Sie sind hier

Konrad

Fahrradverleihsystem für Kassel

Fahrradverleihsystem Konrad in Kassel
Fahrradverleihsystem Konrad in Kassel © T. Maiwald

Projektziel, Konzept und Umsetzung

Im Zuge des im Frühjahr 2009 initiierten Bundeswettbewerbs "Innovative öffentliche Fahrradverleihsystem - Neue Mobilität in Städten" wurde gemeinsam mit der Stadt Kassel ein Konzept entwickelt, welches im Juli 2009 durch eine unabhängige Fachjury als Preisträger hervorging. Der Förderantrag mit detaillierten Planungen wurde schließlich im Oktober 2009 beim Bundesverkehrsministerium eingereicht. Zum 01. Oktober 2009 startete gleichfalls der Förderzeitraum von drei Jahren für die Umsetzung der Projektidee. Daran anknüpfend wurde im Herbst 2009 damit begonnen, ein Projektteam zusammenzustellen, welches die Konzeption eines ganzjährigen, stationsgebundenen Fahrradvermietsystems mit rund 52 Stationen und ca. 500 Fahrrädern, betrieben durch die Stadt Kassel in Kooperation mit der DB Rent, bis 2012 auf die Straße bringen sollte.

Das Fahrradverleihsystem Konrad der Stadt Kassel dient der Förderung der Nahmobilität sowie der Verknüpfung von Radnutzung und Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Für die Verzahnung mit dem ÖPNV sorgt die Lage der Fahrradverleihstationen, die sich überwiegend in der Nähe von Haltestellen befinden, sowie die Gestaltung der Stationen, die derjenigen der ÖV-Haltestellen entspricht. Eine weitere Besonderheit ist das dichte Stationsnetz. Als Betreiber des Verleihsystems fungiert die Deutsche Bahn-Tochter DB Rent GmbH; an den Stationen stehen Fahrräder der Firma Simpel zur Verfügung. Das Bedienungsgebiet umfasst das Kasseler Stadtgebiet. Das System trägt den Namen „Konrad“, ein Wortspiel aus "K" für Kassel und "rad" für Fahrrad sowie der Präposition "mit" (kon = con).

Die mit einer grün-weißen Lackierung versehenen Leihräder verfügen über einen Stahlrahmen, wodurch diese zwar schwerer, dafür aber bruchsicherer sind als Fahrräder mit Aluminiumrahmen. Des Weiteren sind sie mit einer modernen stufenlosen Gangschaltung mit Planetengetriebe und einem Plastikkorb (bootbag) auf dem Gepäckträger ausgestattet. Da das bei DB Rent-Angeboten übliche Schließsystem (ebenso wie das etablierte Buchungssystem) genutzt wird, befindet sich die Schließvorrichtung nicht an der Station sondern direkt an den Fahrrädern. In der Folge verfügen die meisten Stationen nicht über aufwändige Hardware (Betonfundamente, Terminals, integrierte Schließvorrichtungen), so dass hier, im Gegensatz zu den Leihrädern selbst, nur geringe Investitionskosten je Fahrradabstellplatz anfallen. Zudem können diese Stationen in relativ kurzer Zeit aufgebaut werden.

Startphase

Der Systemstart wurde durch eine umfangreiche Werbekampagne, die aus einem Internetauftritt, einer Vielzahl von Faltblättern, Plakaten und Radiospots besteht, angekündigt.
Aufgrund von administrativen Schwierigkeiten, Verzögerungen bei der Fertigung der Fahrräder und vielfältiger technischer Probleme, insbesondere im Nahfunkbereich, konnte das System erst im Frühjahr 2012 starten.
Der interne Testbetrieb konnte dann aber im Februar und März 2012 erfolgreich durchgeführt werden. Am 29. März 2012 wurde das Fahrradverleihsystem "Konrad" für die Öffentlichkeit mit 500 Rädern an 52 Stationen gestartet.

