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Routen durch die postindustrielle Landschaft

Radwegenetz im Emscher Landschaftspark/Ruhrgebiet

Verlauf von Emscherpark-Radweg und EmscherWeg
Verlauf von Emscherpark-Radweg und EmscherWeg © Planersocietät

Kurzbeschreibung

Der heutige Regionalverband Ruhr (RVR) geht auf den 1920 gegründeten Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (SVR) / später Kommunalverbund Ruhrgebiet (KVR) zurück und ist eine eigenständige regionale Verbandskörperschaft. Der RVR besteht aus elf kreisfreien Städten und vier Kreisen mit zusammen rd. 5,4 Mio. Einwohnern. Zur Beseitigung der erheblichen Defizite der staatlichen und kommunalen Planung in der Region hatte er bis 1975 umfangreiche Planungskompetenzen inne (z.B. Schaffung und Sicherung von Frei- und Grünflächen).

Seit Anfang der 1990er Jahre entsteht im zentralen Ruhrgebiet entlang der Emscher eine postindustrielle Landschaft. Dieser in Ost-West Richtung verlaufende Landschaftspark mit zahlreichen Industrie- und Gewerbebrachen verbindet die vorhandenen Grünflächen mit den in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Grünzügen. Diese Grünzüge sind über ein Radwegesystem von ca. 700 km Länge erschlossen und verknüpft. Der Emscherpark-Radweg ist der zentrale und markanteste regionale Radwanderweg auf dem Gebiet des RVR.

Entstehung und Trägerschaft

Die Entwicklung des Emscher Landschaftsparks sowie des Radwander- und Wanderwegesystems für Freizeit und Erholung wird von RVR RuhrGrün betreut. Diese eigenbetriebsähnliche Einrichtung des Regionalverbandes Ruhr wurde 2001 gegründet und betreut über 15.000 ha verbandseigener Freiflächen.

Der Emscherpark Radweg entstand 1994 im Zuge der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscherpark, hat derzeit eine Länge von rd. 230 km und befindet sich in ständiger Weiterentwicklung. Er wurde vom IBA-Direktor Prof. Ganser initiiert, der die industriekulturellen Denkmäler und andere IBA-Projekte im gesamten Ruhrgebiet durch eine Radroute erschließen wollte. Um eine Akzeptanz des Projekts in der Region - sowohl in der Kommunalpolitik als auch in der Öffentlichkeit – zu erreichen, sollten alle Kommunen im IBA-Gebiet daran beteiligt werden. Der Radweg sollte in kurzer Zeit realisiert werden und ein vorzeigbares Ergebnis des IBA werden. Aus heutiger Sicht wurde dadurch ein nicht optimales Ergebnis erzielt, da die meisten kommunalen Akteure mit regionaler Radwegeplanung keine Erfahrung hatten. Die landeseigene Projekt Ruhr GmbH beauftragte die Entwicklung eines Masterplans "Emscher Landschaftspark 2010" zur Neuausrichtung der Freizeit-Infrastruktur sowie des Radwegenetzes in Abstimmung mit regionalen Akteuren. Ziel war eine attraktive Radverkehrsführung auch in Hinblick auf Vermarktungsmöglicheiten.

Die Miteinbeziehung der Kommunen ist notwendig, da ca. 1/3 des Emscherpark Radwegs entsprechend der Siedlungsstruktur des Ballungsraums durch Ortslagen und somit auf Radverkehrsanlagen anderer Baulastträger geführt wird (klassifiziertes und kommunales Netz).

Problematisch gestaltete sich die Führung der Route auf den beliebten Wegen entlang der Kanäle in der Region. Wege entlang von Bundeswasserstraßen liegen in der Baulast der Wasser- und Schifffahrtsämter (WSA). Zum Teil waren unterschiedliche Träger (RVR, Kommunen, Tourismusverbände) bereit, Wegweiser zu installieren, mussten dann aber eine Übernahme der Verkehrssicherungspflicht vertraglich festlegen. Die Bereitschaft dazu ist sehr unterschiedlich; einige Kommunen verweisen darauf, dass diese Übernahme vor dem Hintergrund einer Haushaltssicherung nicht möglich ist (nicht-absehbare Kosten für deren Instandhaltung). Hinzu kommt, dass die WSA sich die Nutzung der Wege als Betriebsweg vorbehalten hat und diese ggf. auch mit schwerem Gerät befahren. Schäden am Weg sind bei Übernahme der Verkehrssicherungspflicht grundsätzlich durch die entsprechenden Kommunen zu beseitigen. Die Verbesserung der Wege- bzw. Nutzungsqualität für Radfahrer sowie für Inlineskater durch Asphaltierung wäre somit ein Risiko und unterbleibt.

