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Kinder-Radfahrtraining

Profis auf der Straße - Rad fahren lernen in der Verkehrsrealität

Radfahrtraining im Straßenraum mit Begleitperson
Radfahrtraining im Straßenraum mit Begleitperson © Forschungsgesellschaft Mobilität

Ausgangssituation

In Österreich dürfen Kinder mit 12 Jahren allein im Straßenverkehr Rad fahren oder ab 10 Jahren mit bestandener Radfahrprüfung. Im Lehrplan der vierten Klasse an den Volksschulen (vergleichbar mit der deutschen Grundschule) besteht die Verpflichtung, den Theorieunterricht für die Radfahrprüfung zu erteilen und die Kinderdamit auf den theoretischen Teil der Radfahrprüfung vorzubereiten. Darüber hinaus führen Schulen auch die Vorbereitung zum praktischen Teil der Prüfung durch.

Jene Vorbereitung zur Radfahrprüfung wird im Schulalltag unterschiedlich gehandhabt. Da die Lehrpersonen teilweise selbst unsicher sind, manchmal gar nicht Rad fahren und keine Erfahrungen mit Rad fahrenden Kindern haben, wird die Verkehrserziehung vielerorts externen Organisationen überlassen. Damit die Übungsstunden vermeintlich einfach und sicher ablaufen, werden sie vielfach im sogenannten "Schonraum", also auf einem Verkehrsübungsplatz oder im Schulhof durchgeführt. So wie Auto fahren nicht nur auf einem Parkplatz gelernt werden kann ist es jedoch auch für Kinder wichtig, im Verkehrsraum unter realen Bedingungen Rad fahren zu üben.

In Graz hat die Radfahrausbildung bis 1994 ausschließlich im Verkehrserziehungsgarten stattgefunden. Diese unbefriedigende Situation war Auslöser dafür, dass die Forschungsgesellschaft Mobilität im Jahr 1995 das Projekt "Radfahrtraining – Profis auf der Straße" ins Leben gerufen hat. Seitdem haben mehr als 20.000 Schülerinnen und Schüler am Radfahrtraining in der Verkehrsrealität teilgenommen. Dabei war kein einziger Unfall zu verzeichnen. Seit 2010 wird das Programm auch an privaten Grazer Volksschulen angeboten. So nahmen 2011 ingesamt 16.98 Schülerinnen und Schüler aus 38 öffentlichen und 10 privaten Volksschulen an den Radfahrtrainings teil.

Ziel des Radfahrtrainings ist es, neben dem Erlernen und Üben von verkehrssicherem Rad fahren in realen Verkehrssituationen, die Kinder für eine sozial- und umweltverträgliche Verkehrsteilnahme zu motivieren. Das Lehrpersonal soll dabei eingebunden und mit Unterrichtsmaterialien unterstützt werden.

Projektdurchführung

Unterrichtsmaterialien

Zur Auseinandersetzung mit der Theorie und Mobilität im Allgemeinen wurden kindgerechte Materialien entwickelt, die das spielerische Erlernen der Verkehrsregeln unterstützen:

  • Die Internetseite von Rita und Ronny Roller Praxisbeispiel "Kinderwebsite: Rita und Ronny Roller", auf der die Verkehrsregeln und –zeichen spielerisch gelernt und geübt werden können.
  • Das Brettspiel "Urban Troll", bei dem durch spielerische Auseinandersetzung die Themen Verkehr, Mobilität und Umwelt sowohl kognitiv als auch emotional erschlossen werden.
  • Als Teil des Brettspiels wurde die Straßenverkehrsordnung in eine kindgerechte Fassung "übersetzt" Diese enthält die wichtigsten Regeln für eine sichere Verkehrsteilnahme in einer leicht verständlicher Form.

Dennoch der Grundgedanke des Radfahrtrainings,dass die Theorie nicht im Vordergrund stehen soll. Für die Kinder ist es wichtig, das Rad fahren aktiv zu üben und ihre Fähigkeiten zu verfestigen.

Praktische Übungen

Vorbereitungen auf dem Schulhof

Das eigentliche Fahrradtraining beginnt mit einem Fahrradsicherheitscheck. Ist das eigene Fahrrad sicher ausgestattet und entspricht es den Vorschriften? Dann beginnt das eigentliche Programm mit einer Koordinationsübung im Schulhof. Die TrainerInnen sehen dabei, wie sicher sich die Kinder mit dem Fahrrad bewegen und ob schon eine Fahrt im Straßenverkehr gewagt werden kann.

Ausprobieren auf der Straße

In Kleingruppen und begleitet von je zwei TrainerInnen geht es hinaus auf die Straße. In verkehrsarmen Tempo 30-Zonen können verschiedene Standardsituationen individuell gemeistert werden. Dabei werden einfache und zunehmend schwierigere Situationen von den SchülerInnen eigenständig bewältigt.

Besondere Situationen wie zum Beispiel das Befahren einer Kreuzung werden zunächst in der Gruppe besprochen und dann von den Kindern selbständig ausprobiert. Die TrainerInnen geben individuelles Feedback und unterstützen die Kinder einzeln, wenn sie noch unsicher sind. Die Einzelübung ist ein zentrales Element im Radfahrtraining. Das selbständige Linksabbiegen ist dabei die größte Herausforderung. Doch auch dieses Manöver meistern die kleinen Rad-Profis meist bald mit Bravour.

Evaluationen aus verschiedenen Perspektiven

Die durcheführten Radfahrtrainings werden durch die Forschungsgesellschaft Mobiltiät umfassend evaluiert. Dabei steht zunächst das Fahrkönnen und die erzielten Verbesserungen der Kinder im Vordergrund. Darüber hinaus wurden in den letzten Jahren wissenschaftliche Begleituntersuchungen mit wechselnden Schwerpunkten durchgeführt, in denen die Kinder, die Eltern sowie die Lehrerinnen und Lehrer befragt wurden.

