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Das Projekt Nordbahntrasse Wuppertal

Eine Bürgerinitiative entwickelt und baut gemeinsam mit der Stadtverwaltung einen Fuß- und Radweg

Informationstafel Nordbahntrasse
Informationstafel Nordbahntrasse © Rolf Dellenbusch

1. Ausgangssituation, Darstellung der Projektidee und - ziele
Vor allem aufgrund der bewegten Topographie lag der Anteil des Radverkehrs am Modal Split in Wuppertal um die Jahrtausendwende bei lediglich 1 % (vgl. HHS 2003). 1979 erarbeitete die Stadtverwaltung ein erstes Radverkehrskonzept und ab den 1980er Jahren begann der Auf- und Ausbau einer Radverkehrsinfrastruktur. 1999 wurde die 1879 eröffnete, insgesamt 73 km lange, zweigleisige Rheinische Bahnstrecke von Düsseldorf über Wuppertal nach Dortmund stillgelegt, die vom Südosten bis Nordosten in direkter Nähe zur Innenstadt durch dicht besiedelte Wuppertaler Stadtteile führt. Nach Bekanntwerden der Stilllegungspläne wurden schon in den 1980er Jahren von der Stadtverwaltung Ideen für eine Nachfolgenutzung sowohl für eine Landesgartenschau als auch für die Radverkehrsnutzung entwickelt. Diese konnten aber wegen fehlender Finanzmittel zunächst nicht realisiert werden. Zusammen mit weiteren stillgelegten Bahnstrecken ergibt sich ein rund 23 km langes Trassenband quer durch das Wuppertaler Stadtgebiet. Besonderheit dieser stillgelegten Bahnstrecken ist, dass sie aufgrund der Topographie eine große Zahl von Kunstbauwerken aufweisen. So gibt es allein in Wuppertal sieben Tunnel mit einer Gesamtlänge von über 2 km, 23 Brücken und Viadukte und über 200 Stützbauwerke. Im Oktober 2005 meldeten sich bei der städtischen Abteilung Verkehrsplanung die späteren Initiatoren der Wuppertalbewegung mit dem Vorschlag, gemeinsam eine Geh- und Radwegenutzung der alten Bahnstrecken umzusetzen. Die WUPPERTALBEWEGUNG e.V. wurde am 6. Februar 2006 in Wuppertal von 21 Bürgern gegründet. Der Verein hat rund 1.300 Mitglieder (Stand 2015). Vorrangiges Vereinsziel ist, mit ehrenamtlichem, bürgerschaftlichem Engagement die Zukunft der Stadt Wuppertal mitzugestalten und Projekte zu fördern, die einen unmittelbaren, praktischen und nachhaltigen Nutzen schaffen.