Die Pflege und Unterhaltung von Wegeabschnitten des Emscherpark Radwegs an Wasserstraßen in kommunaler Trägerschaft wurde wiederum weitgehend an den RVR abgegeben. Dieser vereinbarte mit dem WSA, dass neben dem Lichtraum (Höhe und Breite) des Weges auch das Bankett und die Böschungen bis zur Wasserfläche zu pflegen sind. Die Ausweisung von Routen im "Radverkehrsnetz NRW" am Kanal ist aufgrund der straßenverkehrbehördlich anzuordnenden Wegweiser ohne Gestattungsvertrag nicht möglich. Dies führt teils zur paradoxen Situation, dass anstelle geeigneter Kanal-Wege ungeeignete Führungen bestehen (z.B. Straßen mit starker KFZ-Belastung). Ein weiterer Nachteil ist die mangelhafte Abstimmung des WSA bei Baustellen. Die Träger von Wegen werden nicht informiert, um Maßnahmen zu ergreifen (Umleitungen) oder Baustellen werden trotz gegebener Möglichkeit nicht passierbar gestaltet. Derartige Vorkommnisse sind damit zu erklären, dass das WSA verfassungsrechtliche nicht für den Radverkehr zuständig ist. Andererseits weisen andere Kommunen, die mit der Übernahme der Verkehrssicherungspflicht keine Probleme für sich sahen, auf eine langjährige, gute Zusammenarbeit mit dem WSA hin.

Für die Routenführung wird eine Erfüllung der Kriterien für Qualitätsrouten in NRW angestrebt, die vom Tourismusverband NRW in Zusammenarbeit mit dem ADFC NRW erarbeitet wurden. In diesen sind z.B. Muss- und Soll-Kriterien für die Bereiche 'Route' (Wegeinfrastruktur), "Infrastruktur" (Verknüpfung mit Zusatzangeboten, z.B. öffentlicher Verkehr, Gastronomie) und Marketing definiert.

Zwei Drittel des Emscherpark Radwegs werden e auf Flächen im Eigentum des RVR geführt. Diese rd. 155 km gehören überwiegend zu den Abschnitten höherer Qualität, für die häufig ehemalige Bahntrassen genutzt wurden. Der Neubau von Routenabschnitten ist i.d.R. EU-gefördert (EU-Ziel-2-Mittel zu 50 %), erfolgt jedoch nicht nur zur Aufwertung des Emscherpark Radwegs, sondern auch zur Erstellung wichtiger Verbindungswege, die den nördlichen und den südlichen Strang des Emscherpark Radwegs miteinander verknüpfen. Die bauliche Umsetzung erfolgt i.d.R. mit der Landesentwicklungsgesellschaft als treuhänderisches Generalunternehmen, das unter Förderung der Bundesanstalt bzw. Bundesagentur für Arbeit lokale Beschäftigungs- und Qualifizierungsträger beauftragt.

