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Radfahren in der Schwangerschaft und mit Baby

NRVP 2020 - Fördern und Stärken der Fahrradnutzung bei jungen Familien nach der Geburt von Kindern

Hier kann ich träumen
Hier kann ich träumen © Verkehr mit Köpfchen

Wieso steigen so viele Eltern bei der Geburt eines Kindes vom Fahrrad auf das Auto um? Welche Hindernisse gibt es, die Radfahren in dieser Umbruchphase offensichtlich unattraktiv erscheinen lassen? Welche Möglichkeiten gibt es, Eltern die Fahrradnutzung zu erleichtern? Und ist es dazu sinnvoll, werdende und junge Eltern über Kurse der Geburtshilfe und Hebammen anzusprechen?

Das Gesamtziel des Projekts kann in drei Teilziele unterteilt werden:

  1. Erkenntnisse über den Stellenwert von Mobilität(-sthemen) und über hemmende Faktoren der Fahrradnutzung bei werdenden Eltern gewinnen
  2. Strategien zur Überwindung der Hemmnisse zur Fahrradnutzung bei werdenden und jungen Eltern entwickeln, exemplarisch anwenden und evaluieren
  3. Kooperationen mit Einrichtungen der Geburtshilfe zur Förderung der Fahrradnutzung erproben

Wissensstand zu Beginn des Projekts

Studien und empirische Arbeiten belegen deutlich, dass die Fahrradnutzung im Zusammenhang mit der Familiengründung zurückgeht. Die Gründung einer Familie stellt eine Umbruchphase dar, auch in Bezug auf das Mobilitätsverhalten: Die bisherigen Abläufe und Routinen müssen neu geordnet werden, damit verbundene Entscheidungen sind oft richtungsweisend für die kommenden Jahre und haben sowohl Auswirkungen auf das Mobilitätsverhalten der Familien wie auch auf das der Kinder und späteren Jugendlichen.

Als Haupthemmnisse für die Fahrradnutzung werden in verschiedenen Untersuchungen Sicherheit, Bequemlichkeit, Erwartungen aus dem sozialen Umfeld, generell hohe Anforderungen im Familienleben (mit dem Auto als entlastender Faktor) sowie eine radfahrunfreundliche Straßenraumgestaltung bzw. Nutzung durch motorisierte Verkehrsteilnehmende genannt. Diese Arbeiten sind jedoch bereits rund 15 Jahre alt, möglicherweise spielen heutzutage andere Hemmnisse eine Rolle – u.a. durch Veränderungen hinsichtlich innerstädtischer Straßenraumgestaltung, eine Zunahme bzw. Popularisierung von Kinder-Transportmöglichkeiten mit dem Fahrrad sowie einen Aufschwung des Radfahrens insgesamt.

Das Themenfeld „Umbruchsituation / Geburt und Mobilitätsverhalten“ ist wenig untersucht, und es bestehen deutliche Erkenntnislücken. Die bekannten Studien geben z.B. keine Hinweise auf Anknüpfungspunkte zur Veränderung des Mobilitätsverhaltens, und bisherige Handlungsansätze beschränken sich fast alle darauf, vorhandene Mobilitätsangebote zu bewerben, wobei das (kostenlose) Ausprobieren vor allem des öffentlichen Nahverkehrs ein zentraler Aspekt ist. Evaluationen spielen, wenn überhaupt, nur eine marginale Rolle und sind nicht öffentlich zugänglich. Eine Ansprache vor der Geburt findet nicht statt.

Es ist jedoch bekannt, dass in einer Umbruchphase (z.B. Umzug, berufliche Neuorientierung) Interventionen besonders wirkungsvoll sind.

Überblick über den Projektablauf

Das Projekt beinhaltete folgende Arbeitsschritte:

  • Grundlagenrecherche und -analyse
  • Kooperation mit Einrichtungen der Geburtshilfe
  • Befragung werdender Eltern: Hemmnisse und Bedürfnisse
  • Interventionsphase: Anhängerverleih, Proberadeln, Informationen
  • Evaluationsphase
  • Dokumentation und Präsentation

Begleitend zum Projekt traf sich ein Projektbeirat einmal jährlich, so dass Ergebnisse und Planungen für die nächsten Schritte fachlich rückgekoppelt und diskutiert werden konnten.

