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Verkehrssicherheitsarbeit von Caritas und Polizei

Radfahrkurs für Menschen mit einer geistigen Behinderung

Die erfolgreichen Teilnehmer des Radfahrtrainings
Die erfolgreichen Teilnehmer des Radfahrtrainings © Peter Staudinger

Ausgangssituation

Das Projekt verfolgt das Ziel, Menschen mit einer geistigen Behinderung, die sich mit dem Rad eigenständig im Straßenverkehr bewegen können, Sicherheit zu geben. Hierzu sind insbesondere Kenntnisse von Straßenverkehrsschildern, Verkehrsregeln und Verhaltensregeln im Straßenverkehr notwendig. Ein weiteres Ziel liegt darin, den Teilnehmern Ratschläge bezüglich einer sicheren Fahrradausrüstung zu erteilen. So wurde bei dem Training die Notwendigkeit eines Fahrradhelms sowie die Verkehrssicherheit des eigenen Rades anschaulich erläutert. Die Idee zum Projekt ist durch die Caritas Dortmund im Bereich des ambulant betreuten Wohnens entstanden. Hier leben Menschen mit einer geistigen Behinderung mit ambulanter Betreuungshilfe in der eigenen Wohnung. Gute Radfahrkenntnisse können gerade bei diesen Menschen die Mobilität, Autonomie im Alltag und Teilhabe am gesellschaftlichen Lebendeutlich steigern.

In der alltäglichen Arbeit mit geistig behinderten Menschen sind jedoch Unsicherheiten im Umgang mit Straßenverkehrsregeln spürbar. Letzlich ausschlaggebend für das Projekt war eine Ferienfreizeit mit dieser Zielgruppe. Bei einem Fahrradausflug traten die fehlende Koordination sowie die Unsicherheit im Straßenverkehr sehr deutlich zutage. In einem späteren Gespräch der Caritas-Betreuer stellte sich heraus, dass Wissenslücken und fehlendes Training die Ursachen dieser Defizite waren und letzlich auch die seltene Nutzung vorhandener Fahrräder erklärten. Der Wunsch jedoch, mit dem Fahrrad allein unterwegs sein zu können, war bei einem Großteil der Gruppe vorhanden.

Aufgrund dieser Erfahrungen beschloss die Caritas Dortmund ein Radfahrtraining für geistig behinderte Menschen zu organisieren. Dabei lag es nahe, das Projekt in Zusammenarbeit mit der Polizei Dortmund zu realisieren. Hierzu erfolgte zunächst eine mehrmalige persönliche Kontaktaufnahme durch einen pädagogischen Mitarbeiter. Die Konzeptentwicklung erfolgte bei einem Treffen gemeinsam mit den Vertretern der Polizei, die dabei u.a. über die Art und Schwere der geistigen Behinderungen und deren Auswirkungen aufgeklärt wurde. Die pädagogische Begleitung und Unterstützung innerhalb des Kurses erfolgte durch die Caritas.

Projektdurchführung

Die Teilnehmer wurden persönlich von den pädagogischen Mitarbeitern der Caritas angesprochen und zum Mitmachen eingeladen. Voraussetzung war es, Fahrrad fahren zu können und Interesse daran zu haben. Das Projekt wurde in Kooperation mit der Abteilung Verkehrsunfallprävention der Polizei Dortmund durchgeführt. Mehrere Beamte arbeiteten an der Planung und während der Trainingstage mit, und die beteiligten Polizisten machten dabei viele neue Erfahrungen. So konnte z.B. das sonst in den Kursen der Polizei übliche Konzept nicht eins zu eins umgesetzt werden. Diesmal war es z.B. wichtig, intensiv auf den Einzelnen einzugehen, die Situationen wiederholt zu üben und in einfacher Sprache zu erklären, die Frustrationstoleranz der Teilnehmer zu erhöhen und die Motivation zur Teilnahme an den Übungen immer wieder zu fördern. Hierbei war die Unterstützung durch die Mitarbeiter der Caritas Dortmund wesentlich.

