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bike + business 2.0

Pedelecs als Bestandteil des betrieblichen Mobilitätsmanagements

Modell Jetstream der Firma riese und müller
Modell Jetstream der Firma riese und müller © Regionalverband FrankfurtRheinMain

Ausgangssituation und Projektidee

Die Region Frankfurt/Rhein-Main ist in besonderer Weise durch den motorisierten Verkehr belastet. Ein wesentlicher Faktor hierfür ist der Berufsverkehr. An dieser Stelle setzt seit 2002 das durch den ADFC Hessen e.V. und den Regionalverband FrankfurtRheinMain (ehem. Planungsverband Ballungsraum Frankfurt/Rhein-Main) geleitete Projekt "bike + business" an (vgl. Praxisbeispiel "bike + business"). Zentrales Ziel dieses Projekts ist es, das Fahrrad samt institutioneller Rahmenbedingungen, Infrastrukturen und gesellschaftlicher Wahrnehmungen zu einem alltagstauglichen und alltäglichen Verkehrsmittel - auch und gerade - im Berufsverkehr zu entwickeln.

Die Tatsache, dass in der Rhein-Main-Region 70 Prozent der Pendlerdistanzen über fünf Kilometern liegen, hat eine konzeptionelle Weiterentwicklung notwendig gemacht. Schließlich liegen solche längeren Berufswege für viele Beschäftigte außerhalb der Fahrraddistanz. Das Demonstrationsvorhaben "bike + business 2.0" nimmt sich dieser Herausforderung an und fokussiert insbesondere Pendlerdistanzen von fünf bis 15 Kilometern. Die entsprechende Zielgruppe wohnt überwiegend in den suburbanen Siedlungsbereichen im Ballungsraum Frankfurt/Rhein-Main.

Für diese Berufspendler haben sich mit der Entwicklung von Pedelecs neue Möglichkeiten ergeben. Mit elektronischer Tretunterstützung können bei gleichem körperlichem Einsatz deutlich längere Strecken als mit einem herkömmlichen Fahrrad zurückgelegt werden. Das Pedelec kann somit auch auf den etwas längeren Arbeitswegen eine attraktive Alternative zum Pkw bieten. So können die positiven Effekte der Fahrradmobilität hinsichtlich des Umwelt- und Klimaschutzes, der Gesundheit und der Leistungsfähigkeit des Gesamtverkehrssystems maximal zusammen wirken.

Projektziele

Das Pedelec hat hervorragende Chancen, in der alltäglichen Mobilität der Zukunft auch bei mittleren Distanzen eine wichtige Rolle zu spielen. Für das Demonstrationsvorhaben "bike + business 2.0" ergab sich daraus die zentrale Aufgabenstellung, das Umsteige- und Marktpotenzial von Pedelecs im Pendlerverkehr sowie im dienstlichen Gebrauch zu präzisieren und in der Praxis zu erproben. Das Projekt war somit Forschungsvorhaben und Praxistest zugleich. Hierzu galt es im Projektzeitraum technische, infrastrukturelle und soziale Forschungsfragen zu beantworten. Sie betrafen hauptsächlich:

  • die Alltagstauglichkeit von Pedelecs auf dem Weg zur Arbeit bzw. im dienstlichen Gebrauch
  • die Nutzerakzeptanz und deren natürliche, soziale und technische Einflussfaktoren
  • den Substituierungseffekt gegenüber anderen Verkehrsmitteln
  • den technischen Reifegrad der Fahrzeuge

Die Beantwortung der Forschungsfragen bedingte das Zusammenwirken von Forschung, Herstellern, Beschäftigten und Unternehmensführungen. Der Regionalverband brachte seine Rolle als regionaler Netzwerker ein und bot eine Plattform für den Austausch unter den Projektbeteiligten. Nur so konnten die Akteure zusammenkommen und eine Synchronisierung der Abläufe sichergestellt werden.

Projektdurchführung

Das Projekt wurde im Rahmen des Förderprogrammes "Modellregion Elektromobilität in Deutschland" durch das damalige Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) gefördert. Projektpartner waren neben dem Regionalverband insgesamt sechs Stadtverwaltungen, die Technische Universität Darmstadt, der Bauverein Darmstadt und das Fraunhofer-Institut Darmstadt sowie - als Fahrradhersteller - die Darmstädter Firma riese und müller sowie die Fachhochschule Frankfurt (Federführung) im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen Begleitforschung.

