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Für ein besseres Miteinander an neuen Schutzstreifen

Schutzstreifen-Schutztruhe für Autofahrer

Schutzstreifengrafik zur Illustration der Vorher-Nachher-Unterschiede
Schutzstreifengrafik zur Illustration der Vorher-Nachher-Unterschiede © AGFK-BW

Ausgangslage

Um auf schmalen Straßen das Maßnahmenspektrum zur Sicherung des Fahrradverkehrs zu erweitern, hat die AGFK-BW von 2010-2013 das Modellprojekt "Schutzstreifen" durchgeführt und durch das Stadt- und Verkehrsplanungsbüro Kaulen gutachterlich begleiten lassen. Das Ministerium für Verkehr und Infrastruktur hat das Vorhaben unterstützt. Auf mehreren Demonstrationsstrecken wurden die Möglichkeiten einer sicheren Führung des Radverkehrs in engen Straßenräumen untersucht. Im Ergebnis zeigt das Gutachten, dass beidseitige Schutzstreifen mit schmaler Kernfahrbahn als Lösung eingesetzt werden können. Für Fahrbahnbreiten ≥7,00 m liegen gesicherte Erkenntnisse für beidseitig angeordnete Schutzstreifen vor, auf deren Grundlage die aktuellen Richtlinien (ERA 2010) Gestaltungsanforderungen und Einsatzbereiche definieren. Die in der ERA vorgesehenen Mindestquerschnitte von 7,00 m werden an vielen Straßenquerschnitten nicht erreicht. Hier steht die Anforderung der VwV-StVO grundsätzlich alle Verkehrsteilnehmer zu sichern, den Standardmaßen der ERA 2010 gegenüber. Um gesicherte Informationen über den Einsatz und auch die Einsatzgrenzen von beidseitigen, einseitigen und alternierenden Schutzstreifen zu erhalten, wurden die grundsätzlichen Einsatzbereiche dieser Führungsformen im Hinblick auf vielfältige Faktoren untersucht: Fahrbahnbreite, Verkehrsmengen, Konfliktstellen, kritische Begegnungsfälle, Wechsellagen, Überleitungsbereiche. Die Verkehrssicherheit und Beeinflussung der Verkehrsqualität stand dabei im Fokus.

Die Stadt Offenburg, eine von acht teilnehmenden Kommunen, führt in ihrer Radverkehrsförderung den Radverkehr konsequent zurück auf die Fahrbahn. Sukzessive werden damit

  • die Änderungen der Straßenverkehrsordnung umgesetzt,
  • die Radverkehrssicherheit erhöht,
  • die Lücken im Radverkehrsnetz durch Radschutzstreifen geschlossen und
  • die Radfahrer als Verkehrsteilnehmer in das Blickfeld der Autofahrer gerückt.

Es war anzunehmen, dass das relativ neue und unbekannte Element des Radschutzstreifens insbesondere an Straßen, an denen es bislang – wenn auch gegenläufig – separat geführte Radwege gab, zu Unsicherheiten bzw. Ablehnung in der Bevölkerung führt. In einem öffentlichen Fahrradforum informierte die Stadt über das Projekt. Die Pläne wurden weitgehend wohlwollend aufgenommen und die kritischen Stimmen fielen deutlich leiser aus als befürchtet. Dennoch sollten vor allem die ersten Umbauarbeiten an der Rammersweierstraße – entlang einer zentralen Radwegeachse – mit umfangreichen Kommunikationsmaßnahmen begleitet werden. Diese fanden sowohl im Vorfeld der Sanierungs- und Markierungsarbeiten auf der Straße als auch in den ersten Wochen nach Fertigstellung der Schutzstreifenmarkierung statt.