Das Projekt bestand sowohl aus praktischen als auch aus theoretischen Elementen. Es wurde an vier Tagen, in jeweils fünfstündigen Veranstaltungen durchgeführt. Neben den fünf Kursteilnehmern waren zwei Mitarbeiterinnen der Polizei, sowie ein Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin des Caritasverbandes dabei. Der Trainingsplatz der Polizei Dortmund verfügt über einen Kursraum mit allen notwendigen Anschauungsmaterialien und verkehrssicheren Rädern sowie einen großen Übungsplatz, auf dem sich alltagsübliche Verkehrssituationen nachstellen lassen.

Der theoretische Teil des Kurses bestand aus den folgenden Elementen:

  • Es wurden einfache Bildbögen ausgegeben, die zur Darstellung von Verkehrssituationen und -regeln benutzt wurden, z.B. "Rechts vor Links" und Verkehrsschilder.
  • Die Bögen wurden mehrmals besprochen und die Teilnehmer konnten eigene Erfahrungen schildern. Dies ist bei Menschen mit geistigen Behinderungen sehr wichtig.
  • In der Mitte des Raumes wurde ein verkehrssicheres Rad aufgebaut, an dem sich wichtige Elemente hervorheben ließen, wie z. B. Licht, Reflektoren und ein Helm.
  • Anhand von Magnetbildern wurden an der Tafel Verkehrssituationen eingeübt und die Bedeutung der Verkehrsschilder erklärt.
  • Am Ende wurde mit pädagogischer Hilfestellung ein theoretischer Test durchgeführt.

Der praktische Teil umfasste die folgenden Inhalte:

  • Gleichgewichtsübungen auf dem Rad waren anfangs notwendig, um den Teilnehmern Sicherheit beim Fahren zu geben. Es wurde z. B. eine Holzwippe aufgestellt über die die Teilnehmer gefahren sind.
  • Bei Übungen, in denen es darum ging, möglichst am Rand einer Straße zu fahren und immer am Bürgersteig abzusteigen, wurden die Teilnehmer durch Zurufen auf Fehler aufmerksam gemacht oder gelobt.
  • Wenn die Teilnehmer Sicherheit beim Fahren erlangt hatten, waren Übungen von Handzeichen und Schulterblick möglich.
  • "Rechts vor Links"-Situationen wurden geübt und während der Praxis immer wieder erklärt.
  • Am Ende fand auch hier eine praktische Prüfung statt.

Nach dem erfolgreichen Durchlaufen des theoretischen und des praktischen Teils erhielten die Kursteilnehmer einen "Fahrradführerschein". Im Falle unserer Zielgruppe half dies nochmal dabei, die Ernsthaftigkeit des Themas zu verdeutlichen.

Aufgrund der geringen Konzentrationsfähigkeit der Teilnehmer wurden in der Durchführungsphase die immer wieder notwendigen Pausen konsequent eingelegt. Darüber hinaus galt es, sowohl beim theoretischen als auch beim praktischen Teil eine Überforderung zu vermeiden. Diese Herausforderung ließ sich durch ständige Wiederholungen und Übungen lösen. Wichtig ist dabei, erlebte Situationen immer wieder zu thematisieren und den Betroffenen in Erinnerung zu holen. Dadurch können erlernte Informationen wieder abgerufen werden. Die Zielgruppe ist auf eine leicht verständliche Sprache angewiesen. Durch den guten Betreuungsschlüssel konnte individuell auf die Teilnehmer eingegangen werden.

Eine Vertiefung findet nun, im Nachhinein, durch die Betreuer des ambulanten Dienstes der Caritas statt, die die verkehrsüblichen Situationen mit den Zielpersonen immer wieder im Straßenverkehr trainieren. Die Betreuer des ambulant betreuten Wohnens begleiten die Teilnehmer bei ihren alltäglichen Wegen. Die Kollegen nutzen diese Klienten-Termine, um Hobbies der Betroffenen gemeinsam auszuführen und sie zu motivieren, ihren Interessen ohne Aufforderung nachzugehen. Das kann z.B. heißen, dass Kunden auf dem Rad begleitet werden und das Thema Radfahren im Rahmen von Freizeitaktivitäten aufgegriffen wird. Wer möchte, wird auch dabei unterstützt, Wege einzutrainieren, sich ggf. ein Rad zu kaufen, dieses verkehrssicher zu machen und regelmäßig zu nutzen.

