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Radverkehr in Fußgängerzonen

Mit dem Rad zum Einkauf in die Innenstadt - Konflikte und Potenziale bei der Öffnung von Fußgängerzonen für den Radverkehr

Öffnung von Fußgängerzonen für den Radverkehr
Öffnung von Fußgängerzonen für den Radverkehr © Thomas Böhmer

Hintergrund

Fußgängerzonen prägen vielerorts das Bild deutscher Innenstädte. Hier sollen sich zu Fuß Gehende frei bewegen, aufhalten, einkaufen und entspannen können.

Auch für den Radverkehr stellen Innenstädte attraktive Ziele oder wichtige Korridore für Radverkehrsrouten da. Eine Öffnung von Fußgängerzonen für den Radverkehr unterliegt Restriktionen wie der baulichen Gestaltung, insbesondere in engen historischen Innenstädten, der Nutzung der vorhandenen Flächen durch Gastronomie und Auslagen des Einzelhandels sowie der Gewährleistung von Sicherheit und Komfort der zu Fuß Gehenden.

Ziel einer Öffnung von Fußgängerzonen ist die Attraktivierung des innerstädtischen Radverkehrs. Sind die entsprechenden Fußgängerzonen wenig frequentiert bzw. ist ausreichend Platz vorhanden, so ergibt sich in den allermeisten Fällen ein relativ konfliktarmes Nebeneinander beider Verkehrsarten. Häufig erfolgt die Freigabe für den Radverkehr in Fußgängerzonen zunächst testweise oder in räumlich und zeitlich begrenzten Modellvorhaben. Hauptziel hierbei ist die Schaffung von Akzeptanz für die Öffnung (ggf. auch räumlich und/oder zeitlich begrenzt) in der Bevölkerung sowie die Sammlung von Erfahrungen kombiniert mit der Möglichkeit zur Nachbesserung der festgelegten Regelungen. Jedoch besteht auch im Falle des Erfolgs die Notwendigkeit für weitere Kommunikation und Ansprache, um ein rücksichtsvolles Nebeneinander von Fuß- und Radverkehr zu erwirken.

Schwieriger ist die Öffnung von Fußgängerzonen für den Radverkehr in verwinkelten und engen historischen Innenstädten, insbesondere bei hoher Fußgänger-Frequentierung. Auf Grund der baulichen Enge und des damit erhöhten Konfliktpotenzials zwischen Fuß- und Radverkehr wird hier oftmals von einer Öffnung der Fußgängerzonen für den Radverkehr abgesehen. Umfassen diese Fußgängerzonen einen Großteil der Innenstadt wie z.B. in Erfurt oder Weimar, so können sich für den Radverkehr erhebliche Umwegfaktoren ergeben. Zudem leidet die Erreichbarkeit innerstädtischer Ziele wie des Einzelhandels, der Gastronomie und von Freizeiteinrichtungen. Radfahrende müssen oft erhebliche Wege zu Fuß in Kauf nehmen, um diese Ziele in innerstädtischen Fußgängerzonen zu erreichen.

Insgesamt ist die Akzeptanz zeitlicher oder räumlicher Einschränkungen der Befahrbarkeit von Fußgängerzonen für den Radverkehr gering. Es kommt häufig zu Übertretungen des Verbots. Die Öffnung von Fußgängerzonen trägt daher oft den Charakter einer nachträglichen Legalisierung bereits existierender täglicher Praxis. Um Fahrrad- und Fußverkehrsklima zu verbessern und damit auch die Attraktivität und Akzeptanz des Radverkehrs, sollte der Prozess der Fußgängerzonenöffnung aktiv über eine zielgruppenspezifische Öffentlichkeitsarbeit positiv gestaltet und unterstützt werden. Häufig fehlt es Kommunen dafür aber an finanziellen und personellen Mitteln sowie an dem nötigen Know-how.

