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Empfehlungen für die Gestaltung von Fahrradstraßen

Fahrradstraßen in Dreieich

Die Liebknechtstraße in Dreiech
Die Liebknechtstraße in Dreiech © Tobias Klein, Difu

1. Einleitung

Unter Mitarbeit des Runden Tisches Radverkehr wurde im Jahre 2006 ein Radverkehrskonzept für Dreieich erstellt. Das Gremium entwickelte ebenso ein Konzept für die erste Fahrradstraße in Dreieich, die ab Ende 2017 umgesetzt wurde. Dabei handelt es sich laut der Stadt Dreieich mit einer Gesamtlänge von 2,8 km um die längste Fahrradstraße in Hessen. Im Grunde besteht diese "Fahrradstraße" allerdings aus sechs einzelnen Straßen, die zu einer langen Fahrradachse kombiniert wurden und so den Bahnhof Dreieich-Buchschlag, der an der wichtigen Bahnlinie Darmstadt – Frankfurt/Main liegt, mit dem Zentrum in Dreieich-Sprendlingen verbindet (siehe Abb. 1). Mit dem Einrichten der Fahrradstraßen sollte eine sichere und schnelle Verbindung für Pendler geschaffen und insgesamt der Radverkehrsanteil in der Kommune gesteigert werden. Weitere Gründe waren die weiterreichenden Rechte für Radfahrende und eine bessere Sichtbarkeit des Radverkehrs.

Was ist eine Fahrradstraße?

Das Zeichen 244.1 der StVO markiert den Beginn einer Fahrradstraße. Soweit sie nicht durch ein Zusatzzeichen freigegeben sind, sind andere Fahrzeuge außer Fahrrädern auf Fahrradstraßen verboten. Es gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h und das Nebeneinanderfahren von Fahrrädern ist erlaubt. Laut VwV-StVO kommen Fahrradstraßen "dann in Betracht, wenn der Radverkehr die vorherrschende Verkehrsart ist oder dies alsbald zu erwarten ist."

Hinweis

Das im Folgenden vorgestellte Praxisbeispiel wurde im Rahmen des NRVP-Projektes "Empfehlungen für die Gestaltung von Fahrradstraßen" erstellt. Die beschriebenen Fahrradstraßen sind eine Bestandsaufnahme und zeigen den aktuellen Stand verschiedener Beispiele in Deutschland. Bei den im Text gemachten Aussagen handelt es sich um die zum Teil subjektiven Einschätzungen der zuständigen kommunalen Planenden sowie die Einschätzung der Autoren, die im Rahmen von Experteninterviews geäußert wurden. Die Aussagen sind nicht empirisch überprüft. Unter Umständen sind die vorgestellten Beispiele nicht in allen Belangen StVO-konform. Bei der Anlage von Fahrradstraßen sind selbstverständlich dennoch die Straßenverkehrsordnung (StVO), die Allgemeine Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung (VwV-StVO) sowie die aktuellen Regelwerke zu beachten.

2. Netzbedeutung und zugelassene Verkehrsarten

Die Fahrradstraßen sind in das städtische Radverkehrsnetz eingebunden, der MIV ist bis auf einen kurzen Abschnitt durch ein Waldstück zugelassen. Durch die Rechts-vor-links-Regelung und die Einengung der Straßen an Knotenpunkten soll Durchgangsverkehr verhindert werden. An zwei Stellen ist die Durchfahrt für den MIV durch die historisch gewachsene Ortsstruktur versperrt – eine schmale Brücke und ein Waldstück sind nur für Radfahrende und zu Fuß-Gehende passierbar (siehe Abb. 2). Für den Autoverkehr verläuft parallel zur Fahrradachse die Eisenbahnstraße, eine Hauptverkehrsstraße mit Tempo 50.

In der Nähe des Bahnhofs Dreieich-Buchschlag verläuft für ca. 300 m eine Buslinie auf der Fahrradstraße. Hier gab es bisher keinerlei Probleme, auch das Verkehrsunternehmen hatte keine Vorbehalte gegen die Einrichtung der Fahrradstraße an dieser Stelle.

Der aktuell in der Umsetzung befindliche Radschnellweg Frankfurt/Main – Darmstadt wird auch durch Dreieich verlaufen und die bestehende Fahrradroute kreuzen. Die Radschnellverbindung wird im Siedlungsgebiet von Dreieich vermutlich durch Fahrradstraßen realisiert. Damit würden dann auch einige Schulen direkt mit Fahrradstraßen erschlossen.

3. Gestaltung

An wichtigen Knotenpunkten ist durch Pflanzbeete eine Torsituation geschaffen worden, zudem finden sich an allen Kreuzungen große Piktogramme (VZ 244.1) und rote Farbteppiche (siehe Abb. 3). Der Kreuzungsbereich Liebknechtstraße/Buchwaldstraße ist komplett rot eingefärbt (siehe Abb. 4). Hierdurch soll die Aufmerksamkeit der Kfz-Fahrenden erhöht und die Geschwindigkeit gesenkt werden.

