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Radverkehrskonzept und -förderung

Plan zur Radmobilität in Bozen

Corporate Identity – Logo "Fahrrad Bozen"
Corporate Identity – Logo "Fahrrad Bozen" © © helios.bz

1. Kurzbeschreibung

Mit dem vom Ökoinstitut Südtirol/Alto Adige erarbeiteten "Plan zur Radmobilität in Bozen" wurden Strategien und Maßnahmen zur Förderung der Radmobilität entwickelt und umgesetzt. Ziel war es, die Radmobilität zu einem System der Mobilität zu erheben, ein System das dieselbe Wichtigkeit und Beachtung erfährt wie die anderen Mobilitätssysteme in der Stadt. Bozen ist dabei, die Fahrradhauptstadt Italiens und ein gutes Beispiel auf europäischer Ebene zu werden.

2. Ausgangssituation

Bozen ist die Landeshauptstadt der Autonomen Provinz Südtirol (Italien) und zählt derzeit knapp 100.000 Einwohner. Die Stadt bietet sehr günstige Voraussetzungen für die Fahrradmobilität: das Stadtgebiet hat eine Ausdehnung von ca. 6 km, ist über weite Teile sehr flach und verfügt über klimatische Bedingungen, die das Radfahren ganzjährig erlauben. Zudem existierten zum Zeitpunkt der Auftragsvergabe im Jahr 2000 bereits einige Radwege die überwiegend regionale Bedeutung hatten, und bereits eine hohe Bedeutung des Fahrrades für Freizeitaktivitäten erkennen ließen. Radfahren als sportliche Betätigung wurde "trendy" und Bozen hat von dieser positiven Grundstimmung sehr profitiert.

3. Zielsetzung

Ziel ist es, die Nutzung des Fahrrads als alltägliches Verkehrsmittel in Bozen zu fördern und den Anteil des Fahrrads am Modal Split von 17,5% bzw. 59.000 Wege (Jahresdurchschnitt 2001/02) auf 25% bzw. 85.000 Wege mit dem Fahrrad pro Tag (Ziel 2007) zu steigern. Die Radmobilität soll einen wesentlichen Beitrag zur Verringerung der Luftbelastung (insbesondere Feinstäube (PM10)) und der Lärmbelastung leisten. Ferner soll die Fahrradmobilität dem Bewegungsmangel, auch bei Jugendlichen, entgegen wirken und sich somit positiv auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirken. Das Setzen auf die Radmobilität geht Hand in Hand mit einem positiven City-Marketing, denn es bietet gute Voraussetzungen für den boomenden Radtourismus und leistet einen Beitrag zu einem nachhaltigen Tourismus. Durch die guten Bedingungen für Radfahrer wird sich Bozen besser im Wettstreit der Städte in Europa positionieren, bei der ein gutes System der Fahrradmobilität sowie eine hohe Lebensqualität entscheidende Erfolgsfaktoren darstellen.

4. Projektaktivitäten

Das Ökoinstitut Südtirol/Alto Adige hat den Auftrag zur Erstellung eines "Plans zur Radmobilität in Bozen" Ende 2000 erhalten. Die Planungsarbeiten wurden mit etwas Verzögerung Ende 2001 abgeschlossen. In den darauffolgenden Jahren wurden von der Stadtverwaltung Bozen, durch diverse EU-Projekte (Emotions, VIA NOVA, etc.) kofinanziert, konkrete Infrastruktur- und Marketingmaßnahmen in Angriff genommen, die bis zum heutigen Zeitpunkt andauern. Mittlerweile erfährt dieser Prozess in Bozen eine Eigendynamik, so dass nicht von einem "abgeschlossenen" Projekt die Rede sein kann. Seitens der Planungsämter werden immer wieder neue Ideen und Maßnahmen zur Radmobilität in Angriff genommen. Zu den wichtigsten Infrastruktur- und Marketingmaßnahmen zählen:

  • ein zusammenhängendes Fahrradwegenetz (acht Hauptachsen und Nebenrouten)
  • ein Leitsystem mit unterschiedlichen Farben für die Hauptachsen (ähnlich einem U-Bahn Netz)
  • ein Plan der Fahrradabstellplätze
  • ein neuer Fahrradverleih mit hochwertigen Citybikes.

Ein besonderes Augenmerk wurde auf die Informationsvermittlung sowie ein emotionales Marketing gelegt; u.a. wurde ein handlicher Fahrradwegeplan im Format DIN A3, der aufgrund seines Faltsystems in jede Handtasche und Sakko passt, gedruckt und sog. Infopoints entlang der Radwege errichtet. Die Infopoints, wie übrigens alle anderen Maßnahmen auch, entsprechen einer "Coporate Identity" der Radmobilität und bieten nicht nur Informationen zum gesamten Radwegenetz der Stadt, sondern auch Detailinformationen über den aktuellen Standort. Außerdem werden auf einigen Infopoints, ähnlich einer Litfasssäule, News und Events zum Thema Radmobilität publiziert. Das Ökoinstitut entwickelte im Rahmen seiner Arbeiten eine neue "Corporate Identity" für die Radmobilität (mit Logo und einheitlichem Design für alle Aktivitäten in Bezug auf Fahrradmobilität). Eine Marketingkampagne wirbt in der Stadt für die Radmobilität. Dazu zählen beispielsweise Megaprints in der Größe von Hausfassaden, Werbeposter auf Bussen, Postkartenaktionen, Kinospots sowie das jährliche Fahrradfestival "Boznerradtag" mit bis zu 5.000 TeilnehmerInnen.