Die Besonderheit der neu gegründeten Bürgerinitiative lag darin, dass hier nicht nur Wünsche an die Stadt artikuliert wurden, sondern der aus der Mitte der Gesellschaft zusammengesetzte Verein hatte in seinen Reihen Architekten, Ingenieure und Medienprofis, die die Projektidee schnell und professionell öffentlich kommunizierten, die Bevölkerung und Politik von der Machbarkeit überzeugten und gleichzeitig ankündigten, sich um die erforderlichen Eigenmittel in Höhe von 20 % zu bemühen. Im Mai 2006 wurde vom Verein eine Machbarkeitsstudie (vgl. Wuppertalbewegung, 2006) zur Projektumsetzung vorgelegt und der Rat der Stadt beschloss, im Juni 2006 die vorgeschlagene Vorgehensweise zu unterstützen. Die Leitung des Projekts übernahm der damalige Leiter der Verkehrsplanung Dipl.-Ing. Rainer Widmann. Im Herbst 2006 erhielt der Verein von der Stadtsparkasse eine erste Großspende über 250.000 Euro und Spendenzusage von 1 Mio. Euro durch die Dr. Werner Jackstädt-Stiftung. Diese Stiftung ist eine selbstständige, 2002 gegründete, gemeinnützige Stiftung, mit Sitz in Wuppertal. Aufgrund der großen Spende erhielt die Trasse den offiziellen Namen Dr. Werner-Jackstädt-Weg / Nordbahntrasse. Ab 2007 fanden Verhandlungen mit den Fördergebern des Landes NRW statt. Durch Einbindung in bereits vorhandene Förderkulissen der Städtebauförderprogramme "Stadtumbau West" und "Soziale Stadt" wurde eine Förderung für die innerstädtischen Bereiche in Aussicht gestellt. Mit den Nachbarkommunen und Kreisen wurde 2007 eine Vereinbarung zur Vermarktung des "Bergischen Trassenverbundes" entwickelt, mit dem Ziel gemeinsam ein Marketing- und Kommunikationskonzept zur touristischen Vermarktung zu erarbeiten (vgl. Bergische Entwicklungsagentur 2007). Der "Bergische Trassenverbund" mit der Nordbahntrasse erschließt durch die inner- und überregionale Vernetzung von Fahrradwegen auf ehemaligen Bahntrassen den Radtourismus für das Bergische Städtedreieck (Remscheid-Solingen-Wuppertal). Hier entsteht ein Netz von Freizeitwegen auf ehemaligen Bahntrassen mit Anbindung an die großen Radfernwege entlang von Ruhr, Rhein und Sieg. Der Bergische Trassenverbund hat zum Ziel, die neuen Trassen zu einem Verbund zu verknüpfen und überregional zu vermarkten.

Im Mai 2007 wurde die Förderung aus Städtebaufördermitteln beim Städtebauministerium NRW für die Innenstadtbereiche der Trasse beantragt und im November 2007 bauten Vereinsmitglieder ein erstes 200 m langes Musterstück. Da noch kein Förderbescheid vorlag und die Stadt zu diesem Zeitpunkt weder Mittel noch Arbeitsleistungen bereitstellen konnte wurde dies alleine von Bürgern gebaut und finanziert. Im Herbst 2007 wurde eine "Potentialanalyse mit Marketingkonzept zum Bergischen Trassenverbund mit Rheinischer Strecke", als Voraussetzung für eine ergänzende Förderung aus vom Wirtschaftsministerium zur Verfügung gestellten Finanzmitteln zur Tourismusförderung erarbeitet (vgl. Mark, Schewe & Partner 2007). Das Stadtentwicklungsressort erarbeitete 2007 einen Masterplan zur Entwicklung der an die Trasse angrenzenden Stadträume und ein Ingenieurbüro wurde gemeinsam mit einer Landschaftsarchitektin beauftragt, einen Rahmenplan für das Projekt Nordbahntrasse zu erstellen. Im Dezember 2008 bekam die Stadt die ersten Zuwendungsbescheide gemäß Städtebauförderung für die ca. 10 km langen innerstädtischen Trassenabschnitte von Elberfeld bis Wichlinghausen, die rund die Hälfte des Gesamtprojekts umfassen und auch alleine schon einen hohen Nutzwert für den innerstädtischen Radverkehr gehabt hätten. Im Januar 2009 erfolgte der Übergang der Trassengrundstücke von der DB auf die Stadt zum Preis von rund 2,2 Mio Euro und am 30.03.2009 stimmte der Rat der Stadt Wuppertal der grundsätzlichen Umsetzung des Projekts zu. Als weitere Voraussetzung für eine angestrebte EU-Förderung wurde 2010 eine Expertise zur Antragsqualifizierung zum Thema Gender Mainstreaming erarbeitet (vgl. Juliane Krause – plan&rat, 2010). Ferner beteiligte sich die Stadt Wuppertal 2009 mit Unterstützung der Wuppertalbewegung an der Wettbewerbsausschreibung "Kommunen im neuen Licht" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Die vorgelegte Projektskizze für ein innovatives LED-Beleuchtungskonzept zur artenschutzgerechten Beleuchtung der Tunnel und Trasse überzeugte die Juroren, die im März 2009 eine Fördersumme von 2 Mio. Euro zuerkannten. Der letzte für den durchgehenden Bau notwendige Förderbescheid wurde der Stadt im Juni 2012 für die jeweils rund 6 km langen Außenbereiche der Trasse, die eine touristische relevante Anbindung an die Nachbarkommunen im Westen und Osten ermöglichten, überreicht.

