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Vermeidung von Fahrradunfällen

Ortsfeste Spiegel zur Reduzierung des Toten Winkels bei Lkw und Bussen

Unfallgefahr durch den Toten Winkel
Unfallgefahr durch den Toten Winkel © Institut für Mobilität & Verkehr - imove

Ausgangssituation

Unfälle unmotorisierter Verkehrsteilnehmer mit Lkw oder Bussen haben in der Regel schwere bis schwerste Unfallfolgen. Ein Teil dieser schweren, oft tödlichen Fußgänger- und insbesondere Fahrradunfälle haben als Unfallursache den sogenannten 'toten Winkel'. Den Bereich des toten Winkels kann der/die Fahrer/-in trotz fahrzeugseitig angebrachten Spiegels nicht einsehen. Beim Rechtsabbiegen des Lkw/Bus kommt es dann u.U. zum Zusammenstoß mit einem geradeausfahrenden oder -gehenden Verkehrsteilnehmer; die Unfälle führen zu meist schweren Verletzungen oder enden oft sogar tödlich – im Bereich der EU sterben nach Schätzungen jährlich rund 400 Menschen aus diesem Grund.

Fahrzeugseitige Lösungen wurden und werden erprobt, die dazu führen sollen, dass die Lkw-Fahrer/-innen den Bereich um das Fahrzeug möglichst optimal einsehen können: So gibt es verschiedene Spiegeltypen am Fahrzeug oder Kameras, welche mittels optischer oder akustischer Signale warnen, wenn sich jemand im toten Winkel befindet. Aufgrund der EU-Richtlinie 2007/38/EG müssen spätestens seit März 2009 innerhalb der EU alle im Verkehr befindlichen Lkw über 3,5t mit neuen Totwinkel-reduzierenden Spiegeln nachgerüstet werden, Lkw über 7,5t zusätzlich mit einem Frontspiegel – jedoch nur bei einer Zulassung nach dem Jahr 2000. Für neu zugelassene Lkw gilt die Ausrüstungspflicht bereits seit 26. Januar 2007. Trotz dieser Regelung sind weiterhin viele Lkw ohne diese Zusatzspiegel unterwegs. Darüber hinaus bewirken die festgelegten Mindestanforderungen nur eine Verringerung des Winkels: das Problem ist damit keineswegs gelöst.

Daraus ergibt sich die Erfordernis nach ergänzenden und unmittelbar anwendbaren Lösungen. Eine dieser Ergänzungen zu den fahrzeugseitigen Maßnahmen ist ein stationärer oder ortsfester Spiegel (sog. Trixi-Spiegel), der typischerweise am Ampelmast von (gefährlichen) Zufahrten montiert wird. Diese Spiegel sind rund und haben eine gleichmäßige Wölbung, die dem Lkw- oder Busfahrer einen Blickwinkel von etwa 90 Grad ermöglicht. Damit ist es möglich, sowohl den Bereich vor als auch neben dem Fahrzeug lückenlos zu überblicken. Die Spiegel liegen automatisch im Sichtfeld des Fahrers, der nun mit einem Blick den gesamten Bereich vor und rechts neben dem Fahrzeug einsehen kann. Alle Personen einschließlich der besonders gefährdeten Radfahrer/innen vor oder auf der Beifahrerseite neben dem LKW können damit gesehen werden.

Projektidee und -ziele

Nachdem es auch in der Stadt Freiburg, die zu den "Fahrradstädten" in Deutschland gehört, in den letzten Jahren mehrere tödliche Radverkehrsunfälle gegeben hatte, die den toten Winkel zumindest als Mitursache haben, entstand eine Initiative, einen ortsfesten Spiegel stadtweit an möglicherweise gefährlichen Zufahrten anzubringen. Ein vergleichbarer flächendeckender Ansatz zur Reduzierung des toten Winkels ist in Deutschland bislang nicht bekannt.
In einem zweistufigen Verfahren wurden dazu zunächst mit einem eigens erstellten Kriterienkatalog die in Frage kommenden Zufahrten in Freiburg herausgefiltert, um dann in mehreren Schritten die Spiegel dort zu installieren. Nach der Anbringung der Spiegel und einer darauf abgestimmten Öffentlichkeitsarbeit erfolgte bis zum Sommer 2010 eine Evaluation zur Wirksamkeit der Spiegel und zur Akzeptanz durch Lkw- und Busfahrer. Die Stadt Freiburg erhofft sich durch die Spiegel eine weitere Verbesserung der Verkehrssicherheit für Radfahrende.

Projektdurchführung

Beteiligte

Eine erste Initiative zur stadtweiten Anbringung der Spiegel ging zurück auf den Round Table 25 Freiburg, der einen Teil der Spiegel durch eigene bzw. eingeworbene Spenden finanziert(e). Daraus wurde die Idee einer stadtweiten Anbringung geboren. Weitere Spiegel wurden durch die Stadt Freiburg finanziert; die Anbringung und Justierung erfolgte durch MitarbeiterInnen des Garten- und Tiefbauamtes (GuT) der Stadt Freiburg.

