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Pilotversuch geschützte Kreuzung

SQUADA - Separiertes und sicheres Queren für Alle in Darmstadt

Deckblatt Nationaler Radverkehrsplan 3.0
Deckblatt Nationaler Radverkehrsplan 3.0 © BMVI

Aktuell herrscht in Deutschland in Fachkreisen ein Richtungsstreit beim Thema „Geschütze Kreuzung“. Gemeint sind Kreuzungen, bei denen der Radverkehr baulich getrennt („geschützt“ vom Kfz-Verkehr) im Seitenraum über und um den Knotenpunkt geführt wird. Bekannt geworden ist diese Führungsform aus Beispielen in den Niederlanden, die jetzt auch in anderen Ländern (z. B. Vereinigtes Königreich, USA) aufgegriffen wurde.

Die Einen halten diese Führung mit abgesetzten Radverkehrsfurten für gefährlich und weisen auf die guten Erfahrungen mit fahrbahnnahen Führungen hin. Die Anderen sehen in sogenannten geschützten Kreuzungen eine Chance, die Attraktivität von Radverkehrsanlagen auch für unsichere Menschen deutlich zu steigern. Von zu Fuß Gehenden wird die Befürchtung geäußert, dass neue Konflikte mit dem Radverkehr entstehen könnten.

Da Kreuzungen, in denen diese Entwurfsphilosophie konsequent umgesetzt wurde, in Deutschland bislang nicht existieren, soll ein Pilotversuch gestartet werden, der praktische Erfahrungen unter den Verkehrsverhältnissen in Deutschland ermöglichen soll. Die Wissenschaftsstadt Darmstadt hat die Radverkehrsförderung in einer Radverkehrsstrategie als politisches Ziel formuliert und dabei auch die geschützte Kreuzung als Möglichkeit aufgenommen. Darmstadt mit seinen etwa 45.000 Studierenden, einer großenteils radverkehrsgünstigen Topografie und einem hohen Anteil von Personen, die regelmäßig das Rad nutzen, eignet sich sehr gut für einen solchen Versuch.

Um den Befürchtungen und der Kritik aus unterschiedlichen Richtungen praktische Erfahrungen entgegensetzen zu können, wird im Zuge des Projekts eine Kreuzung zweier Hauptverkehrsstraßen in der Innenstadt von Darmstadt mit Busverkehr auf eigenen Fahrstreifen in Mittellage und Radrouten in mehreren Richtungen umgebaut. Es wird die Übertragbarkeit des Entwurfsprinzips auf die deutschen Verkehrsverhältnisse getestet und dabei auch eine Optimierung des Gesamtkonzepts im Sinne eines Design for all geprüft.

Zunächst sollen zwei verschiedene Entwürfe durch temporäre Elemente und Markierungen als Verkehrsversuch erprobt und über mehrere Monate evaluiert werden. Verkehrsbeobachtungen, Befragungen und die Ergebnisse von Verkehrsflusssimulationen werden herangezogen, um die Entwürfe mit Expert:innen zu diskutieren und zu bewerten. Ziel ist es, dem Radverkehr eine verbesserte Führung an Knotenpunkten anzubieten, die möglichst objektive Sicherheit und subjektives Sicherheitsempfinden in Einklang bringt. Vor allem schwerwiegende Unfälle zwischen rechtsabbiegendem Kfz-Verkehr und geradeausfahrendem Radverkehr sollen so vermieden werden. Die anderen Verkehrsteilnehmenden, insbesondere der Fußverkehr, aber auch die Beschleunigung des ÖPNV, sollen im Idealfall von den Lösungen ebenfalls profitieren.

Die Regel-Kreuzung in Deutschland aus den vergangenen Jahrzehnten mit Radwegen im Seitenraum sieht zwar einen baulichen Schutz vor, aber dieser wurde fahrgeometrisch immer weiter zurückgenommen und die Radverkehrsflächen zusammen mit dem Fußverkehr geführt, sodass sich hier neue Konflikte ergaben und zukünftig mit der Förderung des Fuß- und Radverkehrs nicht in Einklang zu bringen sind. Auch kamen aus Gründen der Leistungsfähigkeit für den Kfz-Verkehr häufig (und dies auch vermehrt in Darmstadt) frei fließende Rechtsabbiegestreifen für den Kfz-Verkehr in Mode, die allerdings ein erhöhtes Unfallgeschehen aufweisen und einem sicheren Straßenverkehr für alle Verkehrsteilnehmenden im Wege stehen. Zudem ist die Signalisierung in den Niederlanden gegenüber Deutschland in Teilen abweichend geregelt.

In den deutschen technischen Regelwerken und Musterlösungen sind sogenannte „geschützte Kreuzungen“ noch nicht berücksichtigt. Erfahrungen, die für eine Anpassung des Regelwerks sprechen, fehlen. Es besteht daher dringender Forschungs- und Erprobungsbedarf (vgl. hierzu Franke und Lampert: „Geschützte Kreuzungen nach niederländischem Vorbild“ in: Straßenverkehrstechnik 5/2020).

Was ist bereits in Darmstadt für die Radverkehrsförderung geschehen?

Seit 2018 entsteht zwischen Frankfurt und Darmstadt eine der ersten Radschnellverbindungen in Deutschland. Eine Machbarkeitsstudie für die Fortführung durch Darmstadt wird 2021 abgeschlossen. Im Frühjahr 2019 konnte die erste protected bike lane als geschützte Führung für den Radverkehr auf der Rheinstraße eingeweiht werden. Darüber hinaus zeigen auch der Gewinn des Deutschen Verkehrsplanungspreises im Jahr 2018 für das Modellquartier Lincoln-Siedlung mit Fokus auf der Radverkehrsförderung und die Überarbeitung der städtischen Stellplatzsatzung mit ihrer starken Ausrichtung zur Förderung alternativer Verkehrsmittel den neuen politischen und planerischen Willen der Stadt, ihren autogerechten Charakter hinter sich zu lassen und die Verkehrswende lokal einzuleiten und bundesweit zu verbreiten. 2020 wurden mehrere Verkehrsversuche zur Schaffung von attraktiveren Radverkehrsanlagen durch Umverteilung des Straßenraums gestartet, die ebenfalls wissenschaftlich von der Hochschule begleitet werden.

Die Stadtverwaltung arbeitet seit Jahren eng mit den Akteur:innen des Radentscheids sowie weiteren Interessenvertretungen und der Politik, z. B. in einem Runden Tisch Nahmobilität, zusammen. Die Hochschule Darmstadt unterstützt bei vielen Prozessen zur Förderung der Radmobilität mit wissenschaftlicher Expertise. Timm Schwendy, Verfasser des Blogs „Darmstadt fährt Rad“ und einer der Protagonisten des Darmstädter Radentscheids, hat maßgeblich das Thema "Geschützte Kreuzung" in die Fachdiskussion getragen.

Im Rahmen des Projekts ist eine Beteiligung von auch internationalen Expertinnen und Experten, der Unfallforschung der Versicherer (UDV) und weiteren Stakeholdern (z. B. FGSV, BASt) über einen Begleitkreis und Workshops vorgesehen.

Die Verwaltung der Stadt Darmstadt mit ihrer Abteilung Mobilität und dem Sachgebiet Nahmobilitätsplanung in einem 2019 neu gegründeten Mobilitätsamt, in dem auch die Abteilungen für Straßenbau und die Straßenverkehrsbehörde angesiedelt sind, ist prädestiniert für die Erprobung des neuen Infrastrukturelements „Geschützte Kreuzung“ unter Berücksichtigung der Anforderungen aller Verkehrsteilnehmenden. Mit dem bundesweit einmaligen Verkehrsrechner des Straßenverkehrs- und Tiefbauamts sind zudem modernste verkehrsabhängige Steuerungen realisierbar, so dass auch die Belange der Signalsteuerung unter Einbeziehung aller Verkehrsmittel, insbesondere auch des öffentlichen Verkehrs mit Bussen und Straßenbahnen, untersucht werden können.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Das Projekt „Separierte und sichere Querung für Alle in Darmstadt“ leistet einen Beitrag zur Verbesserung der Attraktivität und Sicherheit des Rad- und Fußverkehrs in Deutschland. Es ist der erste mehrstufige Pilotversuch eines solchen Modells mit wissenschaftlicher Begleitung in Deutschland. Die Erkenntnisse aus dem Projekt werden anschaulich aufbereitet, um die Übertragbarkeit des Kreuzungsdesigns auf andere Kommunen sicherzustellen und die Aufnahme in das einschlägige Regelwerk bei erfolgreicher Umsetzung vorzubereiten.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Kommunale Mittel
Gesamtvolumen: 
1 350 000 €
Erläuterungen: 

Verbundprojekt zwischen der Wissenschaftsstadt Darmstadt und der Hochschule Darmstadt:

  • Wissenschaftsstadt Darmstadt - Förderung im Rahmen der Richtlinie zur Förderung innovativer Projekte zur Verbesserung des Radverkehrs - (Laufzeit 2021 bis Ende 2024)
  • Hochschule Darmstadt - Förderung im Rahmen der Richtlinie zur Förderung von nicht investiven Maßnahmen zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP 2020, Laufzeit 2021 bis Ende 2023) – Fortsetzung der wissenschaftlichen Begleitung wird angestrebt, da Umbau bei Projektende voraussichtlich noch nicht abgeschlossen sein wird.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Das Investitionsprojekt wird wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Darüber hinaus werden vielfältige externe Expert:innen über einen Begleitkreis eingebunden.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
  • Planung und Umsetzung: Stadt Darmstadt, Mobilitätsamt, Abteilung Mobilität, Sachgebiet Nahmobiltätsplanung
  • Wissenschaftliche Begleitung: Hochschule Darmstadt, Fachbereich Bau- und Umweltingenieurwesen, Schwerpunkt Verkehrswesen

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Januar 2021
Projektende: 
Dezember 2024
Info zur Laufzeit: 

Laufende Maßnahme, Projektstart: 12/2020

Projektende der investiven Maßnahmen: voraussichtlich 12/2024

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Karin Diegelmann
Hochschule Darmstadt - University of Applied Sciences
Haardtring 100, 64295 Darmstadt
Telefon: 0 61 51 16 3 03 01
Telefax: 0 61 51 16 3 89 70
E-Mail: karin.diegelmann@h-da.de

Kommunale Ansprechpartner: 

Peter Rossteutscher
Wissenschaftsstadt Darmstadt, Mobilitätsamt, Abteilung Mobilität, Sachgebiet Nahmobiltätsplanung
Mina-Rees-Straße 8-10, 64295 Darmstadt
Telefon: 06151-13-2924
E-Mail: peter.rossteutscher@darmstadt.de

Meta-Info
Stand der Information
21. April 2021
Autor
Mark-Simon Krause, Axel Wolfermann (Hochschule Darmstadt); Simon Bülow, Peter Roßteutscher (Wissenschaftsstadt Darmstadt)
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Hessen