Nutzungsabläufe, Registrierung und Tarife

Eine Besonderheit von Konrad stellt der einfache Ausleihvorgang dar. Über einen Anruf der Fahrradnummer auf dem Deckel des Verschlusssystems und anschließendem Antippen des darunterliegenden Displays lässt sich der Schließmechanismus öffnen. Außerdem kann die Konrad-Smartphone-Applikation zur Durchführung des Ausleihvorgangs genutzt werden. Die Applikation wie auch die Angebotswebseite bietet zudem die Möglichkeit, die aktuelle Verfügbarkeit von Leihrädern an bestimmten Stationen abzurufen.

Die Nutzer müssen sich vor der ersten Ausleihe anmelden. Kostenlose Möglichkeiten dazu bieten die Webseite oder die Smartphone App. Spontan Entschlossene können sich auch an einem der drei Konrad-Terminals anmelden, die an den Stationen ICE-Bahnhof, Hauptbahnhof und Friedrichsplatz stehen. Darüber hinaus ist gegen eine Gebühr von 5 Euro auch eine telefonische Anmeldung möglich.

Kunden des DB-Angebots Call a Bike oder des StadtRADs Hamburg können Konrad ohne zusätzliche Registrierung nutzen.

Erfahrungen und bisherige Bilanz

Technische Infrastrukturen

Derzeit umfasst das System insgesamt 59 Stationen. Die Gesamtzahl von 500 Fahrrädern blieb seit dem Betriebsstart konstant. In den Wintermonaten jedoch wurde die Zahl der ausleihbaren Fahrräder von 375 im Jahr 2012 auf 250 im Jahr 2013 reduziert. „Konrad“ deckt den größten Teil des bebauten Stadtgebietes ab, die Stationsdichte liegt bei einer Station pro Quadratkilometer. Im auch vom öffentlichen Nahverkehr sehr gut erschlossenen Kerngebiet ist das Stationsnetz mit 5,3 Stationen pro Quadratkilometer dichter.

Organisation und Kooperation

Nachdem die Förderung durch den Bund Ende des Jahres 2012 auslief, übernahm die bisher für das operative Geschäft zuständige DB Rent GmbH, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn AG, die Rolle des Systembetreibers. Dazu wurde ein Betreibervertrag über drei Jahre abgeschlossen. Zuvor wurde auch die Alternative einer möglichen Übernahme durch die Kassler Verkehrsgesellschaft (KVG), die bisher als Kooperationspartner auftrat, diskutiert. Da aber eine weitere Bezuschussung der KVG aus öffentlichen Mitteln in den politischen Gremien der Stadt nicht durchsetzbar war, musste diese Idee wieder fallen gelassen werden. Die Kooperation in Bezug auf Tarifintegration und Marketingmaßnahmen blieb aber weiterhin bestehen. Die Weiterführung des Systems wurde bereits von Seiten der DB Rent und der Stadt Kassel bekräftigt und soll mindestens im Jahr 2016 wie gewohnt für die Nutzer zur Verfügung stehen.

Tarifsystem und Außendarstellung

Nachdem der Normaltarif im ersten Betriebsjahr bis Ende 2012 noch bei 50 Cent pro 30 Minuten lag, beträgt der aktuelle Tarif einen Euro für eine Ausleihe von 60 Minuten. ÖV-Zeitkarteninhaber verfügen je nach gewähltem Zeitkartentarif über ein Fahrtguthaben von 10 bis 20 Euro pro Monat.

Ein attraktives Angebot besteht seit Anfang des Jahres 2013 für Studierende: Für sie ist die erste Stunde jeder Fahrt kostenlos. Schon zuvor konnten Studierende das Fahrradverleihsystem für 45 Minuten pro Fahrt kostenlos nutzen, wobei zur Finanzierung dieses Angebots ein studentischer Beitrag von einem Euro pro Semester erhoben wurde. Nachdem ab Mitte 2012 in der Öffentlichkeit und der lokalen Politik eine kontroverse Diskussion darüber entstand, wie es mit Konrad nach Ablauf der Förderperiode weitergehen sollte, war eine Online-Petition zum Erhalt des Verleihsystems erfolgreich. Auf ihrer Grundlage konnten die aktuellen Konditionen zusammen mit der Erhöhung des studentischen Beitrags auf drei Euro pro Semester durchgesetzt werden.

