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Verkehrsfläche neu verteilt

Fahrradstraße setzt neue Maßstäbe für zu Fuß Gehende und Radfahrende

Fahrradstraße mit Multifunktionsstreifen
Fahrradstraße mit Multifunktionsstreifen © verenafotografiert

1. Ausgangslage

Der Friesenwall ist eine für die Kölner Innenstadt typische Straße. Dichte Bebauung gepaart mit einer gemischten Nutzung aus Gastronomie, Einzelhandel und Wohnen sorgen für zahlreiche und zum Teil konkurrierende Nutzungsansprüche, die sich in einer schmalen Fahrgasse und vollgestellten Gehwegen widerspiegeln. Durch Anwohnende sowie externe Besucherinnen und Besucher herrscht ein hoher Parkdruck. Die im Straßenraum bestehenden Kurzzeitparkplätze sind kostenpflichtig und für das Bewohnerparken freigegeben. Der Friesenwall stellt im gesamten Verlauf eine Einbahnstraße dar, die aufgrund ihrer besonderen Netzfunktion für den Radverkehr in gegenläufiger Richtung bereits geöffnet wurde. Die schmale Fahrgasse von lediglich 3,00 Meter Breite erschwert den Begegnungsfall zwischen Kfz und Rad. Parksuch- und Lieferverkehr schränken den Fahrkomfort für Radfahrende weiter ein.

Im Radverkehrskonzept Innenstadt wurde der Friesenwall aufgrund seiner Bedeutung für das Radverkehrsnetz als künftige Fahrradstraße definiert. Neben einem 83 Abschnitte umfassenden Fahrradstraßennetzplan wurden mit dem Radverkehrskonzept Fahrradstraßenstandards von der Politik beschlossen, die eine Einhaltung von Mindestbreiten, ein einheitliches Piktogramm sowie eine Bevorrechtigung an Knotenpunkten beinhalten. Der Netzplan und die Fahrradstraßenstandards dienen der Verwaltung somit als "Generalbeschluss" und bilden die Grundlage für die Umsetzung der Fahrradstraßen in der Innenstadt. Ausnahmen dieses Generalbeschlusses stellen Abschnitte dar, in denen die Mindestbreiten für Fahrradstraßen aufgrund der Anordnung des Parkens unterschritten werden. In diesen Fällen sind Einzelbeschlüsse erforderlich, die eine Neuverteilung der Verkehrsfläche bzw. Umwandlung von Stellplätzen legitimieren.

Schnell wurde klar, dass im Friesenwall die Umwandlung eines der beiden Längsparkstreifens (50 Kfz-Stellplätzen) zugunsten des Fuß- und Radverkehrs erforderlich ist und hierfür ein Beschluss gefasst werden muss. Hierfür wurden verschiedene Erhebungen aufbereitet, die u.a. zu folgenden Erkenntnissen führten:

  • bis zu 50 % freie Kapazitäten in umliegenden Parkhäusern
  • 50 % der parkenden Kfz im Friesenwall sind Anwohnenden zuzurechnen
  • 75 Räder zumeist "wild" auf Gehwegen abgestellt
  • zahlreiche Einbauten auf Gehwegen, die den Bewegungsraum von zu Fuß Gehenden einschränken
  • etwa 1.050 Radfahrende gegenüber 1.500 Kfz durchqueren den Friesenwall täglich
  • 2.635 zu Fuß Gehende in einem Zeitraum von 6h (2h jeweils morgens, mittags, abends)

Die Ergebnisse einer Parkraumuntersuchung haben gezeigt, dass der Anwohneranteil in dem Viertel bei etwa 50% liegt. Durch die geringe Nachfrage der Anwohnenden nach Parkplätzen im Straßenraum stünden auch bei einem Wegfall von 50 bewirtschafteten Parkplätzen ausreichende Kapazitäten zur Verfügung. Die übrige Nachfrage nach Stellplätzen kann über die anliegenden Parkhäuser abgedeckt werden.

2. Projektdurchführung

Anfang 2018 wurde die Einrichtung der Fahrradstraße und der damit verbundene Entfall von 50 Stellplätzen politisch beschlossen. Dies war ein bis dahin einmaliger Vorgang, denn nie zuvor wurden für die Einrichtung einer Fahrradstraße derart massiv Stellplätze reduziert.

