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Planungs- und Entscheidungshilfe

NRVP 2020 - Leitfaden Betreiberkonzepte für Radstationen

Titel der Broschüre "Fahrradparken an ÖV-Haltepunkten"
Titel der Broschüre "Fahrradparken an ÖV-Haltepunkten" © team red Deutschland GmbH / Jörg Thiemann-Linden (Foto)

Projektidee und -ziele

Das Projekt beschäftigte sich mit der spezifischen Fragestellung des Betriebs von Radstationen. Als „Radstation“ wurde in diesem Projekt eine Fahrradabstellanlage mit limitiertem und gesichertem Zugang an ÖV-Haltepunkten definiert. Die Spannbreite reicht von einer einzelnen Fahrradbox bis zu einer großen bewachten Abstellanlage mit zusätzlichem Service wie Fahrradverleih, Reparatur und Information (wie z.B. die vom ADFC durch die geschützte Wortbildmarke „Radstation“ lizensierten Einrichtungen). Entscheidend ist die Notwendigkeit eines Betreibers, der den limitierten Zugang und ggf. weitere Serviceangebote organisiert. Der limitierte Zugang ermöglicht es, ein Fahrrad (ggf. hochwertig / Pedelec zur Vergrößerung des Einzugsbereiches) sicher vor Diebstahl und Vandalismus auch über Nacht oder mehrere Tage an einem Bus- oder Bahnhaltepunkt abzustellen, um es mit öffentlichen Verkehrsmitteln – in der Regel für alltägliche Wege wie Ausbildungs- oder Arbeitspendeln - zu kombinieren. Der Schwerpunkt lag dabei auf dem gesicherten Abstellen des Fahrrads als Kernanliegen, während weitere Serviceangebote nur insofern betrachtet wurden, als sie relevant für das Betreiberkonzept sind.

Es sollten vor allem folgende Fragen beantwortet werden:

  • Welche Betreiberkonzepte gibt es?
  • Für welche Größeneinheiten an Stellplätzen eignen sich welche Betreiberkonzepte?
  • Welche Punkte müssen in einem Betreiberkonzept geklärt sein?
  • Welches sind die Erfolgsfaktoren für den langfristigen Betrieb einer Radstation?
  • Welche Arten von Betreibern kommen in Frage?
  • Welche Geschäftsmodelle sind geeignet?
  • Wie findet man einen geeigneten Betreiber?

Der Leitfaden soll allen an der Entwicklung, Planung, Förderung, Realisierung und Betreibung von Radstationen Beteiligten bei der Entscheidungsfindung helfen. Als Zielgruppe können daher folgende Akteure genannt werden:

  • Kommunen, die Angebote für sicheres Fahrradabstellen an ÖV-Haltestellen schaffen wollen
  • Verkehrsverbünde oder ÖV-Unternehmen als Initiatoren, die von einer Verknüpfung mit dem Fahrrad profitieren
  • Landesministerien, die Fördermittel bereitstellen
  • Potenzielle Betreiber von Radstationen
  • Banken als Kreditgeber

Neben den notwendigen Anfangsinvestitionen und der Verfügbarkeit geeigneter Flächen bzw. Räumlichkeiten an Bahnhöfen ist die Unsicherheit über einen dauerhaft wirtschaftlichen / zuschussfreien Betrieb für viele Kommunen und andere beteiligte Akteure der größte Hemmfaktor zur Realisierung von Radstationen. Das Projekt hatte zum Ziel, Kommunen und andere Akteure bereits im Stadium einer Machbarkeitsuntersuchung oder der Projektentwicklung für eine Radstation durch einen Leitfaden für die Auswahl und Konkretisierung eines passenden Betreibermodells und die Ausschreibung bzw. Wahl eines geeigneten Betreibers zu unterstützen. Potenziellen Betreibern dient der Leitfaden ebenfalls als Orientierung für eine Wirtschaftlichkeitsberechnung.

Projektdurchführung

Folgende Arbeitsschritte umfasste das Projekt:

1. Good-Practice-Analyse zu Betreiberkonzepten

Bundesweit und im angrenzenden Ausland gibt es bereits in vielen Kommunen jahrelange Erfahrungen mit dem Betrieb von Radstationen in unterschiedlichem Maßstab. Gute Beispiele für Betreiberkonzepte wurden zusammengetragen, auf die Übertragbarkeit der Rahmenbedingungen überprüft und aufbereitet.

