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Umbau einer Bahntrasse

Schaffung eines Fuß- und Radwegs durch Bürgerengagement

Trassenfest am Ottenbrucher Bhf. am 13.5.07
Trassenfest am Ottenbrucher Bhf. am 13.5.07 © Wuppertalbewegung e.V.

1. Situation vor Ort

Die Eisenbahntrasse der rheinischen Strecke in Wuppertal verläuft 14 km parallel zur Wupper entlang der Längsachse der Stadt. Im Westen und Osten wird die Strecke verlängert durch die anschließenden ehemaligen Schienenstrecken in Richtung Mettmann und auf die Nordhöhen der Stadt in Richtung Sprockhövel mit einer Länge von insgesamt 6 km. Die rheinische Strecke ist in den letzten 16 Jahren stückweise stillgelegt worden. Zunächst wurde im September 1991 der Personen- und dann am 1.4.2000 auch der Güterverkehr eingestellt. Obwohl noch bis in die 80er Jahre verschiedene Sanierungsmaßnahmen vorgenommen wurden, wurde die ehemalige Hauptstrecke zugunsten der fast parallel verlaufenden Bergisch-Märkischen Eisenbahn aufgegeben, da diese bereits viergleisig ausgebaut und elektrifiziert war. Allerdings sprach auch die topografisch schwierige Lage der rheinischen Strecke für eine Stilllegung. Die Trasse liegt ca. 30-40 m höher als die Wupper und passiert dabei diverse Höhenrücken und Seitentäler. Rund 2,5 km verlaufen in Tunneln, rund 1,5 km auf Viadukten. Insgesamt ist die Strecke 20 km lang und bindet die Verbindung über Hattingen ins Ruhrgebiet und im Westen die Radwege nach Solingen (Korkenziehertrasse) und nach Haan bzw. Düsseldorf an die Stadt Wuppertal an.

Die wichtigsten Verkehrsachsen der Stadt verlaufen in Ost-West Richtung längs des Tals der Wupper. Allein die Schwebebahn befördert täglich etwa 70.000 Fahrgaste auf dieser Achse, hinzu kommen S-Bahn- und Regionalexpresszüge sowie diverse Buslinien des ÖPNV. Die Bundesautobanhn A46 verläuft als Stadtautobahn ebenfalls parallel des Flußtals. Das innerstädtische Hauptstrassennetz besteht im Tal aus der durchgehenden B7, sowie meist noch einer weiteren Verbindung je Fahrtrichtung ohne nennenswerte Höhenunterschiede. Ein durchgehendes Radwegenetz ist nicht vorhanden und besonders in den Bereichen mit einer hohen Dichte des motorisierten Verkehrs fehlen Radverkehrsanlagen. Zusätzlich reduziert eine hohe Dichte von Ampeln den Fahrkomfort für Radfahrer. Entsprechend ist der Anteil des motorisierten Individualverkehrs am Gesamtverkehrsaufkommen hoch und der des Radverkehrs mit nur 2% sehr niedrig (Stand Ende der 90er Jahre). Das Radfahren in der Stadt ist somit wenig attraktiv, obwohl ein großer Teil der innerstädtischen Wege trotz der bergigen Topographie ohne gravierende Höhenunterschiede zurückgelegt werden könnte. Allerdings bewirkt zur Zeit allein die intensive Diskussion des dargestellten Projekts in Wuppertal eine spürbare Zunahme des Radverkehrs.

Das Problem in Wuppertal war, dass es keine attraktiven Strecken für den Radverkehr innerhalb der Stadt gab. Das gleiche Defizit galt auch für Inlineskater. So verließen viele Menschen für entsprechende sportliche Aktivitäten das Stadtgebiet, häufig mit dem Auto. Gleichzeitig entstanden im Umland immer mehr Anbindungen des überörtlichen Radnetzes nach Wuppertal, wobei verschiedene stillgelegte Bahntrassen genutzt werden. Im Stadtgebiet auf den Südhöhen gibt es bereits eine ehemalige Bahnstrecke ("Sambatrasse"), die im Rahmen der Regionale 2006 (einem vom Land NRW ausgelobten regionalen Förder- und Entwicklungsprogramm) für Radfahrer und Fußgänger umgebaut wurde und von der Bevölkerung erfolgreich angenommen worden ist. Diese Strecke bietet allerdings kein vergleichbar hohes Verkehrspotential wie die rheinische Strecke, da sie eine Verbindung zwischen einem Vorort und einem zentrumsfernen Abschnitt der Talachse herstellt und ein erheblicher Höhenunterschied von ca. 170 m überwunden werden muss. Die rheinische Strecke bietet aber neben den nichtmotorisierten Fahrern auch den Fußgängern eine gute Alternative. An vielen Stellen wurden Wege zwischen den benachbarten Stadtteilen, die bisher ein steiles auf- und absteigen bedeuteten, deutlich verkürzt und vereinfacht. Im Abstand von unter 1 km zur Trasse leben im Stadtgebiet etwa 100.000 Menschen. Rund 16.000 SchülerInnen gehen in diesem Bereich zur Schule, die Zahl der Arbeitsplätze dürfte noch deutlich darüber liegen. Aber auch für viele weiter entfernt wohnende Einwohner ist die Nutzung der Trasse als wichtige Verbindungsstrecke für alltägliche Wege möglich und interessant.