Aufgrund des hohen Parkdrucks wurde vor Planungsbeginn beschlossen, das illegale Zuparken der Fahrradstraßenfahrgasse und des Gehweges mit baulichen Elementen zu unterbinden. Die Lösung hierfür bestand in der Anlage eines Multifunktionsstreifens, in den störende Elemente von den Gehwegen versetzt und in dem 120 Fahrradabstellmöglichkeiten geschaffen wurden. Auf die Markierung des in Fachkreisen empfohlenen Sicherheitstrennstreifens entlang des verbleibenden Längsparkstreifens wurde aufgrund der beengten Platzverhältnisse und zugunsten des Multifunktionsstreifens verzichtet. Neben der Prämisse, das Falschparken zu unterbinden, konnte somit die Qualität für das zu Fuß gehen deutlich gesteigert werden. Der Multifunktionsstreifen wurde mit einer Breitstrichmarkierung von der Fahrbahn abmarkiert, die etwas Sicherheitsabstand einräumt und zugleich als Fahrbahnbegrenzungslinie fungiert. Neben Fahrradabstellmöglichkeiten befinden sich innerhalb des etwa 1m breiten Streifens zahlreiche unterschiedliche Elemente wie zum Beispiel Parkscheinautomaten, Schilderpfosten kombiniert mit Papierkörben, Sitzbänke, Postablagekästen und Angebotsflächen für Außengastronomie. Letztere wurden vorgesehen um auch vor Restaurants die Gehwege langfristig freiräumen zu können. Um die Aufenthaltsqualität zu erhöhen wurden vereinzelt Pflanzkübel installiert, deren Pflege ansässige Geschäftsleute übernommen haben. Diese wird über eine symbolische Pflanzpatenschaft sichergestellt. Seit Dezember 2017 verfügt die Stadt Köln über ein verbindliches Gestaltungshandbuch. Sämtliche Elemente innerhalb des Multifunktionsstreifens entsprechen daher in Bezug auf das Design und eine einheitliche Anthrazite Farbgebung den Inhalten des Gestaltungshandbuches.

Die eingangs genannten Fahrradstraßenstandards (Fahrbahnbreite, Vorfahrt an Kreuzungen und Piktogramme) wurden im Friesenwall erstmals konsequent angewendet. So wurde der Fahrradstraßenverlauf an den Zwischenknoten bevorrechtigt, zuvor galt dort rechts vor links. Am Endknoten Friesenwall/Magnusstraße gab es bislang ein Defizit für den geradeausfahrenden Radverkehr. Radfahrende waren gezwungen rechts abzubiegen oder nutzten regelwidrig Fußgängerfurten. Mit der Fahrradstraßeneinrichtung wurde daher eine neue Fahrradampel installiert, mit der eine direkte Querung regelkonform möglich wurde. Diese verfügt über einen Grünpfeil, sodass Radfahrende auch bei Rot rechts abbiegen können.

Um den Kfz-Verkehr in der Fahrradstraße zu reduzieren, wurde diese mit dem Zusatzzeichen 1020-30 ("Anlieger frei") ausgeschildert. Weitere Maßnahmen zur Reduzierung oder Sperrung des Kfz-Verkehrs waren zum Zeitpunkt der Einrichtung nicht möglich, da die innerhalb des Quartiers befindlichen Anlieger (u. a. Belieferung eines Supermarktes) über die Fahrradstraße erschlossen werden.

Anwohnende und Geschäftsleute wurden mit Hauswurfsendungen über die Einrichtung der Fahrradstraße informiert. Darüber hinaus fand eine "unterschwellige" Beteiligung der Erdgeschossnutzer statt. In Form einer Direktansprache konnten Anwohnende und Geschäftsleute vor Ort auf die Verortung von Einbauten innerhalb des Multifunktionsstreifens direkten Einfluss nehmen. Aufgrund dessen wurden beispielsweise Lücken zwischen Hauseingängen berücksichtigt, die Umzüge, Liefervorgänge, das Zwischenlagern von Mülltonnen oder das Queren für zu Fuß Gehende vereinfachen.

Im Rahmen eines Pressentermins mit Oberbürgermeisterin Henriette Reker wurde die Fahrradstraße im Friesenwall im Mai 2019 offiziell freigegeben. Dabei wurden „Türanhänger“ an Autos, Hauseingängen und Fahrradlenkern verteilt, um den Bekanntheitsgrad und die Regelungsinhalte von Fahrradstraßen zu steigern.

Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf rund 60.000 Euro, wobei ein Großteil mit etwa 22.000 Euro auf die fahrradfreundliche Ergänzung der Ampelanlage Friesenwall/Magnusstraße entfällt.

Die Fahrradstraße im Friesenwall ist neben anderen Projekten Bestandteil des bundesweiten Forschungsprogramms "Experimenteller Wohnungs- und Städtebau" (ExWoSt). Das u. a. in Köln durchgeführte Modellvorhaben "Aktive Mobilität in städtischen Quartieren" dient der Förderung der Mobilität zu Fuß und mit dem Rad. Es wird vom Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat mit 225.000 Euro gefördert. Zahlreiche Elemente innerhalb des Multifunktionsstreifens wurden über das ExWoSt-Modellvorhaben finanziert. Darüber hinaus hat eine umfangreiche Evaluation - insbesondere zum Fußverkehr und zur Aufenthaltsqualität - stattgefunden.

3. Projekterfolge

Die Resonanz in der Presse sowie seitens der Anlieger und von Radfahrenden war, bis auf vereinzelte Ausnahmen, durchweg positiv. Im Februar 2020 wurde das Projekt mit dem zweiten 2. Platz des deutschen Fahrradpreises in der Kategorie Infrastruktur ausgezeichnet.  

Eine erste Nachher-Zählung ergab im Oktober 2019, dass der Radverkehrsanteil mit 1.700 Radfahrenden gegenüber 650 Kfz am Tag überwiegte. Aufgrund der positiven Erfahrungen und des für die Kölner Fuß- und Radverkehrsförderung richtungsweisenden Charakters sind weitere Fahrradstraßen mit Verknüpfung zum Fußverkehr in Planung.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Das Projekt zeigt kurzfristig umsetzbare Lösungsmöglichkeiten für die exemplarische Verknüpfung des Fuß- und Radverkehrs im Rahmen einer Fahrradstraßenplanung auf und lässt sich auf beengte Straßenräume übertragen.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Kommunale Mittel
Gesamtvolumen: 
60 000 €
Erläuterungen: 

Die Gesamtkosten für die Einrichtung der Fahrradstraße i.H.v. 60.000 Euro entfielen auf die Installation einer Lichtsignalanlage, Beschilderung und Markierung sowie die Ausgestaltung des Multifunktionsstreifens. Einzelne Elemente zur Aufwertung des öffentlichen Raumes wie z.B. Pflanzkübel, wurden über das ExWoSt-Modellvorhaben, ca 15.000 Euro, finanziert. Die im Rahmen des Modellvorhabens durchgeführten Evaluationen wurden ebenfalls über den Fördermittelgeber finanziert und durchgeführt.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Im Rahmen des ExWoSt-Modellvorhabens haben Vorher-Erhebungen stattgefunden, dabei wurden u.a. Fuß- und Radverkehrszählungen, Verkehrsbeobachtungen sowie Befragungen durchgeführt. In 2020 wurden entsprechende Nachher-Erhebungen durchgeführt.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Stadt Köln – Amt für Straßen und Verkehrsentwicklung
Verkehrsplanung - Team Fahrradbeauftragter

Projektbeteiligte: 

Bei der Durchführung der Evaluationen:

  • Hochschule Bochum
  • Fachbereich Bau- und Umweltingenieurwesen
  • Institut für Mobilität und Verkehrssysteme

Diverse Projektbeteiligte im Rahmen der Umsetzung (insbesondere in Bezug auf den Multifunktionsstreifen) u.a.:

  • Abfallwirtschaftsbetriebe Köln
  • Deutsche Post
  • Stadtraummanagement Stadt Köln

Laufzeit

Projektstart: 
Oktober 2017
Projektende: 
Mai 2019

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Oliver Klaholz
Stadt Köln – Amt für Straßen und Verkehrsentwicklung, Verkehrsplanung – Team Fahrradbeauftragter
Radverkehrsplaner
Willy-Brandt-Platz 2
50679 Köln
Telefon: 0221 221-221-0
Telefax: 0221 221-27082
E-Mail: fahrradbeauftragter@stadt-koeln.de
Internet: www.stadt-koeln.de/leben-in-koeln/verkehr/radfahren/

Meta-Info
Stand der Information
2. November 2020
Autor
Oliver Klaholz, Stadt Köln - Amt für Straßen und Verkehrsentwicklung
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Nordrhein-Westfalen