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Pedelecnutzung im Alltagsverkehr

Ein Rad für alle Fälle

E-Bike-Pendlerin mit Warnweste
E-Bike-Pendlerin mit Warnweste © Rhein-Sieg-Kreis

Ausgangssituation

Das Projektgebiet umfasst den nord-östlichen Rhein-Sieg-Kreis mit den Kommunen Lohmar, Much, Ruppichteroth und Neunkirchen-Seelscheid. Die Siedlungsstruktur ist dispers, wobei sich der Großteil der Einwohner auf ein bis zwei Hauptorte pro Kommune konzentriert. Der gesamte Untersuchungsraum kann nicht mit einem wirtschaftlich vertretbaren Aufwand flächendeckend mit einem öffentlichen Nahverkehrsangebot versorgt werden. Aufgrund der topografischen Verhältnisse mit zum Teil erheblichen Steigungen ist normaler Radverkehr ebenfalls nur für sportlich orientierte Menschen eine Alternative, so dass der PKW das überwiegende Verkehrsmittel in der Alltagsmobilität ist.

Die vier Kommunen im Projektgebiet bündeln ihre Aktivitäten zur Vermarktung der Region in dem gemeinsam getragenen Touristikverein Bergischer Rhein-Sieg-Kreis e.V. Seit 2011 bietet der Verein in Kooperation mit dem privaten Fahrradhändler LiebeBike aus Köln-Porz einen E-Bike-Verleih an. Diese Räder werden in der Regel am Wochenende gebucht. Zuletzt waren die Buchungszahlen jedoch rückläufig, so dass die Idee aufkam, die Pedelecs dieses touristischen Verleihsystems unter der Woche Pendlern direkt zur Verfügung zu stellen, damit diese ihren Weg zur Arbeit oder zumindest einen Teil davon mit dem Pedelec statt mit dem Auto zurücklegen.

Ziel des Vorhabens war die Etablierung des Pedelecs als Verkehrsmittel im Alltagsverkehr entweder als Zubringer zu zentralen ÖPNV-Haltestellen mit regelmäßigem ÖPNV-Angebot oder als alleiniges Verkehrsmittel unter Nutzung von Fahrrädern einer Tourismusorganisation in topografisch bewegtem Gebiet. Gleichzeitig sollte das Projekt dazu beitragen, den Radverkehr in ländlichen Räumen mit schwierigen topografischen Verhältnissen zu fördern und aktiv ein Konzept der kombinierten Mobilität (Pedelec als Zubringer  zum ÖPNV) erprobt werden.

Projektdurchführung

Um den Antrittswiderstand in Bezug auf einen Umstieg, der durch den hohen Kaufpreis eines E-Bike/Pedelecs besteht, für den alltäglichen Weg zur Arbeit zu durchbrechen, wurde den Einwohnern der vier Projektkommunen die Möglichkeit eröffnet, in den Monaten Februar/März bis Oktober der Jahre 2017 und 2018, mindestens einen Monat bzw. maximal drei Monate lang vom Auto auf das Pedelec umzusteigen, je nach Länge der Pendelstrecke auch in Kombination mit dem ÖPNV. Das Pedelec wurde ihnen dabei gegen eine symbolische Leihgebühr von 5,00 €/Woche (Montag – Freitag) zur Verfügung gestellt. Die Leihstationen der Tourismusorganisation organisierten die am Wochenanfang und zum Wochenende notwendige Übergabe der Fahrräder.

Insgesamt 16 Pedelecs vom Typ City-Bike standen an den fünf Ausleihstationen zur Verfügung. Mit dem Ziel, die Teilnehmenden zum Umstieg auf den ÖPNV zu bewegen, wurden leicht versetzbare Boxen angeschafft, die an den Bahnhöfen und Bushaltestellen aufgestellt wurden, wo die Testpersonen auf den ÖPNV umsteigen wollten. Um den Umstieg noch attraktiver zu machen, wurde auch angeboten, den Kauf eines ÖPNV-Monatstickets zu subventionieren.

