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Systematische Radverkehrsplanung

Radverkehrsförderung im Kreis Euskirchen

Radmitnahmemöglichkeit am Busheck
Radmitnahmemöglichkeit am Busheck © Landkreis Euskirchen

1. Ausgangssituation

Bedingt durch die topografischen Unterschiede und unterschiedliche Infrastrukturangebote waren zu Beginn der Konzeptentwicklung große Unterschiede in Bezug auf den Radverkehrsanteil innerhalb des Kreises feststellbar. Euskirchen und Weilerswist haben einen Radverkehrsanteil von 12 -16 %, während die anderen Gemeinden deutlich geringere Werte erreichen.

Im Rahmen des lokalen Agenda-21-Prozesses wurde 1999 das Projekt "Fahrradfreundlicher Kreis Euskirchen" entwickelt. Ausgehend von einer verwaltungsinternen Idee wurde den politischen Entscheidungsträgern das Konzept "Fahrradfreundlicher Kreis Euskirchen" vorgestellt, der einstimmig von der Politik beschlossen wurde. Ein weiterer wichtiger Aspekt war die angestrebte Aufnahme in die "Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen" (AGFS). Die AGFS besteht seit 1993 und verfolgt das Ziel, innovative Ansätze in der Radverkehrsförderung zu entwickeln und zu erproben und entsprechende Informationen zu verbreiten (vgl. www.fahrradfreundlich.nrw.de). Die Kreisstadt Euskirchen wurde bereits 1996 Mitglied in der AGFS.

Zur Bewerbung des Kreises wurde 1999 das bis dahin für den Radverkehr Erreichte zusammen mit einer Beschreibung der Leitprojekte sowie einem Zeit- und Finanzplan eingereicht. Dabei definierte der Kreis drei Funktionen:

  • Akteur im Rahmen der eigenen Zuständigkeiten und freiwilliger Aufgaben
  • Impulsgeber für weitere Akteure im Kreis
  • Moderator widerstreitender Interessen

Die Aufnahme in die AGFS erfolgte am 5.3.2002 und wurde mit dem spürbaren Engagement der Beteiligten sowie den unkonventionellen Ansätzen des Programms begründet. Ziel des Kreises ist es, sich zu einem Positivbeispiel mit Vorbildcharakter für durch geringe Siedlungsdichte und durch Mittelgebirgscharakter geprägte Gebiete Nordrhein-Westfalens zu entwickeln. Der Kreis möchte Kommunen bei Fragestellungen zum Radwegebau an klassifizierten Straßen und zur koordinierten Fahrradwegweisung unterstützen. Ein weiteres, organisatorisches Ziel war die Klärung der Rolle des Kreises und des Verhältnisses zwischen Kreis, Kommune und staatlicher Straßenbauverwaltung.

2. Infrastruktur - Bestandsanalyse

Die bestehenden Radrouten verlaufen überwiegend auf land- und forstwirtschaftlichen Wegen sowie Gemeinde- und Kreisstraßen mit geringer Verkehrsbelastung (unter 1000 KFZ/Tag). Die Ausstattung mit fahrradfreundlicher Infrastruktur ist sehr unterschiedlich. Überwiegend befinden sich die Radwege an klassifizierten Straßen (85 km) innerhalb des Stadtgebietes von Euskirchen. In einer Bestandsanalyse sind alle bis Mitte 2000 realisierten und die bis 2001 im Bau (175 km) oder in der Bauvorbereitung (3,5 km) befindlichen Radwege an klassifizierten Strassen in einen kreisweiten Atlas aufgenommen worden. Die geplanten Radwege wurden in vier Prioritätsstufen eingeteilt, um eine Bewertung der Baumaßnahmen zu bekommen. Diese Prioritätensetzung sollte sicherstellen, dass die begrenzten finanziellen Mittel dort eingesetzt werden, wo der Nutzen am größten ist. Baulastträger sind Bund (46 km), Land (83 km), Kreis (43 km) und Gemeinden (3 km). Finanziert werden diese Baumaßnahmen aus der Radwegeförderung des Landes bzw. GVFG-Mitteln und Kreismitteln als Kofinanzierung. Bei Radwegen in Gemeinden übernehmen diese die Kofinanzierung.

Zu Projektbeginn war eine Vielzahl unterschiedlicher Wegweisungssysteme im Kreisgebiet vorhanden. Diese reichten von der Beschilderung des Kreisnetzes und regionalen Themenrouten bis zu kommunalen Routen mit eigenem Wegweisungssystem. Im südlichen Kreisgebiet wurden deutliche Lücken im regionalen und überregionalen Radwandernetz festgestellt und zudem das Fehlen radtouristischer Angebote.

3. Maßnahmen

Es wurden vier Arbeitskreise gegründet, die je ein Leitthema vertieft bearbeiteten:
1. Harmonisierung der Fahrradwegweisung
2. Fahrradfahren und Tourismus
3. Alltagsradfahren im ländlichen Raum
4. Konflikte mit Natur und Landschaft

Mitglieder der Arbeitskreise waren neben der Kreisverwaltung

  • Kreiskommunen
  • Forstverwaltung (Land, Kommunen)
  • Waldbauernverband
  • Landesbetrieb Straßen NRW
  • Nachbarkreise
  • der Erftverband [Dieser Zweckverband ist zuständig für Erforschung und Beobachtung der wasserwirtschaftlichen Verhältnisse im Zusammenhang mit dem Braunkohlenabbau, die Unterhaltung oberirdischer Gewässer einschließlich Hochwasserschutz und die Abwasserbehandlung und Klärschlammbeseitigung sowie Sanierung, Instandhaltung und Betrieb von Kanalnetzen.]
  • Untere Fachbehörden (z.B. Amt für Agrarordnung)
  • Politik (alle Fraktionen)
  • Touristiker
  • Naturschutzverbände
  • der ADFC

Leitgedanke bei der Maßnahmenentwicklung - insbesondere für kostenintensive Infrastrukturmaßnahmen - ist, angesichts knapper Mittel sowohl den Alltagsradverkehr als auch den touristischen Radverkehr zu fördern.

3.1 AK Fahrradwegweisung

Im ersten Schritt wurde ein Konzept zur Harmonisierung der Wegweisung erarbeitet. Im Abstimmungsprozess wurden Inhalte und Gestaltung nach dem "Merkblatt zur wegweisenden Beschilderung für den Radverkehr" der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) (1998; Hrsg.) festgelegt.

Der Kreis Euskirchen hat dazu ein kreisweites Radwegenetz ausgewiesen, in das lokale Routen aufgenommen werden, deren Wegweisung den FGSV-Empfehlungen entsprechen: Bei radtouristischen Routen müssen weitere Kriterien erfüllt werden, z.B. Unterkünfte, ausreichende Länge, Reparaturmöglichkeiten, geringe Steigungen. Der Kreis kommt damit der Aufforderung von § 49 StrWG NW nach, wonach die Kreise darauf hinwirken sollen, dass ein zusammenhängendes Netz für den überörtlichen Radverkehr geschaffen wird. Der Kreis Euskirchen übernimmt für alle Wegweisungsvorhaben im Kreisgebiet die Koordination. Das schließt folgende Routen mit ein; das Kreisroutennetz für die Routen des Radverkehrsnetzes NRW, die kommunalen Netze sowie die des Naturparks Hohes Venn-Nordeifel und des Eifelverein (Wanderverein). Die Beschilderung des Landesnetzes (Radverkehrsnetz NRW) und des Kreisnetzes entsprechend den FGSV-Empfehlungen ist bereits abgeschlossen worden. Für eigene zusätzliche Routen fehlt es den Kommunen an finanziellen Mitteln (Haushaltssicherung). Alle Wegweisungsmaßnahmen wurden mit den Kommunen und bei Bedarf mit den Nachbarkreisen abgestimmt. Die Pflege des Routensystems ist Aufgabe des jeweiligen Baulastträgers. Um die Qualität des Beschilderungssystems und der Routen insgesamt dauerhaft zu sichern, ist beispielsweise eine zweimalige Kontrolle pro Jahr des Kreisroutennetzes durch den Kreis per Kreistagsbeschluss festgelegt worden. Für die Kontrolle der übrigen Routen werden der ADFC und andere engagierte Fahrradfahrer als "Scouts" gewonnen; der ADFC hatte bereits die Testbefahrung der neu beschilderten Routen übernommen. Zudem ist ein Wegweisungskataster erstellt worden, das kontinuierlich fortgeführt wird. Dieses ist eine wichtige Grundlage für die Qualitätssicherung und ist grundsätzlich offen für Erweiterungen.

Um Lückenschlüsse in den bestehenden Routen und Wegen zu ermöglichen, sind nahezu ausschließlich land- und forstwirtschaftliche Wege genutzt worden. Hierfür wurden Vereinbarungen zwischen dem Kreis oder der betreffenden Gemeinde mit dem jeweiligen Wegeeigentümer geschlossen. Darin übernahm eine, eine Radroute ausweisende Gebietskörperschaft die Verkehrssicherungspflicht, so dass den Eigentümern keine Kosten oder Haftungspflichten entstehen.