Nachfrage und Nutzungsdetails

Die Nutzerzahlen lagen im ersten Betriebsjahr höher als im zweiten. So gab es zwischen April und Dezember 2012 durchschnittlich 20.000 Ausleihen pro Monat, während 2013 bis einschließlich September im Schnitt etwas mehr als 15.000 Ausleihen pro Monat gezählt wurden. Dieser Rückgang um 25% deutet aber nicht unbedingt auf ein sinkendes Interesse seitens der Nutzer hin. Von Juni bis September 2012 fand in Kassel die 13. internationale Kunstaustellung documenta statt. In diesem Zeitraum wurde Konrad verstärkt von Touristen genutzt. Die Zahl der Ausleihvorgänge pro Rad und Tag lag mit 1,16 leicht über dem im Projekt OBIS ermittelten Durchschnittswerten (1,04 Ausleihen pro Rad/Tag) für Städte zwischen 100.000 und 500.000 Einwohnern. Die Auswirkungen der documenta zeigen sich auch beim Blick auf die mittlere Ausleihdauer, die für den Zeitraum von Anfang April 2012 bis Ende September 2013 bei 40 Minuten, im August 2012 jedoch bei 72 Minuten lag. Der Anteil der Rundfahrten (Ausleihstation gleich Rückgabestation) betrug im selben Zeitraum 13%.

Die Anzahl der registrierten Kunden bei Konrad steigt kontinuierlich und lag Ende 2014 bei ca. 35.500 Nutzern, welche insgesamt 206.000 Fahrten mit Konrad unternommen haben. Die durchschnittlichen Ausleihen pro Monat lagen 2014 somit bei gut 17.000, wobei der stärkste Monat (Juli 2014) mit rund 29.000 Fahrten zu Buche schlug. Für 2015 zeichnet sich derzeit ein ähnlicher Trend ab. Für den Zeitraum von April 2012 bis Dezember 2014 wurden im Durchschnitt 17.375 Fahrten pro Monat durchgeführt. Dies bedeutet 34,75 Fahrten pro Fahrrad und Monat und somit 1,16 Fahrten pro Fahrrad und Tag.

Durch das Fahrradvermietsystem Konrad ist in Kassel das Fahrrad stärker ins Stadtbild und das Bewusstsein von Bewohnern und Besuchern gerückt. Gerade in einer Stadt, die durch die topographischen Rahmenbedingungen und die städtebauliche Entwicklung nicht unbedingt als Fahrradstadt gilt, konnte hier das Ziel der verstärkten Berücksichtigung erreicht werden. Durch die sehr gute Nutzung des Fahrrades durch die Studierenden der Universität Kassel hat sich die Situation in den Trams in der morgendlichen Spitzenstunde entspannt. Auch im touristischen Bereich, dies hat die Documenta im Jahr 2012 sehr deutlich gezeigt, wird das Fahrrad von den Besuchern Kassels sehr gut angenommen. Auch die Ernennung des Bergparks Wilhelmshöhe als UNESCO Weltkulturerbe trugen zu einer stärkeren Frequenz der dort gelegenen Stationen bei.

Ausblick: Welche Erweiterungen des bestehenden Systems sind geplant?

Momentan wird von Seiten der Stadt Kassel an der Weiterführung des Systems ab 2017 gearbeitet. Der Verkehrsentwicklungsplan Kassel 2030 sieht für Konrad eine Erweiterung sowohl innerhalb der Stadt als auch in die benachbarten Kommunen vor. Einige Städte hatten hier bereits ihr Interesse bekundet. Je nach Umfang der Erweiterung werden dann auch neue Fahrräder das System ergänzen müssen, um den Kunden an den einzelnen Stationen ausreichend Fahrräder anbieten zu können.

