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Radverkehrsförderung in deutschen Kommunen

FreshBrains - Fahrradaudits durch niederländische und deutsche Planungsstudentinnen und -studenten

Arbeitsplatz bei einem Workshop
© Simon Knappe, Isabelle Ork

Die Förderung des kommunalen Radverkehrs war Thema des deutsch-niederländischen Projektes „FreshBrains“, das sich vor allem „Einsteigerstädten“ gewidmet hat. Schwerpunkt des Projektes waren vier Workshop-Wochen mit Studierenden der Universitäten Wuppertal und Breda in Mönchengladbach, Wuppertal, Chemnitz und Kassel. Dabei analysierten die Studierenden gemeinsam vor Ort den Status quo der Radverkehrsförderung, um auf dieser Basis Ideen zu entwickeln, wie die Städte den Radverkehr noch weiter voranbringen können. Durch die Zusammenarbeit mit der Universität in Breda sollten von den Studierenden Lösungsansätze zur Radverkehrsförderung durch einen „frischen“ und „externen“ Blick von außen und niederländisches Know-how eingebracht werden.

Die Workshops

Im April 2017 wurde in Kassel der vierte und letzte Workshop erfolgreich abgeschlossen. Insgesamt haben 18 Studierende aus den Niederlanden und 15 Studierende aus Deutschland am Projekt teilgenommen. Die Teilnehmenden waren Bachelor- und Masterstudierende aus den Fachbereichen Verkehrswirtschafts- und Bauingenieurwesen, International Spatial Design, sowie Mobilität und Urban Design. Die Studierenden aus Deutschland waren im Schnitt etwas weiter im Studium (Bachelor Absolventen), die Studierenden aus den Niederlanden waren sowohl im zweiten Semester als auch fast graduiert im achten Semester. Es wurde versucht, die Projektgruppen während der Workshops bezüglich des akademischen Grads und der Herkunftsuniversitäten so heterogen wie möglich zu gestalten. Die Kommunikation zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erfolgte überwiegend auf Englisch.

Die Ergebnisse der Workshops wurden in Rad-Aktionspläne zusammengefasst und den Vertreterinnen und Vertretern der Kommunen und weiteren interessierten Beteiligten vor Ort präsentiert und diskutiert. Grundsätzlich zeigten sich die Kommunen dabei aufgeschlossen und waren mit der Leitung des Tiefbauamts, den Radverkehrsbeauftragten und weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern anwesend.

Die Ergebnisse

Die Erfahrungen aus den FreshBrains-Städten haben gezeigt, dass häufig schon viele gute Ansätze in der Radverkehrsplanung vorhanden sind. Dabei gab es unterschiedliche Gründe, warum der Radverkehr nur langsam wächst oder als Alltagsverkehrsmittel nur zögerlich angenommen wird. Diese waren beispielsweise finanzielle und personelle Probleme, politische Einschränkungen oder Herausforderungen, lokale Besonderheiten wie eine bergige Topografie, die Einstellung der Bevölkerung zum Radverkehr oder die hohe Altersstruktur.

Es zeigte sich vielmehr, dass die radverkehrsbezogene Infrastruktur in den bereisten Städten bereits relativ gut ausgebaut ist. Nachholbedarf bestand nach Ansicht der Teilnehmenden bei einer weiteren Durchführung infrastruktureller Maßnahmen wie dem Schließen von Lücken im Radhauptnetz,  dem Ausbau der Anlagen zum Fahrradparken, der Priorisierung des Radverkehrs gegenüber dem Autoverkehr und damit eine radgerechtere Raumverteilung einerseits als auch bei weichen Maßnahmen zur Radverkehrsförderung andererseits. Gerade die Bereiche Marketing, Kommunikation und Kooperationen scheinen eine bislang unterschätzte Rolle zu spielen. Hier wurde empfohlen, nachzubessern und mit wenig Budget viel zu erzielen. Weiterhin wurde angeregt, die Kooperation mit Interessengruppen, Unternehmen und lokalen Organisationen besser auszunutzen und auszubauen.

Ein anderer Ansatz war, dass Radverkehrsqualität einhergeht mit der Aufenthalts- und Lebensqualität in einer Stadt. Dies spiegelt sich in Quartieren, an Plätzen und in Straßenräumen wieder, durch die eine Identität mit der Umgebung geschaffen werden soll. Eine größere Identifikation mit der Umgebung kann zu einer höheren Nutzung des nicht-motorisierten Verkehrs führen. Entwickelt wurden insofern Ideen, die zur Identifizierung mit dem Lebensumfeld und zur gemeinsamen Nutzung attraktiver Lebens- und Straßenräume beitragen könnten.

