Sie sind hier

Cyclelogistics

Intelligente Logistiklösung für innovative europäische Städte

Outspoken Delivery
Outspoken Delivery © Cyclelogistics Projekt

Ausgangssituation und Ziele

Fast 100% aller Güter werden in den Städten von motorisierten Lieferfahrzeugen transportiert, und zumeist handelt es sich dabei um leichte Güter und kurze Distanzen. 42%, also vier von zehn aller motorisierten Wege in der Stadt, die mit Güter- bzw. Warentransport zu tun haben, könnten, aufgrund der Länge der Wegstrecke und des Gewichts bzw. Volumens der Güter auf ein (Lasten)Fahrrad verlagert werden. Diese Verlagerungsmöglichkeit wurde im Zuge des Projekts Cyclelogistics berechnet und so das enorme Potential der Verschiebung von motorisierten auf fahrradbezogene Lösungen demonstriert. Das Ziel von Cyclelogistics ist es daher, durch den vermehrten Einsatz von (Lasten)Fahrrädern in innerstädtischen Bereichen eine konkrete Reduktion des Energieverbrauchs zu erzielen.

Um dieses Ziel zu erreichen, werden in Graz (AT), Cambridge (UK), Ferrara (IT), Plovdiv (BG), Alba-Iulia (RO) und Utrecht (NL) verschiedene Maßnahmen durchgeführt, die eng mit dem Transport von Gütern und Waren in Zusammenhang stehen:

  • Im Sektor Transport und Warenlieferung wird das Potential von Lastenrädern für die "Last-Mile"-Zustellungen als innerstädtische Alternative zu motorisierten Fahrzeugen bekannt gemacht. Fahrradbotendienste werden dazu motiviert, auch Lastenräder für den Transport von Gütern bis zu 250 kg einzusetzen. Deshalb ermöglicht das Projekt potentiellen Nutzern, verschiedenste Lastenradtypen in sogenannten "Living Laboratories" (siehe unten) auszutesten.
  • Gemeinden und Kommunen in den acht beteiligten Partnerländern werden motiviert, günstige Rahmenbedingungen und Richtlinien für Fahrradlogistik zu schaffen und in den Gemeinden selbst Fahrräder für kommunale Dienste einzusetzen. Auch dazu können Räder aus dem "Living Laboratory" verliehen werden. Die Stadt Graz unterstützt zusätzlich Betriebe beim Kauf eines Lastenrades mit 50% der Investitionskosten (max. 1000 Euro), wie in der Richtlinie zur Förderung von Lastenrädern näher erläutert wird.
  • Lastenräder können auch für Kleinunternehmen und Dienstleister eine ideale Alternative zum Auto darstellen. Durch die kostenlose Bereitstellung verschiedenster Modelle von Lastenrädern im Rahmen der Living Laboratories können Privatunternehmen testen, ob eine solche Lösung für ihre Geschäftszwecke geeignet ist und eine Alternative zum Firmenwagen darstellt.
  • Auch die private Logistik, z.B. der Transport von Einkäufen und Freizeitmaterialein, wird im Projekt nicht außer Acht gelassen - hier ist das Potential der Verlagerung durch die kurzen Wegstrecken und das geringe Gewicht der Waren besonders groß. Deshalb werden im Projekt Cyclelogistics Privatpersonen dazu ermutigt, Lastenräder, Fahrradanhänger, Fahrradkörbe und Fahrradtaschen statt des Pkws zu nutzen. Gleichzeitig soll auch sichergestellt werden, dass Einzelhändler und Supermärkte ihren Kunden die nötige Infrastruktur für Fahrräder zur Verfügung stellen und Anreize für jene bieten, die mit dem Rad kommen.
  • Im Zuge des Projekts wurden auch verschiedenste Fahrradtransportprodukte (Lastenräder, Taschen, Körbe etc.) von der Danish Cycling Embassy getestet und die Resultate dieses Tests einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Projektdurchführung mit Fokus auf Warenlieferung im Transportsektor

Im Folgenden wird besonders auf die Umsetzung des Projekts im Bereich Transport und Warenlieferung näher eingegangen. Ergebnisse des Bereichs "Private Logistik" werden erst zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.

Lastenrad-Fuhrpark der britischen Firma Outspoken Deliveries

Für Warenlieferungen in den Städten stellt die "erste und letzte Meile" zusehends ein Problem dar - z.B. aufgrund von Parkverboten, verstopften Straßen und (zeitlichen) Restriktionen für den motorisierten Verkehr. Da die Dichte der Besiedelung in Städten ständig wächst und gleichzeitig Gesetze gegen Emissionen und Lärmbelästigung immer strenger werden, sind neue Lösungen gefordert.

