Sie sind hier

Das freie Lastenrad in Oldenburg

Rädchen für alle(s)

Lastenradstationen als wichtige Kooperationspartner
Lastenradstationen als wichtige Kooperationspartner © Ernst Schäfer, Rädchen für alle(s) e.V.

Einleitung

Oldenburg ist mit ca. 168.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Niedersachsens (2017). Innerhalb der Stadt werden über 40% aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt, womit die Stadt bundesweit zu den Spitzenreitern gehört. Dies betrifft jedoch überwiegend den Personenverkehr. Nahezu der gesamte private Lasten- und Gütertransport wird hingegen mit Autos abgedeckt. Durch den regen Pendelverkehr aus dem und in das Umland ergeben sich zudem täglich zu bestimmten Uhrzeiten Staus im innerstädtischen Bereich. Dieser Umstand führt dazu, dass Oldenburg trotz seines Rufes als Fahrradstadt und der exponierten Lage in der norddeutschen Tiefebene die festgelegten Immissionsgrenzen für Luftschadstoffe regelmäßig überschreitet. Lastenräder bieten daher insbesondere in Innenstädten großes Substitutionspotential für motorisierten Personen- und Lastentransport auf kurzen Strecken.

Durchführung

Vor diesem Hintergrund wurde "Rädchen für alle(s)" Ende 2013 von Oldenburger StudentInnen initiiert. Seit 2014 ist "Rädchen für alle(s)" ein gemeinnütziger Verein, der mittlerweile durch das Engagement von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen getragen wird. Durch den auf freiwilligen Spenden basierten Verleih von Lastenrädern und das einfache Online-Buchungssystem bietet "Rädchen für alle(s)" eine niedrigschwellige Möglichkeit zur Nutzung und Erprobung von Lastenrädern in Alltagssituationen. "Rädchen für alle(s)" betrachtet sich als Teil einer öffentlichen multimodalen Mobilitätsinfrastruktur. Der Verein verbindet daher einen ressourcenschonenden, umweltfreundlichen und sozialgerechten Güter- und Personentransport im innerstädtischen Bereich.Darüber hinaus tragen die ehrenamtlich engagierten Personen durch öffentlichkeitswirksame Arbeit, z.B. in Gremien, auf Straßenfesten, Tagungen und sonstigen Veranstaltungen sowie in den Medien erheblich zur Bekanntheit und Verbreitung von Lastenrädern bei.

Die Lastenräder können an verschiedenen Stationen innerhalb der Stadt Oldenburg ausgeliehen werden. Dabei handelt es sich um lokale Einrichtungen und um den stationären Einzelhandel mit festen Öffnungszeiten. Bei der Auswahl der Standorte wird darauf Wert gelegt, dass Einwohner verschiedener Stadtteile mit höherer Bevölkerungsdichte Zugang zu einem Lastenrad erhalten.

Die Ausleihe der Räder erfolgt ausschließlich über das Internet. Nach einer Online-Registrierung auf der Homepage des Vereins kann ein Lastenrad tageweise gebucht werden. Die Buchung kann für maximal drei Tage erfolgen, sodass die Räder auch über das Wochenende ausgeliehen werden können. Durch eine Bestätigungs-Email wird ein Passwort für das Ausleihdatum übermittelt. Die NutzerInnen holen das Fahrrad bei der Station ab, wo sie das Lastenrad nach Vorlage des Personalausweises und des Passworts sowie nach Unterzeichnung der Nutzungsbedingungen erhalten. Es wird ein Kurzprotokoll zum Zustand des Fahrzeugs angelegt, das von der Station und der ausleihenden Person unterschrieben wird. Ebenso wird bei der Rückgabe verfahren. Eventuelle Auffälligkeiten werden auf dem Protokoll vermerkt. Sollte es zu Schäden gekommen sein, haften die NutzerInnen in vollem Umfang.

Mitte 2018 verfügt der Verein über fünf Lastenräder unterschiedlicher Bauart sowie ein Lastenrad eines Kooperationspartners. Die Finanzierung der Lastenräder wurde durch Spenden von Privatpersonen und Institutionen, Zuschüsse der Stadt Oldenburg, Rabatte von Fahrradhändlern sowie Sachspenden von Herstellern erreicht. Der laufende Betrieb wird aus drei Quellen finanziert: Zum einen können die NutzerInnen bei Rückgabe des Lastenrades spenden, um den Fortbestand der Initiative zu unterstützen. Zum anderen gibt es eine Reihe an Fördermitgliedern, die den Verein durch regelmäßige Spenden, in sehr unterschiedlicher Höhe, finanziell stärken. Die dritte Quelle ist die Bereitschaft der Ehrenamtlichen und der Stationen, Zeit für den Betrieb von "Rädchen für alle(s)" zur Verfügung zu stellen. Nur das verhältnismäßige Zusammenspiel dieser drei Aspekte macht den Betrieb einer freien Lastenradinitiative realisierbar. Ferner ist auch der fürsorgliche Umgang mit den Lastenrädern durch die NutzerInnen von entscheidender Bedeutung, um die Instandhaltungs- und Wartungskosten so gering wie möglich zu halten.

