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Langfristiger Flottenversuch

Landrad Vorarlberg - E-Bikes als Träger der Alltagsmobilität im ländlichen Raum

Ein E-Bike aus dem Projekt Landrad
Ein E-Bike aus dem Projekt Landrad © Marcello Girardelli, Kairos gGmbH

Ziel des Forschungsprojektes "Landrad" war es, zu analysieren, welche Wirkung Pedelecs auf das werktägliche Verkehrsverhalten der Vorarlberger Bevölkerung haben können, wie groß der Verlagerungseffekt vom PKW hin zum Fahrrad bzw. Pedelec ist und welches Marktpotential im Alltagssegment vorhanden ist. "Landrad" wurde als ein Flottenversuch mit einer limitierten Edition von 500 Stück qualitativ hochwertigen, elektrisch unterstützten Fahrrädern durchgeführt. Als Projektpartner der Kairos gGmbH konnten dabei das Amt der Vorarlberger Landesregierung, 25 Vorarlberger Fahrradfachhändler und das Energieinstitut Vorarlberg gewonnen werden.

Ausgangssituation

In Vorarlberg leben 366.500 Menschen. Davon 80% im Ballungsraum Rheintal, der ca. 10% der Fläche des Bundeslands einnimmt. Ähnliches gilt auch für die Arbeitsplatzsituation. Etwa drei Viertel der Beschäftigten in der gewerblichen Wirtschaft Vorarlbergs arbeiten im Rheintal. Der Motorisierungsgrad ist in Vorarlberg – ähnlich wie auch in ganz Österreich oder dem benachbarten Ausland - sehr hoch. Derzeit liegt er bei ca. einem Kraftfahrzeug je zwei Einwohner.

Der Öffentliche Verkehr ist v.a. in den Ballungsgebieten in Vorarlberg gut ausgebaut. Das Bedienen von Randzonen und Talschaften ist allerdings aufgrund der ländlichen Struktur schwierig und am Abend und am Wochenende nur unzureichend gegeben. Reisezeitdifferenzen zwischen Öffentlichem Verkehr und Motorisiertem Individualverkehr betragen innerhalb von Vorarlberg zwischen 140% und 200%. Aus diesem Grund ergeben sich nach wie vor zahlreiche Situationen, in denen Menschen auf den Individualverkehr angewiesen sind. Herausforderungen wie Klimaschutz, Feinstaubbelastung, bodennahe Ozonwerte aber auch die Preisentwicklung bei mineralischen Treibstoffen durch „peak oil“ machen es jedoch notwendig, sinnvolle Alternativen zum motorisierten, mit fossilen Treibstoffen betriebenen, Individualverkehr zu finden.

Insgesamt 69% aller in Voralberg zurückgelegten PKW-Fahrten sind kürzer als 10 km und stellen damit ein riesiges Potential an Wegen dar, die mit einer alltagstauglichen Alternative wie z.B. einem elektrisch unterstützten Fahrrad erschlossen werden können.

Das Fahrrad jedoch ist in Vorarlberg für die breite Masse der Bevölkerung nach wie vor stark mit Freizeitmobilität verbunden, was durch das Bild beim Fahrradfachhandel gestützt wird. Leistungsfähige und hochwertige Fahrräder im Mountain-Bike, Downhill- und Rennradbereich sind bei vielen Fachhändlern zu beziehen. Hochwertige Alltagsfahrräder und vor allem Ausrüstung für Alltagsfahrradverkehr waren bislang nur bei ausgewählten Händlern zu erwerben.