5. Design, Kommunikation und Marketing

Das Logo der Radmobilität in Bozen ist das Herzstück einer umfassenden "Corporate Identity", die sich auf das Leitsystem, den Fahrradplan, den Radverleih, das Werbematerial, die Marketingaktionen, die Gadgets (z.B. T-Shirts) erstreckt. Das "BZ" im Logo steht für Bozen und Bolzano und vermeidet somit alle sprachlichen Probleme und Bevorzugungen, die in einer zweisprachigen Stadt oft zu Konflikten führen.

Das Leitsystem ist ein wesentlicher Bestandteil der Radmobilität. Die Schilder befinden sich entlang der acht Hauptachsen und geben Hinweise auf Hauptziele der Radmobilität und Weiterfahrmöglichkeiten bei Kreuzungen. Das Leitsystem hilft, die Radmobilität als System der Mobilität zu begreifen und ist eine wichtige Hilfe für die Touristen und für diejenigen, die mit der Stadt nicht vertraut sind.
Der Radverkehrszähler als Medium zur Bewussteinsbildung informiert über die täglichen Fahrten an einer bedeutenden Radroute, und zwar jeweils in beide Richtungen. Außerdem informiert der Zähler auch über die Gesamtzahl an Radfahrern die seit dem 14.05.2006 vorbeigefahren sind. Durch die hohe Anzahl der täglichen Fahrten von durchschnittlich 6.000 in beiden Richtungen wird die Bedeutung des Verkehrsmittels "Rad" verdeutlicht. Ca. fünf Monate nach der Installation, wird der millionste Radfahrer erwartet.

Das Marketing der Radmobilität auf den Bussen ist ein erstes Beispiel eines Marketing der Multimodalität: beworben wird die Radmobilität in Kombination mit dem Bus, wobei im Bus ein Lichtband mit einer Werbung für Carsharing Bozen läuft.

Entscheidendes Element der Werbung ist Schönheit: die Schönheit der Radmobilität in einer Stadt wie Bozen. Es ist ein Bild, das Lust auf Radfahren machen soll und gleichzeitig Identität damit stiftet.

6. Ergebnisse

Der Anteil der Wege, die mit dem Fahrrad erfolgen hat sich signifikant erhöht: 2005 liegt der Anteil am Modal Split bei ca. 22,7%, im Vergleich zu einem Anteil von 17,5% im Jahresdurchschnitt 2001/02. Dies würde bedeuten, dass bereits mehr als die Hälfte des gesetzten Ziels von 25% erreicht wurde. Die Mobilitätsuntersuchung im Winter 2005 hat ergeben, dass sich die Radmobilität gegenüber Winter 2002 um 33% erhöht, und in der Altersgruppe von 0 bis 24 Jahren sogar verdoppelt hat. Im Rahmen dieser Untersuchung wurde der ADFC-Radklimaindex gemessen: Bozen liegt an achter Stelle in einem Vergleich von über 100 europäischen Städten. Ob jung oder alt, ob Mann oder Frau, ob deutsch- oder italienischsprachig, alle nutzen das Fahrrad für die tägliche Mobilität. Geringe Unterschiede bestehen unter den Stadtteilen und auch den Jahreszeiten. Bozen ist mittlerweile eine Modellstadt im Bezug auf die Radmobilität geworden, wobei besonders das "Corporate Design", das Leitsystem und die Marketingkonzepte Beachtung finden.

6.1. Ökonomische Auswirkungen

Die Radmobilität wirkt sich ummittelbar positiv auf den Fahrradmarkt aus. Jeder Haushalt in Bozen besitzt 2,4 Fahrräder, was rund 82.000 Fahrräder ergibt. Die Fahrradmobilität trägt auch zu einer höheren Lebensqualität in Bozen bei, verbessert die Bedingungen für zukunftsfähige Arbeitsplätze im tertiären Bereich und somit die strategische Positionierung der Stadt im europäischen Wettbewerb, was die Voraussetzung für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung der Stadt darstellt.

6.2. Soziokultureller Gewinn

Das Fahrrad ist ein lebens- und stadtfreundliches Verkehrsmittel. Es wirkt sich positiv auf die Gesundheit der Menschen und der Stadt aus und trägt zu einem begegnungsfreundlichen Klima bei. Gerade in Bozen ist der interkulturelle Aspekt der Fahrradnutzung sehr relevant, aber nicht weniger wichtig ist die Tatsache, dass in gleichem Maße das Fahrrad von jung und alt, arm und reich, Mann und Frau benutzt wird. Das Fahrrad ist ein wichtiger Sozialisierungsfaktor.

