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Mit Dienst-Pedelec und Dienstfahrrad zum Pflegeeinsatz

Nachhaltiges Mobilitätsmanagement in ambulanten Pflegediensten

Eine Mitarbeiterin des ASB-Bremen Ambulante Pflege mit dem BUND-Pedelec
Eine Mitarbeiterin des ASB-Bremen Ambulante Pflege mit dem BUND-Pedelec © BUND-Bremen

Ausgangssituation

Die meisten Dienstfahrten werden, auch in urbanen Räumen, mit Kraftfahrzeugen bewältigt. Nur ein kleiner Teil wird mit nachhaltigen Verkehrsmitteln wie Fahrrädern oder dem öffentlichen Nahverkehr geleistet, obwohl diese eine klimafreundliche, kostengünstige und mitunter schnellere Alternative zum Dienstauto darstellen. Diese Situation nahm der Landesverband Bremen des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zum Anlass, um im Zeitraum von Mai 2010 bis September 2011 das Projekt "Pflegedienste machen mobil – Mit dem Elektrorad zur Patientin" durchzuführen und damit in den entsprechenden Unternehmen einen Beitrag zum nachhaltigen Mobilitätsmanagement und zum Klimaschutz zu leisten.

Projektkonzeption

Auswahl der teilnehmenden Betriebe

Für das vom damaligen Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP) geförderte Projekt suchte der BUND-Bremen eine Branche, deren Beschäftigte durch ihre spezifischen Aufgaben dienstlich viele kurze Strecken zu bewältigen haben und fand diese im Bereich der ambulanten Pflege. Die MitarbeiterInnen Ambulanter Pflegedienste fahren meist alleine mit einem Auto zu den Patienten und legen dabei im städtischen Raum oft nur relativ kurze Wege zurück. So wurde der Fokus des Modellprojekts darauf gelegt, diese Strecken vom Pkw auf das Elektrofahrrad zu verlagern. Mit modernen Elektrofahrrädern oder Pedelecs können auch untrainierte Personen ohne übermäßige körperliche Erschöpfung größere Distanzen bewältigen und dabei mit geringer Anstrengung im Stadtverkehr relativ hohe Geschwindigkeiten von bis zu 25 km/h erreichen. Daher kann das Pedelec auch auf längeren Strecken eine realistische Alternative zum Auto sein.

Damit die Projektidee erfolgreich umgesetzt werden konnte, war eine intensive Zusammenarbeit mit ambulanten Pflegediensten in Bremen nötig. Der BUND konnte den AHB Ambulanter Hauspflegeverbund Bremen GmbH & Co. KG, den Pflegedienst-AKS GmbH, die ASB Ambulante Pflege GmbH, die Paritätische Dienste Bremen gGmbH und die Zentrale Pflege Bremen als Kooperationspartner für das Projekt gewinnen. Bei den am Projekt beteiligten Pflegediensten wurde eine Mobilitätsanalyse und -beratung hinsichtlich der Kfz-Fuhrparkkosten und den Anschaffungskosten einer Pedelec-Flotte durchgeführt.

Projektdurchführung

Probetage und mehrwöchige Praxistests in den Betrieben

Bei den am Projekt beteiligten Pflegediensten wurden Probetage und mehrwöchige Praxistests in ausgewählten Filialen durchgeführt. Dazu wurden den Beschäftigten vom BUND Pedelecs zur Verfügung gestellt. Zum einen konnte die Belegschaft so Elektroräder kennenlernen, zum anderen zeigte nur ein Praxistest im pflegerischen Einsatz, welche Vor- und Nachteile sich hierdurch ergeben. Die Erfahrungen aus diesen Praxistests wurden in der Mitarbeiterbefragung und der Mobilitätsanalyse aufgegriffen. Ebenso wichtig wie die Probefahrten waren die Wünsche und Vorstellungen der Beschäftigten. Diese gaben Impulse für die Entwicklung von attraktiven Anreizsystemen für die Belegschaft, welche die zukünftige Pedelec-Nutzung positiv beeinflussen können.

