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Schülerbefragung

Fahr Rad zur Schule!

Im Fokus – der Schülerradverkehr
Im Fokus – der Schülerradverkehr © Ute Schmidt-Contag, Stadt Stuttgart

1. Ausgangssituation

Die Landeshauptstadt Stuttgart hat sich zum Ziel gesetzt, den Fahrradanteil deutlich zu steigern. Besondere Aufmerksamkeit ist dabei den Kindern und Jugendlichen zu widmen. Der Arbeitskreis "Kinder, Rad und Sport" initiierte daher die Durchführung einer Schülerbefragung. Ziel dieser Umfrage war die Erhebung von Informationen über das Fahrradnutzungsverhalten von Schülern. Mit den Daten der deutschlandweit einmaligen Vollerhebung können zielgerichtet Maßnahmen zur Radverkehrsförderung an den Schulen sowie zur Verbesserung der Verkehrssicherheit auf dem Schulweg abgeleitet werden. Hauptadressat der Aktion sind die weiterführenden Schulen, aber auch die Politik und die verantwortlichen Ämter. Federführend für die Befragung und deren Überführung in die Planungspraxis waren das Statistische Amt sowie das Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung.

2. Projektdurchführung

Durchführung der Schülerbefragung

Durchgeführt wurde die Schülerbefragung vom Statistischen Amt der Landeshauptstadt Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Schulverwaltungsamt sowie den Verkehrsbeauftragten der Schulen. Von November 2005 bis Mitte Januar 2006 wurde an den Stuttgarter Schulen

  • die 4. Klassenstufen an Grundschulen,
  • die 5. Klassenstufen an Förderschulen
  • sowie die 5. bis 13. Klassenstufen an weiterführenden Schulen

schriftlich befragt. Mehr als 32.000 Schüler aus 134 von insgesamt 142 Schulen füllten den Fragebogen aus. Dies entspricht einem Rücklauf von rund 70 Prozent. In jeder Schule erhielten die Schulleiter ein Informationsschreiben und bestimmten einen Erhebungsbeauftragten (in der Regel der Verkehrsbeauftragte der Schule), der für die Koordination und Verteilung der Fragebögen zuständig war. Schüler, Eltern und Lehrer wurden über die Ziele der Befragung, die Einhaltung datenschutzrechtlicher Bestimmungen und die Freiwilligkeit der Teilnahme aufgeklärt. Der Rücklauf der Fragebögen erfolgte in verschlossenen Klassenkuverts, die Rücklaufkontrolle erfolgte durch die Schulen.

Bei der Schülerbefragung entstanden lediglich Sachmittelkosten für die Schülerbefragung erwuchsen lediglich aus Sachmitteln.

Zielsetzung der Befragung

Im Vordergrund der Befragung stand die Notwendigkeit, Informationen für jede Schule zur Verfügung zu haben, um dann auf deren Grundlage - und in Zusammenarbeit mit den Schulen - Fahrradfördermaßnahmen speziell für jede Schule entwickeln zu können. Die Fragen konzentrierten sich auf die gegenwärtige Verkehrsmittelwahl, die Radnutzung und die Problembeschreibung der Radwege. Die Schüler fungierten dabei als Verkehrsexperten. Ein besonderes Interesse galt der subjektiven Bewertung der Radverkehrsinfrastruktur, denn Schüler schätzen mitunter die vorhandenen Radverkehrsanlagen als ungenügend ein, obwohl das tatsächliche Unfallgeschehen unauffällig ist.

Datenauswertung und -nutzung

Die grundsätzliche Auswertung der erhobenen Daten erfolgte durch das Statistische Amt. Die Zielrichtung der Auswertung wurde mit einem begleitenden Arbeitskreis abgestimmt, in dem die Kinderbeauftragte, der Fahrradbeauftragte, beteiligte Ämter wie das Staatliche Schulamt oder das Sportamt sowie Interessensverbände wie der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC), der Allgemeine Deutsche Automobil-Club e.V. (ADAC) und die Polizei vertreten waren.

Um die Daten für die Verkehrsplanung nutzbar zu machen, wurden diese ergänzend vom Amt für Stadtplanung und -erneuerung in ein Verkehrsmodell integriert. Für jeden Schulstandort lassen sich so die Relationen des Schülerradverkehrs sowie deren Bewertung durch die Schüler als Routen abbilden.

Für die Ableitung konkreter Maßnahmen wurde im Rahmen des Stuttgarter Radforums ein erweiterter Arbeitskreis "Sicherheit und Schülerradverkehr" gegründet. Seit 2007 begleitet der Arbeitskreis intensiv die praktische Anwendung der Schülerbefragung. Für erste Schulstandorte wurden Problemstellen identifiziert und bauliche Maßnahmen zur Situationsverbesserung abgeleitet.