Pflege

Die Trägerschaft des Emscherpark Radwegs ist an die entsprechenden Kommunen übergeben worden, doch erfolgte - aus Sicht des RVR - keine ausreichende Pflege. In der Folge wurde, unterstützt durch das Land, die Rückübertragung von den Kommunen an den RVR umgesetzt. Die Förderquote für Maßnahmen zur Pflege der Radwege durch das Land wurde allerdings ab 2005 von ursprünglich 50 % auf 25 % reduziert. Operativ wird die Pflege (Lichtraum und Bankett) von beauftragten Firmen ausgeführt. Der Emscherpark Radweg ist dafür in drei Bereichsabschnitte unterteilt worden, in denen sich jeweils ein Pflegestützpunkt des RVR befindet, von dem aus RVR-Mitarbeiter die ausführenden Firmen überwachen (z.B. um überhöhte Abrechnungen zu verhindern). Für Teile der in kommunaler Baulast befindlichen EPR-Abschnitte wurden Pflegeverträge mit dem RVR abgeschlossen. Dies dient dem Ziel einer möglichst durchgängigen Wegequalität mit einem Bestandsmanagement aus einer Hand. Es werden Pflegekosten von ca. 2 Euro/lfd. m Weg jährlich angesetzt, die Gesamtpflegekosten von gut 300.000 Euro jährlich verursachen. Hinzu kommen die Kosten zur Beseitigung von Schäden (v.a. Vandalismus) an Bauwerken (z.B. Brücken) und Wegweisern, die zunächst mit 50.000 Euro/Jahr veranschlagt wurden und ggf. erhöht werden müssen. Dennoch erfolgt aufgrund unstrukturierter Kommunikationsabläufe bisweilen eine doppelte Pflege durch die vom RVR beauftragten Firmen und die kommunalen Bauhöfe. Eine Pflege durch die eigene Bauabteilung wäre aus der Sicht des RVR die ideal, da es sich dabei um die organisatorisch am wenigsten aufwändige Lösung handelt. Über die im Pflegeauftrag enthaltene zweimalige Kontrolle pro Jahr hinaus wurden Bürger bzw. Nutzer für eine permanente Kontrolle aktiviert. Der gesamte Emscherpark Radweg sowie einbezogene R-Netz-Wege werden von ehrenamtlichen Wegepaten (mindestens) einmal monatlich kontrolliert (Abschnitte von 25 - 30 km). Diese werden regelmäßig zu Schulungen eingeladen, wo sie neben einer Aufwandsentschädigung auch Feedback zu ihren Meldungen erhalten. Eine weitere Rückmeldungsmöglichkeit besteht für alle Nutzer, da auf den Schildermasten der Emscherpark Radwegweisung ein Aufkleber mit einer Hotline beim RVR für Mängel angegeben ist. Sämtliche Meldungen dieser drei Kommunikationskanäle über Mängel am Weg und im direkten Umfeld (z.B. illegal abgeladener Abfall) werden an einen zentralen Ansprechpartner beim RVR gemeldet.

Ergänzende Radrouten

Aufgrund der lang gezogenen leiterartigen Ausdehnung der Route sind Querverbindungen ("Sprossen") gerade für die Freizeitnutzung in Form von Tagesausflügen unabdingbar.

  • R-Netz

Teilweise werden hierfür vom RVR - soweit geeignet - R-Netz-Wege einbezogen, d.h. deren Trägerschaft übernommen. Das R- Netz ist ein durch die Landschaftsverbände als regionale Mittelbehörden Ende der 1980er Jahre eingerichtetes freiraumorientiertes Freizeitradwegenetz, das durch die Träger auch vermarktet wurde. Dieses landesweite Routennetz wurde an den Grenzen zu anderen Bundesländern an die dortigen Netze angepasst. Die R-Netz-Wege erhielten eine eigene Wegweisung, die regelmäßig nur richtungweisende und nur ausnahmsweise Zielwegweiser umfasst. Aufgrund der durch die Träger nicht mehr gesicherte Pflege und Instandhaltung sowie dem je nach Kommune unterschiedlichen Interesse besteht das Netz nur noch zu geringen Teilen. Die Führung erfolgte teils im Straßennetz, teils auf Wirtschaftswegen. Zwar wurde Asphalt als Standard vorgesehen, doch häufig erfolgte eine andere Befestigungsart (z.B. Schotter). Die Kommunen wurden bei der Ausweisung praktisch nicht einbezogen. Dies führte auch zu einer geringen Identifikation bzw. einem geringen Interesse an der Fortführung der von den Landschaftsverbänden übertragenen Trägerschaft.

  • Rundkurs Ruhrgebiet

Ein weiterer regionaler Radwanderweg ist der "Rundkurs Ruhrgebiet", der ebenfalls vom RVR in Zusammenarbeit mit den Kommunen entwickelt wurde. Er weist einen gegenüber dem Emscherpark Radweg größeren Umfang auf und verläuft überwiegend auf der RVR-Außengrenze. Zwischen Emscherpark Radweg und dem Rundkurs wurden die R-Netz-Wege als Querverbindungen definiert. Zudem bestehen einige Überschneidungen, auf kurzen Abschnitten auch eine parallele Führung von Emscherpark Radweg und dem Rundkurs.