Projektzielsetzung

Ziel des Projekts ist die Förderung des Radverkehrs in Innenstädten, speziell in Fußgängerzonen der Innenstädte. Dabei steht das Suchen und Finden von Lösungen zur Entspannung des Konfliktfelds zwischen Fußgängern und Radfahrenden bei der gemeinsamen Nutzung von innerstädtischen Fußgängerzonen im Sinne der Förderung einer umweltfreundlichen Nahmobilität im Vordergrund. Hinzu kommt die Sensibilisierung des Einzelhandels, der Gastronomie und von Freizeiteinrichtungen für radfahrende Kunden in der Innenstadt, um insgesamt eine Akzeptanzsteigerung des Radverkehrs in innerstädtischen Fußgängerzonen zu erreichen. So soll ein möglichst entspannter und gefahrloser Aufenthalt, Einkauf oder eine Durchquerung der Innenstädte zu Fuß oder mit dem Rad ggf. in Kombination mit dem ÖPNV für jegliche Art von Verkehrsteilnehmern ermöglicht werden. Folgende Ziele stehen damit konkret im Fokus des Projekts:

  • Verbesserung der Erreichbarkeit und Durchfahrbarkeit von Fußgängerzonen in Innenstädten für den Radverkehr
  • Abnahme von Konflikten zwischen Fußgängern und Radfahrenden in für den Radverkehr geöffneten Fußgängerzonen
  • Sensibilisierung des Einzelhandels, der Gastronomie und von Freizeiteinrichtungen in Innenstädten für das Potenzial radfahrender Kunden und für deren Bedürfnisse
  • Erstellung und Veröffentlichung eines Handlungsleitfadens zur Weitergabe der im Projekt gewonnenen Erkenntnisse an Planende in den Kommunen, Verbände und die interessierte Öffentlichkeit.

Das Problemfeld der Erschließung von Fußgängerzonen für den Radverkehr ist nach wie vor nicht ausreichend geklärt - wie die Vielzahl der unterschiedlichen bestehenden Regelungen in Fußgängerzonen sowie zahlreichen Diskussionen in der örtlichen Tagespresse zeigen. Bestehende verkehrsplanerische Möglichkeiten zur Lösung des Problemfelds haben sich bislang nicht ausreichend bewährt. Daher setzt das vorliegende Projekt in starkem Maße auf kommunikative und informative Möglichkeiten - neben baulichen und organisatorischen Verbesserungsvorschlägen - um für Rücksichtnahme und angepasstes Verhalten in Fußgängerzonen zu werben. Hauptpunkt ist dabei die Berücksichtigung des geringen Budgets von Kommunen. Auf kreative Art und Weise und unter Beteiligung verschiedener Akteure sollen daher spezifische Möglichkeiten und Handlungsspielräume von Kommunen zusammengetragen, überprüft und genutzt werden.

Partner

Die Umsetzung des Projekts erfolgt beispielhaft in einigen Modellkommunen. Insbesondere geeignet erscheinen Kommunen mit großflächigen Fußgängerzonen, da hier die Barrierewirkung für den Radverkehr durch nicht durchgängig geöffnete Fußgängerzonen hoch ist. Elf Städte haben ihre Bereitschaft zur Mitwirkung signalisiert. Darüber hinaus wird das Projekt vom Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft (TMIL) finanziell und durch die Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Kommunen in Thüringen (AGFK-TH) organisatorisch und inhaltlich unterstützt.

Bezüglich Fragen barrierefreier Gestaltung besteht eine Kooperation mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband Thüringen e.V. (BSVT) und der Arbeitsgruppe barrierefreies Erfurt. Polizei und Gemeindeverwaltungen der jeweiligen Modellkommunen werden an Ortsbegehungen, Beratungen und Maßnahmenabstimmungen beteiligt. IHK und Einzelhandelsverband werden in Bezug auf die Ansprache des Einzelhandels einbezogen. Darüber hinaus besteht eine Kooperation mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club e.V. (ADFC) sowie mit dem Fachverband Fußverkehr Deutschland FUSS e.V.

Methodik

In ausgewählten Modellkommunen wird zunächst die konkrete Problemlage in Form von Recherchen, Expertengesprächen und Vor-Ort-Begehungen erörtert. Im Ergebnis dieser Vor-Ort-Analysen erfolgt die Festlegung durchzuführender Maßnahmen. Diese Maßnahmen können planerischer, baulicher, organisatorischer und/oder kommunikativer Art sein wie z.B. eine Image-Kampagne.

Im Fokus des Projekts steht die Entwicklung und Erstellung und Durchführung einer Low-Budget-Image-Kampagne mit dem Ziel der Information und Sensibilisierung bezüglich gegenseitiger Rücksichtnahme von Radfahrenden und Fußgängern in innerstädtischen Fußgängerzonen. Die Kampagne wird modellhaft entwickelt, mit dem Ziel die Übertragbarkeit auf andere Kommunen mit ähnlichen Problemen zu ermöglichen. Mit geringen finanziellen Mitteln soll eine breite Wirkung erzielt werden.