Bei der Planung und der Umsetzung von Maßnahmen werden ebenfalls die Schulen in die Bearbeitung einbezogen. Mit Vertretern der jeweiligen Schulen werden die Erkenntnisse der Schülerbefragung plausibilisiert sowie Handlungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten diskutiert. Die Realisierung der baulichen Maßnahmen wird durch ein Sonderprogramm "Rad und Schule" ermöglicht, das der Gemeinderat der Landeshauptstadt Stuttgart seit dem Jahr 2006 eingestellt hat.

Die entwickelte Methodik wurde bisher an einem Schulstandort mit drei Schulen angewandt. Derzeit befinden sich weitere Schulprojekte in der Umsetzung.

Um auch flächendeckend die Nutzung des Fahrrads zu fördern, erarbeitet das Stuttgarter Radforum derzeit Empfehlungen zur Förderung des Fahrradverkehrs. Adressat der Empfehlungen sind die weiterführenden Schulen. In Form eines Ordners werden den Schulen Anregungen und Ansprechpartner verfügbar gemacht. Die im Radforum vertretenen Institutionen und Verbände stehen den Schulen als Ansprechpartner zur Verfügung und engagieren sich bei der Projektrealisierung.

3. Ergebnisse und Ausblick

Kernaussagen zur Radnutzung im Schülerverkehr

  • Mädchen weisen durchweg eine geringere Neigung zur Benutzung des Fahrrads auf.
  • Das Alter der Schüler ist von geringer Bedeutung; wesentlich erscheint vielmehr der Übergang von der Grundschule in eine weiterführende Schule, bei dem die Fahrradnutzungswahrscheinlichkeit stark erhöht wird.
  • Hauptschüler weisen eine geringere Neigung zum Fahrradfahren auf als Realschüler; Realschüler haben eine deutlich geringere Neigung zum Fahrradfahren als Gymnasiasten.
  • Das subjektive Sicherheitsempfinden der Schüler entspricht nicht dem tatsächlichen Unfallgeschehen.
  • Dem familiären Umfeld kommt eine positive Bedeutung zu.
  • "Preiswert, bequem, schnell und zuverlässig" sind Zuschreibungen, die das tägliche Fahrradfahren in besonderer Weise fördern.
  • Auch unter Berücksichtigung der Schulinfrastruktur ergeben sich wesentliche Unterschiede im Nutzungsverhalten zwischen den Stadtbezirken, die mutmaßlich auf topographische und verkehrsinfrastrukturelle Unterschiede zurückzuführen sind.

Datenbasis für zielgerichtete Maßnahmen

Für jede einzelne Schule stehen Kennwerte, wie beispielsweise der Modal-Split und die mittlere Schulwegeweite, zur Verfügung, die eine versachlichte Diskussion zulassen.
Auf Basis der Verkehrsmodellierung können für alle Schulstandorte die Routen des Schülerradverkehrs (Bestand und Potential) sowie die subjektive Bewertung des Schulwegs mit dem Fahrrad durch die Schüler abgefragt werden. Der Handlungsbedarf kann somit systematisch und routenspezifisch ermittelt werden. Problemstellen können lokalisiert und Handlungsmöglichkeiten abgeleitet werden.

Sensibilisierung und Netzwerkbildung

Bei der Konzeption und Durchführung der Schülerbefragung sowie bei deren praktischen Anwendung wurde konsequent ein integrativer Ansatz verfolgt. So wurden in allen Bearbeitungsschritten alle zu beteiligenden und interessierten Institutionen einbezogen. Dieses Vorgehen ermöglichte, dass sich aus der Befragung ein andauernder Prozess entwickelt hat. Das Netzwerk der Partner erweitert sich bisher kontinuierlich, so dass das Projektangebot für die Schulen erweitert werden kann.

Deutscher Fahrradpreis 2007

Auf Grund der systematischen und umfassenden Herangehensweise der Stuttgarter Schülerbefragung und deren praktischen Anwendung wurde das Projekt 2007 mit dem deutschen Fahrradpreis "Best-for-Bike" ausgezeichnet.
Mit dem Preisgeld werden Maßnahmen zur Radverkehrsförderung gefördert. So wurden z.B. für die Jugendverkehrsschule Laufräder finanziert. Die Laufräder können in Vorbereitung auf den Fahrradführerschein von Schülern ausgeliehen werden, die noch nicht Radfahren können.

4. Fazit

Bei der Stuttgarter Schülerbefragung handelt es sich um eine deutschlandweit einmalige Vollerhebung der Fahrradnutzung im Schülerverkehr. Die Daten ermöglichen eine versachlichte Diskussion sowie die systematische Ableitung von Fördermaßnahmen. Möglich wurden die Befragung und deren Anwendung im Planungsalltag durch das große Engagement der beteiligten Ämter, Institutionen und Interessensverbände. Aus dem Initialprojekt "Schülerbefragung" hat sich ein fest verankertes Projekt "Sicherheit und Schülerradverkehr" entwickelt.
Als Handlungsfeld mit besonderer Fördernotwendigkeit hat sich die Fahrradförderung an Hauptschulen herausgestellt.