Vorbereitung der Studie

Im Juni 2008 entstand die Idee für das hier beschriebene Projekt. Damals noch mit der Idee, eine Edition von 100 Stück aufzulegen und im Detail zu beforschen. Unter dem Titel "Landrad" wurde eine Gestaltung und eine grobe Skizze für das Projekt entwickelt. Ende Oktober 2008 wurde die Projektskizze dem damaligen Landesrat Manfred Rein vorgestellt. Das große Interesse von Seiten des Landes zeigte sich auch in der Anregung, die Edition auf 500 Stück aufzustocken. Zwischen Juli und November 2008 wurden von Kairos 25 unterschiedliche Typen von elektrisch unterstützten Fahrrädern getestet und veröffentlichte Testberichte für diese Fahrräder recherchiert. Auf Basis dieser Tests fiel die Entscheidung auf ein Modell, das die Basis für die Spezifikation der Edition Landrad sein sollte. Zwischen November und Dezember 2008 erfolgten die Verhandlungen mit dem Hersteller und die abschließende Spezifikation des Modells "Landrad". Gleichzeitig wurde das Projekt "Landrad" bei der Fachgruppe Fahrradfachhandel in der Wirtschaftskammer Vorarlberg vorgestellt. Mitte Dezember 2008 wurde das Projekt allen interessierten Fachhändlern Vorarlbergs präsentiert und die Möglichkeit zur Beteiligung angeboten. Insgesamt unterzeichneten 25 Fachhändler die Kooperationsvereinbarung.

Im Dezember 2008 wurden von Kairos 500 Stück des Modells "Landrad" bestellt. Die Auslieferung wurde auf Mai - Juli 2009 geplant, die Finanzierung in 3 Tranchen beschlossen. Das Risiko wurde von Kairos bzw. von den Geschäftsführern von Kairos getragen.

Ab Jänner 2009 startete die Kommunikation des Projektes "Landrad". Die Projekt-Homepage wurde freigeschaltet. Vorbestellungen konnten auf einer Liste notiert werden. Die Marketingausgaben beschränkten sich auf einfache Info- Postkarten, die Internetseite und zwei selbst angefertigte Info-Fahnen. Ende Februar 2009 wurde der erste Prototyp des "Landrad" in Paris abgeholt und anschließend auf mehr als 40 Infoveranstaltungen zum Test angeboten. Am 5. Mai 2009 erfolgte die formelle Beauftragung für den Forschungsanteil des Projektes durch die Vorarlberger Landesregierung. Gleichzeitig wurde das Projekt im Rahmen der Präsentation der Radverkehrsstrategie Vorarlberg offiziell vorgestellt und gestartet. Dazu wurden 10 Landräder vorgezogen geliefert und an erste Fachhändler ausgegeben.

Zwischen Ende Mai und Anfang Juli 2009 wurden in vier Lieferungen alle Landräder geliefert, von den Fachhändlern übernommen und an die Kunden ausgeliefert. Noch bevor die letzte Lieferung in Vorarlberg ankam, waren die 500 Landräder bereits ausverkauft. Das Interesse an weiteren Landrädern war enorm, Zusatzverkäufe von anderen Pedelecs bei den Fachhändlern waren die unmittelbare Folge. Die 500 Stück Landräder wurden an interessierte Privatkunden und Unternehmen bzw. Organisationen zu einem vergünstigten Preis abgegeben. Als Gegenleistung verpflichteten sich alle KäuferInnen, an der Datenerfassung teilzunehmen und stichprobenartig auch speziell gespeicherte Daten ihrer Steuergeräte zur Verfügung zu stellen. Im Juli 2009 startete dann die eigentliche Studie.

Durchführung der Studie

Die Erhebungen wurden mittels Online-Fragebögen durchgeführt, da sich dieses Erhebungsinstrument aufgrund der großen TeilnehmerInnenzahl und der mit dem Stichtag zeitlich sehr fokussierten Erhebungszeiträumen als am geeignetsten erweist. Da fast alle TeilnehmerInnen über Email zu den jeweiligen Stichtagen zeitgerecht erreichbar waren, konnte nur ein sehr geringer Anteil von ca. 10% aller LandradnutzerInnen nicht in die Datenerhebung einbezogen werden. Dies betraf überwiegend PrivatbesitzerInnen.