  • Emscherpark-Radweg Dortmund

Eine Besonderheit ist der von der Stadt Dortmund eingerichtete "Emscherpark-Radweg Dortmund", der nur auf dem Stadtgebiet verläuft und trotz der identischen Namensgebung nicht Bestandteil des Emscherpark Radwegs des RVR ist.

  • EmscherWeg

Ein paralleles Wegesystem zum Emscherpark Radweg ist der EmscherWeg. Hierbei handelt es sich, um für die Freizeitnutzung (Radfahren, Wandern) aufbereitete Wirtschaftswege parallel zu den offenen oder bereits zu naturnahen Fließgewässern umgebauten Abwasserleitern des regionalen Abwasserzweckverbands Emschergenossenschaft. Der Umbau des gesamten Abwassersammlersystems mit der Emscher als zentralem Gewässer wurde im Zuge der IBA in Angriff genommen und ist als regionales Großprojekt mit starker Unterstützung des Landes mit einem Umsetzungshorizont bis 2014 geplant (es wird jedoch mit einer realen Umsetzung bis mindestens 2020 gerechnet). Seit ca. fünf Jahren ist der die Emscher begleitende bzw. die gesamte Region in Ost-West-Richtung durchziehende Weg mit einem eigenen Wegweisertyp ausgeschildert. Aufgrund der Funktions- und Namensähnlichkeit (EmscherWeg, Emscherpark-Radweg) bestehen somit zwei Parallelprodukte, wenngleich die Vermarktung des EmscherWegs als Freizeitangebot rein für die regionale Bevölkerung zu sehen ist. Inzwischen besteht jedoch ein intensiver Austausch zwischen den beiden regionalen Akteuren, in dem gerade die Belange des Radverkehrs durch den RVR vertreten werden. Auch wenn der Emscherumbau durch eine langfristige Finanzierung gesichert ist, bleibt die Frage offen, ob gerade unter etwaigen Einsparzielen (Land, Genossenschafter) der Radverkehr auch wirklich immer konsequent berücksichtigt werden wird. Zudem steht der Umbau des Emschersystems im Wesentlichen noch bevor, auch wenn einige Zuleiter inzwischen zu attraktiven Bachläufen mit entsprechend gut genutzten Rad- und Fußwegen umgestaltet wurden und teilweise Zubringerfunktionen zum EPR wahrnehmen. Dennoch wird die Möglichkeit gesehen, beide Angebote miteinander zu verknüpfen und eine optimierte und gut vermarktbare Route zu entwickeln.

  • Einbeziehung des Öffentlichen Verkehrs

Die mit der Nutzung des Emscherpark Radwegs einher gehende Nutzung des öffentlichen Verkehrs (v.a. regionaler Schienenpersonennahverkehr) setzt eine Berücksichtigung der Belange des Radverkehrs voraus. Abgesehen von der Angebotsqualität einschließlich der Eignung der Fahrzeuge ist die fahrradfreundliche Gestaltung der Haltpunkte und Bahnhöfe wesentlich, lässt aber deutliche Defizite erkennen. So sind die für Tourenradfahrer bzw. Radtouristen wichtigen Zugänge zu den Bahnsteigen noch nicht durchgängig mit Aufzügen oder Rolltreppen ausgestattet oder deren Funktion ist durch Betriebsausfall beeinträchtigt.

