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Forschungsprojekt zum Unfallgeschehen

Prospektive Studie zu Unfällen und Beinaheunfällen von Pedelecs und Fahrrädern

Mann mit Fahrrad
© MHH

Hintergrund

Von 2014 bis 2017 ist die Anzahl der Pedelecs von 1,6 auf 3,1 Mio. stark angestiegen. In diesem Zeitraum erhöhte sich die Anzahl der Unfälle mit dem Pedelec um 57%. Die Anzahl der verletzen Pedelec-Fahrer stieg dabei von 2.184 in 2014 auf 5.047 in 2017 und die Anzahl der Verstorbenen von 39 auf 68 (Pressekonferenz Juli 2018, Statistisches Bundesamt). Für das Jahr 2017 ergibt sich eine Unfallquote von 0,17%.

In der vorangegangenen Studie „Pedelecs und Gesundheit“ (durchgeführt von den Antragstellern) im Rahmen des „Nationalen Radverkehrsplans 2020“ wurden bis zum 31.12.2019 die gesundheitsfördernden Effekte der Pedelec-Nutzung untersucht. Ziel dieser Studie war es zu untersuchen, welchen Beitrag das Pedelec in der Förderung der Gesundheit leisten kann. Die Hypothese war, dass die WHO-Empfehlungen mit 150 min. moderater bzw. 75 min. intensiver ausdauernder körperlicher Aktivität pro Woche auch von Pedelec-Fahrern erreicht werden. Zusätzlich wurde über Fragebögen das Nutzungsverhalten sowie die Lebensqualität und körperliche Aktivität erhoben. Zur begleitenden gesundheitsökonomischen Untersuchung haben die Teilnehmer dabei auch angegeben, ob sie einen Unfall (auch Alleinunfälle) oder eine kritische Situation (Beinaheunfall) hatten. Bei einer Zwischenauswertung von 1.124 ausgewerteten Teilnehmern gab es Unfallraten pro Jahr von 11,6% (68% höher als die o.g. Zahlen) und Beinahe-Unfallraten von 13,7%.

Die deutlich höheren Unfallzahlen liegen im Wesentlichen daran, dass im Rahmen der Studie auch Unfälle außerhalb des Straßenverkehrs sowie Allein- und Beinaheunfälle erhoben wurden. Allein- und Beinaheunfälle und Unfälle abseits des Straßenverkehrs werden selten polizeilich erfasst bzw. gemeldet und erscheinen entsprechend selten in der Statistik. In Untersuchungen zur Dunkelziffer von Fahrradunfällen wird davon ausgegangen, dass bis zu 98% der Alleinunfälle nicht polizeilich gemeldet werden (Chu, K., 2013). In einer Auswertung der im Jahr 2016 an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) behandelten, verunfallten Fahrradfahrer ergab sich eine Dunkelziffer von 44% unter Berücksichtigung aller Fahrradunfälle und 86% bei den Alleinunfällen (Johannsen, H., 2018).

Ziel des Vorhabens

Ziel der Studie ist es, 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer u.a. aus der o.g. Studie „Pedelecs und Gesundheit“ (über Deutschland verteilt) vergleichend über zwei Jahre hinsichtlich der Unfälle (inklusive Alleinunfälle) und Beinaheunfälle detailliert zu untersuchen. Gezielt soll gegen eine „Nichtberichtung“ von Allein- und Beinaheunfällen gewirkt werden, um das Problem der Dunkelziffer proaktiv zu reduzieren. Beide Unfallarten werden in den seltensten Fällen polizeilich gemeldet. Die Daten sollen Aufschluss über die Unfalltypisierung sowie Unfallhergang- und Gegner, Unfallursachen und Verletzungen liefern. Zudem wird das subjektive Sicherheitsempfinden verschiedenster Zielgruppen (Pedelec- und Radfahrer, Alter, Geschlecht, Erfahrungsstand, Fahranfänger etc.) im Straßenverkehr mit abgefragt, um zielgerichtete Maßnahmen zur Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur zu schaffen. Durch die aktuell geplante Weiterverfolgung des Probandenkollektivs liegen auch Daten zur Unfallgeschichte der Teilnehmer vor. Die Betrachtung des Probandenkollektivs ermöglicht eine Langzeitbetrachtung von bereits verunfallten Radfahrern (Unfallmeldungen seit 02/2017).

