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200 Tage Fahrradstadt

Mit geringen finanziellen Mitteln und guten Ideen das Fahrrad in den Mittelpunkt einer (Auto-)Stadt rücken

Mittels Plakette bekennen sich die Mönchengladbacher zur Fahrradstadt.
Mittels Plakette bekennen sich die Mönchengladbacher zur Fahrradstadt. © Hannah von Dahlen

Mönchengladbach - Fahrradstadt?

Der 2010 von der Stadtverwaltung in Auftrag gegebene Verkehrsentwicklungsplan straft das Mönchengladbacher Fahrradnetz mit einem Mangelhaft ab, im ADFC Fahrradklimatest 2012 landet die Vitusstadt auf dem drittletzten Platz und im von Sir Nicholas Grimshaw entworfenen städtebaulichen Masterplan wird Mönchengladbach mit einem Verhältnis von 60 zu 40 zugunsten des motorisierten Individualverkehrs (Radfahranteil 6%) als Auto-dominierte Stadt bezeichnet - mit der Schlussfolgerung: Das muss sich ändern!

Mönchengladbach hat 255.000 Einwohner und erstreckt sich auf einer Fläche von 170 Quadratkilometern. Das Gladbacher Stadtzentrum liegt an einer Anhöhe, während das übrige Stadtgebiet als eher flach beschrieben werden kann. Die beiden Zentren Gladbach und Rheydt liegen 3 Kilometer voneinander entfernt. Somit bietet Mönchengladbach sowohl hinsichtlich der Geländestruktur als auch der innerstädtischen Entfernungen durchaus gute Voraussetzungen fürs Radfahren. Trotz allem besitzt der Radverkehr in der Stadt kaum eine ernstzunehmende Lobby.

Wie viele Städte in Nordrhein-Westfalen leidet auch Mönchengladbach unter dem bis in die Gegenwart andauernden ökonomischen Strukturwandel, ist mit knapp 1,3 Milliarden Euro verschuldet und nimmt am Stärkungspakt Stadtfinanzen teil. Infolgedessen lautet die Handlungsmaxime der Stadtpolitik "sparen, sparen, sparen".

Aus dieser Situation heraus entstand die Überlegung, ob sich Radverkehrsförderung nicht auch mit sehr geringen finanziellen Mitteln durchführen ließe, wenn man sie einerseits geschickt inszeniert und andererseits genug Akteure, sprich Bürger/innen und Institutionen motiviert, die alle ihr Scherflein beitragen.

Huhn oder Ei? Der Aktionsansatz

Diese so gerne bei der Suche nach Ursache und Wirkung zitierte Frage spielt auch im Kontext der Radverkehrsentwicklung eine nicht unwesentliche Rolle. Auf das Thema übertragen lautet sie in etwa: Wo setzte ich an? Beim Radfahrer oder beim Radweg? 200 Tage Fahrradstadt wählte den Fahrradfahrer und legte im Gegensatz zu vielen anderen Maßnahmen zur Förderung des Radverkehrs das Augenmerk nicht auf eine Verbesserung der Infrastruktur, sondern auf einen verbesserten Umgang mit den vorhandenen Gegebenheiten. Gerade zu Beginn einer positiven Radverkehrsentwicklung ist es wichtig, auch kurzfristig "Ergebnisse" erzielen zu können. Hier haben "weiche" Maßnahmen einen nicht zu unterschätzenden Vorteil, da rein strukturelle Ansätze in der Regel weitaus kosten- und auch zeitintensiver sind. Der Fokus dieses Projekts lag somit auf kurzfristig erreichbaren, konkreten Zielen anstelle von Wunschdenken, teuren Konzepten und langfristigen Planungen.

Die Automobilbranche macht vor, wie es geht. "Freude am Fahren" proklamiert ein Hersteller, "Nichts ist unmöglich", behauptet ein anderer. Auch das Radfahren lässt sich entsprechend positiv besetzen: Es gibt viele gute Gründe, aufs Rad zu steigen. Radfahren ist gesund, ökologisch und weitaus billiger als mit dem Auto unterwegs zu sein. Kommt aber nicht zusätzlich eine real empfundene Freude am (Rad-)Fahren hinzu, werden all diese Argumente bereits vom nächsten Regenschauer weggespült. Umso wichtiger ist es, neben der rein rationalen Argumentation auch die Emotionen der (potenziellen) Radfahrer anzusprechen.

Das Projekt rückte das Thema Radverkehr auf freundliche Art und Weise für 200 Tage in den Fokus der Öffentlichkeit, stärkte die Mönchengladbacher Fahrradkultur mit einer Vielzahl von Aktionen und setzt von Beginn an auf Beteiligung. Denn schlussendlich war 200 Tage Fahrradstadt eine Art Gefäß, ein Rahmen innerhalb dessen gezeigt wurde, dass jeder (Bürger, Institutionen, Wirtschaft, Politik, etc.) etwas dazu beitragen kann, die eigene Stadt fahrradfreundlicher zu gestalten.

