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Reparatur und Bereitstellung gespendeter Fahrräder

Fahrräder für Flüchtlinge

Sechs junge Männer aus Afghanistan erhielten im November 2014 die ersten Räder
Sechs junge Männer aus Afghanistan erhielten im November 2014 die ersten Räder © ADFC Saar

Ausgangssituation

Viele Flüchtlinge in Deutschland haben kaum Möglichkeiten, sinnvoll am öffentlichen Leben teilzunehmen. Einer der Gründe dafür ist, dass sich ihre Unterkünfte oftmals in städtischen Randlagen befinden. Vor diesem Hintergrund können zur Verfügung gestellte Fahrräder dabei helfen, den Flüchtlingen eigenständige Alltagsmobilität zu ermöglichen. Mit einem Fahrrad erweitert sich der Radius in dem die Menschen ihre Umgebung einfach und kostenlos erkunden können. Darüber hinaus fördert Radfahren die Gesundheit. Aus diesen Überlegungen heraus entstand die Idee, Flüchtlingen gespendete, verkehrstaugliche Fahrräder zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus sollten sie die Gelegenheit erhalten, aktiv im Projekt mitzuhelfen und so eine sinnvolle Beschäftigung zu finden.

Idee und Konzept des Projekts

Die Projektidee wurde im Sommer 2014 von im "Projekt Ankommen" der Landesarbeitsgemeinschaft Pro Ehrenamt (LAG Pro Ehrenamt) Aktiven an den ADFC Saar herangetragen. Gemeinsam wurden ein Konzept ausgearbeitet, ein Finanzplan erstellt, Förderanträge eingereicht und Räumlichkeiten gesucht. Beratend zur Seite stand der Deutsch-Ausländische Jugend-Club (DAJC) aus Saarbrücken, der ein ähnliches Projekt bereits für Jugendliche durchgeführt hatte. Das Einsammeln der Räder, ihre Aufbereitung und Abgabe an die Flüchtlinge oblag dann dem ADFC. Es gelang dabei nicht nur, zahlreiche bisher nicht aktive ADFC-Mitglieder zu einem teils sehr umfangreichen Engagement zu bewegen, sondern auch außerhalb des Vereins Unterstützerinnen und Unterstützer zu finden.

Projektumsetzung

Im Oktober 2014 wurde gemeinsam mit den Projektpartnern über die Medien dazu aufgerufen, Fahrräder zu spenden. Angestrebt war zu Beginn, 100 verkehrstaugliche Fahrräder an Flüchtlinge zu überreichen. Die Resonanz auf den Aufruf überstieg jedoch alle Erwartungen. Mittlerweile wurden fast 700 Fahrräder von der saarländischen Bevölkerung gespendet und größtenteils vom ADFC abgeholt. Bis Mitte Juni 2015 konnten bereits fast 500 Räder in verkehrstauglichem Zustand an Flüchtlinge überreicht werden.

Praxiserfahrungen

An der notwendigen und teilweise sehr zeitaufwendigen Instandsetzung wirkt eine große Gruppe ehrenamtlich tätiger ADFC-Mitglieder mit. Insbesondere die Lichtanlagen sind anfällig für Defekte, aber auch lange nicht genutzte Nabenschaltungen, deren Fett verharzt ist. So haben sich in der Zwischenzeit regelrechte Spezialisten für bestimmte Probleme herangebildet. Keine allzu große Herausforderung stellen marode Reifen oder Schläuche dar. Verschiedene Fahrradläden spenden gebrauchte, aber noch sehr gut erhaltene Reifen.
Für die Nutzung eines Fahrrads in der Stadt ist gewisses Zubehör von Nöten, insbesondere ein Schloss. Die Zurverfügungstellung hochwertiger Schlösser hätte jedoch den Finanzrahmen des Projekts bzw. jenen der Flüchtlinge gesprengt. Deshalb wurden über Projektmittel einfache Kabelschlösser beschafft und den Abnehmern preiswert angeboten.