Im Rahmen einer Nachbereitung, an der auch die Vertreter der Dortmunder Polizei teilnehmen werden, soll ein Wiederholungstraining mit den gleichen Teilnehmern stattfinden, um die Inhalte zu vertiefen.

Die Reaktionen seitens der Teilnehmer waren zunächst zurückhaltend. Dies ist sicherlich darauf zurück zu führen, dass viele von ihnen sich dabei unsicher fühlten, mit dem Fahrrad eigenständig und ohne Begleitung zu fahren. So war bislang auch die Motivation, ohne Aufforderung eine Radtour zu unternehmen oder sich selbständig dazu mit anderen zu verabreden, gering. Aus diesem Grund besaßen viele Teilnehmer kein Rad, wie eine Bedarfsabfrage während des Trainings ergab.

Ausblick

Innerhalb des Projekts sind für alle Beteiligten die Schwierigkeiten bewusster geworden, die Menschen mit einer geistigen Behinderung im Straßenverkehr zu überwinden haben. Neben Koordinationsproblemen, die im Rahmen des Projekts durch Übungen abgebaut werden konnten, ist besonders die Umsetzung von theoretisch erlernten Elementen in die Praxis ein Problem. Dies ist aber lösbar, indem kontinuierlich mit der Zielgruppe geübt wird. Darüber hinaus können Barrieren und Berührungsängste gegenüber der Polizei abgebaut werden. Dies spielt für unser Klientel im alltäglichen Leben eine wichtige Rolle. Letztlich wird auch die allgemeine Verkehrssicherheit in der Stadt erhöht.

Wir planen, in Dortmund dauerhaft Fahrradtrainings für Menschen mit Behinderungen anzubieten. Derzeit sind wir noch auf der Suche nach Sponsoren für Fahrräder.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Der Anlass, solche Projekte zu initiieren, ist besonders die jetzige und zukünftige Entwicklung in der Behindertenhilfe. Der Gedanke, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung nicht in einem Wohnhaus mit Vollzeitbetreuung, sondern allein in einer Wohnung mit individuell vorgegebenen Stunden an Unterstützung leben, erfordert uneingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und eine funktionierende Alltagsmobilität.

Das Projekt verfolgt somit den Gedanken einer verbesserten Teilhabe von Menschen mit einer Behinderung am gesellschaftlichen Leben. Niemand soll ausgeschlossen werden, weil er anders ist. Menschen mit Behinderung sollen die Ressourcen in ihrem Sozialraum nutzen können. Dies bezieht die Nutzung von Angeboten relevanter Behörden und Institutionen mit ein. Alltagsmobilität ist hierfür die unabdingbare Voraussetzung. Die UN-Konvention, die seit 2008 für die Rechte von Menschen mit Behinderungen eintritt, fordert diesbezüglich weltweit Chancengleichheit. Wir hoffen, dass Projekte wie das hier vorgestellte zukünftig selbstverständlich werden und freuen uns auf eine weitere Zusammenarbeit mit der Polizei Dortmund.

Finanzierung

Finanzierung: 
Landesmittel
Private Mittel (ohne Sponsoring und Spenden)

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Intensive pädagogische Arbeit durch die Betreuer des ambulant betreuten Wohnens, kontinuierliches trainieren, auffrischen und prüfen des erworbenen Wissens der Teilnehmer, Erfahrungsaustausch und kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Polizei.

Projektträger & Beteiligte

Projektbeteiligte: 
5 Menschen mit einer geistigen Behinderung aus dem ambulant betreuten Wohnen, Nina Roy, Peter Staudinger (Caritas Dortmund, Ambulant Betreutes Wohnen), Polizei Dortmund Verkehrsunfallprävention/-opferschutz

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Juli 2012
Info zur Laufzeit: 
Dauermaßnahme gewünscht, aber noch nicht geklärt.

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Caritasverband Dortmund e.V.
Ambulant Betreutes Wohnen
Hansastr. 61
44137 Dortmund
Telefon: 0231/187151-162
Telefax: 0231/187151-1409
E-mail: abw-behinderung@caritas-dortmund.de
WWW: www.caritas-dortmund.de

Meta-Info
Stand der Information
9. Oktober 2012
Autor
Nina Roy, Caritasverband Dortmund, Projektmitarbeiterin
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Nordrhein-Westfalen