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Aktion Sicher auf dem Rad

Kampagne zur Verbesserung der Radfahrsicherheit im Kreis und in der Stadt Paderborn

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Projektlogo © Kreis Paderborn

Ausgangssituation und Projektidee

Unfälle mit Radfahrern im Kreis Paderborn

Wie im gesamten Regierungsbezirk Detmold ist die Zahl der bei Unfällen verletzten Radfahrer im Kreis Paderborn hoch. An rund 15% aller meldepflichtigen Verkehrsunfälle ist ein Fahrradfahrer beteiligt. Allerdings ist nahezu jeder vierte Verletzte im Straßenverkehr in unserem Kreis ein Radfahrer. Cirka zwei Drittel aller Unfälle mit Radfahrerbeteiligung ereignen sich im Stadtgebiet von Paderborn, gefolgt von Städten und Gemeinden im nördlichen Kreisgebiet. Hier nimmt der Radverkehr aufgrund der flachen Topographie, der höheren Siedlungsdichte und der vorhandenen Infrastruktur einen größeren Stellenwert ein, als im südlichen Kreisgebiet, das aufgrund der topografisch ungünstigeren, bergigen Lage eine erheblich geringere Fahrradnutzung aufweist.

Bei mehr als 50% (im Jahre 2012 waren es 57%) aller Unfälle mit Radfahrerbeteiligung sind im Kreis Paderborn die Radfahrer selbst Unfallverursacher. Die Unfallgründe sind vielschichtig. Mit
37% war und ist die Benutzung der falschen Fahrbahn (falsche Fahrtrichtung, auch auf Gehwegen) Unfallursache Nummer eins, gefolgt von Abbiegeunfällen mit 18%, Unfällen unter Einfluss von Alkohol und Drogen mit 17%, Vorfahrtmissachtungen mit 12% und unangepasste Geschwindigkeit mit rund 10%. In anderen Teilen der Region Ostwestfalen-Lippe ist die Situation ähnlich.

Die Idee zur Entwicklung einer Kampagne

Im August 2010 fand ein Informationsaustausch zwischen Mitgliedern überörtlicher Unfallkommissionen aus dem Regierungsbezirk Detmold statt. Anlass dazu war die im Landesvergleich auffallend große Zahl von Unfällen mit Radfahrerbeteiligung in unserer Region. Unter anderem sollte über möglichst einfache und von allen Verantwortlichen ohne größeren Aufwand realisierbare, alternative Wege zur Verbesserung der Verkehrssicherheit von Radfahrern nachgedacht werden.

Im Verlauf der Diskussion entstand die Idee, eine Kampagne zu entwickeln, die es den Verantwortlichen ermöglicht, präventiv und mit relativ einfachen Mitteln außerhalb der Straßenverkehrsordnung auf das Verkehrs- und Unfallgeschehen Einfluss zu nehmen und nicht nur auf Unfallhäufungsstellen mit Maßnahmen nach der StVO zu reagieren. Als wünschenswerte Grundlage wurde die Entwicklung eines Maßnahmenkatalogs angesehen, der den jeweiligen Bedürfnissen und Örtlichkeiten entsprechend angepasst, ergänzt und überregional genutzt werden kann.

Diese Idee wurde unter Federführung des Kreises Paderborn und mit Unterstützung der Bezirksregierung Detmold aufgegriffen und weiter verfolgt. Nach intensiven Vorüberlegungen zu Zielen, Akteuren und Inhalten eines denkbaren Maßnahmenkatalogs wurde schließlich Mitte 2011 eine Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus einem Büro für kommunale Planung und einer Werbeagentur beauftragt, zunächst ein Grobkonzept und darauf aufbauend ein Feinkonzept als Handlungsleitfaden für eine auch überregional und im Rahmen der Arbeit des "Netzwerks Verkehrssicheres Nordrhein-Westfalen" nutz- und einsetzbare "Kampagne zur Verbesserung der Radfahrsicherheit" auszuarbeiten.

Kampagnenkonzept und Zielgruppe

Das Konzept der Kampagne setzt in erste Linie auf Verhaltensänderungen, auf Verständnis füreinander und auf die Eigenverantwortung der Verkehrsteilnehmenden. Die Kampagne lebt von pfiffigen Ideen und braucht die Unterstützung nicht nur von der Verwaltung und den lokalen Akteuren, sondern auch von der Politik. Sie soll Wissen - auch über Veränderungen von Infrastruktur und geltender Regeln - vermitteln, ohne Bevormundung oder Androhung von Strafen. Zudem versteht sich die Kampagne als Ergänzung zu den gängigen Methoden der Verkehrssicherheitsarbeit von Straßenverkehrs- und Straßenbaubehörden sowie der Polizei. Denn um die Radfahrsicherheit zu erhöhen ist mehr nötig als Infrastrukturmaßnahmen oder Verkehrsregelungen. Die entwickelte Kampagne mit dem übergeordneten Titel "Sicher auf dem Rad" soll alle Verkehrsteilnehmer, besonders aber Radfahrer und motorisierte Verkehrsteilnehmer, die oft genug gemeinsame Verkehrsräume nutzen müssen, ansprechen.