Die Erfolgskontrolle bzw. Wirksamkeitskontrolle der durchgeführten Maßnahmen erfolgt in allen ausgewählten Modellkommunen in Form einer Vorher- und einer Nachher-Evaluation. Diese umfassen sowohl Beobachtungstechniken (z.B. Video-Technik) als auch Befragungstechniken (standardisierte empirische Befragung der Zielgruppen Fußgänger und Radfahrer).

Zur Weitergabe der im Projekt gewonnenen Erkenntnisse an kommunale Planer, Verbände und die interessierte Öffentlichkeit erfolgt abschließend die Erstellung eines Handlungsleitfadens.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Insbesondere für Kommunen mit ähnlichen Problemen (historische Altstadt, großflächige Fußgängerzone, bauliche Enge) sowie geringem Budget werden die Projektergebnisse von zentraler Bedeutung sein. Das Projekt soll einen effizienten Lösungsansatz für ein alltägliches kommunales Problemfeld bieten.

Ziel ist eine verbesserte Zugänglichkeit der Innenstädte für den Radverkehr sowie ein konfliktärmeres Nebeneinander von Fuß- und Radverkehr. Davon profitieren vor allem Einzelhandel, Gastronomie und Freizeiteinrichtungen durch eine entsprechende Erhöhung der Kundenzahl.

Das Projekt bietet über die Best-Practice-Analyse eine Übersicht zum Stand der Problematik gemeinsam genutzter Fußgängerzonen in Innenstädten sowie über vorhandene Möglichkeiten zur Klärung des Konflikts.

Als Ergebnis des Projekts wird ein ansprechender und informativer Handlungsleitfaden für die Radverkehrsplanung und Radverkehrspolitik entstehen. Zudem können die Projektergebnisse in Empfehlungen der FGSV einfließen sowie im Rahmen der Fahrradakademie des Difu Anwendung finden.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Sonstige
Gesamtvolumen: 
176 338 €
Erläuterungen: 

Förderprogramm: BMVI, NRVP 2020, Förderzeitraum 01.09.2015 - 28.02.2018

Sonstige Mittel:

  • Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft (TMIL)
  • Stadt Offenbach am Main

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Die Wirkungskontrolle der im Projekt durchgeführten Maßnahmen (Wirkungsevaluation) ist bereits direkter Projektbestandteil im Rahmen der geplanten Vorher- und Nachher-Evaluation. Zur Evaluation des Projektverlaufs (Prozessevaluation) wird eine viermalige Bewertung verschiedener Faktoren wie Hemmnisse, Treiber, Aktivitäten und Risikofaktoren für die Projektdurchführung durchgeführt. Die Bewertung wird zu Beginn des Projektes, jeweils im Zwischenbericht sowie im Endbericht durchgeführt.

Zum Projektbeginn wird die Dokumentation zudem folgende Elemente enthalten:

  • Aufstellungsprozess der Projektziele
  • Aufstellung der Indikatoren der Wirksamkeitsevaluation
  • Zusammenstellung der Projektpartner
  • Konzeption der Projektmethodik
  • Konzeption der Maßnahmenplanung

Die Dokumentation erfolgt ausführlich und dient dem Erkenntnisgewinn über die Art und Weise der Projektplanung, des Verlaufs und der Umsetzung der im Projekt geplanten Maßnahmen.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Fachhochschule Erfurt, Fachbereich Verkehrs- und Transportwesen

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
September 2015
Projektende: 
Februar 2018

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Juliane Böhmer
Fachhochschule Erfurt
Altonaer Str. 25
Telefax: +49 (0)361/6700-528
Mobiltelefon: +49 (0)176-520 11938
E-mail: juliane.boehmer@fh-erfurt.de
 

Meta-Info
Stand der Information
30. Oktober 2015
Autor
Juliane Böhmer, Fachhochschule Erfurt
NRVP-Handlungsfelder
Infrastruktur
Kommunikation
Radverkehrsplanung und -konzeption
Fahrradthemen
Forschung
Image/Kampagnen
Infrastruktur
Veröffentlichungen
Schlagworte
Oeffentlichkeitsarbeit
Verkehrsverhalten
Befragung
Fußgängerzone
Leitfaden
Beobachtung
Land
Deutschland