200 Tage Fahrradstadt war ein Projekt des Künstlers und Sozio-Designers Norbert Krause. Unterstützt wurde er von Mitgliedern des Mönchengladbacher Kreativnetzwerks "apparillo" sowie weiteren Fahrradenthusiasten. Anfallende Kosten wurden von Sponsoren übernommen. Sämtliche Arbeitskraft wurde ehrenamtlich zur Verfügung gestellt.

200 Tage: Die Aktionen im Einzelnen

Beteiligungsplattform "Fahrradwerkstatt"

Neben einer Informationsplattform (Projekthomepage und Facebookseite) wurde vor Beginn des vom 7. März bis 22. September 2013 datierten Aktionszeitraums eine informelle Beteiligungsplattform geschaffen. Unter dem Titel "Fahrradwerkstatt" wurden gemeinsam mit fahrradinteressierten Bürgern Ideen gesammelt und weiter gesponnen, um die 200 Aktionstage kreativ zu gestalten.

Fahrradstadt-Plakette

Offiziell startete das Projekt mit dem ersten Tag, an dem die so genannte "Fahrradstadt-Plakette" ausgegeben wurde. An zwei Orten im Stadtgebiet (Radstadtion Rheydt, Café van Dooren) war diese über den Projektzeitraum erhältlich. Mit der ans Rad geklebten Plakette bekannten sich bis zum Aktionsende im September 2013 an die 2000 Fahrradfahrer zur Fahrradstadt.

Monatliches Rundradeln

Als ein weiteres Ritual etablierte sich neben der Fahrradwerkstatt das allmonatliche Rundradeln, das vom Titel her moderater klingt als die in anderen Städten zelebrierte Critical Mass. Je nach Wetterlage erkundeten zwischen 30 und 80 Teilnehmer/innen gemeinsam von der Straße aus die Stadt und zeigen dabei deutlich aber nicht provozierend, dass sie Teil des Verkehrs sind und entsprechend ernst genommen werden wollen. Im April ging es unter der Überschrift "Frühjahrserwachen" weiter mit einem gemeinsamem Fahrradputzen auf dem Mönchengladbacher Schillerplatz. Dafür hatten sich erste freiwillige Helfer bereits im Vorfeld zur Verfügung gestellt: Unterstützt wurde die Aktion von Mitarbeitern des vom RehaVerein durchgeführten Fahrradrecycling-Projekts, die bei kleineren Reparaturen Hilfestellung leisteten.

"Der gute Weg": Routentipps für Neuradler

Mit der Mitmach-Aktion "Der gute Weg" wurde den Radfahrern ein Werkzeug an die Hand gegeben, um ihre bewährten Fahrradwege durch die Stadt mit anderen zu teilen und so privates Wissen öffentlich zu machen. An mehreren Orten im Stadtgebiet hingen große Ausdrucke von Stadtplänen, die dazu einluden, mit buntem Stift den Lieblingsweg einzutragen. Insbesondere Neu-Radler profitierten von dieser Aktion. Schließlich kann gerade beim Umstieg vom Pkw aufs Rad oft beobachtet werden, dass weiterhin jene Wege genutzt werden, die von den Autofahrten bekannt sind. Meist sind dies aber gerade nicht die besten Fahrradrouten, was schnell zu Frustration führt. Für Neu-Radler ist es daher oftmals gar nicht so entscheidend, eine detaillierte Karte eines Fahrradnetzes zu erhalten, sondern vielmehr wichtig, die alltagsrelevanten und gut funktionierenden Routen von Stadtteil zu Stadtteil gezeigt zu bekommen. Und wer könnte dies besser, als mit den Mönchengladbacher Gegebenheiten vertraute erfahrene Radfahrer?

Kuriose Kreativaktionen

Dass das Fahrrad noch weit mehr als nur Verkehrsmittel sein kann, zeigen drei kuriose Aktionen, die vor allem die Freude am (Rad-)Fahren in den Mittelpunkt stellten.

Mit "Räderey" entstand in Kooperation mit der Mönchengladbacher PoetrySlam-Gruppe Pip42 ein Format, das die Wortakrobaten ihre Texte vom Fahrrad aus vorlesen ließ und sie dabei teilweise ganz schön aus der Puste brachte.

Beim vermutlich weltweit ersten Tandem-Single-Speed-Dating saßen sich die potentiellen Liebespaare nicht am Tisch gegenüber, sondern hintereinander auf einem Tandem. Schließlich ist gute Balance eine wichtige Basis; sowohl fürs Radfahren als auch für eine erfolgreiche Beziehung. Und so konnten die Paarungen beim Umrunden des Schillerplatzes fünf Minuten probieren, ins Gleichgewicht zu kommen, bevor es ein Tandem weiter, zum nächsten potentiellen Partner ging.