Das auf einem einheitlichen Erscheinungsbild beruhende und als "Baukasten" angelegte Feinkonzept wurde am 21.03.2012 der Öffentlichkeit vorgestellt. Es steht allen Mitgliedern des "Netzwerks Verkehrssicheres Nordrhein-Westfalen" als Handlungsleitfaden zur unentgeltlichen Nutzung als Download im Internet zur Verfügung.

Dort finden sich auch weitergehende Informationen über das Konzept der Kampagne "Sicher auf dem Rad", speziell aber über die Problemstellung, den Wirkungsansatz, die Zielgruppen, die Kernbotschaften und Kampagnenelemente, die Beteiligten sowie über Bausteine und das Erscheinungsbild.

Umsetzung im Kreis Paderborn

Vor dem Hintergrund begrenzter finanzieller und personeller Ressourcen wurden vom Kreis und der Stadt Paderborn aus dem im Rahmen des oben beschriebenen Baukastens angebotenen "Handlungskonzepts zur gezielten Umsetzung durch einen gewerblichen Organisator und Koordinator" einige Elemente ausgewählt. Wir haben uns für die folgenden Bausteine entschieden:

  • Den Einsatz von Scouts als lebende "Verkehrsschilder" zur Erregung und Steigerung von Aufmerksamkeit vor Ort - an Unfallschwerpunkten und auffälligen Straßenabschnitten - nach intensiver Vorbereitung und Schulung durch die Polizei.
  • Bekanntmachen und Werben für die Kampagne und deren Ziele durch Präsentation und Vorstellung der Projektidee und der Handelnden bei öffentlichen Veranstaltungen in Städten und Gemeinden im Kreis Paderborn und darüber hinaus.
  • Erstellung und Verteilung von Printmedien (Flyern) mit Informationen zu Radfahrstreifen, Schutzstreifen, Fahrradstraßen, Pedelecs, Toten Winkeln, "Geisterfahrern", Alkohol, der Frage "Radweg oder Fahrbahn?" und anderen sicherheitsrelevanten Aspekten.
  • Entwicklung eines Radfahr-Sicherheits-Songs einschließlich eines Videos (in Arbeit).
  • Auf Linienbussen wird mit großflächigen Graphiken im Comic-Stil für ein verstärkes "Miteinander im Verkehr" durch Aufgreifen der Problematik "Geisterfahrer" sowie der Themen "Schutzstreifen für Radfahrer" und "gemeinsame Nutzung von Verkehrsräumen und Verkehrsflächen" geworben.
  • Gezielte Verkehrsschauen mit Blick auf den Fahrradverkehr und Umsetzung der dabei gewonnenen Erkenntnisse. In Sonderverkehrsschauen werden Radwege und Radwegführungen analysiert. Bei aktuellen Anlässen und Hinweisen werden gezielt einzelne Punkte des Verkehrsnetzes betrachtet.
  • Internetpräsenz durch eine umfassende Homepage und regelmäßige Nutzung von Social Media, wie zum Beispiel Facebook.
  • Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zu Problemstellungen, Lösungsansätzen und Aktivitäten rund um das Thema Radverkehrssicherheit.

Hintergrund: Budget, Planung und Organisation der Maßnahmen

Insgesamt steht dem für Aktivitäten im Rahmen der Kampagne "Sicher auf dem Rad - Verbesserung der Radfahrsicherheit" jährlich ein Gesamtbudget in Höhe von 35.000 Euro zur Verfügung, das sich aus Fördermitteln des Landes Nordrhein-Westfalen und aus Eigenmitteln des Kreises und der Stadt zusammensetzt.

Welche Maßnahmen und Aktivitäten im Rahmen des verfügbaren Budgets wann und wo durchgeführt werden, wird von einem Kernteam festgelegt, das sich aus Mitgliedern der bei der Kreispolizeibehörde angesiedelten "Arbeitsgruppe Radfahrsicherheit" zusammensetzt. Diese Gruppe besteht bereits seit mehreren Jahren und wurde auf Initiative von Herrn Landrat Müller als Steuerungsorgan für themenspezifische Aufgaben gegründet.