Optimierungsstrategie

Im Rahmen der Radverkehrsplanung des RVR werden auch Maßnahmen zur Steigerung der Verkehrssicherheit von Freizeitrouten angestrebt. Hierzu werden häufig die entsprechenden Baulastträger zur Vor-Ort-Besichtigung problematischer Punkte eingeladen, um Konsenslösungen zu entwickeln. Seitens des RVR werden die so entstehenden persönlichen Kontakte mit den Akteuren als positiver Effekt hervorgehoben. Im Fall gescheiterter Verhandlungen wird versucht, über das Ausüben von Druck auf übergeordnete Verantwortliche Lösungen für den Radverkehr durchzusetzen. Andernfalls besteht noch die Möglichkeit, dass der RVR selbst für die Kosten baulicher Lösungen aufkommt. So finanzierte er zum Beispiel eine Lichtsignalanlage zur Querung einer Bundesstraße. Auf Hauptverkehrsstraßen wird der Bau von Querungshilfen nicht durchgeführt, da der KFZ Verkehr nicht durch Hindernisse gestört werden soll. So müssen Radfahrer die Hauptverkehrsstraßen ungeschützt queren und werden nur durch Umlaufsperren gebremst. Gerade Umlaufsperren wurden aber - verstärkt durch ihre Anzahl - als Nutzungshemmnis identifiziert Hierbei ist besonders an die Nutzbarkeit durch Radfahrer mit Gepäcktaschen sowie größere Gruppen zu denken, für die Umlaufsperren zu "Nadelöhren" werden können. Der RVR strebt daher, zumindest auf den Wegen in eigener Trägerschaft, nach Möglichkeit eine Umgestaltung zu Kombinationen aus Pollern und Verkehrszeichen an.

Zur Verbesserung der Kommunikation zwischen den für die Radverkehrsentwicklung Verantwortlichen verfolgt der ADFC - trotz der starken Stellung des RVR für den Freizeitverkehr - die Idee einer Regionalkonferenz Radverkehr. So sollen die übergreifenden Planungen abgestimmt und übergeordnete Planungen "nach unten" kommuniziert und verankert werden sowie gute Beispiele vorgestellt werden.

Der RVR als wichtiger Akteur versucht auch, auf die Radverkehrsentwicklung in den Kommunen Einfluss zu nehmen und z.B. die Freizeitnetze fortzuentwickeln. So werden beispielsweise im Kreis Recklinghausen alle unterschiedlichen Wegweisertypen abgebaut und nur noch ins Radverkehrsnetz NRW integrierte Routen mit FGSV-konformen Wegweisern und geklärter Baulastträgerschaft eingerichtet (ca. 600 km). Der Abstimmungsbedarf von Verwaltungsakteuren bei der straßenverkehrsbehördlichen Anordnung dieser Wegweiser ist hoch.

Seitens des RVR wurde und wird das Ziel eines einheitlichen Erscheinungsbilds des Emscherpark Radwegs verfolgt, nicht zuletzt aufgrund des Anerkennens eines hohen Qualitätsstandards für die entsprechende Vermarktung. Dies trifft allerdings nur auf die auf den Freiraum beschränkten, in der Zuständigkeit des RVR liegenden Abschnitte zu. Auf den Wegeabschnitten in Baulast anderer Träger (v.a. Kommunen) versucht der RVR, auf diese einzuwirken, die Standards anzuwenden. Der RVA bevorzugt für den Belag der Radwege Asphalt, da dieser nutzerfreundlich ist (größerer Radfahrkomfort, Nutzbarkeit durch Inlineskater) und deutlich geringere Instandhaltungskosten aufweist. Ein Großteil der Wege besteht aber aus einer wassergebundenen Deckschicht. Diese stammt noch aus der IBA Zeit, wo man mit diesem Oberflächenbelag den ökologischen Anspruch der IBA dokumentieren wollte, obwohl der ökologische Vorteil nicht erwiesen ist. Außerdem sind für Wege mit einer wassergebundenen Deckschicht Fördermittel aus dem landesweiten Ökologieprogramm Emscher-Lippe (ÖPEL), was mit Mitteln des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) grundfinanziert und mit Mitteln des Landes kofinanziert wird, zu erhalten.

Ein weiterer angestrebter Standard ist die Wegebreite von 3,50 m, wobei bei einer intensiven Mehrfachnutzung durch Radfahrer, Fußgänger und ggf. Inlineskatern diese noch als zu schmal bewertet werden muss.