Die Untersuchungen zur Wirksamkeit der Spiegel und zur Akzeptanz durch Lkw-/Busfahrer wird neben den kommunalen Mitteln durch Fördermittel der ADAC-Stiftung "Gelber Engel" unterstützt; die Untersuchungen werden im Auftrag der Stadt durch das Institut für Mobilität & Verkehr (imove) der TU Kaiserslautern durchgeführt.
Der Kriterienkatalog zur Auswahl der Knotenpunkte und die Konzeption der Öffentlichkeitsarbeit wurden - in Zusammenarbeit mit dem Garten- und Tiefbauamt der Stadt Freiburg - durch das Institut für Mobilität & Verkehr (imove) der TU Kaiserslautern entwickelt.

Erstellung und Entwicklung eines Kriterienkataloges

Um die Spiegel zielgerichtet nur an problematischen Zufahrten anzubringen, wurde im Sommer 2008 projektbegleitend durch das GuT ein Forschungsauftrag vergeben. Ziel dieses Auftrags war die Suche nach geeigneten Auswahlmethoden bzw. die Entwicklung und Erstellung eines Kriterienkatalogs, welcher die Basis zur Auswahl der Knotenpunkte und planerischen Vorbereitung der Umsetzung bildet. So wurden die Signalisierung, die Art der Führung des Radverkehrs, Rechtsabbiegeverbote für Lkw sowie weitere Kriterien für jede Knotenpunktszufahrt in Freiburg geprüft und daraus die Handlungsörtlichkeiten ermittelt.
Dies beinhaltete auch die Festlegung der konkreten Spiegelstandorte im Detail, welche in enger Abstimmung und Rückkopplung mit dem Auftraggeber erfolgte. Dazu wurde ein ausführliches Datenblatt für jede ausgewählte Zufahrt erstellt, welches den Lageplan mit Signalgruppen, Fotos der Zufahrt sowie Hinweise zur Montage der Spiegel am LSA-Mast oder anderem Standort enthielt. Insgesamt wurden so rund 160 Zufahrten ermittelt, die für einen Spiegel geeignet erschienen.

Installation der Spiegel

Nach den Empfehlungen des Berichts erfolgte dann die Montage und Justierung der Spiegeleinstellungen durch die Stadt Freiburg. Vorab hatten bereits im Frühjahr 2008 ca. 25 Zufahrten einen Spiegel erhalten. Im Laufe des Jahres 2009 wurde die Montage weiterer rund 90 Spiegel und die Justierung der Spiegeleinstellungen durch die Stadt Freiburg durchgeführt. Im Laufe des Frühjahrs 2010 folgten die restlichen Spiegel.

Öffentlichkeitsarbeit

Projektbegleitend wurden die Zielgruppen "Berufskraftfahrer" und "Radfahrer" über alle Medientypen einbezogen und informiert. Für die Berufskraftfahrer wurde sowohl ein Flyer zur richtigen Anwendung des Trixi-Spiegels entwickelt und gezielt verteilt, darüber hinaus wurde eine spezielle Fahrerschulung zum Thema konzipiert. Für die Radfahrer wurde ebenfalls ein Flyer verteilt, welcher die Gefahr des toten Winkels verdeutlicht und für das korrekte Verhalten wirbt.
Ergänzend wurden im Rahmen der übergeordneten Verkehrssicherheitskampagne der Stadt Freiburg auch Artikel veröffentlicht sowie Webseiteninhalte erstellt.

Überprüfung der Akzeptanz und Wirksamkeit

Projektbegleitend erfolgt bis zum 30.06.2010 die von der ADAC Stiftung beauftragte Untersuchung "Wirksamkeit ortsfester Spiegel zur Reduzierung des toten Winkels". Zunächst wurde eine Bestandsaufnahme zur Anwendung und zum Einsatz ortsfester Spiegel innerhalb Deutschlands sowie im europäischen Ausland durchgeführt. Anschließend erfolgte eine Erhebung der bereits vorhandenen Erfahrungen in Form einer Online-Befragung der Kommunen oder Gebietskörperschaften in Deutschland und der Schweiz, welche über ortsfeste Spiegel verfügen (oder ggf. verfügt haben).

Unfallauswertung

Parallel dazu wurde eine umfassende Unfallauswertung durchgeführt. Gegenstand der Untersuchung waren Unfälle, die den toten Winkel als (Mit-)Ursache haben. Neben statistischen Daten für die EU und die Bundesrepublik wurde insbesondere die Situation in Freiburg untersucht, speziell auch im Hinblick auf den Zeitraum vor und nach Montage der Trixi-Spiegel im Stadtgebiet. Die Auswertung der Unfälle in Freiburg erfolgte u.a. auf der Grundlage der polizeilichen Unfallkartierung und den zugehörigen Berichten.