In Abwandlung und Anlehnung des 1991 vom Verein ProBahn geprägten Namen "Wuppertaler Nordbahn", wurde der Begriff "Nordbahntrasse" als kurze prägnante Projektbezeichnung gewählt, der sich schnell auch in der Öffentlichkeit etabliert hat.

2. Projektdurchführung
Nach dem Grundstücksübertrag von der Bahn und Vorliegen der ersten Förderbescheide wurde 2010 mit dem Bau begonnen. Ein Planfeststellungs- oder Bauleitplanverfahren wurde aus zeitlichen Gründen nicht durchgeführt. Rund 13 Streckenkilometer wurden bis 2014 in Asphalt in einer Breite von 4 m ausgebaut und daneben im innerstädtischen Bereich auf einer Länge von 8,4 km eine Gehbahn in 2 m Breite gepflastert. Weitere rund 7 km in den weniger stark frequentierten Außenbereichen, wo die Strecke teilweise durch Landschafts- und Naturschutzgebiete verläuft, wurden 3-3,5 m breit asphaltiert. Rund 3,4 km verlaufen über vorhandene Straßen und Wege. Die Sanierung der über 135 Jahre alten Ingenieurbauwerke erfolgte zum großen Teil in den Jahren 2013/14. Insgesamt wurden 19 Brücken, vier große Viadukte, mit je rund 60, 150, 190 und 280 m Länge, sowie sechs Tunnel mit einer Gesamtlänge von 2.005 m bearbeitet. Die Sanierung des mit 722 m längsten und zudem die Stadtgrenze überschreitenden Tunnels Schee musste in zwei Jahren erfolgen, da hier aufgrund der Fledermauspopulationen nur sehr kurze Bauzeitfenster von Mitte April bis August zur Verfügung standen. Der Tunnel wurde in enger Abstimmung und mit Kostenbeteiligung durch den Regionalverband Ruhr (RVR) und der Stadt Sprockhövel saniert, da ein Drittel des Tunnels auf Sprockhöveler Stadtgebiet liegt und der RVR dort den Radwegebau durchführt. Die anderen fünf Tunnel mit einer Länge von 85, 171, 175, 364 und 488 m wurden 2014 komplett und abschließend saniert. Die meisten Ingenieurbauwerke liegen im rund 5,5 km langen Barmer Trassenabschnitt. Hier folgen oft dicht aneinandergereiht Tunnel und lange Viadukte. Im Osten der Stadt verläuft die ehemals dreigleisige Strecke durch die bis zu 30 m tief eingeschnittene beeindruckende Schlucht Bramdelle, bei der sehr aufwändige Sanierungsarbeiten an den Futterwänden durchgeführt werden mussten. Im April 2015 wurde die vorgefertigte 35 m lange Brücke Bracken in einer von vielen Bürgern verfolgten spektakulären Aktion eingehängt. Die farbliche Gestaltung der Brücke in rot und blau bildet die statischen Kräfte ab, die bei der Konstruktion wirken.