Mietradsystem

Ein funktionaler Zusammenhang besteht zwischen dem Emscherpark Radweg mit dem Mietradsystem RevierRad, das primär für die Zielgruppe auswärtiger Besucher entwickelt wurde. Träger der Stationen sind i.d.R. soziale Beschäftigungsträger oder - wenn vorhanden - Fahrradstationen, die von der Paritätischen Initiative für Arbeit (PIA) zentral gesteuert werden. Dabei wird die Einhaltung der Qualitätskriterien vom RVR überwacht. Vorteilhaft ist für Nutzer, dass für Anmietung und Rückgabe verschiedene Orte gewählt werden können (gegen Aufschlag). Derzeit bieten 14 Stationen mit ca. 220 Fahrrädern in der Region dieses Angebot, allerdings in unterschiedlicher Angebotsqualität (Öffnungszeiten, Serviceverständnis). Eine geplante Weiterentwicklung ist die Aufnahme von Spezialfahrrädern ins Angebot. Dabei verleihen Hersteller diese Fahrräder an das RevierRad im entsprechenden Corporate Design. Das Angebot einer GPS-gestützten Führung für Radfahrer in Mülheim in Kooperation mit RevierRad stellt einen Werbeeffekt für das Radfahren in der Region dar.

Durch Gewinnung weiterer Partner soll das RevierRad-System räumlich ausgeweitet werden. Da gleichzeitig auch dessen Qualität verbessert werden soll, empfiehlt sich – im Gegensatz zu den heute häufig über Arbeitskräfte des zweiten Arbeitsmarkts betriebenen Radstationen - die Suche nach privatwirtschaftlichen Akteuren. Auch im funktionalen Sinn ist eine Angebotserweiterung anzustreben. Beispielsweise sind Annahme und Rückgabe an Fahrradboxen mit Magnetkarte (RuhrCard) an Bahnhöfen ohne personalbetriebene RevierRad-Station eine mögliche Erweiterung (die DB Station & Service AG kommt mangels Interesse nicht in Frage). Möglich ist auch eine Kopplung mit gastronomischen Betrieben, die die Vermietung und Annahme von Mieträdern nebenbei betreiben könnten. Zu den Kopplungseffekten könnte die Einbeziehung von dauerhaft anwesendem Personal mit primär anderweitigen Aufgaben sein (z.B. Pförtner).

Wegweisung

Die erste Ausweisung des Emscherpark Radwegs erfolgte über die IBA mit dem entsprechenden Logo. Diese zurzeit noch immer aufgestellten Wegweiser entsprechen jedoch nicht dem FGSV-Standard. Zusätzlich wurden die gleichen Wegweiser wie beim Rundkurs Ruhrgebiet verwendet, die weitgehend dem FGSV-Standard entsprechen. Eine Neuausschilderung mit Wegweisern gemäß FGSV-Standard wird 2006 realisiert. Dabei werden die Wegweiser mit dem Logo der "Route der Industriekultur" versehen, das auch bei vielen Vermarktungsprodukten verwendet wird. Die "Route der Industriekultur" ist eine wichtige inhaltliche Klammer bzw. Marke zur touristischen Vermarktung von Angeboten in der Region, die jedoch überwiegend auf der Nutzung des MIV beruht. Aufgrund der Positionierung als Industriekultur-Fahrradroute wird eine Förderung im Sinne der Tourismusförderung seitens des Wirtschaftsministeriums gewährt. Für die Dokumentation wurde eine Software erworben, die sich als ungeeignet für die praktische Anwendung herausstellte, so dass eine Umstellung auf das behördeneigene geografische Informationssystem geplant wird.

