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Kurse zur Erhöhung der Verkehrssicherheit

Mütter lernen Radfahren

Fahrübung auf dem Verkehrsübungsplatz
Fahrübung auf dem Verkehrsübungsplatz © VHS Friedrichshain-Kreuzberg

Hintergrund

Im Frühjahr 2008 gab es im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg in zwei verschiedenen Einrichtungen sehr unterschiedliche Überlegungen, die letztendlich aber zu einem gemeinsamen Projekt führen sollten. Zur Konzipierung einer Verkehrssicherheitsberatung wurden in der Polizeidirektion 5 in Berlin-Kreuzberg die aktuellen Unfallstatistiken analysiert. Hierbei stellte sich erneut ein dringender Bedarf an Verkehrsschulungen für Migranten und Migrantinnen heraus. Doch wie ließ sich eine konkrete Zielgruppe innerhalb der heterogenen Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergund definieren und wie konnte man ein Angebot schaffen, das diese Menschen auch erreicht?

In der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg wurden zu eben diesem Zeitpunkt nach neuen Wege und Möglichkeiten der Integrationsarbeit gesucht, um die so genannten "Mütterkurse" inhaltlich zu gestalten. Bislang wurden in diesem Rahmen Deutschkurse speziell für Mütter bzw. Eltern angeboten, um ihnen die Möglichkeit zu geben, die eigenen Kinder im schulischen Alltag zu unterstützen. Doch welches zusätzliche Angebot könnte man machen, das die Integration über den Bereich der Schule hinaus fördert und zugleich das Interesse der Teilnehmerinnen trifft?

Polizeihauptkommissar Wolfgang Gierlich hatte die entscheidende Idee. Was bei Schulkindern auf Verkehrsübungsplätzen klappt, könnte auch bei Erwachsenen funktionieren: Fahrradfahren und dabei die Grundlagen der Straßenverkehrsordnung lernen. Er wandte sich mit seiner Idee an die für Integrationsfragen zuständige Programmbereichsleiterin an der örtlichen Volkshochschule, und gemeinsam wurde das Projekt "Mütter lernen Fahrradfahren" entwickelt.

Durchführung

Das Projekt startete am 6. Mai 2008 in den Jugendverkehrsschulen des Berliner Bezirks Friedrichshain/Kreuzberg. Träger dieser Jugendverkehrsschulen ist die gemeinnützige Bildungseinrichtung für berufliche Umschulung und Fortbildung (BUF). In der Jugendverkehrsschule am Kreuzberger Wassertorplatz wurde ein wöchentlicher Kurs angeboten. Zwei weitere Kurse zu unterschiedlichen Terminen wurden in der Verkehrsschule im Görlitzer Park abgehalten. Die Aufteilung in drei Gruppen war notwendig geworden, nachdem sich zu Beginn des Kursangebots schon mehr als 60 Frauen angemeldet hatten. Bis zur Sommerpause waren es zeitweise sogar mehr als 80 Teilnehmerinnen.

Bis auf wenige Ausnahmen waren alle Frauen absolute Fahrrad-Anfängerinnen. Also war es zunächst einmal notwendig, grundlegende Übungen zum Halten des Gleichgewichts mithilfe von Erwachsenenrollern durchzuführen. Dieses Training fiel einigen Frauen schwerer, als es von den Betreuern im Vorfeld erwartet wurde. Doch schon zu diesem frühen Zeitpunkt zeigte sich, mit wie viel Spaß und Ehrgeiz die Teilnehmerinnen bei der Sache waren. Betreut wurde der Unterricht von einer fachkundigen Polizeihauptkommissarin. Mit ihrer Geduld und Unterstützung schafften es fast alle Teilnehmerinnen, nach sechs bis acht Wochen alleine ihre Runden zu drehen.

Vor der Sommerpause wurde ein Abschlussfest rund um das Übungsgelände am Wassertorplatz organisiert, bei dem unter Beteiligung des Referatsleiters für Zentrale Aufgaben der Berliner Polizei und unter Beisein eines Fernsehteams der lokalen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt allen Teilnehmerinnen ein Zertifikat überreicht wurde.