Mit dieser Studie möchten wir dazu beitragen, eine realistische Abbildung der Unfälle darzustellen, die Unfälle detailliert zu beleuchten und einen Vergleich zum Unfallgeschehen von Pedelec und nicht-motorisiertem Fahrrad herzustellen. Die detaillierte außerpolizeiliche Beleuchtung der Unfälle kann dazu beitragen, präventive Maßnahmen in Form von Handlungsempfehlungen abzuleiten und damit das Sicherheitsempfinden von Radfahrern im Straßenverkehr zu verbessern. Adressiert werden sollen verschiedene Zielgruppen auf individuellem Wege. Mit Publikationen in Fachmagazinen und Vorträgen auf Kongressen sollen Experten über das Unfallgeschehen und daraus abgeleitete Konsequenzen informiert werden. So können Strategien zur Unfallvermeidung in Medien und Politik verbreitet werden. Nutzergruppen (Pedelec- und Fahrradfahrer) werden über bundesweite Broschüren mit Handlungsempfehlungen erreicht. Die Umsetzung von Sicherheitsempfehlungen beruhend auf Unfall- und Beinaheunfallschilderungen kann die Entwicklung des Radverkehrs positiv beeinflussen. So werden auf der einen Seite zukünftige Unfälle verhindert und auf der anderen Seite bereits verunfallten Radfahrern ein erhöhtes Sicherheitsgefühl gegeben.

Die aktuellen und offiziellen Zahlen zur Pedelec-Unfallstatistik geben das tatsächliche Unfallgeschehen nicht annähernd wieder. Dies liegt einerseits daran, dass Pedelecs nach Erfahrungen der Unfallforschung der MHH nicht immer korrekt als solche in den Unfallanzeigen angegeben wurden und andererseits daran, dass nicht alle Unfälle von Rad- und Pedelecfahrern polizeilich erfasst werden. Im Projekt sollen daher an einem großen, repräsentativen Kollektiv prospektiv die Unfälle und Beinaheunfälle erfasst werden. Vor allem auf Basis realistischer Unfallzahlen lassen sich Differenzen von Rad- und Pedelecnutzung einschätzen und präventive Maßnahmen zur Vermeidung und Reduktion der Unfallfolgen initiieren. Gemäß Straßenverkehrsunfallgesetz werden in der amtlichen Unfallstatistik polizeilich gemeldete Unfälle erfasst, an denen mindestens ein fahrendes Fahrzeug (auch Fahrrad) beteiligt ist, die auf öffentlich zugänglichem Straßenland stattgefunden haben und die auf die normalen Gefahren des Straßenverkehrs zurück zu führen sind. Das bedeutet, dass Unfälle auf Wald- und Feldwegen nicht in die amtliche Statistik einfließen. Des Weiteren werden insbesondere Unfälle, die von einem Radfahrer verursacht wurden und bei denen nur ein Radfahrer verletzt wurde, häufig nicht der Polizei gemeldet.

Daher ist die beantragte Studie eine notwendige Grundlage für die absolute Beurteilung des Unfallrisikos von Pedelecfahren auch in Relation zum Radfahren sowie für die Ableitung präventiver spezifischer Maßnahmen zur Unfallvermeidung. Beispiele für mögliche spezifische Maßnahmen könnten sein:

  • Entwicklung oder Verbesserung von gezielten Schulungsprogrammen für Pedelecfahrer (wie sie zum Beispiel von der Landesverkehrswacht Niedersachsen durchgeführt werden)
  • Vorschläge für die Motorsteuerung von Pedelecs (z.B. beim Anfahren oder Bremsen)
  • Entwicklung von Vorschlägen für Aufklärungskampagnen über Pedelecs für Kraftfahrzeugführer und Fußgänger
  • Entwicklung von Vorschlägen für eine verbesserte Infrastruktur inklusive Wartung der Infrastruktur (z.B. sichere Erkennung von Radwegkantsteinen)

Literatur

Chu K. Münster, ein heißes Pflaster für Fahrradfahrer? – Eine medizinische und technische Analyse zur Ermittlung von Zusammenhängen zwischen Unfallorten, Unfallhergängen und Verletzungsmustern von Fahrradunfällen an den häufigen Unfallorten Münsters. Dissertation an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 2013.