Im ersten Schritt galt es, die notwendigen vertraglichen Grundlagen für die Beschaffung der Pedelecs und deren Weitergabe an Dritte herzustellen. Die zentrale Herausforderung bestand darin, die Vorgaben des Regionalverbands als Träger öffentlichen Rechts mit den Fördermodalitäten des Bundes in Übereinstimmung zu bringen und zugleich die Beteiligung der Pedelec-Abnehmer an der Begleitforschung sicherzustellen. So wurde vertraglich geregelt, dass der Regionalverband bis Ablauf des Untersuchungszeitraums Eigentümer der Fahrzeuge war und diese erst dann in den Besitz der Endabnehmer übergingen. Zudem blieb es den Unternehmen überlassen, die Pedelecs in ihren betrieblichen Fuhrpark zu überführen oder sie auf gleicher vertraglicher Basis an die Beschäftigen weiterzugeben. Auf dieser vertraglichen Grundlage begann die Akquise von potenziellen Abnehmern der Pedelecs: Unternehmen, Institutionen und öffentlichen Verwaltungen aus der Region Frankfurt/Rhein-Main.

Der Fahrradhersteller riese und müller GmbH war sowohl durch die konzeptionelle Projektarbeit als auch das Angebot von insgesamt vier, den unterschiedlichen Nutzerprofilen gerecht werdenden, Pedelec-Modellen in das Projekt eingebunden. Er lieferte die Pedelecs kurz nach Projektbeginn an die beteiligten Kommunen und Unternehmen. Innerhalb dieses Zeitraums fand auch die Einweisung in die Inbetriebnahme, die Bereitstellung notwendiger Infrastruktur und die Konzeption der Begleitforschung statt. Insgesamt wurden 151 Pedelecs an die folgenden Kommunen, Unternehmen und Institutionen geliefert:

  • Bauverein AG (2)
  • Frauenhofer-Institut (7)
  • Regionalverband FrankfurtRheinMain (2)
  • Stadt Bad Homburg von der Höhe (5)
  • Stadt Darmstadt (10)
  • Stadt Frankfurt am Main (20)
  • Stadt Kelsterbach (2)
  • Stadt Neu-Isenburg (3)
  • Stadt Offenbach am Main (14)
  • Technische Universität Darmstadt (86)

Die sozialwissenschaftliche und technische Begleitforschung erstreckte sich über den gesamten Projektzeitraum und wurde durch die Fachhochschule Frankfurt, die Goethe-Universität Frankfurt sowie das Fraunhofer-Institut IWES aus Kassel wahrgenommen. Der Wartungsvertrag wurde im Auftrag der Kommunen und Unternehmen zwischen dem Regionalverband FrankfurtRheinMain und der riese und müller GmbH abgeschlossen. Er lief dauerhaft über den Projektzeitraum und diente über die eigentliche Wartung hinaus zur Datengenerierung, Nutzungsbeobachtung, Anforderungsfeststellung und technischen Dokumentation.

Die Projektabwicklung wurde durch den Regionalverband durchgeführt. Auch sie erfolgte naturgemäß über den gesamten Projektzeitraum. Bestandteile waren:

  • Finanzielle und administrative Steuerung
  • Vertragliche Vereinbarungen zu Kauf, Lieferung, Nutzung und Übertragung der Pedelecs
  • Evaluation der Pedelec-Auslieferung und der Einweisung in die Inbetriebnahme durch die riese und müller GmbH
  • Organisation des Schlussberichts
  • Rechnerische Abwicklung

Mit einer Fachtagung am 02.12.2010 und einem Abschlusskongress am 29.09.2011 wurden im Projektverlauf zwei Veranstaltungen mit bundesweitem Charakter durch den Regionalverband organisiert, durchgeführt und moderiert. Die Zielgruppen waren Akteure aus den Bereichen Radproduktion, -logistik und Verkehrsplanung, ferner auch Infrastrukturhersteller und Stakeholder aus der Fahrrad- und Verkehrslobby. Im Vordergrund standen der Austausch von Projekterfahrungen und die Aufarbeitung der Projektergebnisse. Die essenziellen Ergebnisse des Demonstrationsvorhabens wurden durch den Regionalverband in einer 32-seitigen Broschüre dokumentiert.

Meilensteine des Projektes waren:

  • 29.04.2010: Abschluss der Akquise von Pedelec-Abnehmern
  • 30.04.2010: Kauf von 151 Pedelecs der riese und müller GmbH im Auftrag von neun Kommunen und Unternehmen aus der Region
  • Mai 2010: Auslieferung der Pedelecs sowie Implementierung der Nutzung
  • Juni 2010: Kauf und Auslieferung von 10 Pedelecs im Auftrag der Stadt Darmstadt
  • Sept. 2010: Beginn der Erstbefragung zum Nutzungsverhalten durch die Fachhochschule Frankfurt als Bestandteil der Begleitforschung
  • 02.12.2010: Fachtagung "bike + business 2.0: Einsatz von Pedelecs in der Modellregion Elektromobilität Rhein-Main" beim Planungsverband
  • 29.09.2011: Kongress "bike + business 2.0: Einsatz von Pedelecs in der Modellregion Elektromobilität Rhein-Main" beim Regionalverband
  • 30.09.2011: Herausgabe der Projektbroschüre