Nach den Sommerferien ging das Projekt weiter, mittlerweile mit in ihrem Können fortgeschrittenen Teilnehmerinnen und auch mit deutlich fortgeschrittenem Bekanntheitsgrad der Kurse: Neben Hosenklammern und Helmen waren nun auch einige erwachsenengerechte Fahrräder unter den zahlreichen Sachspenden. Zu den Teilnehmerinnen des Frühjahrs waren auch einige neue Frauen dazu gekommen, folglich hatten die Projektverantwortlichen auch weiterhin alle Hände voll zu tun. An regnerischen Tagen wurde der Praxisunterricht nun auch durch Theoriestunden ergänzt. Die Beteiligung war auch hier sehr rege, was angesichts der teils geringen Deutschkenntnisse der Teilnehmerinnen keine Selbstverständlichkeit darstellte.

Die Kurse wurden weitergeführt, solange das Wetter es zuließ. Im Frühjahr und im Herbst 2009 wurden jeweils Fortsetzungen angeboten. Der Andrang auf das Fahrradprojekt hat im zweiten Jahr leicht nachgelassen, was jedoch aufgrund der geringen Fluktuation in den Mütterkursen ganz normal ist. Somit hat sich ein fester Kreis an regelmäßig Teilnehmenden gebildet. Die Frauen sitzen mittlerweile sehr sicher im Sattel und planen erste Ausflüge ins "richtige" Verkehrsgeschehen, möglicherweise sogar zusammen mit ihren Kindern.

Ergebnisse

Verkehrssicherheit / Unfallprävention

Die Projektteilnehmerinnen wurden praktisch und theoretisch mit den Verkehrsregeln vertraut gemacht und können sich fortan sicherer im Stadtverkehr bewegen. Besonders für Frauen aus ländlichen Herkunftsregionen war diese Art der Präventionsarbeit immens wichtig.

Sprachliche Integration

In den Übungsstunden wurde ausschließlich Deutsch gesprochen. Mehr noch als im konventionellen Sprachunterricht standen dabei Kommunikation und der alltagsweltliche Umgang mit Sprache im Vordergrund. Spaß und Motivation erleichterten das Erschließen neuer grammatikalischer Strukturen und Wortfelder.

Soziale Integration

Größere Mobilität - Für viele Frauen bedeutete das Fahrradfahren nicht nur eine Erweiterung ihres alltäglichen Bewegungsradius, sondern auch die Erschließung einer erschwinglichen Alternative zum Automobil und zum öffentlichen Nahverkehr.

Stärkung der sozialen Kompetenz

Die zusätzlichen Kontakte zu anderen Frauen und Müttern ließen Netzwerke entstehen, in denen man sich helfen und gegenseitig unterstützen kann. Ein wesentlicher Erfolg in diesem Bereich war auch der Abbau von Berührungsängsten gegenüber der Polizei. In den Kursen wurde eine Vertrauensbasis geschaffen, die nicht nur auf den Umgang mit anderen staatlichen Behörden ausstrahlen könnte, sondern hoffentlich auch einige Frauen ermutigt, ihre Rechte mit polizeilicher und anwaltlicher Hilfe einzufordern, sollten sie in eine Krisensituation geraten.

Vorzeigbarer Lernerfolg

Für Frauen mit geringer schulischer Vorbildung, die sich beim Lernen theoretischer Inhalte oft schwer tun, war der greifbare Erfolg im praktisch ausgerichteten Fahrradprojekt eine neue Erfahrung, die auch in den Sprachunterricht zurückwirkte.