Die Arbeiten bei der Tunnelsanierung wurden durch eine ökologische Baubegleitung sowie die Untere Landschaftsbehörde intensiv begleitet. Durch entsprechende Maßnahmen konnte erreicht werden, dass alle Trassentunnel rund um die Uhr und das ganze Jahr hindurch, nahezu uneingeschränkt genutzt werden können. Lediglich wenige Wochen muss die Beleuchtungsintensität (in zwei Tunneln) eingeschränkt  werden und ausschließlich der Tunnel Schee kann während der Fledermausausflugzeit von Februar bis April nachts nicht genutzt werden. Eine parallele, allerdings steigungsreiche Umfahrung ist für diese Fälle beschildert. Mit dem Monitoring wurde nachgewiesen, dass die Tunnel trotz der über mehrere Jahre laufendenden Ausbaumaßnahmen und in der anschließenden Nutzung weiterhin von Fledermäusen als Winterquartiere genutzt werden.

Die meisten der rund 50 öffentlichen Zugänge konnten ebenerdig und behindertengerecht an vorhandene Straßen und Wege realisiert werden, nur bei wenigen gibt es ausschließlich Treppen mit Fahrradschiebeschienen. An den Anschlusspunkten an die vorhandenen Straßen wurden Gehwegverbreiterungen vorgenommen, damit der KFZ-Verkehr die von der Trasse kommenden Nutzer besser erkennen kann, das Parken vor den Zugängen verhindert wird und sich für zu Fuß gehende kürzere Überquerungswege der angrenzenden Straßen ergeben. Auch die Anlegung von Rast- und Ruheplätze mit Bänken, Fahrradständern und Abfallbehältern war ein wichtiger Projektbaustein. Der Ausbau erfolgte i.d.R. von Kräften des 2. Arbeitsmarktes und wurde vielfach komplett durch Sponsoren finanziert. Zusätzlich wurden an der gesamten Trasse vom städtischen Entsorgungsbetrieb ausgemusterte, wiederaufbereitete Mülleimer angebracht sowie Spender für Hundekotbeutel.

Eine Besonderheit ist die im März 2015 in einer Grünfläche an der Trasse eingeweihte erste Radwegekapelle in NRW. Diese wurde auf Initiative und in Eigenregie unter Federführung der Wichernhaus gGmbH errichtet und ermöglicht durch Spenden der Kirchen und der islamischen Gemeinde sowie von Firmen und Privatpersonen. Eine weitere Besonderheit ist, dass auf einer Länge von rund 3 km ein parallel geführtes Bahngleis erhalten wurde auf dem von einer Arbeitsgruppe der Wuppertalbewegung ein Draisinenbetrieb organisiert wird. Für Sprayer wurde offiziell eine sanierte Betonwand frei gegeben, die seitdem als "Wall-of-Fame" sehr rege und mit bemerkenswert kreativen Ergebnissen genutzt wird. Auch an anderen Stellen der Trasse wurden Brücken und Gebäude von Graffiti-Künstlern gestaltet. An jedem Zugang wurden Schilder gemäß der Radverkehrsnetz NRW Wegweisung eingeplant. Ergänzend werden an wichtigen Zugangspunkten Hinweisschilder von und zu naheliegenden Bushaltestellen mit einem QR-Code für Fahrplanhinweise aufgestellt. Ebenso wurden an wichtigen Knotenpunkten von Sponsoren gestiftete Hinweistafeln mit einem Übersichtplan aufgestellt.

Unter der Regie des städtischen Historischen Zentrums wurde ein Informationssystem zur Geschichte des Trassenumfeldes entwickelt. Auf 102 Tafeln an 52 Standorten entlang der Trasse sind kurze Infotexte und historische Fotos zu interessanten Gebäuden dargestellt. Somit wird nicht nur die Bahngeschichte, sondern auch die städtebauliche Veränderung im Trassenumfeld deutlich gemacht. Insgesamt wurden 525 LED-Leuchten installiert, sowie neun Lichtinszenierungen an Brücken, Tunnelportalen, Wänden und ehemaligen Bahnsteigdächern. Dabei wurde für jeden Tunnel eine andere Lichtfarbe für die Inszenierungen gewählt. Insgesamt sind rund 16 km der Trasse beleuchtet. Alle 50 m wurde auf der Strecke eine 7 m hohe Leuchte aufgestellt.