Radwege mit Zubringerfunktion werden in das im ganzen Land geplante und weitgehend umgesetzte Radverkehrsnetz NRW eingebunden. Das Land startete 2002 mit der einheitlichen Beschilderung nach FGSV-Standard des Routennetzes, das auf kurzen und direkten Wegen - also primär auf den Alltagsverkehr bezogen - die Kommunen (Stadt-/Stadtbezirkszentren), Bahnhöfe (inkl. Fahrradstationen) miteinander verbindet (Gesamtlänge ca. 13.800 km). Zusätzlich werden regionale touristische Höhepunkte ausgeschildert. Seit August 2003 können sich Radfahrer ihre Tour mithilfe des korrespondierenden Radroutenplaners im Internet (www.radroutenplaner.nrw.de) zusammenstellen. Wesentliche Bedingungen für die landesweite Umsetzung sind die Finanzierung der Erstausstattung (einschließlich externer Planungsleistungen und Anbringung der Wegweisungsschilder, ggf. über den Landesbetrieb oder über eine Kostenerstattung bei Eigendurchführung) und die Definition der Wegweiser als straßenverkehrsbehördlich anzuordnende Wegweisung gemäß der Straßenverkehrsordnung (Erlass aus dem Jahr 2000), die eine dauernde Verantwortlichkeit des jeweiligen Baulastträgers für die Wegweisung mit sich bringt. Sofern der Wegweisermast nicht auf dem Grund und Boden des Baulastträgers aufgestellt wird, muss ein Gestattungsvertrag abgeschlossen werden. Sonstige lokale, regionale, überregionale, Themen- und Freizeitrouten können durch einheitlich große Logoplaketten unten in die Schilder einschoben werden (maximal fünf Steckplätze).

Das verkehrspolitische Ziel eines übergreifenden Radverkehrsnetzes mit einheitlicher Wegweisung wurde im Koalitionsvertrag der rot-grünen Landesregierung für die Legislaturperiode 1995 - 2000 festgeschrieben und u.a. durch die Budgetierung von ca. 10 Mio. Euro für den Radwegebau an Landesstraßen, das Förderprogramm "100 Fahrradstationen in NRW" oder der Gründung der "Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Städte und Gemeinden in NRW" unterstützt. Durch die Bausteine Fahrradstationen und die Aufnahme von Bahnhöfen als Ziele im Radnetz NRW erfolgte eine systematische intermodale Integration.

Information und Vermarktung

Die erste Publikation zum Radwandern in der Region war ein vom ADFC entwickelter Routenführer. Seither folgte eine Reihe weiterer Printprodukte. Zusammen mit dem KVR wurde 2001 die Idee entwickelt, den Emscherpark Radweg als Route der Industriekultur per Fahrrad zu positionieren, da er ohne die "Anreicherung" mit dieser Thematik als nicht vermarktbar bewertet wurde. Für die Vermarktung des Emscherpark Radwegs nach außen wurde die Zuständigkeit an die Ruhrgebiet Tourismus GmbH (RTG) übertragen. Dennoch behielt der KVR/RVR die regionale Vermarktung in seiner Kompetenz (z.B. Flyer, Messeauftritte). Die Finanzierung erfolgt aus dem Verwaltungshaushalt unter dem Leitziel "Fahrradfreundliche Region Ruhrgebiet".

Aus Sicht der Vermarktung (nicht nur der RTG) wird konstatiert, dass einerseits der Wegeverlauf des Emscherpark Radwegs trotz Optimierungsmöglichkeiten von nachgeordneter Bedeutung ist, andererseits weitere Routen einbezogen werden. Aus Nutzersicht sind nicht nur die Routen, sondern auch die Sehenswürdigkeiten bzw. Standorte einzubeziehen, die die Ansprüche von Radtouristen berücksichtigen. Das radtouristische Bewusstsein im Ruhrgebiet ist anbieterseitig (Kommunen und ihre Marketinggesellschaften einschließend) allerdings sehr gering, zumal auch die Alltagsnutzung des Fahrrades sehr gering ausgeprägt ist.

Nach Erfahrung der RTG sind Radtouristen sehr individualistische Gäste mit häufig intensivem Beratungsbedarf, der bisher seitens der RTG (noch) ohne Entgelt geleistet wird. Die RTG bewirbt das Angebot z.B. mit der gut nachgefragten 1000-Feuer-Tour (Spiralbroschüre, 5.000 Explare verkauft).

Quintessenz

Der RVR ist der zentrale Akteur für sowohl Planung als auch Umsetzung und Pflege des freizeit- bzw. tourismusbezogenen Radverkehrs im Emscher Landschaftspark bzw. im Ruhrgebiet. Seine Funktion als zentraler regionaler Ansprechpartner ("Kümmerer") für Nutzer (Radfahrer), vermarktende Tourismusakteure und Baulastträger bzw. Kommunen ist ein wichtiger Aspekt. So können verstetigte Kommunikationsbeziehungen entstehen, die bei Bedarf durch die Aktivierung übergeordneter Verwaltungsstellen unterstützt werden. Eine Ausnahme bilden die Wasser- und Schifffahrtsbehörden des Bundes, die aufgrund verfassungsrechtlicher Gründe nicht immer den Radverkehr in ausreichendem Maß berücksichtigen und fördern, so dass die Übernahme der Baulast von attraktiven Kanaluferwegen durch die kommunale Ebene erfolgen muss, die dies z.T. mit Hinblick auf Finanzierungsprobleme verweigert.