Sehr erfreulich ist, dass mittlerweile einige Flüchtlinge regelmäßig im Projekt mithelfen. Sie haben meist keine Arbeitserlaubnis und sind deshalb sehr froh, ein Aufgabenfeld und Kontakt zur deutschen Bevölkerung gefunden zu haben. So stehen dem ADFC verschiedene mehrsprachige Personen zur Seite, um vom Arabischen ins Deutsche oder Englische zu übersetzen. Andere Flüchtlinge, unter ihnen z.B. ein Maschinenbauingenieur, verfügen über technische Kenntnisse und helfen beim "Schrauben". Dritte unterstützen das Team beim Aufpumpen und Putzen der Räder. Durch die so entstehenden Kontakte beteiligen sich einige Flüchtlinge mittlerweile auch an Radtouren des ADFC und lernen so ihre neue Umgebung kennen.

Alle Flüchtlinge, die ein Rad erhielten, waren sehr dankbar und brachten dies, trotz oft nicht oder kaum vorhandener Deutsch- oder Englisch-Kenntnisse, deutlich zum Ausdruck. Es entwickelten sich zahlreiche sehr freundschaftliche und herzliche Beziehungen. Trotzdem sollte man sich bei der Durchführung vergleichbarer Projekte auf verschiedene Probleme einstellen. Beispielsweise war es für die ADFC-Aktiven manchmal nicht ganz einfach, wenn offensichtlich unsachgemäß behandelte und stark defekte Räder nach kurzer Zeit zurückgebracht wurden, was einen deutlich erhöhten Arbeitsaufwand bedeutete. Zum Schmunzeln waren Fragen wie jene, ob ein bestimmtes Fahrrad nicht auch in einer anderen Farbe vorrätig sei. Nicht jedes Rad wird gerne genommen, weil unter den gut vernetzten Flüchtlingen bekannt ist, welche Räder die anderen erhalten haben. 90 % der Flüchtlinge sind Männer, aber circa die Hälfte der Räder haben einen tiefen Durchstieg ("Damen-Räder"). Bei diesen wird nicht selten nach kurzer Nutzungsphase versucht, sie umzutauschen ("werde verspottet" als Begründung). Manche Flüchtlinge kommen lieber mehrfach ins Rad-Lager, anstatt ein Exemplar mitzunehmen, das ihnen nicht gefällt. Äußerst beliebt sind vollgefederte MTBs und seien sie von noch so bescheidener Qualität. Relativ unbeliebt sind Räder mit Rücktritt, weil sie in vielen Ländern wenig bekannt sind.

Die Praxiserfahrungen zeigten, dass es hilfreich wäre, eine kurze schriftliche Anleitung zum richtigen und sicheren Verhalten im Straßenverkehr in verschiedenen Sprachen (arabisch, persisch, eriträisch) zur Verfügung zu haben.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Mit dem Projekt wird Flüchtlingen zu mehr und sehr kostengünstiger Mobilität verholfen. Außerdem werden gesundheitliche Aktivitäten gefördert, Möglichkeiten einer sinnvollen Beschäftigung eingerichtet und Gelegenheiten für soziale Kontakte geschaffen.

Finanzierung

Finanzierung: 
Landesmittel
Sponsoring, Spenden
Sonstige
Erläuterungen: 

Sonstige: Geringer Kaufpreis (10 Euro/Rad), Kinderräder allerdings umsonst

Evaluation

Evaluation: 
nein

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

ADFC Saar

Projektbeteiligte: 

"Projekt Ankommen" der Landesarbeitsgemeinschaft Pro Ehrenamt, Deutsch-Ausländischer Jugendclub (DAJC)

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Oktober 2014

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Landesvorstandssprecher sowie Delegierter beim ADFC-Bundeshauptausschuss
Herr Thomas Fläschner
Universität Saarland
Bereichsbibliothek Empirische Humanwissenschaften
Campus, Gebäude C5 2
66123 Saarbrücken
Telefon: +49(0)681/302-3214
Telefax: +49(0)681/302-2364
E-mail: t.flaeschner@mx.uni-saarland.de
 

Meta-Info
Stand der Information
16. Juni 2015
Autor
Thomas Fläschner, ADFC Saar
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Saarland