Die Mitarbeiterbefragung und ihre Ergebnisse

Als besonders wichtig für das Projekt erwies sich die Auswertung der schriftlichen Mitarbeiterbefragung, die sowohl die Teilnehmer der Praxistests als auch andere Beschäftigte einbezog. Ihre Ergebnisse stellen eine ergiebige Informationsquelle dar. Die Bewertung der MitarbeiterInnen zeigt, dass sich das Elektrofahrrad hinsichtlich der Fahrzeiten auf Augenhöhe mit dem Auto befindet und dieses auf einigen Strecken sogar übertrifft. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass die Nutzung des Pedelecs von vielen verschiedenen Faktoren abhängt. Die persönliche Einstellung der einzelnen Beschäftigten, der Komfort und der Transport von Pflegeutensilien sind einige dieser Faktoren. Jene MitarbeiterInnen, die bereits täglich ihre Pflegetouren mit ihrem eigenen Fahrrad absolvieren, haben meist weniger Interesse an einem Pedelec.

Zudem gab die Mitarbeiterbefragung Aufschlüsse für die Entwicklung geeigneter Anreizsysteme, die das individuelle Nutzungsverhalten positiv beeinflussen können. Dabei muss das Fahren mit dem Elektrofahrrad nicht immer finanziell "entschädigt" werden. Stellt der Arbeitgeber wetterfeste Kleidung zu Verfügung, oder erhalten mit dem Pedelec fahrende MitarbeiterInnen die Möglichkeit, bei Bedarf kostenlos auf den ÖPNV oder Car Sharing-Angebote umzusteigen, fördert dies die Nutzung.

Die Mobilitätsanalyse: Kosten aufdecken, Kosten sparen

Mit der Mobilitätsanalyse wurden die Kosten der Finanzierungen von Pedelecs den Kosten des Kfz-Fuhrparks gegenübergestellt und dabei verschiedene Finanzierungsmodelle der Kfz einerseits und Pedelecs andererseits berücksichtigt. Betrachtet man das Einsparungspotential der Fuhrparkkosten hinsichtlich einer Anschaffung von Elektrofahrrädern sind generell drei Szenarien möglich:

  • Die Abschaffung eines Kfz und ausschließlicher Nutzung von einem oder mehreren Pedelec(s).
  • Die Abmeldung eines Kfz für einen bestimmten Zeitraum, z.B. die Sommermonate und die ausschließliche Nutzung eines oder mehrerer Pedelec(s) in diesem Zeitraum.
  • Die Reduktion der Kfz-Jahreskilometerleistung durch die Nutzung eines oder mehrerer Pedelec(s) bei Beibehaltung des Fuhrparks.

Die Abschaffung eines Kfz eröffnet für die Geschäftsführung natürlich den größten Spielraum bzgl. der Anschaffung von Pedelecs und der Etablierung eines Anreizsystems. Aber auch die Einsparung von Kfz-Kilometern und Kfz-Wartungskosten durch die Nutzung von Pedelecs kann ökonomische Vorteile bringen.

Auch strukturelle Gegebenheiten haben Einfluss auf die Nutzung von Pedelecs. In Unternehmen, die stadtteilorientiert arbeiten, indem sie etwa über mehrere im Stadtgebiet verteilte Zweigstellen verfügen, sind die Beschäftigten in größerer Anzahl und auch häufiger mit dem Pedelec gefahren, als in Unternehmen mit weniger Zweigstellen oder einem räumlich größeren Tätigkeitsbereich. Auch die Struktur des urbanen Raums spielt eine nicht zu vernachlässigende Rolle: Beschäftigte schätzen die Vorteile des Pedelecs besonders in Stadtteilen, in denen viele Einbahnstraßen für den Radverkehr in Gegenrichtung geöffnet sind und in denen ein starker Parksuchverkehr herrscht.