Fazit

Mit einer Lastenrad-Ausleihrate von ca. 69 % über das ganze Jahr und einer Auslastung von bis zu 100 % in den Sommermonaten trägt "Rädchen für alle(s)" direkt zur Reduktion von Autofahrten und somit zur Einsparung von sonst entstandenen Treibhausgasemissionen bei. Zusätzlich lässt sich erkennen, dass die Anzahl der Lastenrad-NutzerInnen und somit das Interesse an dem umweltfreundlichen Fortbewegungs- und Transportmittel zunimmt. Weitere nennenswerte Erfolge sind zum Beispiel, dass Lastenräder in Oldenburg deutlich bekannter sind als im Bundesdurchschnitt (76% gegenüber 39%) und 5% der Haushalte über ein Lastenrad verfügen (Quelle: Stadt Oldenburg, Fahrrad-Monitor 2017). Manchmal lässt sich die Wirkung des Vereins auch im Einzelfall nachvollziehen: Einzelne bisherige Stationen und begeisterte "Rädchen für alle(s)"-NutzerInnen haben sich eigene Lastenräder gekauft. Ebenso wurden der Auricher Lastenrad-Verein auriculum e.V. und das Projekt "Dein Deichrad" in Wilhelmshaven/Jever als auch eine sich gründende freie Lastenradinitiative "Buchholz fährt Rad" durch "Rädchen für alle(s)" inspiriert und beratend unterstützt.

Eine mögliche Erweiterung für die Zukunft ist die Anschaffung von einzelnen E-Lastenrädern. Ein langfristiges Ziel von "Rädchen für alle(s)" ist die Schaffung einer flächendeckenden Verfügbarkeit von freien Lastenrädern in Oldenburg. Dafür werden in der Stadt weitere KooperationspartnerInnen und LastenradpatInnen auf Quartiersebene gesucht. Damit verbunden stellt sich auch die Frage, wie eine solche Initiative langfristig etabliert werden kann, da sich die Lebensumstände der ehrenamtichen Kräfte ändern und damit auch deren zeitliche Verfügbarkeit.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

"Rädchen für alle(s)" zählt zu den ersten drei freien Lastenradinitiativen deutschlandweit. Das auf Ehrenamt und geringe Infrastrukturkosten zugeschnittene Konzept der Lastenradinitiativen ermöglicht eine niedrigschwellige Realisierung eines Lastenrad-Sharings und damit eine sehr gute Übertragbarkeit auf andere Räume. So gibt es seit Mitte 2018 bereits ca. 80 Lastenradinitiativen im deutschsprachigen Raum – Tendenz steigend. Freie Lastenräder lassen sich prinzipiell in allen Städten implementieren. In Oldenburg werden die freien Lastenräder gut nachgefragt und tragen somit als nachhaltige Fortbewegungs- und Transportmittel direkt zum Umweltschutz bei.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Kommunale Mittel
Sponsoring, Spenden
Sonstige
Gesamtvolumen: 
14 000 €
Erläuterungen: 

Die Lastenräder von Rädchen für alle(s) e.V. haben keine Förderung aus Bundesmitteln erhalten. Das von extern integrierte Lastenrad "Donner" wurde über BMU/Nationale Klimaschutz-Initiative gefördert.

Die höchsten investiven Kosten im Projekt entstehen, wenn ein neues Lastenrad angeschafft wird. Dies geschieht fortlaufend innerhalb des Projekts, sobald hierfür finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Laufende Kosten beinhalten Reparaturen, Wartungen, Homepage Hosting, Vereins-Haftpflichtversicherung und andere.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Intern findet ein jährliches Monitoring zur Auslastung der Lastenräder statt. Wesentliche Faktoren für die Auslastung sind

  • Öffnungszeiten der Station
  • Jahreszeit
  • Standort und Einzugsbereich der Station

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Rädchen für alle(s) e.V.

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Oktober 2014

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Internetseite des Projekts: www.lastenrad-oldenburg.de und dort veröffentlichte Berichte und Blogbeiträge (NWZ online, enorm Wirtschaftsmagazin, NDR.de, oeins, FRF1, und weitere)

Beispiele

  • Teil der Landkarte der innovativen Orte vom BMVI – Bundesverkehrsministerium feiert 200 Jahre Fahrrad: www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Projekt/200-Jahre-Fahrrad/raedchen-fuer-alles.html
  • Präsentation von Rädchen für alle(s) über Freie Lastenräder auf der Fachtagung "Fahrradland Niedersachsen-Bremen", die vom Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung, der Freien Hansestadt Bremen und der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen Niedersachsen/Bremen veranstaltet wurde: www.agfk-niedersachsen.de/service/fachtagungen/fachtagung-2017.html
  • Erwähnung von Rädchen für alle(s) in der Broschüre Dokumentation guter Beispiele "Fahrradland Niedersachsen 2016" der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen Niedersachsen/Bremen e.V.

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Rädchen für alle(s) e.V.
Ziegelhofstraße 65
26121 Oldenburg
E-Mail: info@raedchen-oldenburg.de
Internet: www.lastenrad-oldenburg.de

Meta-Info
Stand der Information
31. August 2018
Autor
Sascha Schröder, Barbara Satola, Ernst Schäfer (Vorstandsmitglieder bei Rädchen für alle(s) e.V.)
NRVP-Handlungsfelder
Radverkehrsplanung und -konzeption
Fahrradthemen
Fahrradverleihsysteme
Logistik und Transport
Nachhaltigkeit
Schlagworte
Emission
Fahrradverleih
Klima
Lastenfahrrad
Land
Niedersachsen