6.3. Innovative Aspekte

Das Fahrrad ist ein uraltes Verkehrsmittel. In Bozen gibt es mittlerweile nicht nur viele Menschen, die mit dem Fahrrad fahren, sondern ein echtes System der Fahrradmobilität. Die innovativen Aspekte dabei sind das "Corporate Design", das Leitsystem und ein innovatives emotionales Marketing, das nicht mit gehobenem Finger sondern mit Witz, Humor und vor allem durch Schönheit den Menschen die Fahrradmobilität näher bringt. Schönheit ist ein entscheidender Erfolgsfaktor.

6.4. Good Governance

Die Fahrradmobilität in Bozen hätte keinen Erfolg gehabt, wenn die Radfahrerinnen und Radfahrer nicht mitgemacht hätten. Durch gezielte Pressearbeit wurden der Bevölkerung die jeweiligen Vorhaben vermittelt, um Beteiligung zu erzielen. Dabei haben das Ökoinstitut und die öffentliche Hand eine entscheidende Rolle gespielt. Zur Good Governance gehört auch eine strategische Positionierung der Stadt in Richtung Zukunftsfähigkeit, für die die Radmobilität einen wichtigen Baustein darstellt.

6.5. Öffentliche Meinung

Der hohe Anteil der Radmobilität am Modal Split beweist, dass die Bevölkerung sich stark beteiligt hat und dass die Radmobilität an einer neuen Kultur der Mobilität beigetragen hat. Die Radmobilität hat eine hohe Präsenz erreicht, die wiederum zum Radfahren motiviert. Dazu tragen auch die Marketingaktionen mit dem Slogan "Fahrradfreundliches Bozen" bei. Auch der Besuch von mehreren Delegationen aus anderen Städten wirkt sich diesbezüglich positiv aus.

6.6. Multiplikatoreffekt

Dank der Projektarbeit in Bozen hat sich das Ökoinstitut umfangreiches Know-How angeeignet, das auf andere Städte übertragen wird: so sind Projekte in Trient und in Verona im Gange. Wir sind auch "Praxispartner" - zusammen mit Salzburg, Zürich und Freiburg - in einem Projekt für das deutsche Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, wobei es um eine neue Kultur der Mobilität geht und bei der die Fahrradmobilität ein wichtiger Baustein darstellt. Die Fahrradmobilität Bozen wird auch in unzähligen Vorträgen vorgestellt.

6.7. Know-How Transfer

Das Ökoinstitut legt großen Wert darauf, bei den weiteren Projekten die Radmobilität immer als ein "System der Mobilität" mit einem umfassenden Ansatz zu vermitteln. Die Radmobilität besteht nicht nur aus einem Netz aus Radrouten, sondern aus Dienstleistungen, Marketing und "Corporate Identity". Dieser Ansatz ist ideal für mittlere und kleinere Städte auch in den Alpen, sofern die topographischen Bedingungen günstig sind.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Mit einem umfassenden Konzept ist es gelungen den Anteil des Radfahrens am Modal Split zu erhöhen und der Fahrradmobilität ein positives Image zu geben.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Verkehrszensus, Telefonbefragung

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
  • Ökoinstitut Südtirol/Alto Adige
  • Gemeinde Bozen (Assessorat Umwelt und Assessorat Mobilität)
Projektbeteiligte: 
  • Stadtviertelräte
  • Helios Audiovisuelle Kommunikation Brixen
  • Apollis Institut für Sozialforschung und Demoskopie Bozen
  • Freie Universität Bozen
  • EURAC Europäische Akademie Bozen
  • Bürgerinnen und Bürger der Stadt Bozen
  • Delegationen aus verschiedenen Städten u.a. Frankfurt/M, Weiz/A, Florenz und Verona

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Januar 2000
Projektende: 
Dezember 2007
Info zur Laufzeit: 
Die Erstellung des Konzepts wurde 2000 beauftragt. Seitdem hat dieser Prozess in Bozen eine Eigendynamik entwickelt, so dass nicht von einem "abgeschlossenen" Projekt die Rede sein kann.

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Herr René Rinner
Ökoinstitut Südtirol/Alto Adige
Via Talvera 2 – Talfergasse
239100 BOLZANO/ BOZEN
Telefon: +39 0471/980048
Telefax: +39 0471/971906
E-mail: rinner@ecoistituto.it

Kommunale Ansprechpartner: 
Herr Sergio Berantelli
Gemeinde Bozen - Amt für Mobilität
Mobility Manager
Galileo Galilei Straße 23
Telefon: +39(0)471/997284
Telefax: +39(0)471/997535

Meta-Info
Stand der Information
1. November 2006
Autor
René Rinner, Ökoinstitut Südtirol/Alto Adige
NRVP-Handlungsfelder
Infrastruktur
Kommunikation
Fahrradthemen
Infrastruktur
Image/Kampagnen
Schlagworte
Fahrradabstellkonzept
Oeffentlichkeitsarbeit
Wegweisung
Fahrradklima
Fahrradwegenetz
Kampagne
Land
Italien