Erhebung unter Betreibern

Als Grundlage für die Analyse wurde eine Erhebung unter Betreibern von Radstationen geplant. Für Radstationen mit zusätzlichem Service im Sinne der Definition des ADFC war eine Vollerhebung vorgesehen. Betreiber von Radstationen im weiteren Sinne (Fahrradboxen, Fahrradkäfige etc.) wurden per Internetrecherche und Befragung von Fördermittelgebern und Herstellern ermittelt. Inhalt der Befragung der Betreiber waren z.B. folgende Daten:

  • Anzahl und Auslastung der Stellplätze
  • Preisstruktur und Nachfrage (Tages-, Wochen-, Monats-, Jahreskarten)
  • Art und weitere Eckdaten des Betreibermodells
  • Kostendeckungsgrad der Radstation (Betriebskosten und Einnahmen)
  • Betriebsform (Automatisierung/personelle Besetzung)
  • Servicezeiten und Erreichbarkeit für Neukunden
  • Formen der Öffentlichkeitsarbeit
  • Weitere Dienstleistungen, die für das Betreibermodell wichtig sind
Auswahl und Analyse von Praxisbeispielen

Mit Hilfe dieser Daten wurden gute Beispiele für Betreiberkonzepte herausgefiltert, wobei das Kriterium der Wirtschaftlichkeit einen hohen Stellenwert bei der Auswahl hatte. Als wichtigstes Kriterium für gute Praxis wurde ein langjähriger erfolgreicher Betrieb durch einen Träger angenommen. Dennoch wurden auch neu eingerichtete Radstationen berücksichtigt, um Hinweise auf neue Betreibermodelle unter aktuellen Rahmenbedingungen zu bekommen.

Bei der Auswahl wurden außerdem folgende Kriterien beachtet, um verschiedene Erfolgsfaktoren und Rahmenbedingungen zu berücksichtigen:

  • Art des Betreibermodells
  • Betriebsform
  • Anzahl der Stellplätze
  • Sonstige Dienstleistungen
  • Größe der Stadt
  • Lage der Radstation
  • Bundesland

2. Experteninterviews mit Betreibern und zentralen Akteuren

Um Hintergrundinformationen zu den Betreiberkonzepten und den allgemeinen Rahmenbedingungen zu gewinnen, wurden Betreiber und weitere Experten telefonisch und leitfadengestützt interviewt. Dabei wurden Erfahrungen zu Erfordernissen sowie Hemm- und Förderfaktoren in Bezug auf Betreibermodelle und Betrieb von Radstationen abgefragt. Neben den Betreibern von erfolgreichen Radstationen wurden Ansprechpartner von Landesministerien, die Radstationen fördern, Kommunen mit erfolgreichen Radstationen, Bahnhofsbetreiber, Verkehrsunternehmen und Verkehrsverbünde sowie Verbände befragt.

3. Workshop mit erfolgreichen Betreibern und Gebietskörperschaften / Beirat

Im Rahmen eines Workshops wurden erfolgreiche Betreibermodelle und die dazu erarbeiteten Hintergrundinformationen vorgestellt. Neben den Betreibern und Experten waren Gebietskörperschaften eingeladen, die Radstationen realisieren oder fördern wollen und offene Fragen in Bezug auf Betreiberkonzepte und die langfristige Gewährleistung des Betriebs haben. Aus dieser Gegenüberstellung wurden neben ergänzenden Sachinformationen vor allem Erkenntnisse für den zielgruppen- und nachfragegerechten Aufbau und Inhalt des Leitfadens gewonnen. Dies ergab sich aus der unmittelbaren Reaktionsmöglichkeit der interessierten „Lernenden“ auf die erfahrenen Betreiber während des Workshops.

4. Analyse, Kategorisierung und Handlungsempfehlungen

Die gewonnenen Erkenntnisse wurden zusammengestellt, analysiert und kategorisiert z.B. nach Größe der Kommunen, Nachfragepotenzial, Betreiberart, lokaler Fahrradkultur und weiteren Rahmenbedingungen. Daraus wurden Empfehlungen für die Auswahl von Betreibermodellen und die Wahl der Betreiber abgeleitet.

5. Erstellung des Leitfadens

In dem Leitfaden sind Thema, gute Beispiele und Handlungsempfehlungen in übersichtlicher Form und zielgruppengerecht aufbereitet. Im Leitfaden stehen Betreibermodelle, Geschäftskonzepte, Wirtschaftlichkeit, rechtliche Regelungen sowie die Zusammenarbeit mit Partnern im Fokus. Neben dem Leitfaden gibt es als Ergebnis einen Bericht zum Ablauf des Projekts.

Ergebnis des Projekts:

Der Leitfaden „Betreiberkonzepte für Fahrradstationen, Sammelschließanlagen und Fahrradboxen“ umfasst insgesamt 60 Seiten und kann als PDF-Datei heruntergeladen werden: "Leitfaden Betreiberkonzepte für Fahrradstationen, Sammelschließanlagen und Fahrradboxen".