Zur Sicherheit auf der Trasse wurde gemeinsam mit der Feuerwehr, Polizei und Ordnungsbehörden ein Konzept zur Angstraumvermeidung entwickelt und umgesetzt. Alle 250 m wurden Notruftafeln mit einem Code für die Ortsbestimmung und der Notrufnummer 112 angebracht. Die Polizei setzt speziell für die Trasse zwei Fahrradstreifen ein und kontrolliert auch in Zivil das Geschehen vor Ort. Da 70 % der Strecke beleuchtet sind, wird nicht nur ein allgemeiner Sicherheitsgewinn erreicht, sondern auch ermöglicht, dass eine Nutzung in der dunklen Jahreszeit schon früh am Morgen oder Abends als Schul- und Arbeitsweg sowie zu sportlichen Aktivitäten möglich ist. Durch die sehr starke Nutzung ergibt sich zudem eine gute soziale Kontrolle. Zudem haben mit Freigabe der Trasse vorhandene Gaststätten ihre Öffnungszeiten und Angebote ausgeweitet und neue Cafes und Imbissstände sind entstanden oder in Planung. In der Aufbauphase sind auch ein Fahrradverleih- und Reparaturservice.

Planungs- und Baubegleitend wurde ab 2006 ein Lenkungskreis eingesetzt, dem u.a. der Oberbürgermeister, Stadtdirektor und Kämmerer, sowie der Vereinsvorstand der Wuppertalbewegung angehörten. Im März 2010 erfolgte die Unterzeichnung eines öffentlich-rechtlichen Vertrages über Herstellung, Betrieb und Unterhaltung zwischen Stadt Wuppertal und Verein und Gründung der Nordbahntrassen GmbH (NBT GmbH), die den Bau und die künftige Unterhaltung der Trasse übernehmen sollte. Im Juni 2010 wurde der erste rund 2,4 km lange von der NBT GmbH gebaute Abschnitt fertiggestellt. Aufgrund unterschiedlicher Auffassungen, vor allem hinsichtlich der Art der Tunnelsanierungen, hat die Stadt Wuppertal im April 2011 die Bauherrenschaft für alle weiteren Baubereiche übernommen; für die mit EU-Mitteln geförderten Außenbereiche war dies ohnehin eine Fördervoraussetzung und Vorgabe des Fördergebers. Am 30.09.2013 hat der Rat der Stadt Wuppertal die Widmung des Dr. Werner-Jackstädt-Weg / Nordbahntrasse als öffentlichen Fuß-, Rad- und Inlinerweg beschlossen, die offizielle Widmung erfolgte zum 01.06.2015.

Beim Trassenbau waren zwischen 2010 und 2015 insgesamt 35 Firmen beschäftigt. Hinzu kommen noch 16 Unternehmen, die für Planungsleistungen und Gutachten beauftragt wurden sowie die für den Einsatz der Kräfte des 2. Arbeitsmarktes tätigen Trägergesellschaften. Vor allem die Sanierung der Stützbauwerke, der Ausbau der Rastplätze und die Pflasterung der Gehwege erfolgte von Kräften des 2. Arbeitsmarktes, die vom Jobcenter finanziert, von der Stadtverwaltung koordiniert und von Fachkräften der sozialen Träger Wichernhaus gGmbH, GBA (Gesellschaft für Beschäftigungs- und Ausbildungsförderung) sowie der Bergischen Volkshochschule angeleitet wurden.