Besonderheiten vor Ort

Im Einzugsgebiet des Radschutzstreifens in der Rammersweierstraße befinden sich vier Schulen. Der Radschutzstreifen ermöglicht es, dass ein teilweise zu schmaler, aber dennoch stark benutzter gegenläufiger Radweg in einen Einrichtungsradweg umgewandelt werden kann. Die Aufhebung der Gegenläufigkeit erhöht die Verkehrssicherheit an den zahlreichen Einmündungen deutlich. Hauptzielgruppe der Kommunikation war das Schulumfeld bestehend aus Lehrern, Schülern und Eltern. Darüber hinaus wurden die Maßnahmen auf die Zielgruppen Politik und interessierte Bürger ausgeweitet. Die Stadt Offenburg hat all ihre Radwege mit einer grünen Markierung deutlich gekennzeichnet. Das ist eine lokale Besonderheit, auf die die Bevölkerung zu Recht stolz ist. Mit dem Abbau der Radwege verknüpften die Bürgerinnen und Bürger die Sorge, dass "ihre" grünen Radwegekennzeichnungen verschwinden. Diese Sorge galt es auszuräumen und die positive Identifizierung der Bevölkerung mit ihren Radwegen auf die neuen Radschutzstreifen zu übertragen.

Zielsetzung des Projekts

Neben der reinen Sachinformation, dass die Nutzung von Radschutzstreifen die Verkehrssicherheit erhöht, sollte der Radschutzstreifen auch als ein Instrument zur Verbesserung der umweltfreundlichen Mobilität wahrgenommen werden und Offenburgs Attraktivität als Wohnstandort weiter verbessern. Dieser übergeordnete Zusammenhang sollte in der Kommunikation als Botschaft stets mittransportiert werden. Die Zielgruppe "Schulumfeld" war im Falle der Rammersweierstraße von zentraler Bedeutung für den Erfolg des Projekts. Ihr galt der größtmögliche Fokus bei der Maßnahmenplanung. Lehrer, Schüler und Eltern mussten in erster Linie davon überzeugt werden, dass die Nutzung des Radschutzstreifens sicher ist. Durch eine erfolgreiche, überzeugende Ansprache dieser wichtigen und sensiblen Zielgruppe "Schulumfeld" sollte die Stimmung auch in der breiteren Bevölkerung – und vor allem in den Medien – positiv beeinflusst werden. Ein weiteres zentrales Ziel der Maßnahmenplanung war es deshalb, Lehrer, Schüler und Eltern aktiv in die Kommunikation einzubinden. Sie sollten die Aufgabe von Botschaftern für das Projekt übernehmen und die Kommunikation mitgestalten.

Projektumsetzung

1. Schulmaterial

Um die Zielgruppe der Schüler und Lehrer für das Thema Radschutzstreifen zu sensibilisieren und ihnen deren Vorteile näherzubringen, bot sich die Integration in den Unterricht oder in schulische Projekte an. Die Inhalte und Vorteile werden am nachhaltigsten durch eine handlungs- und alltagsorientierte Bearbeitung transportiert, bei denen die Schüler aktiv gefordert sind. Anknüpfungspunkte boten die Fächer Kunst, Deutsch, Verkehrserziehung sowie Sachkunde, ferner verschiedene AGs wie zum Beispiel die Foto-AG, Film-AG und Medien-AG, aber auch Projektwochen. Im Auftrag der Stadt Offenburg entwickelte die Agentur tippingpoints ein Paket mit Schulmaterialien. Diese Materialien lieferten fertige Arbeitsblätter für den direkten Einsatz im Unterricht. Die Verkehrsbeauftragten der Schulen verteilten dieses Schulmaterial, das methodische Hinweise und Lösungen in gesonderten Lehrerhinweisen enthielt, an die Lehrer. Diese setzten es mit großem Engagement im Unterricht ein. Damit waren Lehrer und Schüler – und indirekt auch die Eltern – über die Vorteile eines Radschutzstreifens informiert, bevor es an die weitere Kommunikation mit den Verkehrsteilnehmern vor Ort ging.