Die Zeitpunkte und- inhalte der Verkehrsverhaltensbefragung waren:

  • Anfang August 2009: Erfassung der soziodemografischen Daten, Ausrüstung und Verkehrsanbindung in Wohn- bzw. Arbeitsort, Offene Fragen zur Zufriedenheit mit dem Landrad und zur Verkehrsmittelwahl.
  • Mitte November 2009: Erhebung der Einstellungen zu Verkehrsmitteln, Offene Fragen zur Kaufmotivation und Verwendungsintention.
  • Anfang März 2010: Offene Fragen zum Projektzugang und Erfahrungen mit dem Landrad
  • Anfang Juli 2010: Erhebung von Mobilitätsstilen, Einstellungen zu Verkehrsmitteln, Selbst-Einschätzung der Verkehrsmittelwahl, Vorschläge zur Förderung des Pedelecs, persönliche Kaufgründe, Resümee des Kaufs, der Landradverwendung und des Projekts.

Zu jedem dieser Zeitpunkte gab es zwei Stichtage mit deutlich unterschiedlichem Wetter, auf die alle TeilnehmerInnen zufallsgeneriert aufgeteilt wurden. Dadurch war es möglich, den Einfluss der unterschiedlichen Wetterbedingungen als Faktor der Verkehrsmittelwahl zu berücksichtigen. Zu jedem Erhebungszeitpunkt waren eine Serie von Fragebögen mit geschlossenen und offenen Fragen zu beantworten. Zudem wurden acht repräsentativ ausgewählte Landrad-BesitzerInnen über die Jahreszeiten verteilt mehrfach persönlich und telefonisch interviewt. Dadurch konnte ein Einblick in die Verwendung des Landrads und ein besseres Verständnis für die Verkehrsmittelwahl der VersuchsteilnehmerInnen und ihren Einstellungen zu Verkehrsmitteln gewonnen werden.

Ergebnisse

Vollständige Rückmeldungen auf alle Befragungen liegen für 196 der 342 Privatpersonen vor, die ein "Landrad" erworben haben. Das entspricht unter Berücksichtigung von Fluktuation und Nicht-Erreichbarkeit einem Rücklauf von etwas mehr als 70%. Dieses Ergebnis ist sehr zufriedenstellend. Die Beteiligung an der Befragung war deutlich höher. Für die Analyse konnten allerdings nur vollständig ausgefüllte Datensätze verwendet werden. Auch die vereinzelten Landräder, die im Laufe der Datenerhebung den Besitzer wechselten, mussten aus der Datenanalyse ausgenommen werden, um das Ergebnis nicht zu verfälschen.

Die Landräder, die an die teilnehmenden Organisationen abgegeben wurden, teilen sich wie folgt auf: 93 Organisationen kauften insgesamt 158 Landräder, einen vollständigen Rücklauf gibt es allerdings nur für 46% davon. Fehlende persönliche Zuständigkeiten und mangelnde Identifikation mit dem Landrad als Angestellter einer Organisation, führte dabei vermutlich zu einer deutlich geringeren Beteiligung an den Befragungen. 59% der Organisationen besitzen ein Landrad, 24% haben zwei Landräder angeschafft, 17% eine noch größere Anzahl.

Ziel des Projektes war es, den Alltagsverkehr in Vorarlberg zu beeinflussen. Dementsprechend ist entscheidend, wie viele Menschen zur Zeit der Befragung im Erwerbsleben stehen und üblicherweise regelmäßige Pendelstrecken zurückzulegen haben. So wurde auch die Spezifikation des Landrades auf diese Gruppe abgestimmt. Nur 8% der gültigen Rückmeldungen kommen von PensionistInnen und ca. 6% von Menschen in Umschulung, auf Arbeitssuche oder anderen Formen. Mehr als 12% sind selbständig, ebenso viele Beamte, etwa 10% zuhause tätig oder in Karenz und 51% Angestellte oder ArbeiterInnen.

Beruhigend ist, dass viele Landräder nicht in den typischen Fahrrad-Haushalten (in denen jedes Haushaltsmitglied über ein Fahrrad verfügt) gelandet sind. Die ursprünglich geäußerte Befürchtung, dass die Technologie des Pedelecs nun Fahrradfahrer auf elektrisch unterstützte Fahrräder bringt, galt es zu prüfen. Fast 14% der Landräder stehen mit einem zweiten Landrad im selben Haushalt. In 8,7% der Haushalte ist das Landrad gar das einzige Fahrrad, in weiteren 25% der Haushalte gibt es neben dem Landrad nur ein weiteres Fahrrad. In insgesamt 27% der Haushalte ist die Anzahl der Fahrräder kleiner als die Anzahl der Haushaltsmitglieder. Umgekehrt besitzen mehr als 34% der Haushalte mit einem Landrad zwei PKWs, mehr als 54% der Haushalte einen PKW und nur 8,7% der Haushalte besitzen keinen PKW.

