufen wird komfortabler, die KundInnen sind zufriedener. Die Innenstädte und urbanen Quartiere profitieren als Lebens- und Wirtschaftsräume in vielfältiger Weise, das dortige Gewerbe wird gegenüber der Konkurrenz "auf der grünen Wiese" gestärkt. Zudem findet eine Sensibilisierung und Motivation zum Umsteigen auf umweltfreundliche Verkehrsmittel im städtischen Einkaufsverkehr statt. In der Folge steigt die Aufenthaltsqualität in städtischen Zentren und Quartieren. Für die Stadt und den Wirtschaftsstandort resultiert ein Imagegewinn (Stadtmarketing) und es können sinnvolle und qualifizierende Beschäftigungen für Erwerbslose geschaffen werden.

In der im Kanton Bern gelegenen Stadt Burgdorf wurde 2002 eine umfangreiche Befragung der Kundinnen und Kunden zum Velo-Hauslieferdienst durchgeführt. Dabei konnten die positiven Erfahrungen durch Betreiber, Gewerbe und Kunden bestätigt werden. So hat sich gezeigt, dass sich bei den Nutzern des Angebots die Verkehrsmittelwahl in relevantem Maße verändert hat. Dabei ergibt sich ein Umsteigeeffekt vom Auto (-21%) auf den Langsamverkehr (Velo: +18%, zu Fuss: +3%), während der Anteil der mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegten Einkaufswege stabil geblieben ist. Darüber hinaus sind die Kundentreue und die Kundenzufriedenheit stark ausgeprägt. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass in der Anfangsphase noch keine große Nachfrage zu erwarten ist. Bis sich ein Velo-Hauslieferdienst auf breiter Ebene durchsetzt, dauert es mehrere Jahre. Die Erfahrung zeigt, dass insbesondere die Sichtbarkeit des Angebots und Praktikabilität in den Geschäften die Attraktivität für die Kunden beeinflussen. Einige schweizweit tätige Einzelhändler haben in Zusammenarbeit mit den Betreibern der Velohauslieferdienste Annahmestellen für die Einkaufstaschen und auch Werbeaktionen entwickelt.

Nationale Vernetzung und Förderung

Um die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteure zu stärken und den Velo-Hauslieferdienst schweizweit zu fördern, wurde 2012 der "Verein Velo-Lieferdienste Schweiz (VLD)" gegründet, der sich als Vernetzungs-, Kompetenz- und Ansprechstelle versteht. Mitglieder des Netzwerks sind sowohl Betreiber von Lieferdiensten als auch die größten Einzelhändler in der Schweiz im Lebensmittelbereich (Migros, Coop, Manor, Denner) sowie Städte und Organisationen.

Beispiel Hauslieferdienst Burgdorf

Der schweizweit erste Velo-Hauslieferdienst wurde 1997 in Burgdorf durch die Interessenorganisation Pro Velo initiiert und in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung etabliert. Parallel dazu wurde das Angebot einer Velostation aufgebaut. Der Service wird im Rahmen eines Programms für die soziale und berufliche Integration angeboten. Zu Beginn war der Service für die Kunden kostenlos, 2004 wurde eine Gebühr von 2 Schweizer Franken pro Lieferung eingeführt, welche schrittweise auf derzeit 4 Franken angehoben wurde (Stand 2014). Heute wird der Hauslieferdienst durch die Stiftung "intact" als Teil von mehreren Dienstleistungen angeboten, welche im synergetischen Verhältnis zueinander stehen (Velostation, Recycling, Reinigungsdienst, etc.).

Von Anfang an stand eine genügend grosse Anzahl von Geschäften, vor allem auch die großen Supermarktfilialen von Coop und Migros, hinter dem Projekt und die Kundenreaktionen auf den "Kofferraum-Ersatz" waren durchweg positiv. Heute hat sich der Velo-Hauslieferdienst in der einkaufenden Bevölkerung fest etabliert: mit jährlich fast 30.000 Lieferungen bei rund 15.000 Einwohnern ist der Service aus dem Regionalzentrum Burgdorf nicht mehr wegzudenken. Von rund 50 Partnergeschäften in Burgdorf lassen sich Einkäufe nach Hause liefern. Neue erfolgreiche Filialen wurden in der nahe gelegenen Gemeinden Langnau (10.000 Einwohner) und Kirchberg (5.600 Einwohner) gegründet.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Die Dienstleistung Velo-Hauslieferdienst deckt in idealer Form die Bedürfnisse der Einkaufenden und jene der Geschäfte ab, indem sie den Anliegen einer nachhaltigen Mobilität und einer effektiven lokalen Wertschöpfung gleichermaßen gerecht wird. Zudem hat sich die niederschwellige Dienstleistung als wertvolle Betätigung im Rahmen von Förderprogrammen zur sozialen und beruflichen Integration mehrfach bewährt.

Finanzierung

Finanzierung: 
Landesmittel
Kommunale Mittel
Private Mittel (ohne Sponsoring und Spenden)
Sponsoring, Spenden
Sonstige
Erläuterungen: 
Investition: ca. 50.000 bis 200.000 Schweizer Franken; lfd. Kosten: variabel je nach Größe der Stadt und des Angebots.
Eine Anschubfinanzierung für Startinvestitionen (Fahrzeuge, Infrastruktur) wird in der Regel durch Kommunen und Stiftungen geleistet. Die Betriebskosten werden hauptsächlich durch die Erträge aus Lieferungen, Sponsoring und Beiträge der öffentlichen Hand für den Betreuungsauftrag im Rahmen der sozialen und beruflichen Integration getragen.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Evaluation Hauslieferdienst (HLD) Burgdorf, 2002: Befragung von 150 bisherigen HLD-Kunden sowie 150 Einkaufenden, welche den Service noch nie in Anspruch genommen haben.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Velo-Hauslieferdienst Burgdorf: Stiftung intact, Burgdorf
Auf nationaler Ebene: Verein Velo-Lieferdienste Schweiz (VLD)
Projektbeteiligte: 
Projektbeteiligte Velo-Hauslieferdienst Burgdorf:
  • Pro Velo (früher IG Velo)
  • Stadt Burgdorf
  • Einzelhandel

Projektbeteiligte Verein Velo-Lieferdienste Schweiz VLD:
  • Velo-Hauslieferdienste und Velokuriere in der Schweiz
  • 4 größte Einzelhandelsunternehmen der Schweiz (Migros, Coop, Manor, Denner)
  • Städte und Fachbüros
  • Bund (Departement Umwelt Verkehr Energie Kommunikation)

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Januar 1997
Info zur Laufzeit: 
Einrichtung des landesweit ersten Hauslieferdienstes in Burgdorf

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Herr Samuel Schmidiger
Verein Velo-Lieferdienste Schweiz VLD
Leitung Geschäftsstelle
c/o Büro für Mobilität AG, Hirschengraben 2
CH-3011 Bern
Telefon: 0041-31-311-93-63
E-mail: samuel.schmidiger@bfmag.ch
WWW: www.velolieferdienste.ch

Kommunale Ansprechpartner: 
Herr Martin Wälti
Stiftung intact
Geschäftsleitung
Bucherstrasse 6
CH-3401 Burgdorf
Postfach 1229
CH-3401 Burgdorf
Telefon: 0041-34-422-66-74
E-mail: martin.waelti@bfmag.ch
WWW: www.stiftung-intact.ch

Meta-Info
Stand der Information
31. Juli 2014
Autor
Samuel Schmidiger, Büro für Mobilität AG, Bern
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Schweiz