Johannsen H. Under-reporting of Bicycle Accidents. ESAR Conference 2018. Hannover.

 

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Der Innovationscharakter besteht darin, dass neben den statistischen Unfallzahlen Unfälle tiefgründiger und damit detaillierter untersucht werden können, um daraus abgeleitete Empfehlungen für den Radverkehr in Deutschland treffen zu können. Neben der Analyse von Verkehrsunfällen werden erstmals auch Beinaheunfälle analysiert, um Aussagen über die Dunkelziffer machen zu können. Ferner werden nicht nur Einzelaspekte untersucht, sondern der Unfall in seinem kompletten Umfang vom Unfallablauf, den Randbedingungen über die Unfallursachen zu den Verletzungen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Sportmedizin mit der Unfallforschung der MHH und der Leibniz Universität ermöglicht die Beurteilung aus verschiedenen Perspektiven. So werden neben der Analyse der Unfalldaten auch ökonomische Betrachtungen angestellt und gesundheitliche Bezüge hergestellt. Zusätzlich ermöglicht der Vergleich mit den bereits erfassten Daten eine Langzeitbetrachtung von bereits verunfallten Radfahrern und eine Beurteilung des subjektiven Sicherheitsempfindens.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Gesamtvolumen: 
434 405 €
Erläuterungen: 

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) aus Mitteln des Nationalen Radverkehrsplans 2020 gefördert.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Für die Prozessevaluation wurde ein standardisiertes Berichtswesen eingeführt.

Die Inhalte, Zeitpunkte und Standards der Berichte wurden durch die Leibniz Universität Hannover (LUH) und die MHH im ersten Projektmonat definiert. Die Berichte umfassen die Bewertung aller Meilensteine zum definierten Meilenstein-Zeitpunkt und werden jeweils durch den anderen Projektpartner (LUH für MHH und MHH für LUH) geprüft und müssen zwingend durch den Studienleiter akzeptiert werden.

Über die Meilensteine hinaus wird ein Monitoring und Berichtswesen für zentrale Projektteile festgelegt, um den Studienfortschritt im Detail bewerten zu können und Probleme rechtzeitig zu erkennen und zu beheben. Das gilt insbesondere für den aktuellen Rekrutierungsstand und die Datenvollständigkeit.

Definiert werden monatliche Berichte über die Rekrutierung, die Vollständigkeit der probandenbezogenen Studienunterlagen, die Datensicherheit, die Fehlerquoten in der Kommunikation und im Datentransfer, die Kommunikationshäufigkeit mit den Probanden, Probleme bei Probanden (Feed-Back-Routinen bei Probanden).

Die Zielerreichung (Studienziele und Verwertungsplan) wird bewertet und berichtet.

Die SMART-Kriterien zur Evaluation sind im Antrag/Studiendesign berücksichtigt.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Prof. Dr. Uwe Tegtbur, Medizinische Hochschule Hannover (MHH), Institut für Sportmedizin

Projektbeteiligte: 
  • Prof. Dr. Graf von der Schulenburg, Leibniz Universität Hannover (LUH), Institut für Versicherungsbetriebslehre
  • Dr.-Ing. Heiko Johannsen, Medizinische Hochschule Hannover (MHH), Verkehrsunfallforschung
  • Prof. Dr. Armin Koch, Medizinische Hochschule Hannover (MHH), Institut für Biometrie

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Januar 2020
Projektende: 
Dezember 2022

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Hedwig Theda Boeck
Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Sportmedizin
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover
Telefon: 0511-532-5367
Telefax: 0511-532-8199
E-Mail: Boeck.Hedwig@mh-hannover.de

Meta-Info
Stand der Information
11. Januar 2021
Autor
Hedwig Theda Boeck, Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Sportmedizin
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Deutschland