In den Jahren 2017 und 2018 nahmen insgesamt 107 Personen am Projekt teil. Aufgrund der großen Nachfrage wurde die maximale individuelle Teilnahmedauer von ursprünglich drei auf zwei Monate reduziert, um möglichst vielen Interessenten eine Teilnahme zu ermöglichen. Voraussetzung für die Teilnahme war lediglich, dass der Arbeitsweg bislang mit dem Auto zurückgelegt wurde und sowohl am Wohn- als auch am Arbeitsort eine sichere Abstellmöglichkeit für das Pedelec vorhanden ist. Die Übergabe der Räder sowie eine Einweisung der Teilnehmer in die Pedelec-Nutzung und die Bereitstellung des nötigen Zubehörs (Ladekabel und –geräte, Schlösser etc.) erfolgte durch die Verleihstationen des Touristikvereins Bergischer Rhein-Sieg-Kreis.

Das wöchentliche Holen und Bringen der Fahrräder hat sich für einen großen Teil der Teilnehmenden aber auch für die Verleihstationen als nicht praktikabel erwiesen. So wurden bereits im ersten Jahr zusätzliche Pedelecs in das Projekt eingebracht, welche den Einwohnern aus entlegenen Ortschaften innerhalb des Projektgebiets für den kompletten Teilnahmezeitraum zur Verfügung gestellt wurden. Das wöchentliche Bringen und Abholen der Pedelecs entfiel damit für diesen Personenkreis. So wurde bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Projektdurchführung der Fokus verschoben: Die Doppelnutzung trat in den Hintergrund. Wichtiger erschien das Angebot, das Pedelec als Alternative zum eigenen Auto über einen längeren Zeitraum testen zu können. Dieses Angebot konnte damit Interessenten aus dem kompletten Projektgebiet eingeräumt werden.

Die Probanden wurden im Rahmen ihrer Projektteilnahme zweimal, jeweils vor Beginn und nach der Teilnahme, schriftlich befragt. Abgefragt wurden in erster Linie Informationen zum derzeitigen Mobilitätsverhalten, zu den Erfahrungen während der Pedelec-Nutzung sowie zum zukünftigen Mobilitätsverhalten. Zusätzlich führten die Testpersonen Nutzungsprotokolle über ihre mit dem Leihpedelec zurückgelegten Wege.

Projektergebnisse

Das Projekt ist auf großes Interesse seitens der örtlichen Medien sowie der Bevölkerung gestoßen. Auf die Bewerbungsaufrufe haben sich mehrere Hundert Personen gemeldet und ihr Teilnahmeinteresse bekundet, nicht alle Interessenten konnten berücksichtigt werden. Interesse wurde auch von anderen Kommunen bekundet sowie von älteren Personen, jedoch hier häufig verbunden mit dem Wunsch, das Pedelec im Freizeitverkehr oder für Besorgungen nutzen zu können. Viele positive Rückmeldungen gab es auch von Verbänden (ADFC) und weiteren Partnern (AGFS, Verkehrsverbund Rhein-Sieg GmbH). In Bezug auf die drei formulierten Projektziele (Doppelnutzung von Leihfahrrädern für den touristischen Bedarf, Etablierung des Pedelecs als Alltagsverkehrsmittel sowie Förderung des Radverkehrs in topographisch bewegtem ländlichen Gebiet) werden folgende Ergebnisse erzielt.

  • Doppelnutzung von Leihrädern
    Auf der Grundlage der im Projekt gewonnenen Erfahrungen wird deutlich, dass die Doppelnutzung der Pedelecs im Alltags- und Freizeitverkehr nur für einen sehr kleinen Teilnehmerkreis organisatorisch überhaupt machbar ist. Hier spielen u.a. zu weite Entfernungen zwischen dem Wohnort und den Verleihstationen sowie teilweise eingeschränkte Öffnungszeiten der Leihstationen eine Rolle. Hinzu kommt, dass die zur Verfügung gestellten Leih-Pedelecs nicht für alle Verkehrsbedürfnisse gleich gut geeignet und auch in der Größe bzw. Ergonomie nicht für alle Teilnehmenden passend waren. Die geringe Anzahl der pro Station zur Verfügung stehenden Räder – in der Regel zwei Fahrräder pro Station – war somit ein problematischer Faktor, da nicht alle Nutzerbedürfnisse ausreichend berücksichtigt werden konnten.
    Eine beabsichtigte Doppelnutzung erfordert daher ein größeres Angebot an Leihfahrrädern und eine höhere Dichte an Verleihstationen. Eine Verstetigung des Angebots ist im Zusammenhang mit dem flächenhaften Ausbau ländlicher Mobilstationen denkbar.
     