2. Projektidee und Projektentwicklung

Im Februar 2006 gründeten 21 Wuppertaler Bürger/innen den Verein Wuppertalbewegung e.V.. Der Verein hat das Ziel, die Attraktivität der Stadt Wuppertal zu steigern und damit zu zeigen, dass Wuppertal eine lebenswerte Stadt ist. Die Notwendigkeit solcher Aktivitäten ergibt sich aus den Prognosen wissenschaftlicher Studien, die für die Stadt Wuppertal in den nächsten Jahren einen erheblichen Rückgang der Bevölkerung vorhersagen. Ähnlich wie in den Industriestädten des Ruhrgebiets und Westfalens ist der Strukturwandel nicht so erfolgreich umgesetzt worden, dass die Menschen hier ausreichende Zukunftsperspektiven sehen. Aus der Politik sieht der Verein keine ausreichenden Impulse, die eine Trendumkehr bewirken könnten. Begrüßt wird aber ausdrücklich die Zusammenarbeit mit der lokalen Politik, die mittlerweile Hand in Hand läuft. Als erstes großes Projekt des Vereins wurde die Revitalisierung der alten, langsam verfallenden Rheinischen Strecke für den nicht motorisierten Verkehr ausgesucht.

Die Vorteile des Projekts sind folgende:

  • Verbindung von Stadtteilen mit sehr unterschiedlicher Sozialstruktur, die bisher auch durch topographische Barrieren getrennt sind
  • Unterstützung der Integration verschiedener Kulturen in Wuppertal durch Verbesserung der Erreichbarkeiten
  • Signifikante Erhöhung der Lebensqualität für alle Einwohner entlang der Strecke
  • Erhalt des unter Denkmalschutz stehenden "Trassenbandes"
  • Rechtzeitiger Erhalt der vom Verfall bedrohten bedeutenden Bauwerke, die das Stadtbild prägen und damit Vermeidung von hohen Folgekosten in der Zukunft
  • vielfältige Wachstumsimpulse für Wuppertal (insbesondere bei der Verknüpfung des Fuß- und Radweges mit der Ansiedlung innovativer kleiner und mittelständischer Unternehmen)
  • Maßnahme zum Klimaschutz mit Senkung der Feinstaubbelastung durch Reduzierung motorisierten Verkehrs

3. Projektdurchführung

Federführend wird das Projekt vom Verein Wuppertalbewegung e.V. durchgeführt. Seit Herbst 2006 gibt es eine regelmäßig tagende Arbeitsgruppe mit Vertretern der Stadt Wuppertal und des Vereins Wuppertalbewegung e.V.. Die Wuppertalbewegung hat eine eigene zehnköpfige Ingenieur- und Architektengruppe, einen Internetauftritt und viele Bürger, die dem Verein mit Rat und Tat zur Seite stehen.
Mit Presseaufrufen und Mitgliederrundschreiben wurde im Laufe dieses Jahres zu verschiedenen Entholzungs- und Reinigungsaktionen aufgerufen, an denen jeweils bis zu 400 Bürger/innen teilgenommen haben. Ein großes Trassenfest mit zehn Draisinen, Livemusik und Begehungen im Mai dieses Jahres hat fast 5000 Bürgern ein Wiedersehen mit "ihrer" rheinischen Strecke ermöglicht. Mit etlichen Begehungen der unterschiedlichen Streckenabschnitte wurde im Laufe des Frühjahrs und Sommers 2007 mehreren tausend Bürgern die Möglichkeit gegeben, die Trasse zu begehen.

Von Mitte Dezember bis Ende Mai 2007 hat der Verein bei Unternehmen, Handwerkern, Vereinen, Stiftungen und vielen Privatpersonen über 2,5 Millionen Euro rechtsverbindliche Spendenzusagen gesammelt. Dazu kommen 300.000 Euro Sachleistungszusagen und weitere 500.000 Euro an Eigenleistungen.