Die durchschnittlichen Fahrleistungen der 500 Landräder lagen bei mehr als 1.400 km. Im Vergleich dazu legt ein Fahrrad in Vorarlberg durchschnittlich 399 km, Österreich-weit 162 km, pro Jahr zurück. Auffallend war, dass auch im Winter hohe Fahrleistungen verzeichnet werden konnten.

Unter den Testpersonen lag der Anteil der Fahrrad/Pedelec-Wege im werktäglichen Verkehr bei 51%, der Vorarlberg Durchschnitt hingegen bisher bei 15%. Der PKW-Anteil an den Wegen der Testpersonen sank hingegen, von im Schnitt 43% auf etwas mehr als 29%. 34% aller Wege, die mit einem Landrad zurückgelegt wurden, waren vor dem Projekt PKW-Wege.

Nur 18% aller Wege mit einem Landrad waren Freizeitwege. Vielmehr wird es zu 39% für Ausbildungs- und Arbeitswege verwendet, zu 18% zum Einkaufen. Die restlichen 25% verteilen sich auf sonstige Erledigungen, Mobilität zum Selbstzweck, Holen und Bringen und Sonstiges.

Mehr als 20% der Landrad-NutzerInnen haben ihr Verkehrsverhalten dauerhaft neu organisiert und können als so genannte „Systemwechsler“ bezeichnet werden. Diese Gruppe unterscheidet sich von allen anderen Landrad-BesitzerInnen vor allem in folgenden Aspekten, die einen großen Einfluss auf die dauerhafte Änderung des Verkehrsverhaltens zu haben scheinen: sind stark von Auto abhängig und gleichzeitig mit dem Angebot der Öffentlichen Verkehrsmittel relativ unzufrieden. Dass also jede/r fünfte private Landradbesitzer/in durch den Umstieg auf das Landrad das Verkehrsverhalten dauerhaft verändert hat, zeigt, dass auch im emotionalen Thema Mobilität Hebel vorhanden sind, die enorme Wirkung entfalten können.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Es war zu seiner Zeit der größte Flottenversuch mit Pedelecs und hat eine wichtige Wissenslücke geschlossen: In welchem Umfang können Pedelecs im Alltagsverkehr PKW-Wege ersetzen?

Die Ergebnisse der Studie sind gut auf andere ländliche Regionen übertragbar. Für die Zukunft wäre es nun wichtig, konkrete Umsetzungsprojekte für die Forcierung von Pedelecs im Alltagsverkehr zu starten.

Finanzierung

Finanzierung: 
Landesmittel
Private Mittel (ohne Sponsoring und Spenden)
Gesamtvolumen: 
900 000 €
Erläuterungen: 
Die Landesmittel machen ca. 15% der Gesamtkosten aus.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Durch eine umfangreiche Befragung von TeilnehmerInnen und eine Auswertung der Daten.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Kairos gGmbH, Bregenz
Projektbeteiligte: 
Amt der Vorarlberger Landesregierung, Energieinstitut Vorarlberg

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Juni 2008
Projektende: 
Januar 2011
Info zur Laufzeit: 
Die Pedelecs sind weiter im üblichen Ausmaß in privatem Einsatz.

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Geschäftsführer
Herr Martin Strele
Kairos - Wirkungsforschung und Entwicklung gGmbH
Kirchstrasse 35
6900 Bregenz
Telefon: +43 5574 54044 74
Telefax: +43 5574 54044 99
E-mail: ms@kairos.or.at
WWW: www.kairos.or.at

Meta-Info
Stand der Information
14. Februar 2012
Autor
Martin Strele, Kairos gGmbH
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Oesterreich