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Mobil ohne Auto

Fahrradsternfahrt Hamburg

Die Sternfahrt passiert den Hamburger Fernsehturm
Die Sternfahrt passiert den Hamburger Fernsehturm © Rolf Jungbluth

Geschichte der Aktion "Mobil ohne Auto"

Jeden dritten Sonntag im Juni, am Tag der Aktion "Mobil ohne Auto", findet in Hamburg und dem Umland eine Fahrrad-Sternfahrt mit über 10.000 Teilnehmern statt. Die Idee eines solchen autofreien Tages geht auf eine Aktion christlicher Einrichtungen in der Lutherstadt Wittenberg im Jahr 1981 zurück. Sie ließen in einer gemeinsamen Aktion ihr Auto stehen, um das Konzept des Fastens ökologisch und gesundheitlich auszuweiten - weniger Essen, weniger Rauchen aber auch weniger Konsum und Ressourcenverbrauch sollten dazu beitragen, das Teilen zwischen Arm und Reich zu ermöglichen. "Mobil ohne Auto" wurde die größte Umweltaktion in der ehemaligen DDR.
Zehn Jahre später hatte sich die Aktion unter dem Namen "Mobil ohne Auto" (MOA) deutschlandweit verbreitet. Seither unterstützen engagierte Bürger, die Kirchen, Umwelt-, Heimat- und Sportverbände und Teile der öffentlichen Verwaltung auf breiter Basis die Idee der Förderung alternativer Mobilitätsformen zum Automobil.

Zum Deutschen Evangelischen Kirchentag, 1995 in in Hamburg, wurde ein offizielles Werbeplakat im Stile eines Autovahnwegweisers veröffentlicht. Umweltbewusste Teilnehmer fühlten sich durch dieses Design provoziert und gleichzeitig zum Protest motiviert. Aktivisten gestalteten infolgedessen ein Gegenplakat, dass auf die Umweltverschmutzung durch den Straßenverkehr hinweist und in Abbildung 2 zu sehen ist.
Das Thema der "Umweltfreundlichen Mobilität" wurde so in Verbindung mit dem Großereignis Kirchentag thematisiert und in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt. Später geriet der traditionelle Motorradgottesdienst in Hamburg in die Kritik. Es wurde als Provokation empfunden, dass ausgerechnet am Tag der Aktion "Mobil ohne Auto" mehrere 1000 Biker mit dem Motorrad in Richtung der St. Michaliskirche strömten. Hierdurch erfuhr die Fahrradsternfahrt einen zusätzlichen Auftrieb. Die Kritik am Motoradgottesdienst floss dann auch in graphische Gestaltung des Plakats für die Fahrradsternfahrt 1995 mit ein (Abbildung 3).
Die Idee, kirchliche Großveranstaltung mit der Förderung umweltfreundlicher Mobilität zu verbinden, wurde jüngst beim Kirchentag 2009 in Bremen konsequent aufgegriffen und umgesetzt: Beispielsweise durch die explizite Thematisierung des Zusammenhangs von Verkehr und Umweltschutz, der Bereitstellung von über 1.600 Leihrädern und das Fördern der Anreise per Fahrrad oder Bahn (Fahrradfreundlicher Kirchentag, Bremen 2009).

Die aktuelle Situation: Die Akteure und die politische Bedeutung der Hamburger Sternfahrt

Verschiedene Vereine, Organisationen und eine Reihe in ihnen besonders aktiver Einzelpersonen bildeten die treibenden Kräfte, welche dazu beitrugen, dass die Hamburger Sternfahrt eine immer größere Aufmerksamkeit erzielte und die Zahl der Teilnehmer und Besucher stetig anwuchs. Gegenwärtig engagieren sich die folgenden Organisationen wesentlich in der Planung und Durchführung: Der ADFC, Attac, Greenpeace, das Hamburger Forum, der Verein HPV ("Human Power Vehicles e.V."), das Umwelthaus am Schüberg, der VCD, aber auch verschiedene Bürgervereine. Der Landesverband Hamburg der Naturfreunde Deutschland e.V. veranstaltet im Rahmen der Fahrradsternfahrt eine "Sternwanderung", so dass auch für FußgängerInnen ein ansprechendes Programm geboten wird.

Am Tag der Sternfahrt machen sich die Teilnehmer morgens aus allen Himmelsrichtungen auf den Weg in Richtung Hamburg. An etwa 20 Orten, in einer Entfernung von bis zu 90 Kilometer zum Ziel, beginnen die einzelnen sternförmig auf Hamburg zulaufenden Routen. Im Vorfeld veröffentlichte Zeitpläne geben den Teilnehmern die Möglichkeit, in der Nähe ihrer Wohnorte auf den Streckenverlauf aufzubiegen und sich den Radlergruppen anzuschließen. In Richtung Hamburg verbinden sich die einzelnen Streckenäste und verlaufen fortan zusammen, wodurch es ermöglicht wird, einen großen Teil der Strecke durch die Polizei absperren zu lassen und vom Autoverkehr freizuhalten. Alle Routen laufen im Zentrum Hamburgs zusammen, wo dann um die Mittagszeit eine große Abschlusskundgebung stattfindet.