Bilanz: Ein Modellprojekt mit Erfolg

Alle Pflegedienste die am Projekt teilgenommen haben zeigten Interesse an der Anschaffung eines oder mehrerer Pedelecs. Aus Gesprächen mit den Pflegedienstleitungen wurde klar, dass ein gewisses ökologisches Bewusstsein und ökologisches Handeln für die Betriebe eine wichtige Rolle spielen. Daher reichte oft schon eine vom Pedelec begeisterte Mitarbeiterin aus, um die Entscheidung zur Anschaffung entscheidend zu beeinflussen. Auch weiche Faktoren wie die Gesundheit der Mitarbeiter oder das positive Image des Unternehmens haben für die Kaufentscheidung eine gewisse Relevanz.

Insgesamt haben drei Pflegedienste nach dem Projekt für ihre MitarbeiterInnen Elektrofahrräder angeschafft. Einer von ihnen konnte durch das Pedelec auf die Anschaffung eines Pkws verzichten. Zwei Pflegedienste erwarben jeweils eines und ein Pflegedienst vier Fahrzeuge. Alle diese Pflegedienste erwarten, dass die Nutzung der Pedelecs in ihren Unternehmen weiter zunimmt, da der Spaß beim Fahren kommt.

Die Ergebnisse des Projekts im Überblick

Pedelecs sind häufig schneller

Mit dem Pedelec sind die Dienstfahrten häufig in der gleichen oder sogar in kürzerer Zeit zu bewältigen: 65% der Nutzer waren der Meinung, mit dem Pedelec schneller als mit dem Auto, zumindest aber gleich schnell zu sein.

Pedelec fahren macht Spaß

Der Spaßfaktor mit dem Pedelec zu fahren, wurde von der Gruppe der Nutzer überwiegend positiv bewertet. So gaben 76% an, dass es zutrifft oder eher zutrifft, dass das Fahren mit dem Pedelec Spaß macht.

Pedelecs bieten weniger Komfort

Für jeweils 60% der Umfrageteilnehmer sind der mangelnde Komfort des Pedelecs und/oder die "Umständlichkeit", etwa beim An- und Abschließen des Rades oder dem Wechsel der Regenkleidung bei schlechtem Wetter, wichtige Gründe, das Elektrofahrrad nicht häufiger nutzen zu wollen. Der größte Teil der Mitarbeiter nimmt das Pedelec folglich als Verschlechterung gegenüber der gewohnten Mobilitätssituation wahr und hält am Auto fest. Viele Nicht-Nutzer lassen sich durch das potentielle Komfortdefizit ("nass und kalt statt warm und trocken") von der probeweisen Nutzung abhalten. Für 44% der Befragten sind es zu lange Tageswegstrecken, die sie davon abhalten, das Pedelec in Zukunft häufiger zu nutzen. Danach befragt, welche Toleranzschwelle es bezüglich der Tageswegstrecken gibt, lagen die Antworten zwischen 17 und 100 km. Durch die Belegungspläne, also die real gemessenen Wege, kann nicht nachgewiesen werden, dass die üblichen Pflegetouren länger als 50 Kilometer (für 2 Schichten) sind. Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass es längere (mehr als 50 km) Routen gibt. Anzunehmen ist aber, und das hat sich in Gesprächen mit den Pflegedienstleitungen und MitarbeiterInnen bestätigt, dass Pflegetouren mit vielen, räumlich differenzierten Zielen und langen Teilwegstrecken zwischen den Patienten die Nutzung des Pedelecs erschweren. Ebenso ist zu vermuten, dass im Praxistest häufig fahrradfreundliche und vor allem die kürzeren Pflegetouren mit dem Pedelec absolviert wurden.

Weiterhin wurden Nachteile beim Transport der Pflegeausrüstung als Negativaspekt der Pedelecs benannt. Positiv festzustellen ist, dass gesundheitliche Gründe und die körperliche Anstrengung keine nennenswerten Merkmale der Nicht-Nutzung sind. Es gab in jedem der teilnehmenden Pflegedienste eine Person, die im Fragebogen angab, nicht Fahrrad fahren zu können.