Projektablauf im Detail

In der Analysephase des Forschungsprojekts wurde aufbauend auf Literaturrecherchen, einer Marktanalyse zu den bestehenden Fahrradtransportsystemen für Babys sowie Interviews mit Expertinnen und Experten u. a. aus dem Gesundheits- und Fahrradbereich eine umfassende Wissensbasis zum Thema zusammengestellt. Ergänzt wurde dieser theoretische Part durch eine bundesweite Online-Befragung von rund 650 Eltern bzw. werdenden Eltern zu ihrem Mobilitätsverhalten vor und nach der Geburt und ihren Bedürfnissen bezüglich der Fahrradnutzung. Diese Befragung wurde durch leitfadengestützte Fokusgruppeninterviews ergänzt. Wichtige Ergebnisse der Befragung sind das extrem hohe Sicherheitsbedürfnis von Eltern mit Baby, eine auch unter Vielradlern weit verbreitete Unsicherheit bezüglich der Babymitnahme sowie der Wunsch nach einer sicheren Infrastruktur.

Hierüber wurden die Vorbehalte und Bedürfnisse von Eltern zum Thema „Radfahren nach der Geburt eines Kindes“ ermittelt und Möglichkeiten für eine Erleichterung der Fahrradnutzung für junge Eltern in den Fokus gerückt.

Neben der Verkehrsmittelwahl waren auch die Unterschiede im Mobilitätsverhalten zwischen ländlich und städtisch geprägten Räumen zu berücksichtigen. Das Projekt wurde daher in der Stadt Heidelberg (1398 Einwohner / km2), im verdichteten Rhein-Neckar-Kreis (500 Einwohner / km2) sowie im ländlichen Neckar-Odenwald-Kreis (126 Einwohner / km2) durchgeführt, um den möglichen Einflüssen der unterschiedlichen räumlichen Gegebenheiten begegnen zu können.

Um das Wissen und den Austausch auch langfristig zu sichern, wurde parallel eine Kooperation mit Gesundheitsinstitutionen aufgebaut. Dabei nutzen Gesundheitseinrichtungen das Projekt vor allem, um sich fundiert über Radfahren mit Baby und in der Schwangerschaft zu informieren und diese Informationen an Eltern weiterzugeben.

Um Berührungsängste und Anschaffungshemmnisse zu reduzieren, wurden Proberadel-Termine angeboten, bei denen verschiedene Mitnahmemöglichkeiten kostenfrei getestet werden konnten. Die Proberadel-Termine wurden anfangs in Kooperation mit verschiedenen Kliniken durchgeführt und später in Kooperation mit Städten und Gemeinden begleitend zu Stadtfesten und Mobilitätstagen.

Auch wurde ein Anhängerverleih in Heidelberg aufgebaut, bei denen Eltern mit Baby die Möglichkeit hatten, über mehrere Tage auszuprobieren, ob und wie sich ein Anhänger in den Alltag integrieren lässt. Der Anhängerverleih wurde in Kooperation mit dem lokalen Fahrradhandel durchgeführt und wird aktuell über einen Verein weitergeführt.

Des Weiteren wurden Informationen zum Thema Radfahren in der Schwangerschaft und mit Baby erstellt: Ein Flyer, der die wichtigsten Informationen kurz und knapp bündelt sowie eine Broschüre, die detailliert auf verschiedene Möglichkeiten der Babymitnahme mit dem Fahrrad eingeht. In ihr werden unter anderem Lösungsvorschläge aufgezeigt, wie mit mehreren Kindern und bei jedem Wetter Fahrrad gefahren werden kann. Das Informationsmaterial hat eine große Nachfrage. Allein in den ersten sechs Monaten nach Projektabschluss wurden bundesweit über 2000 Informationsflyer und 2000 Broschüren angefragt und versendet.

Im Frühjahr 2018 fand eine Evaluation der durchgeführten Interventionen statt. Es zeigte sich eine hohe bis sehr hohe Zufriedenheit der Eltern mit den Interventionen. Die weit überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden fühlte sich durch die Interventionen besser informiert als zuvor, ein großer Teil fühlte sich zudem beim Radfahren sicherer. Die Ergebnisse trugen zu einer erfolgreichen Verstetigung des Projekts bei.