2006 wurde die Gesamtanzahl der Orte an den Fahrtrouten von 20 auf über 60 erhöht. Infolgedessen stieg die Teilnehmerzahl auf fast 10.000 an. In den Folgejahren lag sie dann sogar weit über 10.000. Die Fahrraddemo weckte zusehends auch das Interesse der Politik. Im Jahre 2007 nahmen erstmals Politiker offiziell an der Veranstaltung teil; im Folgejahr 2008 beteiligte sich beispielsweise die Senatorin für Umwelt und Stadtentwicklung an einer Diskussion auf der Bühne der Abschlusskundgebung am Dammtor.

2009 erkannte der Senat, welches Werbe- und Motivationspotential für einen umweltfreundlichen Verkehr die Fahrradsternfahrt birgt. Infolgedessen wurde der Autofreie Sonntag auf den Tag der Fahrradsternfahrt gelegt. Auch der regionale Verkehrsverbund HVV unterstützt mittlerweile die Sternfahrt: Öffentliche Verkehrsmittel in der gesamten Metropolregion können an diesem Tag kostenlos genutzt werden. Die Abschlusskundgebung und die sie begleitenden Veranstaltungen wurden vom Dammtor in die Innenstadt verlegt, da dies die öffentliche Wahrnehmbarkeit entscheidend erhöht.

Die Kirche hat immer noch einen Platz in der Sternfahrt: An vier Startpunkten fanden auch im Jahr 2009 Fahrradgottesdienste statt. Diese sollen in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche für die kommenden Aktionstage noch wesentlich ausgeweitet werden. Die Organisatoren haben sich selbst zum Ziel gesetzt, den Fahrradgottesdiensten eine ähnliche öffentliche Ressonanz zu verschaffen, wie den Motorradgottesdiensten.

Um Fördergelder besser einwerben zu können, das Haftungsrisiko einzelner Personen zu minimieren und nach außen einheitlich auftreten zu können, wurde Anfang 2009 der Verein "Mobil ohne Auto Nord e. V". gegründet, der seitdem offizieller Veranstalter der Hamburger Fahrradsternfahrt ist.

Die Mottos und die politischen Forderungen der Fahrrad-Sternfahrten

Die Themen und das Motto der Sternfahrt wurde in jedem Jahr aktuellen gesellschaftlichen Geschehnissen und Entwicklungen angepasst:

  • 2005 "Mobil ohne Auto und Motorrad"
  • 2006 "Mehr Fahrräder, Weniger Autos"
  • 2007 "Mehr Fahrräder – weniger Autos – Klima retten"
  • 2008 "Mehr Fahrräder, weniger Autos = lebenswerte Stadt"
  • 2009 "Mehr Fahrräder, weniger Autos: fit fürs Klima"

Die Sternfahrt unterstützt darüber hinaus jedes Jahr konkrete politische Forderungen. Die Köhlbrandbrücke, normalerweise ausschließlich dem Autoverkehr vorbehalten, wird jedes Jahr für die Sternfahrt für den motorisierten Verkehr gesperrt und für Radfahrer freigegeben. Die Organisatoren möchten erreichen, dass für die Sternfahrt auch Autobahnabschnitte zur Verfügung zu gestellt werden, wie dies etwa in Berlin und im Ruhrgebiet bereits geschieht. Es ist beabsichtigt, diese Forderung in den nächsten Jahren evtl. gerichtlich durchzusetzen. Die Nutzung der Autobahnen soll dazu beitragen, die Forderung nach weiteren Elb-Übergängen für den Radverkehr publik zu machen. Bisher gibt es in Hamburg vier, lediglich feste Querungen, zwei davon sind für Fahrräder gesperrt. Die Sternfahrtteilnehmer werden durch Flyer mit den politischen Forderungen der Organisatoren vertraut gemacht. Um die Veranstaltung nach außen sichtbar zu machen, erhalten sie darüber hinaus Aufkleber und seit 2009 auch Fahnen zur Befestigung am Rad.

Ausblick auf die Fahrradsternfahrt 2010

Hamburg ist nach wie vor ein Schlusslicht unter den deutschen Großstädten, was den umweltfreundlichen Verkehr betrifft. Die Sternfahrt bewegt die Öffentlichkeit und die Politiker dazu, die Rolle von Fahrrad, Fußgängern und ÖPNV Vorrang gegenüber jener des motorisierten Individualverkehrs zu überdenken.