Pedelecs sind als Alternative zum Dienstauto interessant

In jedem der vier teilnehmenden Pflegedienste gibt es eine kleinere Gruppe von MitarbeiterInnen, die sich vorstellen können, zukünftig ein Pedelec als Dienstfahrzeug zu nutzen. Hier zeigte sich, dass sich, mit Blick auf die Testphase, sowohl Nutzer als auch Nicht-Nutzer gleichermaßen vorstellen können, zukünftig ein Pedelec zu nutzen. Insgesamt 31% der Mitarbeiter, die diese Frage beantworteten, gaben eine entsprechende Antwort.

Wichtige Anreizsysteme: Dienstkleidung und private Nutzung

Als wichtige Anreize, um die zukünftige Nutzung zu steigern, werden in erster Linie Kleidung (Wetterschutz) sowie die Möglichkeit zur privaten Nutzung des Pedelecs genannt. Finanzielle Anreize spielen eine eher untergeordnete Rolle. Im letzten Abschnitt des Fragebogens sollten die MitarbeiterInnen aus vorgegebenen Antwortkategorien wählen, ob und welche Faktoren ihre Nutzungsabsichten begünstigen würden, und in einer weiteren Frage, welche Faktoren sie dazu bewegen könnten, gänzlich auf das Auto zu verzichten und zukünftig ausschließlich das Pedelec während der Arbeit zu nutzen. Für 20% der Befragten stellt, vom Arbeitgeber zu Verfügung gestellte (Wetter-) Kleidung einen Anreiz dar, das Pedelec häufiger zu nutzen. Weitere 14% nannten einen finanziellen Anreiz als Motivatonsfaktor, wobei über dessen Höhe keine Angaben gemacht wurden. Für 8% wäre eine bereitgestellte ÖPNV-Karte, auf die man bei Bedarf zurückgreifen kann, z. B.wenn das Wetter nicht mitspielt, ein Anreiz dazu, mehr Pedelec zu fahren. 66% der Beschäftigten geben jedoch an, dass keine der vorgegebenen Anreize ihr Nutzungsverhalten positiv beeinflussen würde. Bezogen auf einen kompletten Verzicht auf den Dienstwagen nennen jeweils 7% der MitarbeiterInnen zur Verfügung stehende (Wetter-) Kleidung und eine bereit gestellte ÖPNV-Karte als entscheidende Anreize. 15% der Beschäftigten erklärten sich bereit, auf den Dienstwagen zu verzichten, wenn ihnen die Möglichkeit gegeben würde, das Pedelec auch privat zu nutzen. Einzelantworten bei dieser Frage entfielen auf den finanziellen Anreiz, ohne Angabe über dessen Höhe und auf die Möglichkeit, Car-Sharing zu nutzen.

Pedelecs ersetzen Autos und keine Fahrräder

Bereits zuvor fahrradfahrende Pflegekräfte zeigen kaum Interesse an der Nutzung von Pedelecs, da sie den sportlichen Aspekt eines "normalen" Fahrrads schätzen.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Ökologische Verkehrsträger sind im Bereich der Dienstfahrten stark unterrepräsentiert. Das Modellprojekt hat gezeigt, dass Elektrofahrräder in urbanen Räumen auf Augenhöhe des fossil motorisierten Verkehrs fahren.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

2011 bei Projektende

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
  • Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)
  • Landesverband Bremen

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Mai 2010
Projektende: 
September 2011

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Verkehrspolitik
Herr Stephan Glinka
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
Landesverband Bremen e.V.
Am Dobben 44
28203 Bremen
Telefon: 0421 79 00 20
E-mail: stephan.glinka@bund-bremen.net
WWW: www.bund-bremen.net
 

Meta-Info
Stand der Information
31. Dezember 2011
Autor
Stephan Glinka, BUND Bremen
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Bremen