2. Vor-Ort-Begehungen für Lehrer und Eltern sowie den Verkehrsausschuss

Zur Einstimmung in die jeweilige Projektarbeit fand eine Begehung bzw. Befahrung mit Lehrern und Eltern der betroffenen Schulen statt. Hier konnten an konkreten Kreuzungs- und Einmündungssituationen die Vorteile einer Radverkehrsführung mit Radschutzstreifen auf der Fahrbahn sehr anschaulich erläutert, Ängste ausgeräumt und Anregungen aufgenommen werden. Da Offenburg Mitglied in der AGFK-BW ist, konnten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt für vertiefende Informationen auf Anschauungsmaterialien der AGFK-BW zum Thema Radschutzstreifen zurückgreifen, die in der Diskussion sehr hilfreich waren. Die Stadt Offenburg erhielt bei diesen Terminen Unterstützung von der Polizei, die eng mit den Schulen im Bereich Verkehrserziehung zusammenarbeitet. Ergänzend zu diesen Terminen lud die Stadt den Verkehrsausschuss zu einem separaten Vor-Ort-Termin ein, um dessen Mitglieder als Multiplikatoren zu gewinnen.

3. Kommunikationsmaßnahmen vor Ort an der Straße

Werbematerialien wiesen Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger an der Rammersweierstraße auf die neue Verkehrsführung hin. Sie klärten auf charmante und freundliche Art vor Ort darüber auf, was sich verändert hat. Zusätzlich zu den Werbematerialien wurden die inzwischen inhaltlich bewanderten Schüler als Radschutzstreifen-Botschafter eingesetzt. Sobald die Bau- und Markierungsarbeiten abgeschlossen waren, organisierte die Stadt Offenburg mit tatkräftiger Unterstützung der Polizei eine "Schutztruhen-Verteilung". Schülerinnen und Schüler der angrenzenden Schulen verteilten an zwei Tagen zwischen 8.00 Uhr und 10.00 Uhr medienwirksam sogenannte "Schutztruhen" an die Autofahrer. Sie machten auf den neuen Schutzstreifen in der Rammersweierstraße, in Bahnhofsnähe, aufmerksam mit "wertvoller Ausrüstung für mehr Miteinander auf der Straße". In der Schutztruhe waren enthalten:

  • Flyer Schutzstreifen
  • Gutschein für einen Sicherheitscheck im Fahrradladen
  • Maßband "Der Schutzstreifen"
  • Kaugummi "Schutzstreifen"
  • Klackband "Schutz in Streifen"
  • Müsliriegel "Rückenwind".

Damit wiesen sie auf den neuen Schutzstreifen und auf die Tatsache hin, dass sich hier Rad- und Autofahrer die Fahrbahn teilen. Mit den originellen give-aways gaben sie den freundlichen Anstoß, mal das Fahrzeug zu wechseln und auf die umweltfreundlichen Zweiräder umzusteigen. Die Schüler traten gegenüber den Autofahrern als authentische künftige Nutzer der Radschutzstreifen auf und sensibilisierten sie dafür, dass Radfahrer auf Schutzstreifen Abstand brauchen und Auto- und Radfahrer auf der Fahrbahn Rücksicht aufeinander nehmen müssen. Bürgermeister Oliver Martini unterstützte die Aktion und half den Schülerinnen und Schülern beim Verteilen der Schutztruhen in der frühen Rush-Hour. Dieses Engagement der Stadtspitze griffen die lokalen Medien dankbar auf. Sie kündigten die Aktion an und berichteten ausführlich darüber.