Neben Schwangeren und Eltern mit Baby wurden auch Hebammen angesprochen. Sie sind wichtige Bezugspersonen für diese Gruppe. Eine Befragung im Rahmen des Projekts im Frühjahr 2016 zeigte, dass sich Hebammen durchaus auch für Radfahren in der Schwangerschaft und mit Baby interessieren und von Schwangeren und Eltern hierzu angesprochen werden, aber wichtige Hintergrundinformationen fehlen. Um dieses Wissensdefizit zu schließen, wurden bis Dezember 2018 bundesweit Hebammenworkshops angeboten. In diesen Workshops wurden Hebammen kostenfrei mit dem Radfahren in der Schwangerschaft und mit Baby vertraut gemacht. Dieses gewonnene Wissen können sie an interessierte Schwangere und Eltern weitergeben. Das Interesse an diesen Workshops seitens der Hebammen besteht weiterhin, jedoch können sie nach Ende der Projektförderung nicht mehr kostenfrei für die Hebammen durchgeführt werden.

Im Laufe des Projekts ist ein großer Bedarf am Thema Radfahren in der Schwangerschaft und mit Baby deutlich geworden.

Aus dem Projekt heraus ist der Verein „Fahrrad & Familie e.V.“ entstanden. Dieser fokussiert die Kindermitnahme auf und mit dem Rad auch über das Babyalter hinaus bis zum Schulbeginn des Kindes und gibt Hinweise zu Lauf- und Kinderfahrrädern. Hierfür werden einmal monatlich kostenfreie Proberadel-Termine am Vereinssitz in Heidelberg angeboten.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Über die Möglichkeiten der Fahrradnutzung während der Schwangerschaft und mit Babys gibt es in der Verkehrs-/Mobilitätsforschung nur wenige Untersuchungen. Im Gesundheitsbereich werden darüber hinaus z.T. widersprüchliche Informationen gegeben. Mit dem Projekt konnten Erkenntnislücken über das Mobilitätsverhalten und Mobilitätsbedürfnisse (v.a. hinsichtlich des Radfahrens) von jungen Familien geschlossen werden. Es ist gelungen, den Gesundheitsbereich mit dem Mobilitätsbereich zu verknüpfen (u.a. über Hebammenworkshops und Informationsmaterialien für Hebammen). Die beispielhaften Interventionen „Proberadeln“ und „Anhängerverleih“ zeigen Möglichkeiten auf, Eltern Unsicherheiten bezüglich des Radfahrens mit Baby zu nehmen. Sie können von anderen interessierten Akteuren übernommen werden.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Private Mittel (ohne Sponsoring und Spenden)
Gesamtvolumen: 
298 031 €
Erläuterungen: 

Die Finanzierung des Projekts erfolgt mit Eigenmitteln des Büros sowie über Fördermittel des Nationalen Radverkehrsplans 2020 (Förderung durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur aus Mitteln des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP) 2020, Förderzeitraum 06/2015-12/2018).

Ungefähre Kostenverteilung: Analyse und Interventionen 50%; Kooperation mit Gesundheitseinrichtungen und weiteren Akteuren 20%; Dokumentation, Präsentation, Evaluation, Projektmanagement 30%

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Es erfolgte eine Evaluation der erprobten Interventionen. Dazu wurden Eltern befragt, die am Anhängerverleih oder dem Proberadeln teilgenommen hatten oder Informationsmaterial gelesen hatten. Aufgrund der geringen Teilnehmerzahl an der Evaluationsbefragung können keine quantitativ-statistischen Schlüsse gezogen werden, ob Eltern, die an einer der Interventionen des Projekts teilgenommen haben, mehr Rad fahren als Eltern, die nicht an einer Intervention teilgenommen haben. Es kann jedoch festgehalten werden, dass die Interventionen weit überwiegend als sehr gut oder gut beurteilt wurden und dass sich Eltern durch die Interventionen besser informiert und dadurch sicherer fühlen.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Verkehr mit Köpfchen

Projektbeteiligte: 

Geburtskliniken, Hebammen, werdende und junge Eltern, Expertinnen und Experten aus der Fahrradbranche, aus dem Gesundheitswesen, aus der wissenschaftlichen Mobilitätsforschung und der praktischen Radverkehrsförderung

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Juni 2015
Projektende: 
Dezember 2018

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Hannah Eberhardt, Anna Gering
Verkehr mit Köpfchen
Alte Bergheimer Straße 6
69115 Heidelberg
Tel. 06221 90 30 505
Telefax:  06221 7191237
Email: babyrad@verkehr-mit-koepfchen.de
Internet: verkehr-mit-koepfchen.de

Meta-Info
Stand der Information
31. Juli 2019
Autor
Hannah Eberhardt, Anna Gering (Verkehr mit Köpfchen)
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Baden-Württemberg