Verändertes Rollenverständnis

Das Gefühl, ihr häusliches Umfeld zu verlassen, sich an der frischen Luft sportlich zu betätigen und etwas zu erlernen, was in vielen Herkunftsländern für Frauen und Mädchen als unschicklich gilt, führte bei vielen Teilnehmerinnen zu einer Steigerung ihres Selbstbewusstseins und zu einem Überdenken ihrer familiären Rolle. Einige Frauen brachten beispielsweise eine jetzt offenere Haltung gegenüber dem Sport- und Schwimmunterricht ihrer Töchter zum Ausdruck.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Projekt "Mütter lernen Fahrradfahren" in Berlin-Kreuzberg zu einem festen und erfolgreichen Bestandteil sowohl der Mütterkurse der Volkshochschule als auch als auch der polizeilichen Verkehrssicherheitsberatung geworden ist. Ganz besonders erfreulich ist, dass diese Gemeinschaftsproduktion der Polizeidirektion 5 und der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg im März des Jahres 2009 von der Berliner Senatorin für Stadtentwicklung die Auszeichnung "FahrradStadt Berlin 2008" überreicht bekommen hat. Am 16. Juni 2009 erhielt das Projekt zudem den Präventionspreis der Volker-Reitz Stiftung.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

"Mütter lernen Fahrradfahren" war das erste Projekt in Berlin, in dem sich die Polizei und eine Volkshochschule zusammenschlossen, um Integrations- und Verkehrspolitik sinnvoll zu vereinen. Es wurde einerseits ein spezielles Angebot für ausländische Frauen geschaffen, um das öffentliche Leben in der Stadt auf neue Art kennen zu lernen, und andererseits eine effektive Form der Prävention im Bereich Verkehrssicherheit implementiert. Über das Fahrradfahren erfahren die Frauen gleichermaßen Mobilität und Lernerfolg, so dass das Projekt über integrative und präventive Aspekte hinaus auch eine emanzipatorische Wirkung hat.

Finanzierung

Finanzierung: 
Kommunale Mittel
Private Mittel (ohne Sponsoring und Spenden)
Sponsoring, Spenden

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Noch nicht, aber eine Evaluation ist für den Sommer 2010 geplant.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg, Verkehrssicherheitsberatung der Polizeidirektion 5
Projektbeteiligte: 
Frau Dr. Bianca Ploog, Herr Polizeihauptkommissar Wolfgang Gierlich, Frau Polizeihauptkommissarin Rotraut Wiedemann, Frau Silke Haist, Herr Boris Kolipost

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Mai 2008
Info zur Laufzeit: 
Das Projekt "Mütter lernen Fahrradfahren" ist fester Bestandteil des ebenfalls unbefristeten VHS Programms Deutschkurse für Eltern ("Mütterkurse").

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Programmbereichsleiterin Deutsch und Elternkurse
Frau Bianca Ploog
Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg
Wassertorstraße 4
10969 Berlin
Telefon: (030) 2219 – 5518
Telefax: (030) 2219 - 5522
E-mail: bianca.ploog@vhs-fk.de
WWW: www.vhs-friedrichshain-kreuzbe...

Assistentin Elternkurse und Projekte
Frau Silke Haist
Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg
Wassertorstraße 4
10969 Berlin
Telefon: (030) 2219 - 5526
Telefax: (030) 2219 - 5522
E-mail: silke.haist@vhs-fk.de
WWW: www.vhs-friedrichshain-kreuzbe...

Kommunale Ansprechpartner: 
Verkehrssicherheitsberaterin und Verkehrsunterrichtsleitende
Frau Polizeihauptkommissarin Rotraut Wiedemann
Polizei Berlin
Direktion 5
Friesenstraße 16
10965 Berlin
Telefon: (030) 4664-581220
Telefax: (030) 4664-580099
E-mail: rotraut.wiedemann@polizei.berlin.de
WWW: www.polizei.berlin.de

Verkehrssicherheitsberate und Verkehrsunterrichtsleitender
Herr Polizeihauptkommissar Wolfgang Gierlich
Polizei Berlin
Direktion 5
Friesenstraße 16
10965 Berlin
Telefon: (030) 4664-581221
Telefax: (030) 4664-580099
E-mail: wolfgang,gierlich@polizei.berlin.de
WWW: www.polizei.berlin.de

Meta-Info
Stand der Information
15. Februar 2010
Autor
Silke Haist, VHS Friedrichshain-Kreuzberg, Assistentin Elternkurse und Projekte; Rotraut Wiedemann, Polizeihauptkommissarin, Berlin, Direktion 5
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Berlin