Outspoken Deliveries, Cyclelogistics Projektpartner aus Cambridge und eine der größten Fahrradbotenfirmen Großbritanniens, zeigen eine mögliche Lösung. Im Zuge des Projekts untersuchen sie, wie Lastenräder dazu verwendet werden können, Waren in Stadtzentren zu verteilen. Der Fuhrpark von Outspoken besteht aus fünf einspurigen Lastenrädern, die eine Ladung von bis zu 60 kg transportieren können, sowie drei zweispurigen Rädern, die durchaus mit kleinen Lieferwagen vergleichbar sind und auch mit einer Beladung bis zu 250 kg keine Schwierigkeiten haben. Der enorme Vorteil dieser Räder besteht darin, dass sie den Zugangsbeschränkungen, die für motorisierte Fahrzeuge gelten, nicht unterliegen. Das ermöglicht ganztägige Zustellungen. Zurzeit arbeitet das Unternehmen mit drei großen internationalen Expressdiensten, die ihre Pakete zu einem Depot am Rande des Stadtzentrums liefern. Von dort werden die Pakete für die "letzte Meile" mit Lastenrädern ausgeliefert. So ist es zum Beispiel auch möglich, 18.000 Exemplare von Zeitschriften in nur zwei Tagen zu 440 verschiedenen Standorten auszuliefern. Außerdem wird das Unternehmen aber auch für ganz unterschiedliche und exotische Aufträge genutzt: Transport von menschlichem Gewebe kann da genauso an der Tagesordnung stehen, wie die Nutzung der Dreiräder als Gefährt bei Hochzeiten.

Outspoken Deliveries sieht mittelfristig die Einrichtung von bis zu drei Konsolidierungszentren am Rande der Stadt Cambridge vor. Das würde die Anlieferung von weitaus mehr nationalen und internationalen Expressdiensten ermöglichen. Obwohl besonders nationale Expressdienste die Verteilung der Güter meist relativ effizient durchführen, wird ihre Arbeit doch sehr erschwert, da viele Firmen gleichzeitig und unkoordiniert zu Innenstadtgeschäften liefern. Die Etablierung von Konsolidierungszentren, von denen die Waren dann gezielt mit verschieden Lastenrädern oder elektrischen Lieferwägen verteilt werden, könnte den motorisierten Lieferverkehr stark reduzieren und zu einer enormen Verbesserung der Lebensqualität führen.

Living Laboratory in Graz

In den sogenannten "Living Laboratories" wurde Betrieben und Unternehmern sowie auch den Kommunen selbst die Möglichkeit geboten, verschiede Typen von Lastenrädern kostenlos zu testen. Die Ausleihzeiten variierten von einigen Tagen, bis zu ein bis zwei Wochen.

Die Fahreigenschaften der verschiedenen Lastenradtypen sind äußerst unterschiedlich und nicht jedes Lastenrad ist für jede Anwendungsart gleich gut geeignet. So sind zweirädrige Lastenräder viel wendiger und schneller und werden daher gerne für rasches Ausliefern in der Stadt benutzt. Dreirädrige Lastenräder hingegen sind langsamer aber stabiler und gut als mobile Verkaufsstände oder zum Transport sperriger Güter und Gegenstände geeignet.

In Graz wurden interessierten Unternehmen sieben verschiedene Lastenräder zur Verfügung gestellt. Ein achtes Rad wurde der Holding Graz zur Verfügung gestellt und probeweise zur Straßenreinigung eingesetzt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, einen geeigneten Fahrer für dieses Rad zu finden, entwickelte sich auch sein Einsatz zu einem großen Erfolg. Mittlerweile gibt es sogar zwei weitere E-Lastenräder für die Straßenreinigung in Graz, die die Holding eigenständig angeschafft hat. Berichtet wird darüber unter anderem in einem Blog der Stadt Graz: Unterwegs mit Alois, Sauberkeit, Reinigungsdienst.