3.2 AK Radfahren und Tourismus

Zur Förderung des Fahrradtourismus im Kreis Euskirchen wird jährlich ein Fahrradaktionstag durchgeführt, dessen Ziel die verstärkte Nutzung des Fahrrads im Kreis ist. Dabei werden auch die neuen Routen vorgestellt. Am Aktionstag werden Bereiche für den Radverkehr geöffnet, die dem Radverkehr sonst nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. In Kooperation mit den belgischen Streitkräften konnte z. B. der Truppenübungsplatz "Camp Vogelsang" für Radfahrer geöffnet werden oder die B258 für den KFZ-Verkehr gesperrt werden. Als Partner für die Öffentlichkeitsarbeit konnte der Kölner Stadtanzeiger gewonnen werden, der in einer Sonderbeilage über 24 Wochen 12 Routen vorstellte. Zunehmend werden Sponsoren für den Aktionstag gewonnen (z.B. Kreissparkasse).

Um das fahrradtouristische Angebot des Kreises zu stärken, wurden neue Routen im Arbeitskreis erarbeitet. Die Tälerroute (ca. 265 km) beispielsweise ist eine Kombination mehrerer Radwege, die entlang von Flussläufen verlaufen. Durch den Verlauf an Gewässern konnte der gebirgige Südkreis ohne größere Steigungen für den touristischen Radverkehr erschlossen werden. Für eine 12 km lange Teilstrecke des Ahr-Radwegs, die parallel zur B 258 auf einem ehemaligen Bahndamm geführt wird, ergibt sich eine besondere, für die beteiligten Gebietskörperschaften günstige Finanzierungssituation, da dieser Abschnitt als Parallelradweg zur Bundesstraße anerkannt wurde. Da dem Landesbetrieb als Auftragsverwaltung des Bundes die personellen Kapazitäten für die Planung und den Bau fehlten, übernahm der Kreis gegen Kostenerstattung die Planung sowie den Bau (Baukosten: 4,6 Mio. Euro). Die Gemeinden übernahmen gegen Ablösung die Baulast für die nächsten 20 Jahre.

Für die Zielgruppe der Mountainbiker entwickelte Bad Münstereifel zehn Touren. 80% der Maßnahme wurden vom Land NRW gefördert, 20 % brachte die Gemeinde auf.

Eine mehrere Radwege (z.B. der Erft-Radweg, Ahr-Radweg) integrierende Route ist die Wasserburgen-Route. In Zusammenarbeit mit der Stadt Bonn, dem Rhein-Sieg-Kreis, dem Erftkreis, dem Kreis Düren und Kreis Aachen konnte diese 365 km umfassende Route erarbeitet werden. Alle Routen werden in erster Linie durch die Eifel-Tourismus GmbH vermarktet.

Als weiterer Baustein wurde die Fahrradmitnahme im ÖPNV verbessert. Zusammen mit der Kreisverkehrsgesellschaft Euskirchen und dem Verkehrsverbund Rhein-Sieg GmbH (VRS) konnte z.B. auf einer Freizeitbuslinie ("Luchsus-Linie") die Fahrradmitnahme auf einem Heckgepäckträger realisiert werden. So ist über den öffentlichen Personennahverkehr eine Anbindung der nachfragestarken Städte Köln und Bonn gegeben.

3.3 AK Alltagsradfahren im ländlichen Raum

Dieser AK initiierte u.a. das Projekt "Schüler als Alltagsexperten im Radverkehr", bei dem Schülern weiterführender Schulen zum Radverkehr befragt wurden (1.700 Schüler an 19 Schulen). Ziel dieser Befragung war es, die guten Ortskenntnisse der Schüler zu nutzen, um lokale Probleme des Radverkehrs aufzunehmen. Finanziert wurde diese Aktion mit Eigenmitteln des Kreises und der Gemeinden. Als Ergebnis kann neben den lokalen Problemstellen festgehalten werden, dass parkende KFZ und fehlende Radwege die größten Ärgernisse darstellten.

Durch die Erstellung eines Leitfadens für kommunale Radverkehrskonzepte durch ein Planungsbüro sollten die Gemeinden bei der Erstellung kommunaler Radverkehrskonzepte unterstützt werden. Des weiteren ist die Fahrradmitnahme im öffentlichen Personennahverkehr verbessert worden. Weitere Schritte ist ein Bike & Ride-Konzept für den ländlichen Raum und Öffentlichkeitsarbeit zum Alltagsradverkehr.