  • Pedelec als Alltagsverkehrsmittel
    Aus den Ergebnissen der Befragung, den Reaktionen seitens der Bevölkerung nach Presseberichten sowie aus Gesprächen mit den Teilnehmenden wurde deutlich, dass auch bei fehlenden Restriktionen für den motorisierten Individualverkehr wie Stau oder langwieriger Parkplatzsuche ein erhebliches Potential für den Umstieg auf das Pedelec vorhanden ist.
    Als Hürde für eine regelmäßige, auch elektrisch unterstützte, Fahrradnutzung trat neben den teilweise zu weiten Entfernungen zum Arbeitsplatz vor allem die fehlende bzw. unzureichende Radverkehrsinfrastruktur zu tage. Auch wurde das Leih-Pedelec von der überwiegenden Mehrheit der Teilnehmenden ausschließlich bei gutem Wetter genutzt, was vermutlich zum Teil ebenfalls auf die nicht angepasste Radverkehrsinfrastruktur (verdreckte Wirtschaftswege) zurückzuführen ist.
    Die Kombination aus Pedelec und ÖPNV wurde nur selten nachgefragt. Dies wird darauf zurückgeführt, dass Pkw und Fahrrad/Pedelec beides Individualverkehrsmittel sind, bei deren Nutzung die Fahrenden keine Rücksicht auf andere Systembedingungen zu nehmen haben. Eine Nutzung des ÖPNV auf einer Teilstrecke hätte jedoch einen Systemwechsel zur Folge und das Verkehrsverhalten muss an das Angebot des ÖPNV angepasst werden. Hinzu kommt, dass die Mehrzahl der Teilnehmenden die Motivation hatte, ihre Fitness zu verbessern. Hierfür sind längere Pendelstrecken besser geeignet als kurze Zubringerfahrten zum nächsten Bahnhof.
     
  • Projekt als Baustein zur Förderung des Radverkehrs
    Die große Nachfrage sowie die ausschließlich positiven Reaktionen auf Berichte und Teilnahmeaufrufe zeigen, dass das Interesse, das Pedelec einfach mal auszuprobieren, nach wie vor hoch ist. Die positiven Ergebnisse bestätigen, dass ein längerfristiger Testzeitraum geeignet ist, die Einstellung zum Radfahren zu verbessern. 65% der Teilnehmer gaben nach der Teilnahme am Projekt an, zukünftig mehr Rad zu fahren. Durch das mehrfache realistische Testen der Alltagswege konnte die latent vorhandene Bereitschaft vom Auto auf das Pedelec umzusteigen vielfach umgesetzt werden. Gelungen ist es auch, mit Hilfe des Projekts das Thema Radfahren in den Medien positiv zu platzieren. Allein die Berichterstattung über das Projekt hat bereits zum Nachmachen animiert. Aufgrund der großen Öffentlichkeitswirksamkeit ist das Thema möglicherweise auch bei den Entscheidungsträgern ins Blickfeld gelangt und liefert Anhaltspunkte über die Wirksamkeit bzw. Notwendigkeit der Durchführung entsprechender Infrastrukturmaßnahmen.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Derzeit haben die Pedelecs, die in der Region zum Verleih angeboten werden, lediglich eine Klimaentlastungswirkung, indem die umweltverträgliche Naherholung gefördert wird. Dies bedeutet, dass die Bewohner der Region bzw. die Gäste, die überwiegend aus den umliegenden Großstädten kommen, nicht noch größere Wege zurücklegen, um Rad zu fahren. In geringem Umfang werden zudem PKW- und Motorradwege (Ausflugsfahrten) substituiert. Ansonsten ist die bisherige Pedelecnutzung intrinsisch motiviert und würde ohne das Angebot gar nicht erst anfallen. Indem diese Räder aber von Montag bis Freitag einer weiteren Nutzung zugeführt werden, können sie einen deutlich größeren Beitrag zur CO2-Reduktion leisten.