Ableitung von Maßnahmen für drei Pilotschulen

Für die Maßnahmenfindung ist entscheidend, die Interessen und Zwänge der Schulen und des Schulverwaltungsamts sowie das Wissen von Experten wie der Polizei, des ADFC und des ADAC zu berücksichtigen. Deshalb erfolgt die Überführung der Befragung in die Praxis zusammen mit dem Stuttgarter Radforum. Um die Praxistauglichkeit der Methodik und der Maßnahmen zu gewährleisten, wurden drei Pilotschulen zur Zusammenarbeit gewonnen. An einem Gymnasium, einer Realschule und einer Hauptschule wurden die Befragungsergebnisse plausibilisiert, Infrastrukturmaßnahmen zur Situationsverbesserung ermittelt und es werden mit den Schulen die Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit auf deren Tauglichkeit geprüft.

Motivationskampagne

Das Stuttgarter Radforum bereitet derzeit die Motivationskampagne "Fahr Rad zur Schule!" vor. In einem Ordner werden Empfehlungen und Handlungsanreize für die Schulen veröffentlicht. Der Ordner wird den Schulen und der Öffentlichkeit (z. B. Internet) zur Verfügung gestellt. Es werden die zahlreichen, bereits vorhandenen Projektideen (Best Practice) in einem ansprechenden und alltagstauglichen Format aufbereitet. So werden Handlungsanreize geschaffen und -hemmnisse abgebaut. Für die Schulen werden verantwortliche Ansprechpartner benannt.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Die Methodik der Stuttgarter Schülerbefragung ist in anderen Kommunen anwendbar. Der systematische und integrative Ansatz zeigt auf, wie zu Zeiten knapper Ressourcen eine systematische Fahrradförderung betrieben werden kann.

Finanzierung

Finanzierung: 
Kommunale Mittel
Gesamtvolumen: 
2 500 €
Erläuterungen: 
  • 2.500 Euro Sachmittel für Befragung
  • Finanzbedarf für die Motivationskampagne ist noch nicht abschließend ermittelt.
  • Für die Jahre 2006 bis 2009 wurden vom Gemeinderat der Landeshauptstadt Stuttgart zusätzlich Investitionsmittel zur Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur an Schulen bereitgestellt.

Evaluation

Evaluation: 
nein

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Landeshauptstadt Stuttgart
Projektbeteiligte: 
  • Statistisches Amt (Federführung "Befragung")
  • Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung (Federführung "planerische Umsetzung")
  • Büro der Kinderbeauftragten
  • Fahrradbeauftragter
  • Polizeipräsidium Stuttgart
  • Staatliches Schulamt
  • Sportamt
  • Amt für öffentliche Ordnung
  • Tiefbauamt
  • Garten-, Friedhofs- und Forstamt
  • Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club e.V. (ADFC)
  • Verkehrsclub Deutschland (VCD)
  • Radgruppe der Naturfreunde Stuttgart e.V.
  • Allgemeiner Deutscher Automobil-Club e.V. (ADAC)
  • Auto Club Europa (ACE)
  • Sozialunternehmen Neue Arbeit gGmbH
  • Paul Lange & CO. OHG
  • Sportkreis Stuttgart e.V.
  • Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB)
  • Pilotschulen (Pestalozzi-Hauptschule Stuttgart, Robert-Koch-Realschule Stuttgart, Hegel-Gymnasium Stuttgart)

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
November 2005
Projektende: 
Januar 2006
Info zur Laufzeit: 
Die Umsetzung von Folgemaßnahmen wie der Motivationskampagne dauert an. Das Arbeitsprogramm des Stuttgarter Radforums reicht derzeit bis Ende 2009.

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Sachgebietsleitung
Frau Dipl.-Ing. Susanne Scherz
Landeshauptstadt Stuttgart
Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung
Eberhardstraße 10
70173 Stuttgart
Telefon: +49(0)711/216-6796
E-mail: susanne.scherz@stuttgart.de
WWW: www.stuttgart.de

Kommunale Ansprechpartner: 
Sachgebietsleitung
Frau Dipl.-Soz. Anke Schöb
Landeshauptstadt Stuttgart
Statistisches Amt
Eberhardstraße 39
70173 Stuttgart
Telefon: +49(0)711/216-6620
E-mail: anke.schoeb@stuttgart.de
WWW: www.stuttgart.de

Meta-Info
Stand der Information
19. Februar 2008
Autor
Dipl.-Ing. Susanne Scherz, Dipl.-Soz. Anke Schöb (Stadt Stuttgart)
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Baden-Württemberg