Evaluierung des Fahrkönnens

Vor dem Radfahrtraining im Straßenverkehr wird das Fahrverhalten der Kinder in ausgesuchten Schonraumübungen bewertet (psychomotorische Übungen, Gleichgewichtsübungen, Sehübungen).In einem speziell abgestimmten Übungsprogramm werden die SchülerInnen auf die Verkehrsrealität vorbereitet. Die Übungen werden auf einem Beobachtungsbogen bewertet und mit den Übungen im Straßenverkehr verglichen. Nach dem Radfahrtraining im Straßenverkehr zeigen sich besonders Verbesserungen im Bereich der "schlechten" RadfahrerInnen: ihr Fahrverhalten verbessert sich vielfach nach nur einem Trainingstag deutlich.

Perspektive der Eltern

In der Evaluierung 2011 wurde der Fokus auf die Eltern gelegt. In dieser Befragung wurde erhoben, wie oft die Eltern selbst das Fahrrad auf ihrem Weg zur Arbeit benützen und wie oft sie mit ihrem Kind gemeinsam mit dem Fahrrad zur Schule fahren. Die Tendenz, dass immer weniger Eltern das Fahrrad für Ihre Wege benützen und so auch die wichtige Vorbildfunktion für die Kinder wegfällt, bestätigt sich in dieser Befragung.

Von den insgesamt 908 befragten Eltern gaben nur knapp 16% an, dass sie das Rad für Ihren täglichen Weg zur Arbeit benützen. Diese Zahl steht einem Prozentsatz von 67% gegenüber, der nie mit dem Rad zur Arbeit fährt. Noch geringer fällt der Prozentsatz aus, wenn es um das Begleiten der Kinder mit dem Fahrrad geht. Nur 9 der 908 befragten Eltern geben an, dass sie fast täglich mit ihrem Kind mit dem Rad zur Schule fahren, wohingegen 820 Personen (über 90%!) ihr Kind nie mit dem Rad begleiten.

Perspektive der Schülerinnen und Schüler

In einer wissenschaftlichen Begleituntersuchung im Schuljahr 2007/08 wurden 1113 Kinder der 4. Schulstufe aus 40 Grazer Volksschulen zu ihrem Mobilitätsverhalten auf dem Weg zur Schule und auf dem Weg nach Hause befragt. Dabei stellte sich heraus, dass 3% der Befragten mit dem Rad oder dem Scooter zur Schule und zurück fahren. Die meisten Kinder gehen zu Fuss (Hinweg 46%, Rückweg 47%), nutzen den Öffentlichen Nahverkehr (Hinweg 29%, Rückweg 31%) oder werden mit dem Auto gefahren (Hinweg 18%, Rückweg 16%). Die Einstellungen zum Radfahren und zum Radfahrtraining sind aber äußerst positiv. 49% der Kinder gefällt das Rad fahren, weil es "Lustig ist, Spaß macht und toll ist". Auf die Frage, was sie am Radfahren stört, antworteten 63% der SchülerInnen "Mich stört einfach gar nichts".

Perspektive der Lehrerinnen und Lehrer

2007 standen die Lehrerinnen und Lehrer im Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Begleituntersuchung. Eine Befragung von 89 Lehrenden an Grazer Schulen zeigt eine überwältigende Mehrheit an positivem Feedback: 98% der Befragten begrüßen das Projekt und wünschen sich auch in Zukunft eine Weiterführung des Radfahrtrainings. Darüber hinaus wurde nach den Verkehrsproblemen im Umfeld der Grazer Schulen gefragt. 37% der Lehrenden nannten hier verkehrsreiche und stark befahrene Straßen, 27% Geschwindigkeitsüberschreitungen vor der Schule, jeweils 25% fehlende Radwege, zu viele "Elterntaxis" und fehlende Parkplätze. 11% nannten fehlende Ampeln oder Schutzwege.

Ausblick

Das Radfahrtraining soll weiter ausgebaut werden und wird sowohl in der Strategie Radverkehr 2008 – 2012 des Landes Steiermark als auch im Masterplan Radfahren des Lebensministeriums als vorbildliches Projekt erwähnt

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

  • Nur durch Training in der Verkehrsrealität können die Kinder lernen, die täglichen Wege mit dem Fahrrad sicher zu bewältigen. Der Schwerpunkt der Erziehung liegt auf der Befähigung, sich selbständig im Verkehr zu bewegen statt auf der Erziehung zum "verkehrsgerechten Kind".
  • Neues pädagogisches Material wird eingesetzt (Spiele, Internet, StVO für Kinder übersetzt).
  • Individuelles Mobilitätsverhalten wird thematisiert und die Kinder lernen die Umgebung der Schule besser kennen.

Finanzierung

Finanzierung: 
EU-Mittel
Landesmittel
Kommunale Mittel
Sponsoring, Spenden
Erläuterungen: 
lfd. Kosten: 52.500 Euro

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
siehe oben

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Forschungsgesellschaft Mobilität, Graz

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Januar 1994

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Frau Nicole Hofbauer
Forschungsgesellschaft Mobilität
Verkehrspädagogik
Schönaugasse 8a
8010 Graz
Telefon: +43 316 810451 34
Telefax: +43 316 810451 75
E-mail: hofbauer@fgm.at
WWW: www.fgm.at

Meta-Info
Stand der Information
19. November 2012
Autor
Christian Steger-Vonmetz, BYPAD Austria
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Oesterreich