Steckbrief

  • Name: Konrad
  • Betreibermodell: Kooperation der Stadt Kassel (bis 31.12.2012 rechtlicher Betreiber) und der Deutsche Bahn-Tochter DB Rent GmbH (seit 1.1.2013 rechtlicher Betreiber)
  • Aufgabenträger: Stadt Kassel
  • Starttermin: Frühjahr 2012
  • Anzahl Fahrräder: 500 Fahrräder
  • Anzahl Stationen: 59 Stationen
  • Fahrzeug: Fahrrad der Firma Simpel
  • Merkmale/Typ: Ziel ist die Integration in den ÖPNV als Teil von multimodalen Wegeketten
  • Schließsystem: elektronisch via Funk, Schloss am Rad
  • Bedienungsgebiet: Kassler Stadtgebiet, eine Ausweitung auf das Umland im Tarifbereich KasselPlus ist optional möglich
  • Medienkampagne: Ja, siehe www.konrad-kassel.de
  • Registrierung: per Internet, per Telefon/Mobiltelefon, Terminal
  • Anzahl monatlicher Ausleihvorgänge: 17.700 (Durschnitt 4/2012-12/2014)
  • Letzter Stand: 9/2015

Tarife

  • Normaltarif: 1 Euro für 60 Minuten
  • Tarif Zeitkarteninhaber: 10 Euro bzw. 20 Euro (nur im Carsharing Abo-Paket) Fahrtguthaben im Monat
  • Studententarif: 1 Stunde pro Fahrt bei 2 Euro Pflichtbeitrag je Semester

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Für die Nutzung des Fahrradvermietsystems Konrad wurde eine innovative Lösung für die Nutzung von Guthabencodes auf Einzelfahrscheinen entwickelt, sodass eine tarifliche Integration in den ÖPNV auch ohne E-Ticket möglich ist. Jeder Kunde, der einen Einzelfahrschein kauft, erwirbt gleichzeitig einen Guthabencode auf der Rückseite, mit dem eine Vergünstigung von 50 Cent auf eine Konrad-Fahrt gewährt wird. Auch die enge Zusammenarbeit zwischen Stadt Kassel und Kasseler VerkehrsGesellschaft bei der Entwicklung und Vermarktung des Systems stellt eine Innovation dar.
Weiterhin wurde das Stationssystem als eine neuartige Idee gewürdigt. Hier wird die Einfachheit herkömmlicher Fahrradbügel mit dem Komfort einer Funkeinheit kombiniert, die an bereits vorhandene Stromquellen (z.B. Laternenmast, Ampelmast, etc.) im öffentlichen Raum angeschlossen werden kann. So entfallen kostenintensive Tiefbauarbeiten, Stationen sind jedoch im Stadtbild sichtbar und lassen sich je nach Bedarf einfach auf-, ab- oder umbauen. Besonders für Kommunen, die ein stationsgebundenes System mit einer gewissen Ausstattung ohne hohe Kosten realisieren möchten, bietet sich diese Form der Stationsgestaltung an.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Kommunale Mittel
Sonstige
Erläuterungen: 
Förderung über den Wettbewerb "Innovative öffentliche Fahrradverleihsysteme - neue Mobilität in Städten" über das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung bis 31.12.2012; Finanzierung über Mieteinnahmen, Zuwendungen von Dritten (Kooperations- und Werbeverträge), kommunale Eigenmittel.
Derzeit wird das System von der DB Rent als rechtlicher Betreiber mit vollem wirtschaftlichen Risiko betrieben. Finanzierung über Mieteinnahmen, Zuwendungen von Dritten (Kooperationsverträge).

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Lokale und überlokale Begleitevaluation durch Uni Kassel und Uni Stuttgart, gemeinsam mit dem Wuppertal Institut. Die Evaluation erfolgte durch einen für alle Modellvorhaben standardisierten Rahmen.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Stadt Kassel
Projektbeteiligte: 
DB Rent GmbH

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
März 2012

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Kommunale Ansprechpartner: 
Theresa Maiwald
Straßenverkehrs- und Tiefbauamt Kassel
Friedrichsstraße 36
34117 Kassel
Telefon: +49 (0)561/787-3056
E-mail: theresa.maiwald@kassel.de

Meta-Info
Stand der Information
30. September 2015
Autor
Theresa Maiwald, Stadt Kassel, Straßenverkehrs- und Tiefbauamt
NRVP-Handlungsfelder
Radverkehrsplanung und -konzeption
Fahrradthemen
Fahrradverleihsysteme
Schlagworte
Fahrradverleih
Modellvorhaben
Land
Hessen