3.4 AK Konflikte mit Natur und Landschaft

Aufgabe dieses Arbeitskreises war es, Nutzungskonflikte und insbesondere Konflikte mit dem Naturschutz bereits in einer frühen Phase zu vermeiden oder zu lösen. Zudem versucht der AK eine lenkende Funktion auf Radfahrer (v.a. Mountainbiker) durch Ausweisung von Routen auszuüben und sensible Bereiche zu entlasten. Zugleich erarbeitete der Arbeitskreis als wichtige Vorraussetzungen für die Ausweisung von Routen den Gestattungs-Mustervertrag.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Im Vorfeld hat der Kreis Euskirchen eine Übersicht über seine eigenen Pflichtaufgaben erarbeitet und so seine eigenen Mitarbeiter auf einen Informationsstand bezüglich der Radverkehrsplanung gebracht. Dadurch konnten im Vorfeld alle Unsicherheiten geklärt werden. Dies war vor allem erforderlich, da es zu Beginn des Prozesses an Erfahrung mit der Radverkehrsplanung bei allen Beteiligten mangelte. Förderlich war hierbei auch die Unterstützung durch das eingebundene Planungsbüro und die Einbindung des ADFC.

Die Beteiligung aller relevanten Akteure aus kommunalen Verwaltungen, Politik (alle Fraktionen), Fachbehörden (v.a. Landesbetrieb Straßen NRW), Tourismus und Verbänden gewährleistete eine frühzeitige Berücksichtigung und Abstimmung aller Belange sowie eine hohe Akzeptanz des Projektes. Dies ist besonders bei einer grenz- und baulastträgerübergreifenden Radverkehrsplanung von Bedeutung, da die handelnden Personen persönliche Kontakte knüpfen konnten. Dies gelang nicht nur innerhalb des Kreises, sondern auch zu den Nachbarkreisen, die relativ schnell in die Radverkehrsförderung einstiegen. Diese persönlichen Kontakte trugen zu einem effizienteren Arbeiten innerhalb der Arbeitskreise bei. Ebenfalls positiv hat sich die kontinuierliche Beteiligung der Politik ausgewirkt, die einen Umsetzungsdruck auf die Verantwortlichen ausübt. Trotz des Umfangs von 20-25 Mitgliedern gelang es in den Arbeitskreisen eine sehr disziplinierte und gute Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Die positive Arbeitsatmosphäre zeigt sich beispielsweise darin, dass ein Mitglied trotz Pensionierung weiter im AK mitarbeitet.

Der gesamte Prozess war nur durch ein hohes Engagement aller Beteiligten und insbesondere der Verwaltung des Kreises Euskirchen möglich. Das hohe persönliche Engagement der Mitarbeiter war Voraussetzungen, um die vom Kreis freiwillig übernommenen Aufgaben zu erfüllen. So hat der Kreis ca. 20 % seiner Aus- bzw. Umbaumaßnahmen freiwillig durchgeführt, und sich selbst wie als Akteur im Rahmen der eigenen Zuständigkeiten und freiwilliger Aufgaben, Impulsgeber für weitere Akteure im Kreis und Moderator widerstreitender Interessen definiert. Förderlich war zudem die Unterstützung durch den Landrat.

Weiteres Gewicht bekam die Förderung des Radverkehrs mit der Benennung eines Radverkehrsbeauftragten in der Kreisverwaltung. Das Projekt "Fahrradfreundlicher Kreis Euskirchen" wurde als fachübergreifende Querschnittsaufgabe entwickelt und ist daher in allen Ressorts der Verwaltung verankert.

Finanzierung

Finanzierung: 
Landesmittel
Kommunale Mittel

Evaluation

Evaluation: 
nein
Erläuterungen: 
Analyse (qualitative Interviews, geringfügig auch andere Quellen) als Fallbeispiel durch das NRVP-Projekt "Koordinierung"

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
  • Landkreis Euskirchen
Projektbeteiligte: 
  • Gemeinden des Landkreises Euskirchen

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Januar 1999
Projektende: 
März 2002
Info zur Laufzeit: 
Im März 2002 wurde der Kreis Euskirchen in die AGSF aufgenommen, die Fahrradförderung läuft als "Dauermaßnahme" weiter.

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Herr Franz Unterstetter
Kreis Euskirchen
Bereich Bauen, Umwelt, ÖPNV, Abfall
Jülicher Ring 32
53879 Euskirchen

Fahrradbeauftragter
Herr Marcus Sprung
Kreis Euskirchen
Telefon: +49(0) 2251/15 - 597
Telefax: +49(0) 2251/15 - 391
E-mail: marcus.sprung@kreis-euskirchen.de

Meta-Info
Stand der Information
31. Dezember 2005
Autor
Axel Beyer, Patrick Hoenninger (Planersocietät Dortmund)
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Nordrhein-Westfalen