Wie bereits unter Punkt 2 erwähnt, gilt auf der kompletten Fahrradachse Rechts-vor-links, lediglich an der Kreuzung Bogenweg/Hainer Trift hat die Fahrradstraße Vorfahrt (siehe Abb. 5), an der Kreuzung Liebknechtstraße/August-Bebel-Straße gibt es ein Stoppschild für die Fahrradstraße. Hier wird über eine Signalisierung nachgedacht.

Die Breiten auf der Fahrradachse variieren zwischen lediglich 2,50 m im Waldstück und ca. 7 m in der Liebknechtstraße. Der kurze Abschnitt im Wald ist allerdings nicht für Kfz freigegeben. Da es keine Beschränkung des Parkens gibt und Parkplätze nicht explizit ausgewiesen sind, können die Breiten je nach Parkdruck auch stark variieren, Sicherheitstrennstreifen sind nicht vorhanden. Vorgabe der Politik war, dass keine Parkplätze wegfallen dürfen.

Für den Fußverkehr wurde an der Kreuzung Liebknechtstraße/Buchwaldstraße eine Gehwegvorstreckung realisiert, an der Kreuzung Bogenweg/Hainer-Trifft eine Mittelinsel angelegt. Der Fußgängerüberweg am Knoten Liebknechtstraße/Schleusenstraße war bereits vor Einrichtung der Fahrradstraße vorhanden und wurde beibehalten (siehe Abb. 6). Es gibt keinen internen Leitfaden. Zukünftige Fahrradstraßen sollen sich an den nun bestehenden Fahrradstraßen orientieren.

4. Politik, Verwaltung und Bevölkerung

Im Runden Tisch Radverkehr sind alle Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung mit jeweils einer Person vertreten. Weitere Mitglieder sind der Dezernent, der ehrenamtliche Radverkehrsbeauftragte, der ADFC sowie Mitarbeitende vom Ordnungsamt und vom Straßenbauamt. Im Gremium werden in der Regel Empfehlungen ausgesprochen und Konzepte entwickelt, die dann durch die Politik beschlossen werden müssen. Dazu finden dann Beratungen in der Stadtverordnetenversammlung, im Magistrat, im Bauausschuss sowie im Haushalts- und Finanzausschuss statt. Da nach der Ausschreibung die ermittelten Kosten höher als die kalkulierten Kosten waren, fand eine erneute Diskussion in den Gremien statt.

In der Verwaltung wurden während der Planung alle Bereiche von Anfang an eingebunden, daher war die Umsetzung kein Problem und hat gut funktioniert. Dazu gehört auch der Denkmalschutz. So wurde im Bereich zwischen Ernst-Ludwig-Allee und Brückenweg auf die Verwendung von roten Farbteppichen verzichtet, da die Fahrradroute hier durch eine alte Villenkolonie verläuft.

Im Rahmen des Planungsprozesses gab es eine Infoveranstaltung für Anwohnende sowie weitere interessierte Personen. Die Anregungen aus der Veranstaltung wurden im Nachgang noch einmal im Runden Tisch Radverkehr diskutiert.

Die Bevölkerung steht dem Thema Fahrradstraßen sehr positiv gegenüber, es gab bisher keine Beschwerden oder Proteste. Allerdings sind die Verkehrsregeln einer Fahrradstraße nach Einschätzungen der Stadt nur einem geringen Teil bekannt. Daher wurde durch die Aufhängung eines Banners auf die wichtigsten Änderungen nach der Umgestaltung hingewiesen; zusätzlich wurden Infoflyer an die Anwohnenden verteilt. Zur Eröffnung gab es eine Veranstaltung mit Mitgliedern des Runden Tischs Radverkehr, zudem wurde in der Lokalpresse über das Thema berichtet.

5. Fazit und Ausblick

Da der Verkehr auch in Zukunft weiter zunehmen wird, erachtet die Stadt Dreieich insbesondere die Förderung des ÖPNV sowie des Radverkehrs als besonders wichtig. Fahrradstraßen sollen dabei eine zentrale Rolle spielen. Durch die Umsetzung der Radschnellverbindung Frankfurt/Main – Darmstadt werden in naher Zukunft sicherlich weitere Fahrradstraßen auf dem Gemeindegebiet entstehen. Um auf diesen einen maximalen Komfort für den Radverkehr zu erreichen, wäre es sicherlich sinnvoll, den Fahrradstraßen auf der kompletten Achse Vorfahrt zu gewähren und mit effektiven Maßnahmen wie modalen Filtern (z.B. Poller, Blumenkästen oder andere Gegenstände) den Durchgangsverkehr zu verhindern.

Nachfolgend ein kurzer Überblick einiger Fakten der Stadt Dreieich zum Radverkehr:

Modal-Split Radverkehr: 17 %
Anzahl Fahrradstraßen: 6
Gesamtlänge Fahrradstraßen: 2,8 km
Erste Fahrradstraße im Jahr: 2017

Evaluation

Evaluation: 
nein

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Kommunale Ansprechpartner: 

Sabine Kremling
Stadt Dreieich
Fachbereich Planung und Bau
Produkt: "Öffentliche Verkehrsflächen"
Hauptstraße 45
63303 Dreieich
Tel.: 06103/601-432
E-Mail: sabine.kremling@dreieich.de