Zum 30.5.07 stellte der Verein zusammen mit der Stadt Wuppertal den Antrag auf EU Ziel 2 Mittel bei der Bezirksregierung in Düsseldorf. Da das Projekt auch schon überregional viel Beachtung erhalten hat, schienen die Chancen recht hoch, dass eine 80% Förderung durch das Land NRW und der EU möglich ist.

4. Erste Ergebnisse und Ausblick

Ziel war es, bis zum August 2008 das erste Teilstück des Trassenweges fertigzustellen. Erste Aussagen der zuständigen Gremien in Bezug auf die Förderung durch EU Ziel 2 Mittel wurden im Laufe des Dezembers 2207 erwartet. Die Verhandlungen mit der Deutschen Bahn wegen des Ankaufs der Strecke liefen auf verschiedenen Ebenen.

Die ARGE Wuppertal finanzierte 40 Arbeitskräfte über das Wuppertaler Wichernhaus, die die gesamte Strecke bereits entwurzelten und freihielten. Unterstützt wurden diese Arbeiten durch technische Geräte (6t Bagger), die von dem Verein angeschafft wurden.
Die Mitglieder des Vereins führten weiterhin regelmäßig Führungen auf der Trasse durch und waren auf allen größeren Veranstaltungen im Großraum Wuppertal mit Infoständen und/oder Präsentationen vertreten.
Der Gewinn des Wuppertaler Marketingpreises hatte auch für große Aufmerksamkeit gesorgt. Außerdem war das Projekt bei dem "Best for Bike" Preis 2007 mit vier anderen Projekten in die Endausscheidungsrunde gekommen.

Das Thema Radverkehr hat in der Stadt Wuppertal seit Beginn der Aktivitäten einen viel höheren Stellenwert in der Öffentlichkeit bekommen. Auch in der Verwaltung bzw. in der Politik werden Radverkehrsthemen intensiv diskutiert. Nach Beobachtung vieler Wuppertaler Bürger hat der Radverkehr in den letzten Jahren in der Stadt deutlich zugenommen und insgesamt ein sehr positives Image bekommen.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Die Umwandlung der Trasse in eine Verbindungsstrecke für Radfahrer und Fußgänger würde Wuppertal im positivsten Sinne verändern. Damit könnte die Strukturveränderung der Stadt weg von der alten Industriestadt unterstützt werden. Ein neues Verkehrs- und Freizeitsegment, das in Wuppertal noch völlig unterentwickelt ist, erhielte enormen Auftrieb und würde eine Alternative zu den hoch belasteten Verkehrsachsen im Wuppertal bieten. Ein weiterer Vorteil der Trasse ist, dass damit fast keine Höhenunterschiede zurückgelegt werden müssen. Durch die vielen Viadukte, Tunnel und Brücken mit beeindruckenden Ausblicken auf die Stadt ist die Trasse auch für Touristen reizvoll. Dies gilt insbesondere aufgrund der Vernetzung mit bereits bestehenden und im Aufbau befindlichen Radstrecken von Schee bis nach Hattingen an die Ruhr sowie durch die Korkenzieherbahn von Vohwinkel bis nach Solingen Zentrum. Außerdem ist die "Circle-Line" über Düsseldorf, Duisburg und die Ruhrradwege höchst attraktiv.

Das Projekt zeigt zudem beeindruckend, wie durch Bürgerengagement eine Stadt in Bewegung gebracht werden kann.

Finanzierung

Finanzierung: 
EU-Mittel
Kommunale Mittel
Private Mittel (ohne Sponsoring und Spenden)
Sponsoring, Spenden
Erläuterungen: 

Der Antrag auf eine Förderung durch EU-Mittel Ziel 2 ist 2007 gestellt worden.

Evaluation

Evaluation: 
nein

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
  • Wuppertalbewegung e.V.
  • Stadt Wuppertal
Projektbeteiligte: 
  • Deutsche Bahn
  • Bürger Wuppertals

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Februar 2006
Projektende: 
Dezember 2012

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Herr Dr. Carsten Gerhardt
Wuppertalbewegung e.V.
Vorsitzender des Vorstands
Weyerbuschweg 20
42115 Wuppertal
Telefon: +49(0)202/447633
E-mail: carsten.gerhardt@wuppertalbewegung.de
 

Kommunale Ansprechpartner: 

Herr Rainer Widmann
Stadtverwaltung Wuppertal
Beauftragter für den Nicht-Motorisierten Verkehr ( 104.52)
42269 Wuppertal
Telefon: +49(0)202/563-6363
Telefax: +49(0)202/563-8036
E-mail: rainer.widmann@stadt.wuppertal.de
 

Meta-Info
Stand der Information
15. August 2007
Autor
Lorenz Hoffman-Gaubig + Klaus Lang, Wuppertalbewegung e.V.
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Nordrhein-Westfalen