Mit "Bicycle Piece For Orchestra" zeigten die Niederrheinischen Sinfoniker basierend auf einem Konzept der Künstlerin Yoko Ono, dass beim Fahrradfahren auch tonale Aspekte nicht zu verachten sind; zumindest wenn knapp 40 Orchestermusiker die Violine mit dem Velo tauschen und das Stadttheater per Rad erkunden. Die Performance wurde im Film festgehalten.

Mitmach-Wettbewerbe für die Kleinen und die Großen

Wettbewerbe durften natürlich auch nicht fehlen. Für die "Kleinen" wurde zusammen mit dem städtischen Kulturbüro ein Fahrrad-Malwettbewerb veranstaltet, für die "Großen" in Kooperation mit dem Masterplan-Verein "MG3.0" der Ideenwettbewerb "Radschlag" initiiert. Bei diesem ging es vor allem darum, kleine aber pfiffige Ideen zu entwickeln, wie mit wenig Geld die Situation für Radfahrer verbessert werden kann. Alle Vorschläge wurden Oberbürgermeister Norbert Bude und zwei Vertretern aus dem Arbeitsfeld der Verkehrsentwicklung im Anschluss an das Projekt offiziell überreicht.

Roter Teppich zum Finale

Zum Finale des Projekts am 22. September fuhren etwa 500 Radfahrer auf der von der Polizei gesicherten Hauptverkehrsachse von Rheydt nach Gladbach, um im Anschluss auf der erstmals zu Gunsten des Radverkehrs gesperrten Bismarckstraße den roten (Fahrradweg-) Teppich ausgerollt zu bekommen und 200 Tage Fahrradstadt zu feiern. Neben Live-Musik, einer Fahrradausstellung und anderen Aktionen gab es für die jungen Radfahrer einen Hindernisparcours, betreut von der Polizei und Fohlen "Jünter", dem Maskottchen von Borussia Mönchengladbach.

Nachbetrachtung

200 Tage Fahrradstadt fußte auf dem Dreischritt "Vormachen, Mitmachen, Selbermachen". Wurden zu Beginn einige Formate vorgegeben und viele Aktionen mit partizipativem Ansatz initiiert, so ging es im Laufe des Projekts vermehrt darum, die Akteure - Bürger bzw. Institutionen - zu eigenständigem Handeln zu ermuntern bzw. dabei zu unterstützen. Von der PPG, der Gesellschaft für Parkplatzbewirtschaftung bis hin zum Museum Abteiberg reichten die Kooperationspartner im Laufe des Projekts. Das Thema Radverkehr tauchte vermehrt in der lokalen Presse auf (auch jenseits von Artikeln über "200 Tage Fahrradstadt") und Politiker verschiedenster Couleur sprachen sich dafür aus, an das Projekt von städtischer Seite aus anzuschließen. Einige Wochen nach Ablauf der 200 Tage gab die Stadtverwaltung eine Pressemitteilung heraus, dass sie eine beidseitige Öffnung der Einbahnstraßen im Innenstadtbereich überprüfen möchte.

Das Thema Radverkehr ist in Mönchengladbach kein Tabu mehr. Und auch wenn der Weg zu einer "echten" Fahrradstadt noch weit ist, hat 200 Tage Fahrradstadt aufgezeigt, dass die Reise dorthin auch mit Freude bestritten werden kann, und es keineswegs nötig ist, Autofahrer und Radfahrer gegeneinander auszuspielen.

In einem abschließenden Gespräch sprach sich Oberbürgermeister Norbert Bude für eine Fortführung des Projekts im Jahr 2014 aus. Bis Mitte 2014 wollen die Verkehrsplaner der Stadt die Einsendungen des Ideenwettbewerbs "Radschlag" ausgewertet haben und in einer Veranstaltung aufzeigen, was hiervon umgesetzt werden kann und wird.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

200 Tage Fahrradstadt zeigt Möglichkeiten auf, wie Radverkehr jenseits struktureller Verbesserungen gefördert werden kann. Nicht die Struktur sondern der Umgang mit ihr steht im Vordergrund und führt so zu raschen Ergebnissen bei vergleichsweise kleinem Budget.

Finanzierung

Finanzierung: 
Sponsoring, Spenden
Gesamtvolumen: 
2 000 €
Erläuterungen: 
In diesem Pilotprojekt wurde sämtlicher Arbeitsaufwand ehrenamtlich geleistet.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Im Rahmen einer Master-Thesis im Fachbereich Design der Hochschule Niederrhein

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Norbert Krause
Projektbeteiligte: 
Akteure des Kreativnetzwerks apparillo und weitere Fahrradenthusiasten

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
März 2013
Projektende: 
September 2013
Info zur Laufzeit: 
Wiederaufnahme in 2014

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Initiator
Herr Norbert Krause
200 Tage Fahrradstadt
Aachenerstr. 49
41061 Mönchengladbach
Telefon: 0174/4065687
E-mail: post@norbertkrause.net
WWW: www.norbertkrause.net

Meta-Info
Stand der Information
6. Juni 2013
Autor
Norbert Krause, Künstler und Sozio-Designer in Mönchengladbach
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Nordrhein-Westfalen