In der Diskussion der Maßnahmen mit den Kommunen kam es regelmäßig zu einem „Aha“-Effekt, hervorgerufen durch die Menge und Qualität der Empfehlungen. Verstärkt wurde dieser Effekt durch den geringen zeitlichen, finanziellen und materiellen Aufwand, der für die Erstellung der Rad-Aktionspläne eingesetzt wurde. Daher ist die Vorbildfunktion der Workshops in diesem Forschungsprojekt besonders hervorzuheben. Das schematische Vorgehen während der Workshops, ergänzt durch viele Beispiele aus dem Projekt, wurden abschließend aufbereitet und in einem Leitfaden zur Verfügung gestellt.

Das Forschungsvorhabens „FreshBrains“ wurde von Prof. Dr.-Ing. Jürgen Gerlach, Leiter des Lehr- und Forschungsgebietes Straßenverkehrsplanung und -technik, durchgeführt. Kooperationspartner waren die niederländische Universität NHTV Breda und das „büro thiemann-linden stadt & mobilität.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Es wurden viele neue Ansätze für die Fahrradförderung aufgezeigt, welche von den Kommunen auch positiv aufgenommen wurden. Ein Beispiel hierfür ist die Markierung von Fahrradübungsplätzen im Umfeld von Schulen in Kassel. Die „externe“ und „studentische“ Perspektive auf die bestehende Radverkehrsförderung hat sich somit bewährt.

Im Zuge des Projekts wurde eine Checkliste zur Selbstevaluation der eigenen Radverkehrsförderung erarbeitet, welche auch von anderen Kommunen nach dem Ende des Projekts eingesetzt werden kann (der Leitfaden inklusive der Checkliste kann im Fahrradportal heruntergeladen werden).

Der starke Praxisbezug der Projekte sensibilisierte die Studierenden außerdem für das Thema Radverkehr.

Das Vorgehen, Audits in Form von kompakten Workshops durchzuführen, kann gut auf andere Themengebiete übertragen werden.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Gesamtvolumen: 
129 678 €
Erläuterungen: 

Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) aus Mitteln des Nationalen Radverkehrsplans 2020 gefördert.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Für das Projekt wurde eine Prozessevaluation über die gesamte Laufzeit durchgeführt. Dabei wurde je nach Phase des Projekts auf verschiedene Aspekte geachtet. Beispielweise wurde in der Vorbereitungsphase die Kommunikation und der Informationsaustausch mit den Kommunen betrachtet. Während der Auditierungen fand dann eine prozesshafte Evaluation statt. Diese wurde jeweils während der Workshops durchgeführt. Das Ziel war es, bei Bedarf eine Anpassung der Methodik, des Informationsflusses und der Kommunikation für die weiteren Audits vornehmen zu können. Zum Beispiel wurden die kurzen Broschüren, in welchen die Empfehlungen für die Kommunen nach den Workshops zusammengefasst wurden, in Länge und Formatierung den Bedürfnissen entsprechend angepasst.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Bergische Universität Wuppertal

Projektbeteiligte: 
  • NHTV Breda University of Applied Sciences, Niederlande
  • büro thiemann-linden stadt & mobilität, Köln, Deutschland

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
September 2015
Projektende: 
Februar 2017

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Jürgen Gerlach
Bergische Universität Wuppertal
Lehr- und Forschungsgebiet Straßenverkehrsplanung und -technik
Pauluskirchstr. 7, 42285 Wuppertal
Telefon: +49 202 439 4087
Telefax: +49 202 439 4388
E-Mail: jgerlach@uni-wuppertal.de

Ir. Ineke Spapé
NHTV Breda (University of Applied Sciences)
Built Environment
Claudius Prinsenlaan 12, 4811 Breda, Niederlande
Telefon: +31 76 533 2634 oder +31 6 2611 0860
E-Mail: Spape.c@nhtv.nl

SRL Jörg Thiemann-Linden
büro thiemann-linden stadt & mobilität
Schirmerstr. 42-44, 50823 Köln
Telefon: +49 221 168 42642 oder +49 157 590 2053
E-Mail: thiemann-linden@gmx.de

Meta-Info
Stand der Information
5. Februar 2018
Autor
Simon Knappe und Isabelle Ork (Bergische Univerisät Wuppertal, Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen, Lehr- und Forschungsgebiet für Straßenverkehrsplanung und -technik)
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Deutschland