4. Das Offenburger Forum Radverkehr

Die Kommunikationsmaßnahmen zur Einführung neuer Radschutzstreifen an Offenburger Radverkehrsachsen mündeten in dem 3. Offenburger Forum Radverkehr unter dem Titel "Mit- und nebeneinander statt gegeneinander". Das Format richtete sich an die breite interessierte Öffentlichkeit und wurde von Bürgern, Politikern sowie Vertretern von Verwaltung, Verbänden und Medien rege besucht. Ziel der Veranstaltung war es, die versteckten und offenen Kontroversen um Radschutzstreifen auf den Tisch zu bringen und zu diskutieren. Dabei war es wichtig, nicht nur der rationalen, informatorischen Ebene Raum zu geben, sondern auch der emotionalen Seite, aus der das Verkehrsklima in Offenburg entsteht. Die Stadt Offenburg bot an diesem Abend eine Gesprächssituation, in der jeder und jede konstruktiv Kritik üben konnte und von oberster Stelle gehört wurde. Am Ende der Veranstaltung war eine Stimmung entstanden, in der die Besucher mehr Offenheit für Neues und Verständnis für die anderen Verkehrsteilnehmer zulassen konnten.

Ausblick

Aufgrund der positiven Bilanz der oben genannten Aktionen ist vorgesehen, die Bevölkerung weiterhin aktiv in die Planung und Umsetzung von Radverkehrsfördermaßnahmen einzubinden. Hierbei soll die bewährte Strategie, "sensible Bevölkerungsgruppen" situativ einzubinden, weiter verfolgt werden.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Wie im vorigen Kapitel unter "Ausblick" beschrieben, hat sich die Strategie, "sensible Bevölkerungsgruppen" bereits im Vorfeld und in der Phase der Umsetzung bzw. in der "Eingewöhnungszeit" intensiv einzubinden, bewährt. Besonders hilfreich war im Fall der Zielgruppe "Schulumfeld", dass die Lehrer (insbesondere die Verkehrsbeauftragten der Schulen) aktiv mitarbeiteten und dass die Polizei die Aktionen unterstützte.
 

Finanzierung

Finanzierung: 
Kommunale Mittel
Gesamtvolumen: 
40 000 €
Erläuterungen: 

Es konnten keine Fördermittel akquiriert werden.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Es fand eine indirekte Evaluation statt. Aufgrund der zahlreichen Presseartikel, Leserbriefe, Facebook-Einträge und Stellungnahmen von Bürgerinnen und Bürgern wurde das Thema Radschutzstreifen intensiv in der Bevölkerung diskutiert und die Vor- und Nachteile eines Radschutzstreifens erörtert. Eine breite Bevölkerungsgruppe setzte sich intensiv mit dem relativ neuen Element des Radschutzstreifens auseinander. Es ist zu bemerken, dass die Radschutzstreifen immer besser angenommen werden und sich die anfängliche Skepsis deutlich abgeschwächt hat.
 

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Stadt Offenburg, Fachbereich Tiefbau und Verkehr, Abteilung Verkehrsplanung
 

Projektbeteiligte: 

tippingpoints, Agentur für nachhaltige Kommunikation
 

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
September 2015
Projektende: 
November 2015

Kontakt

Kommunale Ansprechpartner: 

Amrei Bär
Stadt Offenburg
Fachbereich Tiefbau und Verkehr, Abteilung Verkehrsplanung
Wilhelmstraße 12
77654 Offenburg
Telefon: 0781/82-2526
Telefax: 0781/82-7524
E-Mail: amrei.baer@offenburg.de

 

Meta-Info
Stand der Information
12. September 2016
Autor
Amrei Bär (Verkehrsplanerin, Radverkehrsbeauftragte)
NRVP-Handlungsfelder
Infrastruktur
Kommunikation
Radverkehrsplanung und -konzeption
Fahrradthemen
Beteiligung/Partizipation
Forschung
Image/Kampagnen
Infrastruktur
Schlagworte
Aktionstag
Bürgerbeteiligung
Evaluierung
Fahrbahnaufteilung
Fahrbahnmarkierung
Oeffentlichkeitsarbeit
Plakat
Schutzstreifen
Studie
Land
Baden-Württemberg