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Fahrradfreundliche Gestaltung eines Großereignisses

Fahrradfreundlicher Kirchentag, Bremen 2009

Geistlicher auf dem Fahhrad
Geistlicher auf dem Fahhrad © Hannah Gundrey

Vom 20.-24. Mai 2009 fand in Bremen der 32. evangelische Kirchentag statt. Vor diesem Hintergrund war das Ziel des Projekts, eine mehrtägige Großveranstaltung mit über 300.000 Teilnehmern, davon 100.000 Dauergästen, fahrradfreundlich zu gestalten, d.h. das Fahrrad als individuelles, flexibles, schnelles und umweltfreundliches Verkehrsmittel zu implementieren und die Wirkungen dieses Angebots zu evaluieren.

Das Projekt wurde vom ADFC (Bundesverband und Landesverband Bremen) initiiert und gemeinsam mit dem 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag und der Stadt Bremen als Modellvorhaben für die fahrradfreundliche Ausrichtung von Großveranstaltungen konzipiert. Die Trägerschaft übernahm der Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa (Bauressort) der Freien Hansestadt Bremen. Das Bauressort hat daraufhin einen Förderantrag beim Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (Förderprogramm NRVP für nichtinvestive Maßnahmen der Kommunen) gestellt und die finanzielle Unterstützung des Bundes zugesagt bekommen.

Der ADFC traf im Vorfeld auf eine hohe Bereitschaft der Beteiligten, das Projekt umzusetzen. Bereits in einer frühen Planungsphase (zehn Monate im Voraus) wurde die Aufgabenverteilung zwischen dem Verkehrsressort, dem Kirchentagsbüro und dem ADFC für die Koordination und Umsetzung des Projekts abgestimmt. Das Projekt bildete somit von Anfang an einen wichtigen Baustein der Gesamt-Infrastrukturplanung für den Kirchentag.

Zur Planung und Durchführung des fahrradfreundlichen Kirchentages wurde eine eigene Arbeitsgruppe gegründet. Neben den genannten Projektbeteiligten wurden Vertreter der Polizei bzw. des Innenressorts, des Amtes für Straßen und Verkehr, des Senators für Wirtschaft und Häfen und von Bremen Marketing einbezogen. Die Projektbeteiligten hatten die Aufgabe, die Feinabstimmung der geplanten Maßnahmen zu treffen, die Ergebnisse der Arbeitsgruppe zu kommunizieren, themenbezogen weitere Beteiligte hinzuzuziehen und alle Vorkehrungen für die Umsetzung der geplanten und verabredeten Maßnahmen zu treffen. Sie wurden hierbei von einem PR-Büro unterstützt, welches das Kommunikationskonzept für das Projekt, inkl. eines Zeit- und Maßnahmenplans erstellte sowie für Moderation und Protokollführung der Arbeitsgruppe zuständig war. Ein weiterer Partner war GeoInformationBremen (das frühere Katasteramt), das die Druckvorlage für das eigentliche Planwerk des fahrradfreundlichen Kirchentagsstadtplans erstellt hat. Die Finanzierung der umzusetzenden Maßnahmen erfolgte über die Mittel des BMVBS.

Das Thema des fahrradfreundlichen Kirchentags wurde vom ADFC und dem Kirchentagsbüro über verschiedene Medien bereits mehrere Monate im Vorhinein kommuniziert. Insbesondere die Nutzung des Fahrrads zur Anreise nach Bremen wurde gezielt beworben. Kurz vor Beginn der Veranstaltung wurde die Fahrradfreundlichkeit des Großereignisses im „Kirchentags-Pedal“, einer Sonderausgabe der Bremer Fahrradzeitschrift des ADFC, herausgestellt. Das Kirchentagsbüro stellte dem Projekt bereits in der Vorbereitungsphase eine Plattform auf seiner Website und in den Räumen der Informationszentrums „Schaustelle Kirchentag“ zur Verfügung. Während der Veranstaltung wurde ein Messestand in der Themenhalle „Zentrum Zukunft“ bereitgestellt. In Kooperation mit der Bremischen Evangelischen Kirche wurde auch erstmalig ein „Fahrradgottesdienst“ im Rahmen des Kirchentagsprogramms aus der Taufe gehoben.

Für die Kirchentagsbesucher wurden insgesamt ca. 1.600 Fahrräder an den drei Hauptveranstaltungsorten zur Verfügung gestellt: 1000 "Kirchentagsfahrräder" wurden mit einem besonderen Design in Kooperation mit einem Fahrradhersteller eigens für das Ereignis hergestellt und sowohl zum Kauf als auch zur Ausleihe angeboten. Etwa 600 gebrauchte Räder kamen durch Spenden und über das Fundbüro hinzu. Sie wurden von verschiedenen gemeinnützigen Fahrradwerkstätten abgeholt und aufgearbeitet. Ein Team von mehreren Dutzend Kirchentags-HelferInnen betreute die Ausleihe und Rückgabe der Leihräder an den insgesamt drei Verleihstationen, die Kirchentagsorganisation und ADFC gemeinsam organisiert hatten. Dort standen auch etwa die gleiche Anzahl an ADFC-Ehrenamtlichen für ortspezifische Radler-Informationen bereit. Die Fahrräder waren für drei Stunden kostenlos gegen Vorlage des Teilnehmer- und Personalausweises erhältlich. Bei einer längeren Nutzungsdauer wurde das Pfand von 15 Euro als Miete für einen Tag einbehalten. Die Räder waren insbesondere auch für die „One-way“-Nutzung vorgesehen und konnten an einer anderen Station wieder abgegeben werden.