Der RVR konnte seine Position in der regionalen Radverkehrsförderung stärken, da er als seit langem bestehender Regionalverband einerseits eine große Akzeptanz hat und andererseits selbst umfangreiche Flächen bzw. Wege besitzt. Positiv ist die permanente Fortentwicklung des Wegesystems und v.a. des Emscherpark Radwegs durch bauliche Maßnahmen und die Durchsetzung einheitlicher Standards (z.B. Wegequalität, neue Wegweisung nach FGSV). Diese werden durch die Erfahrung des RVR bei der Fördermittelakquisition (v.a. EU) unterstützt. Vorteilhaft für die Umsetzung ist, dass die Kommunen als Baulastträger die Effizienz der Pflege aus einer Hand (RVR) anerkannt haben, soweit es sich nicht um das klassifizierte oder kommunale Straßennetz handelt. Verbesserungswürdig ist allerdings die Vernetzung des Emscherpark Radwegs mit anderen Radwegen, d.h. den regionalen und lokalen Freizeitrouten sowie dem Alltagsnetz als Zubringer. Dabei ist die Nutzung der Wege durch andere Nutzergruppen (z.B. Inlineskater) zu beachten und stark frequentierte Abschnitte, die sich aufgrund der gestiegenen bzw. steigenden Nachfrage ergeben, sind zu entschärfen. Der ADFC leistet insbesondere bei der Verbesserung des Alltagsnetzes Unterstützung. Darüber hinaus ist auch die Verknüpfung mit dem öffentlichen Verkehr, d.h. die Radmitnahmemöglichkeiten bzw. -bedingungen v.a. im Schienenpersonennahverkehr einschließlich der fahrradfreundlichen Gestaltung der Bahnhöfe und Haltpunkte zu verbessern (fahrradspezifische Barrierefreiheit).

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Ein zentraler Akteur sowohl für Planung als auch die Umsetzung und Pflege des freizeit- bzw. tourismusbezogenen Radverkehrs in der Region ist ein wichtiger Aspekt der heutigen Qualität des Angebots. Die Funktion als zentraler, regional koordinierender Ansprechpartner ("Kümmerer") bezieht sich auf Nutzer (Radfahrer), vermarktende Tourismusakteure sowie Baulastträger bzw. Kommunen. Förderlich ist auch das umfangreiche Flächeneigentum des Regionalverbands.

Evaluation

Evaluation: 
nein

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
  • Regionalverband Ruhr (RVR)
  • Mitgliedskommunen (kreisfreie Städte, Kreise)
Projektbeteiligte: 
  • Landesbetrieb Straßen NRW
  • Ruhrgebiet Tourismus GmbH
  • Land NRW
  • Wasser- und Schifffahrtsbehörden

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Januar 1994

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

  • Planersocietät/ Stadt- und Regionalplanung Dr. Paul G. Jansen GmbH/ arbos Landschaftsarchitekten/ Hölscher (2004): Masterplan Emscher Landschaftspark 2010, Los 8: Parkinfrastruktur. Dortmund/Düsseldorf.

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Herr Spiering
Regionalverband Ruhr
Eigenbetrieb RuhrGrün
Kronprinzenstr. 35
45128 Essen

Herr Syberg
ADFC Landesverband NRW
Hohenzollernstr. 27-29
40211 Düsseldorf
Telefon: +49(0)211/68708-0

Meta-Info
Stand der Information
31. Juli 2005
Autor
Patrick Hoenninger (Planersocietät)
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradtourismus
Fahrradthemen
Tourismus
Schlagworte
Fahrradroute
Radfernweg
Touristisches Radwegekonzept
Wegweisung
Koordinierung
Fahrradroutennetz
Land
Nordrhein-Westfalen