Die Kombination aus dem "Living Laboratory" des Projekts Cyclelogistics und einer Lastenradförderung der Stadt Graz (50% des Kaufpreises oder max. 1000 Euro; siehe www.graz.at) hat zu einem großen Zuwachs dieser Fahrzeuge in der Murstadt geführt. So wurden allein in der Zeit von Beginn 2012 bis Mitte 2013 siebzehn Lastenräder über diese Förderschiene gekauft. Ganz unterschiedliche Firmen haben von dem Angebot Gebrauch gemacht, nachdem sie die unterschiedlichen Lastenradtypen über das Living Laboratory testen konnten: Fahrradkuriere, Werbefirmen, Restaurants, Bäckereien, Versicherungen, Online Shops, eine Kleiderboutique, eine EDV-Firma, ein Design Studio, ein Graphik- und ein Architekturbüro, usw. Eine kurze Evaluierung über die Zufriedenheit mit den Lastenrädern ist auf der Cyclelogistics-Seite vorhanden.

Cyclelogistics Federation

Wie viel Bedarf an solchen Lösungen in den meisten Europäischen Städten besteht, wird eindeutig durch die Cyclelogistic Federation demonstriert. Im Juli 2012 wurde im Zuge des Cyclelogistics Projekts ein Zusammenschluss von Logistikbetrieben aus ganz Europa ins Leben gerufen. Seit ihrer Gründung hat die Cyclelogistics Federation bereits mehr als 120 aktive Mitglieder, bestehend aus Liefer- und Logistikfirmen, die Fahrräder benutzen. Das Ziel ist es, Fahrradlogistik als ernsthafte, innovative und effektive Lösung für Städte aufzubauen. Gleichzeitig möchte die Federation natürlich auch relevante Stakeholder auf europäischer Ebene für die Vorteile dieser Logistikform sensibilisieren.

Dieser Effekt ist bereits messbar: Mitarbeiter von Outspoken Deliveries bekommen seit der Gründung der Cyclelogistics Federation immer wieder Anfragen von neuen Start-ups im Bereich Fahrradlogistik. Die Beratung rund um die Nutzung von Lastenrädern und die Etablierung eines solchen Unternehmens reicht dabei von Marketing und Design über die Nutzungsmöglichkeiten verschiedenster Lastenradtypen, bis hin zu Lieferpreisen, Versicherungen, etc. Dieser Andrang und Bedarf hat insbesondere dazu geführt, dass im Rahmen des Projekts Workshop-Trainings-Kurse entwickelt und für potentielle Start-ups in ganz Europa angeboten werden.

Nach nur zwei Jahren Projektlaufzeit ist Cyclelogistics stark daran beteiligt, dass der Transport von Waren mit Hilfe von (Lasten)Fahrrädern mittlerweile kein Nischenthema mehr ist, sondern vielmehr ein zukunftsweisender Trend, der sich in ganz Europa ausbreitet.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Mit Ausnahme von Ländern wie Dänemark oder den Niederlanden stellte der Bereich Fahrradlogistik noch zu Projektbeginn einen Nischenmarkt dar. Durch Cyclelogistics ist es nun möglich, Fahrradlogistik europaweit zu einer anerkannten Alternative für den städtischen Güterverkehr und Warentransport zu entwickeln.

Finanzierung

Finanzierung: 
EU-Mittel
Kommunale Mittel
Private Mittel (ohne Sponsoring und Spenden)
Erläuterungen: 

Cyclelogistics wird derzeit durch das Programm Intelligent Energy – Europe (IEE) unterstützt.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Das Projekt und alle Umsetzungen werden laufend durch eine Kombination aus qualitativen und quantitativen Methoden evaluiert. Einer Output- und Prozessevaluierung folgt dann eine übergreifende vergleichende Analyse der Ergebnisse, auch zwischen den verschiedenen beteiligten Partnerländern. Informationen dazu finden sich auf der Projekthomepage.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Forschungsgesellschaft Mobilität Graz

Projektbeteiligte: 
  • European Cyclists' Federation
  • Outspoken Delivery
  • Agenzia Mobilita' e Impianti Ferrara
  • Engergy Agency of Plovdiv
  • Copenhagenize
  • City of Alba Iulia
  • Cyclist's Touring Club Charitable Trust
  • I.B.C. Cycling Consultancy

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Mai 2011
Projektende: 
Mai 2014

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Projektleitung
Frau Dr. Susanne Wrighton
Forschungsgesellschaft Mobilität – Austrian Mobility Research (FGM-AMOR)
Schönaugasse 8a
A-8010 Graz
Telefon: 0043 316 810451-21
Telefax: 0043 316 810451-75
E-mail: wrighton@fgm.at
WWW: www.fgm.at
 

Meta-Info
Stand der Information
19. März 2014
Autor
Dr. Susanne Wrighton, FGM-AMOR
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte