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Verkehrsentwicklungsplanung und Lokale Agenda 21

Radverkehrsförderung in der Stadt Lörrach

Radweg in einer Einbahnstraße (Tumringer Straße)
Radweg in einer Einbahnstraße (Tumringer Straße) © H. Wilke

1. Ausgangssituation

Die Stadt Lörrach, im südlichen Baden-Württemberg gelegen, ist Kreisstadt des Landkreises Lörrach und liegt weniger als 5 km vom Dreiländereck Deutschland, Frankreich und der Schweiz entfernt. Dieser trinationale Ballungsraum "Regio TriRhena" ist Lebens- und Wirtschaftsraum von ca. 2,3 Mio. Einwohnern und gewinnt im zusammenwachsenden EU-Raum als Region eine besondere Bedeutung.
Kennzeichnend ist die kompakte Innenstadt, die sich in Tallage am Fluss Wiese entlang zieht. Der überwiegende Teil der Bevölkerung wohnt in einem Einzugsbereich von 1-2 km um die Innenstadt, etwa ein Drittel lebt in den nördlichen Ortsteilen.
2004 lag der Motorisierungsgrad im Stadtgebiet bei 656 Kfz pro 1.000 Einwohner. Der Radverkehrsanteil ist im Verlauf der letzten Jahre stark gestiegen; derzeit liegt er bei ca. 15%. Neben dem traditionell schon immer in der Region stark vorhandenen Freizeitverkehr wird das Fahrrad zunehmend für die Wege des Alltags genutzt.
Die Grundlage für das verkehrspolitische Konzept der Stadt ist die "Integrierte Verkehrskonzeption Lörrach" (IVK) und das Leitbild "Lörrach 2002". Schon im Generalverkehrsplan 1980, im Verkehrskonzept 1987 und im Parkraumbewirtschaftungskonzept 1990/1997 wurde der Förderung der Verkehrs mit umweltfreundlichen Verkehrsmitteln Bedeutung beigemessen. Die im Rahmen des Lokalen Agenda 21-Prozess fortentwickelte Generalverkehrsplanung als IVK Lörrachs, verfolgt in ihrem Leitbild "Lörrach 2002" das Ziel einer nachhaltigen Verkehrsentwicklung unter Beachtung des Umweltschutzes und der Bedürfnisse aller Stadtbewohner.
Im Jahr 2001 ist eine gesamtstädtische Radverkehrsplanung zusammen mit lokalen Akteuren (Untergruppe Radverkehrsplanung des Arbeitskreises Integrierte Verkehrskonzeption) erarbeitet worden.
Seit 1997 liegt ein Nahverkehrsplan vor, durch den die Regio-S-Bahn, unterstützt durch die Verknüpfung der Regional- und Stadtbuslinien mit abgestimmten Taktfahrplan, eingeführt wurde.
Aufbauend auf den Zielen des Leitbildes (2002) wurden für die Phase ab 2005 folgende Rahmenziele für den Bereich "Lebensraum und Mobilität" vom Gemeinderat beschlossen:

  • Die Mobilität soll nutzer- und umweltfreundlicher gestaltet werden.
  • Lörrachs Attraktivität soll für alle Lebensbereiche und Generationen gestärkt werden.

Lörrach war Modellstadt im Projekt "Dauerhaft umweltverträgliche Mobilität in Stadt und Region" des Umweltbundesamtes, das 2003 abgeschlossen wurde. Im Rahmen des Projekts wurde u.a. ein modellhaftes Qualitätsziel-Indikatoren-System für die kommunale Verkehrsplanung entwickelt, das in Lörrach evaluiert wurde.

2. Organisations- und Beteiligungsstruktur

Die Stadt Lörrach hat eine gute Beteiligungsstruktur, was in erster Linie auf die jahrelange Zusammenarbeit der lokalen Akteure im Lokalen Agenda 21-Prozess zurückzuführen ist. Ausgangspunkt war die Bearbeitung der "Stärken und Schwächen Lörrachs aus der Sicht des Einzelhändlers" im November 1996 an der Berufsakademie Lörrach. Dies führte zum Beschluss des Gemeinderates 1997, die bestehenden Stadtmarketingaktivitäten auf weitere kommunalpolitische Handlungsfelder auszuweiten und als Lokalen Agenda Prozess weiterzuführen.
Insgesamt waren ca. 110 ausgewählte Personen in fünf Arbeitskreisen und 75 Teilnehmende an Runden Tischen beteiligt. Die Arbeitskreise erarbeiteten zu den Themen Wirtschaft, Umwelt, Soziales, Kultur und Verkehr in einem langfristigen Prozess Leitlinien und Maßnahmen unter Berücksichtigung ökologischer, sozialer und ökonomischer Aspekte. Der Arbeitskreis "Integrierte Verkehrskonzeption" entwickelte das Handlungsprogramm zum Bereich Verkehr. Dabei trug die Unterstützung durch externe Beratung zur Veranschaulichung und Beschleunigung von Diskussionsprozessen bei.
Begleitet wurde die Ausarbeitung des Leitbilds "Lörrach 2002", das die aufeinander abgestimmten Ergebnisse der verschiedenen Arbeitskreise zusammenfasste, durch mehrere Bürgerinformations- und Diskussionsveranstaltungen, sieben Infobriefe und die Mitarbeit der Medien. 1998 wurde das Leitbild als zukünftiges Handlungsprogramm vom Gemeinderat verabschiedet.
Die entwickelten Projektvorschläge und die Prioritäten zur Umsetzung werden in den bestehenden Facharbeitskreisen und -ausschüssen der Verwaltung diskutiert. In diese sind auch Interessenvertreter aus der Bürgerschaft eingebunden.
Im Jahr 2005 ist Bilanz gezogen worden. Aufbauend auf den festgestellten Defiziten zur Umsetzung des Leitbilds beschloss der Stadtrat die Weiterführung des Agenda-Prozesses und beauftragte fünf Arbeitsgruppen mit der Überarbeitung und Neudefinition von zukünftigen Zielsetzungen.