Der Leitfaden behandelt grundlegende Fragen für die Betreibersuche, erörtert Inhalte eines Betreiberkonzeptes, stellt Akteure und rechtliche Rahmenbedingungen vor und beschreibt gute Praxisbeispiele.

Die Schlussfolgerungen werden in sieben Punkten zusammengefasst:

  1. Eine Definition der Ziele für Errichtung und Betrieb einer zugangsgesicherten Abstellanlage ist notwendig, um eine Abwägung zwischen Wirtschaftlichkeit und ideellen Zielen für das Betreiben treffen zu können.
  2. Der Standort einer zugangsgesicherten Fahrradabstellanlage ist entscheidend für die Akzeptanz durch heutige und zukünftige radfahrende ÖV-Kundinnen und -Kunden. Bei einer Fahrradstation muss der Standort auch attraktiv für das Betreiben der weiteren angebotenen Dienstleistungen sein. Eine Machbarkeitsstudie sollte die Abhängigkeiten zwischen Lage, lokalen Bedingungen, Kapazität und Servicepotenzial berücksichtigen.
  3. Von der Wirtschaftlichkeit des Betreibermodells hängt es ab, ob Gebäude, Raum oder Fläche an einen Betreiber vermietet werden können, eine Konzession vergeben wird oder der Betrieb als Dienstleistung beauftragt werden muss. Entsprechend muss eine Prognose zur Wirtschaftlichkeit bereits vor der Ausschreibung erstellt werden.
  4. Fahrradboxen und Sammelschließanlagen können in der Regel wirtschaftlich betrieben werden, da der hiermit in Zusammenhang stehende Personaleinsatz gering ist. Voraussetzung ist eine hohe Auslastung durch Dauernutzer und eine auf die Betriebskosten abgestimmte Nutzungsgebühr. Bei einem hohen Nachfragedruck und beschränktem Angebot sind Nutzungsgebühren durchsetzbar, die eine (teilweise) Refinanzierung der Investitionskosten ermöglichen.
  5. Fahrradstationen mit zusätzlichem Serviceangebot lassen sich langfristig wirtschaftlich betreiben. Dies gelingt, wenn der Personaleinsatz durch ein automatisiertes Zugangssystem weitgehend auf übliche Servicezeiten für die ergänzenden Dienstleistungen beschränkt werden kann. Für diese muss ein großer Kundenkreis über die reinen Parkkunden hinaus vorhanden sein.
  6. Für eine zugangsgesicherte Fahrradabstellanlage kommen verschiedene öffentliche, private und soziale Betreiber in Frage. Durch eine Markterkundung können diese ausfindig gemacht und nach ihrem Interesse und standortbezogenen Bedürfnissen befragt werden.
  7. Gute Erreichbarkeit für neue Kundinnen und Kunden, Kundenfreundlichkeit, ein einfach bedienbares Zugangssystem, attraktives Marketing und eine engagierte Betriebsleitung sind wesentliche Erfolgsfaktoren für den Betrieb.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Das Projekt fördert nachhaltige Mobilität, indem es die Rahmenbedingungen und Optionen zum Betrieb von Radstationen transparenter macht. Akteure aus Verwaltung, Politik und Verbänden in Kommunen und allen Bundesländern können den Leitfaden nutzen, um sich über geeignete Betreibermodelle zu informieren und Möglichkeiten für ihren lokalen Kontext zu beleuchten. Sie erhalten eine Handreichung, die Entscheidungen für Radstationen und deren Umsetzung deutlich beschleunigen kann. Damit wird ein wesentlicher Hemmfaktor für die Initiierung von Radstationen beseitigt.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Private Mittel (ohne Sponsoring und Spenden)
Gesamtvolumen: 
63 350 €
Erläuterungen: 

Das Projekt wurde im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans 2020 vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur gefördert.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Im Arbeitspaket 5 erfolgte eine qualitative Beurteilung des Leitfadenentwurfs durch die Zielgruppen. Die eingehenden Hinweise und ihre Berücksichtigung wurden im Endbericht aufgenommen, so dass eine praktikable und zielorientierte Form der Ergebnisevaluation bereits Projektbestandteil ist.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

team red Deutschland GmbH

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Oktober 2015
Projektende: 
November 2017

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

team red Deutschland GmbH
Almstadtstraße 7
10119 Berlin
Telefon: +49 (0)4821/4079450
Telefax: +49 (0)30/138986-36
E-mail: thomas.moeller@team-red.net
 

Meta-Info
Stand der Information
3. September 2018
Autor
Thomas Möller, team red Deutschland GmbH
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Deutschland