Mitglieder dieser Arbeitsgruppe sind neben Vertretern von Polizei, der Straßenverkehrs- und Straßenbaubehörden des Kreises und der Stadt Paderborn sowie des Landesbetriebs Straßenbau ("Straßen.NRW") unter anderem auch Mitarbeiter von Verkehrsbetrieben, Krankenkassen sowie ehrenamtlich in Organisationen Tätige, wie zum Beispiel der Verkehrswacht und Interessenverbänden von Radfahrern.

Organisiert, koordiniert und umgesetzt werden die ausgewählten Aktivitäten der Kampagne durch ein dafür beauftragtes Büro. Dieses bemüht sich auch um die Akquirierung und Einbindung von Sponsoren und die Einwerbung von Drittmitteln zur Kostenreduktion oder Ausweitung ausgewählter Kampagnenelemente.

Bisherige Erfahrungen

Die Kampagne und die daraus zur Umsetzung ausgewählten Maßnahmen werden von der Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert; zum Teil auch kontrovers.

Eine Evaluation fand bisher aufgrund der erst relativ kurzen Laufzeit der Kampagne (2 Jahre) und noch nicht klar verifizierbarer Auswirkungen auf das Unfallgeschehens nicht statt. Allerdings zeichnet sich ein positiver Trend dahingehend ab, dass sich die Zahl bzw. die Schwere von Unfällen unter Beteiligung von Radfahrern trotz zunehmender Nutzung von Fahrrädern, Pedelecs und auch E-Bikes stabilisiert und zurückzugehen scheint. Dies vollzieht sich vor dem Hintergrund von Veränderungen im Radverkehrsnetz, beispielsweise durch die Anlage von Radfahrstreifen und Schutzstreifen, aber auch von einer verstärkten gemeinsamen Nutzung der Straße. Jedenfalls werden die weiteren Entwicklungen der Unfallzahlen und auch der Kampagnenresonanz intensiv beobachtet und entsprechende Ergebnisse mit Spannung erwartet.

Ergänzende infrastrukturelle Maßnahmen

Parallel und zeitgleich zur Entwicklung der "Kampagne zur Verbesserung der Radfahrsicherheit - Sicher auf dem Rad" wurde auch geprüft, wie und mit welchen Mitteln außerhalb der in der StVO gegebenen Möglichkeiten kurzfristig einer langjährigen und nicht beseitigten Unfallhäufungsstelle mit übermäßiger Radfahrerbeteiligung begegnet werden könnte. Alle seit 1995 zur Entschärfung der Situation und Beseitigung dieser Unfallhäufungsstelle ergriffenen baulichen und auch straßenverkehrsrechtlichen Maßnahmen hatten nur kurzzeitig Erfolg und liefen langfristig betrachtet immer ins Leere.

Schließlich wurde nach einem intensiven Abwägungsprozess entschieden, mit einem Mix aus amtlicher Markierung und der Markierung nichtamtlicher Piktogramme mit Darstellung der Gefahrensituation sowie mittels elektronischer Informationen den Radfahrunfällen zu begegenen. Immer wieder ereigneten sich im Stadtgebiet von Paderborn im Bereich der Ab- und Auffahrt einer Bundesstraße in eine Kreisstraße auf freier Strecke Unfälle mit Radfahrern, die einen auf einer Fahrbahnseite (linksseitig) benutzungspflichtigen Zweirichtungsradweg als "legale Geisterfahrer" benutzen mussten und den Knoten als Verkehrsteilnehmer "von rechts" querten. In Spitzenzeiten waren das immerhin mehr als 1.000 Radfahrer täglich.

Die im Juni 2011 umgesetzten Maßnahmen mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu erregen und alle Verkehrsteilnehmer - auch bevorrechtigte Radfahrer - zu einem besseren "Miteinander" und einer rücksichtsvolleren Fahrweise zu animieren, haben dazu beigetragen, das Verhalten der Verkehrsteilnehmer zumindest im Bereich dieser Unfallhäufungsstelle zu verändern. Die Zahl der Unfälle unter Beteiligung von Radfahrern ist soweit zurück gegangen, dass der Knoten 2012 nicht mehr als Unfallhäufungsstelle anzusehen war.