3. Konzepte zur Förderung des Radverkehrs

Die im Rahmen des Arbeitskreises "Integrierte Verkehrskonzeption" erarbeitete gesamtstädtische Radverkehrsplanung stellt die Basis zur Förderung des Radverkehrs dar. Ziel ist die weitere Optimierung des Radverkehrsnetzes durch die fortlaufende Umsetzung punktueller Maßnahmen.
Nach dem Prinzip der Angebotsplanung soll ein differenziertes, dichtes und geschlossenes Alltagsnetz entstehen. Folgende Schwerpunkte der Fahrradverkehrsförderung standen dabei im Vordergrund:

  • Die sichere Führung des Radverkehrs entlang von Hauptverkehrsstraßen.
  • Der Ausbau von Ost-West-Verbindungen mit verbesserten Querungsmöglichkeiten des Bahnkörpers.
  • Die nutzerfreundliche Gestaltung der Hauptstraßen in den Durchfahrten einzelner Stadtteile.

Zusammen mit flankierenden Maßnahmen im Bereich Marketing und Öffentlichkeitsarbeit wird eine Steigerung des Radverkehrs am Gesamtanteil des Verkehrs verfolgt.

3.1 Radverkehrsnetz und Wegweisung

In der gesamtstädtischen Radverkehrsplanung wird von folgenden Standards ausgegangen:

  • Auf Hauptverkehrsstraßen wird eine fahrbahnnahe Führung des Radverkehrs, insbesondere der Radfahrstreifen und Schutzstreifen, favorisiert.
  • An Knotenpunkten wird die nicht abgesetzte Radfahrerfurt und das direkte Linksabbiegen angestrebt. In untergeordneten Zufahrten von signalisierten Knotenpunkten sollen aufgeweitete Aufstellbereiche für Radfahrer angelegt werden.
  • Erschließungsstraßen mit besonderer Netzbedeutung für den Radverkehr sollen als Fahrradstraßen eingerichtet, Einbahnstraßen für die Gegenrichtung freigegeben werden.

Ein landkreisweites Wegweisungssystem nach FGSV-Standard, das sich sowohl an Alltags- als auch an Freizeitzielen orientiert, soll bis 2007 umgesetzt werden. Es knüpft an grenzüberschreitende Radverbindungen an.
Folgende Maßnahmen wurden bisher realisiert:

  • Markierung von Schutzstreifen auf Hauptverkehrsstraßen mit einer Breite von 1,60m
  • Anlage alternierender Schutzstreifen zur Sicherung des Radverkehrs in Straßen, deren Fahrbahn für die Markierung beidseitiger Schutzstreifen zu schmal ist.
  • Aufgeweitete Radaufstellstreifen an Kreuzungen und Einmündungen
  • Öffnung von Einbahnstraßen in Gegenrichtung für den Radverkehr
  • Änderung der Verkehrsführung für den Kfz-Verkehr in sensiblen Bereichen
  • Führung des Radverkehrs auf "Umweltspuren" zusammen mit dem Busverkehr
  • Ausbau und stärkere Vernetzung von Fußgängerzonen. Der Großteil der Fußgängerzonen darf von Radfahrern ohne zeitliche Einschränkung befahren werden.
  • Verbesserung der westlichen Innenstadt-Umfahrung, die besonders bei Großveranstaltungen in der Fußgängerzone von Bedeutung ist.
  • Errichtung eines neuen Bahnübergangs
  • Reduzierung der Fahrbahnbreite in den Ortsdurchfahrten verschiedener Ortsteile und Abmarkierung von Schutzstreifen
  • Aufhebung von Parkplätzen entlang wichtiger Radverkehrsverbindungen
  • Radfahrfreundliche Signalisierung mit Induktivschleifen im Ansphalt

3.2 Fahrradparken

Im Innenstadtgebiet befinden sich mittlerweile ca. 250 Abstellplätze. Dabei handelt es sich um Anlehnbügel und abmarkierte Stellplätze ohne Bügel. Im Zuge der Modernisierung aller SPNV-Haltepunkte wurden auch mehrere überdachte Fahrradabstellanlagen errichtet. An Haltepunkten der Regio-S-Bahn wurden spezielle Bügel angebracht, die das Wegrollen von Fahrrädern verhindern. Am Hauptbahnhof soll zudem eine Fahrradstation errichtet werden.