An den Veranstaltungsorten wurden 2000 zusätzliche Fahrradstellplätze mobil installiert. Der Kirchentagsstadtplan für alle Besucher wurde fahrradfreundlich gestaltet. Er enthielt Informationen zur Radverkehrsinfrastruktur, z.B. zu Radwegen und Stellplätzen, sowie zu den Hauptverbindungsrouten zwischen den wichtigen Veranstaltungsorten. Der schnellen Orientierung der Rad fahrenden Besucher diente auch die gesamtstädtische Wegweisung für den Radverkehr, die rechtzeitig vor Beginn des Kirchentages fertig gestellt werden konnte. Während des Kirchentags wurden an Stellen mit besonders hohem Radverkehrsaufkommen Teile der Fahrbahn für den fließenden und ruhenden Radverkehr durch provisorische Absperrungen reserviert.

Während den fünf Tagen der Veranstaltung wurde eine umfassende Besucherbefragung zu den Angeboten des fahrradfreundlichen Kirchentages durchgeführt. Dabei wurden sowohl die Bekanntheit des Projekts und der einzelnen Maßnahmen als auch die Nutzung und Bewertung der verschiedenen Angebote evaluiert. Die Durchführung erfolgte durch ein externes Büro in enger Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen des fahrradfreundlichen Kirchentages (Festlegung und Auswertung der zu evaluierenden Informationen). Insgesamt wurden über 1400 gültige Fragebögen generiert. Das Ergebnis war eine überaus positive Resonanz auf das Angebot, zugleich wurden aber natürlich auch Schwachstellen und Defizite zu Tage gebracht. Das präzise Gesamtergebnis wird in einem Handbuch veröffentlicht, das ab Ende 2009 über den ADFC Bundesverband erhältlich sein wird.

Neben den Ergebnissen der genannten Besucherbefragung wurden die Beobachtungen der beteiligten Behörden, insbesondere der Polizei und der Verkehrsleitzentrale, ausgewertet. Ein Expertenworkshop zum Thema fand am 2. November 2009 statt. Die Resultate werden im Rahmen des oben erwähnten Handbuches dokumentiert. Darüber hinaus wurde das Großereignis fotographisch und filmisch dokumentiert.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

In dieser umfassenden Art und Weise (Anreise, Service, Infrastruktur- und Leihangebote, Kirchentagsrad, fahrradfreundlicher Kirchentagsstadtplan…) wurde bislang in Deutschland noch keine Großveranstaltung fahrradfreundlich gestaltet. Es hat sich gezeigt, dass alle Beteiligten mit hohem Engagement und ohne nennenswerte Vorbehalte auf die sich ergebenden Herausforderungen zugegangen sind und sie erfolgreich bewältigt haben. Die gewählte Herangehensweise ist grundsätzlich übertragbar und der Erfolg letztlich auch maßgeblich dem positiven Image des Fahrrads als umweltfreundlichem und gesundheitsförderndem Verkehrsmittel geschuldet. Das Beispiel motiviert somit an anderer Stelle und zu einem anderen Anlass ähnliche und möglicherweise auch neue veranstaltungsspezifische Erfahrungen zu sammeln und weiter zu geben. Natürlich ist die "Klientel" eines Kirchentags eine Besondere. Die allgemeine Feststellung: "Es waren noch nie so viele angenehme und nette Menschen in der Stadt" machte schnell die Runde und trotz der für Bremen schier ungeheuren Mengen an Leuten während der Veranstaltung gab es keine negativen Zwischenfälle. Das Angebot hat sicherlich auch geringfügig den ÖPNV entlastet, aber in erster Linie den "Spaßfaktor" erhöht und damit dem Image der Stadt und der Veranstaltung genutzt. Die Rad fahrenden Teilnehmer haben die mit dem Fahrrad verbundene Freiheit, Zwanglosigkeit und die Freude an der Bewegung genossen und dabei nicht nur den Kirchentag sondern auch die gastgebende Stadt besser kennen gelernt.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Landesmittel

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Besucherbefragung während des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentags, Expertenworkshop und Handbuch, das die Ergebnisse und Wirkungen darstellt und zusammenfasst.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
  • Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa
Projektbeteiligte: 
  • ADFC Landesverband Bremen
  • ADFC Bundesverband
  • 32. Deutscher Evangelischer Kirchentag e.V.

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Juni 2008
Projektende: 
Dezember 2009

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Geschäftsführer, Projektleiter
Herr Klaus-Peter Land
ADFC Landesverband Bremen
Bahnhofsplatz 14a
28195 Bremen
Telefon: +49(0)421 / 70 11 79
Telefax: +49(0)421 / 70 11 59
E-mail: kirchentag@adfc-bremen.de
WWW: www.adfc-bremen.de
 

Kommunale Ansprechpartner: 

Referent für strategische Verkehrsplanung
Herr Wilhelm Hamburger
Freie Hansestadt Bremen
Senator für Umwelt, Bau und Verkehr
Contresvcarpe 73
28195 Bremen
Telefon: +49(0)421/361-10244
E-mail: wilhelm.hamburger@bau.bremen.de
WWW: www.bauumwelt.bremen.de
 

Meta-Info
Stand der Information
1. November 2009
Autor
Wilhelm Hamburger, Ref. 51 beim Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa der Freien Hansestadt Bremen
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Bremen