3. Projekterfolge, Fazit und Ausblick
Vor allem mit der Realisierung der Nordbahntrasse ist Wuppertal einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einer Fahrrad- und Fußgängerfreundlichen Stadt und der seit einigen Jahren in NRW besonders unterstützten Nahmobilitätsförderung voran gekommen. Seit der durchgehenden Nutzbarkeit hat sich der Anteil Radfahrender deutlich und zu jeder Jahreszeit sichtbar erhöht. Auf Basis von im Mai 2015 erfolgten Zählungen sagt eine Studie eine enorme Nutzerzunahme für die Trasse vorher, da erstmals eine sowohl topographisch angenehme, als auch abseits von Hauptverkehrsstraßen geführte Fahrradtrasse mit attraktiven Anbindungen ins Umland angeboten werden kann (vgl. econex verkehrsconsult gmbh 2015). Bei Zählungen wurde im Mai 2015 ein Tageshöchstwert von 1.000 Radfahrenden / h ermittelt. Der Ausbau der Trasse war der entscheidende Impuls, auch in einer topographisch bewegten Stadt das Fahrrad als Verkehrsmittel zu etablieren. Begleitend wurden viele Einbahnstraßen in Gegenrichtung frei gegeben und Maßnahmen zur Verbesserung des Radverkehrs bei Straßenumbauten umgesetzt.

Mit der Umnutzung und Vernetzung von steigungsarmen Bahnstrecken konnte zusätzlich in den letzten Jahren unter der Dachmarke "Panoramaradwege" im Bergischen Land ein attraktives Radverkehrsnetz sowohl für Freizeit- als auch Alltagsnutzer errichtet sowie Verknüpfungen mit überregionalen Radwegen realisiert werden. Im Nordosten schließt die Nordbahntrasse an vorhandene Radwege in Richtung Ruhrtalradweg an. Im Westen gibt es Verknüpfungen mit Radwegen auf alten Bahntrassen Richtung Essen und Solingen, sowie nach Remscheid und über die Wasserquintettroute bis ins Sauerland. Ferner besteht eine Verbindung zum Wupperradweg bis an den Rhein in Leverkusen und eine direkte Einbindung in das überregionale Radverkehrsnetz NRW. Die Nordbahntrasse verbindet sechs der zehn Wuppertaler Stadtbezirke und verläuft wie ein langgezogener Stadtpark im Abstand von wenigen einhundert Metern an den Oberzentren Barmen und Elberfeld vorbei. Die früher vorhandene Barrierewirkung wurde durch vielfältige Trassenzugangs- und Querungspunkte weitgehend aufgehoben. Dies ermöglicht auch völlig neue Stadtzugänge und schafft neue, ungewohnte "Ankunftsorte" im Stadtgebiet. An der Strecke liegende Spiel- und Rastplätze lassen die Trasse für alle Bevölkerungsschichten und Altersklassen zu einem beliebten Treffpunkt werden. Im näheren Umfeld liegen 29 Schulen, davon 19 weiterführende Schulen mit insgesamt rund 22.000 Schülern, denen völlig neue und sichere Schulwege geboten werden. Die Nähe zu größeren Firmen, Gewerbegebieten und öffentlichen Einrichtungen eröffnet auch Alltagspendlern neue Wege. Damit konnte für die rund 100.000 Menschen, die im Einzugsbereich der Trasse wohnen, eine Verbesserung der Lebensqualität initiiert und realisiert werden. Entscheidend für die Realisierung war aber auch der Einsatz der Kräfte des 2. Arbeitsmarktes. Viele Menschen, die an Beschäftigungsprojekten der Trasse teilnahmen, haben über diese Arbeitsgelegenheiten den Weg in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gefunden. Das Jobcenter Wuppertal hat für die eingesetzten Arbeitskräfte insgesamt weitere rund 10 Mio. Euro investiert. Darüberhinaus wurde zusätzlich auch noch die Bereitstellung von bis zu 100 Kräften über das Ende des Bauprojekts hinaus zugesichert, von denen unter Anleitung und Koordination der Stadt Wuppertal die Unterhaltung der Trasse sichergestellt wird. Vom Verein Wuppertalbewegung werden zudem seit Herbst 2014 sog. Trassenpaten geworben, die sich vor Ort um die Sauberkeit kümmern. Rund drei Dutzend Privatpersonen, Firmen, Schulen und Vereine haben zugesagt, in "ihren Trassenabschnitt" Anregungen und Mängel an die Stadt zu melden, die die Verkehrssicherungspflicht für die komplette Strecke übernommen hat.