Bilanz

Das Projekt wurde im September 2011 abgeschlossen. Insgesamt kann bilanziert werden, dass bike+ business 2.0 erfolgreich war und auf der nun vorhandenen Basis weitergearbeitet werden kann. Die Pedelecs ließen sich gut in den Alltag der teilnehmenden Betriebe integrieren und wurden von den Beschäftigten rege nachgefragt. Die Nutzer luden ihren Fahrzeugakku entweder zu Hause oder am Arbeitsplatz auf. Öffentliche Ladeinfrastruktur wurde nicht genutzt, wird aber von einigen Nutzern gewünscht.

Die im Rahmen der Begleitforschung befragten Beschäftigten zeichneten sich durch eine hohe Motivation aus: Die Fahrzeuge wurden rege genutzt und die Bereitschaft, Erfahrungen mit den Elektrofahrzeugen im Rahmen der Interviews mitzuteilen, war groß.

Die Nutzer waren bereits im Vorfeld positiv zum Thema Elektromobilität eingestellt und konnten ihre Erwartungen an die Elektrofahrzeuge im Verlauf der Testphase bestätigen. Lediglich die Bereitschaft, höhere Anschaffungspreise für die Elektrofahrzeuge in Kauf zu nehmen, war verhältnismäßig gering.

Die Pedelecs können im Nahbereich bis zehn Kilometer Entfernung als gute Alternative zum motorisierten Individualverkehr angesehen werden und wurden insbesondere für den Weg zum Arbeitsplatz sowie für Dienstfahrten rege genutzt.

Als problematisch erwiesen sich lediglich die verwendeten Akkus, die sehr anfällig und technisch sicher noch nicht hinlänglich ausgereift waren. Diese Problematik ist bis heute noch nicht abschließend behoben.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Die Verankerung von Pedelecs als Ziel des Vorhabens ist bis heute erfolgreich. Auch die gesellschaftliche Innovation hinsichtlich ressourcenschonender Mobilität in Metropolregionen wurde durch das Modellvorhaben vorangetrieben.

Übertragbare Erkenntnisse: Für den Projekterfolg war es wesentlich, die lokale Innovationswirtschaft einzubinden. Die gelungene Verknüpfung von Wirtschaft, Forschung und Verwaltung durch ein gemeinsames Thema wurde durch Austauschformate wie Kongress, Workshops und Arbeitskreise erreicht. In der alltäglichen Nutzung zeigte sich, dass durch den Einsatz von Elektrorädern erweiterte Erreichbarkeiten entstehen und dadurch das Verlagerungspotenzials vom MIV auf das Rad gesteigert wird.

Erkenntnis zur Verbesserung: Fast drei Jahre nach dem Projektabschluss lassen sich bei vielen Pedelecs Verschleißerscheinungen der Akkus feststellen. Die diesbezüglichen Austauschkosten sind vielfach nicht mit einkalkuliert worden, so dass einige der Räder nur noch wenige Kilometer halten. Dies hat auch mit der nicht immer richtigen Handhabung beim Ladevorgang zu tun. Gut läuft es hingegen überall dort, wo es einen "Kümmerer" vor Ort gibt.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Kommunale Mittel
Gesamtvolumen: 
600 000 €
Erläuterungen: 

Förderung durch den Bund im Rahmen des Förderprogrammes "Modellregion Elektromobilität in Deutschland" in Höhe von 291.000 Euro

Evaluation

Evaluation: 
nein
Erläuterungen: 

Es gab lediglich eine wissenschaftliche Begleitung durch die FH Frankfurt, eine Evaluation insbesondere nach Abschluss des Projekts bzw. Jahren der Nutzung (Akkus, Akzeptanz) ist bisher ausgeblieben bzw. wird derzeit nicht verfolgt.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Regionalverband FrankfurtRheinMain

Projektbeteiligte: 
  • Städte Darmstadt, Bad Homburg v.d.H., Frankfurt am Main, Kelsterbach, Neu-Isenburg, Offenbach am Main
  • bauverein AG
  • Fraunhofer-Institut (LBF)
  • Technische Universität Darmstadt

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
März 2010
Projektende: 
September 2011

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Regionaler Radverkehrsbeauftragter
Herr Georgios Kontos
Regionalverband FrankfurtRheinMain
Poststraße 16
60329 Frankfurt am Main
Telefon: 069/2577-1585
Telefax: 069/2577-1349
E-mail: kontos@region-frankfurt.de
WWW: www.region-frankfurt.de/radver...
 

Meta-Info
Stand der Information
9. Juli 2014
Autor
Ernst Kleinwächter und Georgios Kontos, Regionalverband FrankfurtRheinMain
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Hessen