Videoerhebungen

Ferner wurde die Beobachtung und Dokumentation des Verkehrsablaufs an ausgewählten Zufahrten mittels Videokamera in drei Phasen durchgeführt, nämlich

  • vor der Installation der Spiegel
  • ca. drei Monate nach Installation der Spiegel und
  • nach einer breit angelegten Öffentlichkeitsarbeit hinsichtlich der Zielgruppen Fußgänger, Radfahrer und Lkw-Fahrer.

Befragungen

Die Befragungen von ExpertInnen, Lkw-/Bus-FahrerInnen und RadfahrerInnen erfolgte im Juni und Juli 2010. Als ExpertInnen wurden Personen aus dem Kreis der Stadtverwaltung, Polizei, und Verbänden mithilfe standardisierter Fragebögen interviewt. Die Befragung der Lkw-FahrerInnen erfolgte mittels standardisierter Fragebögen, welche über die Arbeitgeber verteilt und durch die Befragten selbst ausgefüllt werden. Als dritte Gruppe werden RadfahrerInnen nach ihren Erfahrungen in Bezug auf eigenes Fahrverhalten befragt. Darüber hinaus wurden alle Gruppen nach dem Bekanntheitsgrad der Öffentlichkeitsarbeit zum Thema toter Winkel/Trixi-Spiegel befragt.

Was wurde erreicht?

Das Projekt wurde im Juli 2010 abgeschlossen. Erste Ergebnisse zeigen einen positiven Trend bezüglich der Unfallzahlen sowie der Akzeptanz der Spiegel als Hilfsmittel für die Fahrer. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch zu früh, endgültige Aussagen über die Wirksamkeit zu treffen, da der Zeitraum noch zu kurz ist und die Fallzahlen gering sind. Ebenso sind noch keine Erkenntnisse verfügbar, inwieweit sich die neuen Totwinkel-reduzierenden Spiegel an Lkw auswirken.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Das Projekt dient der Verbesserung der Radverkehrssicherheit. Ein vergleichbarer flächendeckender Ansatz zur Reduzierung des Toten Winkels ist bislang in Deutschland nicht bekannt. Erste Ergebnisse zeigen positive Trends bezüglich gesunkener Unfallzahlen sowie die Akzeptanz der Spiegel als Hilfsmittel für die Fahrer. Auch sind die Kosten im Vergleich zu anderen Maßnahmen als niedrig einzustufen. Beispielhaft ist auch die Finanzierung im Rahmen einer PPP durch Round Table und die Stadt Freiburg.

Finanzierung

Finanzierung: 
Kommunale Mittel
Sponsoring, Spenden
Sonstige
Erläuterungen: 
Die Spiegel wurden mitgefördert durch die Stiftung "gelber Engel" des ADAC. Auch die Evaluation erfolgt durch Finanzmittel der Stiftung bzw. der Stadt Freiburg.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Für das europäische Ausland sowie mehrere deutsche Städte wurden die Erfahrungen mit ortsfesten Spiegeln abgefragt und ausgewertet. Die Evaluation für das Pilotprojekt Freiburg wurde im Juli 2010 abgeschlossen.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Stiftung "gelber Engel" des ADAC und Stadt Freiburg
Projektbeteiligte: 
Stadt Freiburg – Garten und Tiefbauamt
Institut für Mobilität & Verkehr (imove) der TU Kaiserslautern (Forschungsnehmer)

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Januar 2008
Projektende: 
Juli 2010
Info zur Laufzeit: 
Bei erfolgreicher / nachgewiesener Wirksamkeit erfolgt eine dauerhafte Installation der Spiegel.

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Projektleitung / Projektbearbeitung
Frau Andrea Rau
TU Kaiserslautern
Institut für Mobilität und Verkehr -imove
Paul-Ehrlich-Str. 14
67677 Kaiserslautern
Telefon: 0631/ 205-2945 (MO – DO)
Telefax: 0631/ 205-3905
E-mail: andrea.rau@imove-kl.de
WWW: www.imove-kl.de/

Kommunale Ansprechpartner: 
Sachgebietsleiter Konzeptionelle Planung
Herr Schmitt-Nagel
Stadt Freiburg i. Br.
Garten- und Tiefbauamt, Abt. Verkehrsplanung
Fehrenbachallee 12
79106 Freiburg i. Br.
Telefon: +49 - (0) 761 / 201-4680
Telefax: +49 - (0) 761 / 201-4599
E-mail: Hendrik.Schmitt@stadt.freiburg.de
WWW: www.stadt.freiburg.de

Meta-Info
Stand der Information
26. Juli 2010
Autor
Dipl.-Ing. Andrea Rau, Institut für Mobilität & Verkehr - imove
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Baden-Württemberg