Sowohl das Projekt Nordbahntrasse als auch der Verein Wuppertalbewegung und die Stadt Wuppertal wurden inzwischen mit vielfältigen Preisen zur Projektumsetzung und Radverkehrsförderung ausgezeichnet. 2015 erhielt die Nordbahntrasse den Deutschen Fahrradpreis und den 1. Preis beim European Greenway Award. Die Stadt Wuppertal wurde zudem als Aufsteiger des Jahres beim ADFC-Fahrradklimatest 2014 ausgezeichnet.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Durch das kreative und innovative Zusammenwirken einer Bürgerinitiative und der Stadtverwaltung konnte innerhalb wenige Jahre ein 32 Mio. Euro Projekt zur nachhaltigen Förderung des Radverkehrs in einer topographisch schwierigen Stadt ermöglicht werden. Dem Bürgerengagement ist zu verdanken, dass das Projekt in der öffentlichen Wahrnehmung als sinnvoll und die Umsetzung als lohnenswert wahrgenommen wurde und, dass sich große Sponsoren, aber auch viele kleine Spender und Unterstützer fanden, die einen Großteil (2,5 Mio Euro), der notwenigen Eigenmittel aufbrachten. Außerdem konnte durch die enge und gute Zusammenarbeit mit dem Jobcenter erreicht werden, dass bis zu 100 Kräfte des 2. Arbeitsmarktes sowohl beim Bau als auch der Trassenunterhaltung eingesetzt werden konnten. Ohne den Einsatz dieser Kräfte und die Anerkennung der Leistungen wäre die Realisierung sowohl hinsichtlich der Finanzierung als auch der späteren Unterhaltung der 23 km langen Strecke nicht möglich gewesen.

Finanzierung

Finanzierung: 
EU-Mittel
Bundesmittel
Landesmittel
Sonstige
Private Mittel
Sponsoring, Spenden
Gesamtvolumen: 
32 000 000 €
Erläuterungen: 

Die Förderanträge für den Bau der Trasse wurden von der Stadtverwaltung in Abstimmung und Zusammenwirken mit der Wuppertalbewegung bei der Bezirksregierung Düsseldorf eingereicht und bewilligt. Die 2 Mio. Euro LED-Förderung wurde über den VDI (Verband Deutscher Ingenieure) im Auftrag des Bundesministeriums für Forschung und Technologie abgewickelt.

  • EU-Mittel: Mittel aus Tourismusförderung vom Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Energie des Landes NRW, davon 4 Mio Euro EU-Mittel, Rest Landesmittel (für Außenbereiche der Trasse) aus Operationellem Programm Regionale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung 2007-2013 (EFRE); Abrechnungszeitraum wurde bis Ende 2015 verlängert.
  • Bundesmittel: Anteil Bundes für Innenstadtbereiche aus Städtebauförderprogramm 2010 bis 2014; aufgrund von Umplanungen zur Kostenreduzierung wurde der Förderzeitraum bis Ende 2015 verlängert.
  • Landesmittel: Hier wurde der jeweilige Landesanteil von EU-Mitteln und Bundesmitteln dargestellt.
  • Kommunale Mittel: Kommunale Mittel wurden erst ab 2015 für weitere notwendige Brückensanierungen in Anspruch genommen, die außerhalb des Förderprojektes auch noch in den folgenden Jahren benötigt, aber noch nicht konkret beziffert werden können.
  • Private Mittel: Spenden und Sponsorengelder die vom Verein Wuppertalbewegung eingeworben wurden.
  • Eigenleistungen durch 2. Arbeitsmarkt: Fiktive Annahme zur Komplementärfinanzierung - keine Barmittel!
  • Sonstige: Aus Landesförderprogramm für Artenschutzmaßnahmen für Maßnahmen an Tunneln.