Die speziell entwickelten und aufgestellten Dialog-Displays sind noch immer im Einsatz und tragen zusammen mit den übrigen Maßnahmen dazu bei, bis zum angeregten und ins Auge gefassten Bau eines zweiten, richtungsgeführten Radweges auf der gegenüberliegenden Straßenseite (voraussichtlich in 2014) übermäßig viele Unfälle mit Radfahrern, die derzeit noch legal als "Geisterfahrer" unterwegs sind, zu vermeiden.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Es handelt sich um eine "konzertierte" Aktion innerhalb eines bestehenden Netzwerks. Nicht nur öffentliche Mittel werden eingesetzt, sondern es wird verstärkt auch um Sponsoren geworben, die sich und zusätzliche Mittel einbringen.

Zudem handelt es sich um einen Maßnahmenkatalog, der evtl. Interessierte in die Lage versetzt, eine eigene Kampagne aus den zur Verfügung stehenden Elementen und Arbeitshilfen zusammen mit Partnern entsprechend den eigenen Bedürfnissen zu erstellen, in Angriff zu nehmen und umzusetzen. Das Konzept ist zudem nicht erschöpfend und starr. Es lässt sich erweitern und stellt so allen im Netzwerk vertretenen Interessenten neue Möglichkeiten der Gestaltung zur Verfügung.

Hinzu kommt, dass mit dem beschriebenen Baukasten nicht jeder Interessent "das Rad neu erfinden" muss. Die Behörde selbst wird weniger gefordert und nicht als alleiniger Akteur tätig. Man wird von einem professionellen Organisator bzw. Koordinator unterstützt und setzt so knappe Ressourcen frei.

Finanzierung

Finanzierung: 
Landesmittel
Sponsoring, Spenden
Gesamtvolumen: 
35 000 €
Erläuterungen: 

lfd. Kosten: jährlich insgesamt 35.000 Euro. Durch Spenden werden zusätzliche Mittel generiert.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Bislang wurde noch keine Evaluation vorgenommen. Sie ist aber zu einem späteren Zeitpunkt, nach einer Projektlaufzeit von mindestens drei Jahren, geplant.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Kreis und Stadt Paderborn mit Unterstützung des Netzwerks "Verkehrssicheres Nordrhein-Westfalen".

Projektbeteiligte: 
  • Kreis und Stadt Paderborn
  • Kreispolizeibehörde Paderborn
  • Arbeitsgruppe Radfahrsicherheit
  • Netzwerk "Verkehrssicheres Nordrhein-Westfalen im Regierungsbezirk Detmold"
  • Bezirksregierung Detmold
  • plan und rat aus Braunschweig (Entwicklung des Handlungsleitfadens)
  • Rodenbröker und Partner aus Bad Lippspringe (Entwicklung des Handlungsleitfadens)
  • Hans Joachim Meier - adiepro sport-event aus Salzkotten (Projektkoordination)

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Januar 2010
Projektende: 
Dezember 2014
Info zur Laufzeit: 

2010 wurde damit begonnen, das Handlungskonzept als Leitfaden zu entwickeln und zu erarbeiten. Seit 2012 werden ausgewählte Maßnahmen und Aktivitäten umgesetzt.

Es soll angestrebt werden, das Projekt als Dauermaßnahme zu etablieren. Diese ist aber abhängig von den zur Verfügung stehenden Finanzmitteln, u.a. von einer möglichen Förderung durch das Land Nordrhein-Westfalen.

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Projektträger
Herr Helmut Spink
Kreis Paderborn
Kreisstraßenbauamt
Alte Schanze
33106 Paderborn
Telefon: 05251/181410
Telefax: 05251/408155
E-mail: sprinkh@kreis-paderborn.de
WWW: www.kreis-paderborn.de

Projektträger
Frau Kirsten Schmidt
Stadt Paderborn
Straßen- und Brückenbauamt
Pontanusstr. 55
33102 Paderborn
Telefon: 05251/88-1140
Telefax: 05151/88-2066
E-mail: Kirsten.Schmidt@paderborn.de
WWW: www.paderborn.de

Steuerungsorgan
Herr Friedrich Husemann
Kreispolizeibehörde
Direktion Verkehr/Führungsstelle
Ferdinandstr. 26-28
33102 Paderborn
Telefon: 05251/3064000
E-mail: friedrich.husemann@polizei.nrw.de

Koordinator/Organisator
Herr Hans-Joachim Meier
adiepro sport-event
Ziegelei-Töpker-Str.10
33154 Salzkotten
Telefon: 05258/9388245
Telefax: 05258/7636049
E-mail: hj.meier@adiepro.de
WWW: www.adiepro.de
 

Meta-Info
Stand der Information
20. November 2013
Autor
Helmut Sprink; Kreis Paderborn, Kreisstraßenbauamt
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Nordrhein-Westfalen