3.3 Intermodalität

Nach der Modernisierung aller Bahnsteige können an allen SPNV-Haltepunkten die Fahrzeuge ebenerdig betreten werden. An mehreren Haltepunkten der Regio-S-Bahn wurden zusätzliche fuß- und fahrradfreundliche Eingänge geschaffen.
Durch die neu geschaffenen Haltestellen Dammstraße und Schillerstraße der Regio-S-Bahn wurde die Erreichbarkeit der Innenstadt weiter verbessert.
In den Nahverkehrszügen im Landkreis Lörrach darf das Fahrrad von Montags bis Freitags ab 9 Uhr und am Wochenende durchgehend kostenlos mitgenommen werden. Seit 2002 ist in den Berglinien des Stadtbusverkehrs die kostenlose Fahrradmitnahme möglich.

3.4 Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

Das Leitbild "Lörrach 2002" beinhaltet ein konsequentes Marketing und eine intensive Öffentlichkeitsarbeit zur Förderung des Umsteigens auf Bahn, Bus und Fahrrad.
Zur Kontinuität von Planung und Umsetzung von Maßnahmen trägt die in der Stadtverwaltung eingerichtete Stelle des Radverkehrsbeauftragten und das engagierte Mitwirken von Bürgergruppen (IG Velo, VCD, Agenda-21-Arbeitsgruppen) bei.
Alle zwei Jahre findet in der Stadt ein Energie- und Verkehrsaktionstag statt, an dem sich die Bürgerinnen und Bürger über umweltschonende Mobilität informieren können. Die Neuauflage eines Fahrradstadtplans ist projektiert.
Die IG Velo und der örtliche Verkehrsclub Deutschland (VCD) werben in ihren Publikationen und durch ihre Angebote für das Radfahren. Sie bringen ihre Fachkenntnis in allen verkehrsplanerischen Projekten mit ein.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

In Lörrach stehen Verkehrsentwicklungsplanung und Lokale Agenda 21 in einem engen Zusammenhang, der als integrierte Diskussions- und Planungskultur bezeichnet werden kann. Der vorbildliche Prozess der Leitbild-Entwicklung unter breiter Öffentlichkeitsbeteiligung und mit Unterstützung der Leitungsebene von Politik- und Verwaltung sowie vorgesehener Institutionalisierung auf kommunaler Entscheidungsebene sichert eine langfristige Tätigkeit.
Lörrach zeigt, dass auch mit begrenzten Haushaltsmitteln zur Förderung des Fahrradverkehrs ein gutes Radverkehrsnetz geschaffen werden kann. Die schwerpunktmäßig angewandten Schutzstreifen ließen es zu, parallel andere aufeinander abgestimmte Maßnahmen umzusetzen.
Die Umstellung auf ein dichtes Regio-S-Bahn-Angebot in Kombination mit der Einrichtung neuer Haltepunkte und Abstellanlagen stellt eine Verbesserung des Angebots zur Nutzung der kombinierten Verkehrsmittel Bahn/Fahrrad dar. Dies trägt zu einer neuen städtischen "Fahrradkultur" bei.

Finanzierung

Finanzierung: 
Kommunale Mittel
Erläuterungen: 
Zusätzlich standen bspw. für die Modernisierung der Regio-S-Bahn-Haltepunkte Haushaltsmittel zur Förderung des ÖPNV zur Verfügung.
Pro Jahr stehen ca. 30.000 bis 50.000 Euro für die Radverkehrsförderung der Stadt zur Verfügung.
Für die Finanzierung der landkreisweiten und grenzüberschreitenden Radwanderwege werden Interreg II-Mittel eingesetzt.
Die konsequente Markierung von Schutzstreifen entlang der Hauptverkehrsstraßen stellt eine kostengünstige Maßnahme zur Förderung des Radverkehrs im Alltag dar. Andere Maßnahmen, die im Leitbildprozess erarbeitet wurden, sind über mehrere Jahre hinweg im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten sukzessive umgesetzt worden.

Evaluation

Evaluation: 
nein

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Stadt Lörrach

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Kommunale Ansprechpartner: 
Fachbereich Straßen/ Verkehr/ Sicherheit
Herr Arne Lüers
Luisenstr. 16
79539 Lörrach
Telefon: +49(0)7621/415547
E-mail: a.lueers@loerrach.de

Meta-Info
Stand der Information
1. Dezember 2007
Autor
Jürgen Nef, Stadt Lörrach / Dankmar Alrutz (Planungsgemeinschaft Verkehr - PGV), Juliane Krause (plan&rat): Zweiter Fahrradbericht der Bundesregierung, Auftraggeber: Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Baden-Württemberg