Evaluation

Evaluation: 
nein
Erläuterungen: 


 

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Die Realisierung des komplexen Projektes erfolgte zwar zu weit über 90 % durch die Stadtverwaltung Wuppertal, jedoch ist unbestritten, dass erst durch das Engagement, die eingeworbenen Spenden und die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins Wuppertalbewegung das Projekt in der relativ kurzen Zeit realisiert werden konnte.

Verantwortlich für die förderkonforme Abwicklung war innerhalb der Stadtverwaltung, unter Leitung des städtischen Projektleiters Dipl.-Ing. Rainer Widmann, ein Team von zeitweise bis zu 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Projektbeteiligte: 
  • Regionalverband Ruhr
  • Stadtverwaltung Sprockhövel

Laufzeit

Projektstart: 
Januar 2006
Projektende: 
Dezember 2015

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

  • Bergische Entwicklungsagentur (2007): Vereinbarung zur Vervollständigung des Trassennetzes und Vermarktung des Bergischen Trassenverbundes
  • econex verkehrsconsult (2015): Nordbahntrasse Wuppertal: Rund 90 Millionen Nutzer in 30 Jahren
  • HHS (2003): Mobilität in Wuppertal 2002
  • Krause, Juliane - rat+tat (2010): Expertise - Antragsqualifizierung zum Thema Gender Mainstreaming (Querschnittsziel Gender Mainstreaming)
  • Mark, Schewe & Partner (2007): Bergischer Trassenverbund mit Rheinischer Strecke – Potentialanalyse – Marketingkonzept
  • Wichernhaus Wuppertal gGmbH (2000): Die Nordbahntrasse – Wuppertaler Arbeitslose gestalten ihre Stadt
  • Wichernhaus Wuppertal gGmbH (2015): Die Wichernkapelle – Von Wuppertaler Arbeitslosen gebaut
  • Wuppertalbewegung (2006): Machbarkeitsstudie für einen Fuß- und Radweg auf der Nordbahntrasse
  • Projekt: Schaffung eines Fuß- und Radwegs durch Bürgerengagement

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Dipl.-Ing. Rainer Widmann
Städtischer Projektleiter (bis Juni 2015)
Waldhof 18a
42283 Wuppertal
Telefon: 01707634096
E-Mail: post@rainerwidmann.de
Internet: www.wuppertal.de/nordbahntrasse

Dr. Carsten Gerhardt
Wuppertalbewegung e.V.
1. Vorsitzender
Friesenstr. 32a
42107 Wuppertal
Telefon: 0202 447633
E-Mail: carsten.gerhardt@wuppertalbewegung.de
Internet: www.wuppertalbewegung.de

Kommunale Ansprechpartner: 

Beigeordneter Frank Meyer
Stadt Wuppertal
Leiter des Geschäftsbereiches 1: Stadtentwicklung, Bauen, Verkehr, Umwelt
Johannes-Rau-Platz 1
42275 Wuppertal
E-Mail: geschaeftsbereich-1@stadt.wuppertal.de
Internet: www.wuppertal.de/nordbahntrasse

Meta-Info
Stand der Information
25. Februar 2016
Autor
Dipl.-Ing. Rainer Widmann - seit 1973 bei der städtischen Abteilung Verkehrsplanung der Stadt Wuppertal und bis 30. Juni 2015 als städtischer Projektleiter für das Projekt Nordbahntrasse tätig
NRVP-Handlungsfelder
Infrastruktur
Radverkehrsplanung und -konzeption
Fahrradthemen
Beteiligung/Partizipation
Infrastruktur
Radschnellwege
Schlagworte
Bahntrasse
Bürgerbeteiligung
Entwidmung
Fahrradroute
Fahrradweg
Fahrradwegebau
Fußgänger
Umnutzung
Land
Nordrhein-Westfalen