Auch unpolitische Teilnehmer der Demo sollen "erfahren", wie entspannt und zügig man durch die Stadt fahren kann, wenn Fahrrädern und Fußgängern der nötige Verkehrs-Raum zur Verfügung gestellt wird. Wir erwarten, dass dieses Erlebnis auch im Alltag die Mobilitäts-Entscheidung der Teilnehmer zu Gunsten des Fahrrades prägen wird. Wer als Autofahrer bisher das Fahrrad gemieden hat, erfährt während der Sternfahrt vielleicht zum ersten Mal, dass sich in einer Stadt 10.000 Radfahrer bewegen können, ohne dabei Staus und Smog zu verursachen.

Die Sternfahrt trägt dazu bei, dem umweltfreundlichen Verkehr in der medialen Berichterstattung eine wesentlich breitere Aufmerksamkeit zu verschaffen. Auch die lokale Politik hat, so unsere Einschätzung, die Vorteile des umweltfreundlichen Verkehrs gegenüber den motorisierten Verkehrsmitteln schätzen gelernt.
Die vermehrte Berichterstattung im Rahmen des freiwilligen "Autofreien Sonntag" birgt allerdings zugleich auch die Gefahr, dass die RadfahrerInnen und ihre spezifischen Forderungen vor dem Hintergrund des großen Gesamtereignisses nicht genügend wahrgenommen werden. Die Organisatoren möchten dem entgegensteuern, durch eine stärkere Betonung des Democharakters in der Darstellung nach außen. 2010 wurde Die Abschlusskundgebung der Fahrradsternfahrt aus diesem Grunde örtlich getrennt durchgeführt. Auch die in früheren Jahren durchgeführte Abschlussrunde (ca. 6 km) durch die Innenstadt findet wieder statt, um allen Teilnehmern und insbesondere auch den anderen MitbürgerInnen ein Gefühl für eine moderne Fahrradstadt zu vermitteln.

Auswertung der bisherigen Sternfahrten und weitere Planung

Durch das Internet und persönliche Gespräche werden Rückmeldungen aus dem Kreis der Teilnehmer gesammelt. Dabei ist es immer eine Gratwanderung sowohl den Erwartungen unpolitischer Teilnehmer als auch den Interessen aktiver Radlobbyisten gerecht zu werden. Es ist aber stets beabsichtigt, beide Zielgruppen langfristig für die Fahrradsternfahrt zu gewinnen.

Eine konkrete Zielsetzung besteht darin, in Zukunft Familien mit Kindern stärker in das Geschehen mit einzubinden, evtl. auch durch spezifische, besonders kurze und langsam gefahrene Routen. Das Abschlussprogramm wurde bereits verstärkt auf junge Gäste ausgerichtet, u.a. mit einer Kletterwand. Auch das vorgesehnen Fahrttempo wurde mit ca. 12-15 km/h familiengerecht festgelegt.

Bisher wurden jährlich ca. 800 Plakate im Format A 1 in S- und U-Bahnhöfen und auf Straßen aufgestellt: weitere kleine Plakate in ca. 1500 Läden, Bücherhallen, Kirchenbüros und anderen öffentlich zugänglichen Einrichtungen. Außerdem werden ca. 40.000 Flyer ausgelegt und verteilt. Eine intensivere Werbung ist leider aufgrund der begrenzten Anzahl ehrenamtlicher Helfer nicht realisierbar.
Der Verein arbeitet derzeit mit einem Stamm von ca. 100 Freiwilligen. Für weitere Projekte im Rahmen der Fahrrad-Sternfahrt werden aber immer zusätzliche Helfer gebraucht.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Seit den Anfängen 1981 hat sich die Hamburger Fahrradsternfahrt kontinuierlich weiterentwickelt. Dabei wurden stets aktuelle Entwicklungen in der Umwelt- und Verkehrspolitik aufgegriffen und kritisch refklektiert. Von Jahr zur Jahr haben sich immer wieder neue Organisationen, Vereine und Einzelpersonen in das Projekt eingebracht und dazu beigetragen, dass die Hamburger Fahrradsternfahrt Teilnehmer und öffentliche Aufmerksamkeit hinzugewonnen hat.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Nicht systematisch, aber immer wieder durch Befragung der Aktiven und der Teilnehmer

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Mobil ohne Auto Nord e.V.
Projektbeteiligte: 
ADFC, Attac, Greenpeace, Hamburger Forum, HPV, Umwelthaus am Schüberg, VCD, verschiedene Bürgervereine, viele Bürger

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Januar 2005
Info zur Laufzeit: 
Jedes Jahr am 3. Sonntag im Juni, am Tag "Mobil ohne Auto"

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Herr Rolf Jungbluth
Mobil ohne Auto Nord e.V.
Wiesenstr. 5
22850 Norderstedt
Telefon: 040 525 47 64
E-mail: rolf-jungbluth@wtnet.de

Meta-Info
Stand der Information
1. Dezember 2009
Autor
Rolf Jungbluth, Mobil ohne Auto Nord e.V.
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Hamburg