Mit dem Pedelec sind die technischen Voraussetzungen dafür gegeben, dass in topografisch schwierigen Gebieten und bei größeren Pendlerdistanzen ein Umstieg vom MIV auf den Radverkehr erfolgen kann. Eine breite Anwendung des Pedelecs im Alltagsverkehr ist aktuell aber nicht zu beobachten. Das Projekt zeigt, dass eine Testphase ein wesentlicher Baustein ist, um noch vorhandene Bedenken auszuräumen.

Der Untersuchungsraum steht exemplarisch für ländlich geprägte Gebiete an der Mittelgebirgsschwelle im Einzugsbereich eines Mittel- sowie Oberzentrums mit einen hohen Freizeit- und Erholungswert für die Einwohner sowie Tagestouristen aus den umliegenden Zentren. Das Mittel- und Oberzentrum liegen dabei in einer Ebene mit - zumindest topographisch gesehen – guten Voraussetzungen für eine Radverkehrsnutzung.

Folgendes Modell wird für Nachahmer vorgeschlagen:

  • Größere Städte bzw. Landkreise sollten als zentrale Organisatoren fungieren.
  • Da der Weg zur Arbeit im Fokus steht, ist eine Zusammenarbeit mit Arbeitgebern zu empfehlen. Diese sollten direkt angesprochen werden, statt individuell die Einwohner.
  • Ein Pedelec-Test ist nicht wirtschaftlich, es bedarf in der Regel eines Zuschusses. Dieser kann z.B. aus Bereichen des betrieblichen Mobilitätsmanagements oder der betrieblichen Gesundheitsförderung kommen. Denkbar ist aber auch die Nutzung von Fördermöglichkeiten im Bereich des Klimaschutzes bzw. der Luftreinhaltung.
  • Bei einer zweijährigen Laufzeit sind Kosten in Höhe von 35,00 € pro Pedelec und Woche zu kalkulieren. Teilnehmende am Test sind höchstwahrscheinlich bereit, 10,00 € hiervon zu übernehmen.
  • Sinnvoll ist eine Zusammenarbeit mit dem örtlichen Fahrradhandel, bei dem unterschiedliche Pedelec-Typen (City, MTB, Trekking) in verschiedenen Rahmengrößen in einem Pool beschafft werden. Zudem übernimmt der Fahrradhandel die Unterhaltung der Räder.
  • Die Länge der Testphase sollte mindestens vier und maximal acht Wochen betragen.
  • Für Arbeitgeber bietet es sich an, nach der Testphase für Mitarbeiter Pedelec-Leasingmodelle, wie z.B. über Jobrad, anzubieten.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Private Mittel (ohne Sponsoring und Spenden)
Gesamtvolumen: 
104 000 €
Erläuterungen: 

Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans 2020 gefördert.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Evaluationsbericht liegt vor.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Rhein-Sieg-Kreis, Referat Wirtschaftsförderung und Strategische Kreisentwicklung

Projektbeteiligte: 
  • Touristikverein Bergischer Rhein-Sieg-Kreis e.V.
  • LiebeBike, Köln
  • VIA Köln e.G.
  • tippingspoints GmbH, Bonn

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Mai 2016
Projektende: 
April 2019

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Petra Gloge
Rhein-Sieg-Kreis
Kaiser-Wilhelm-Platz 1, 53721 Siegburg
Telefon: 02241 - 133257
Telefax:  02241 - 132430
E-Mail: petra.gloge@rhein-sieg-kreis.de

Sven Habedank
Rhein-Sieg-Kreis
Kaiser-Wilhelm-Platz 1, 53721 Siegburg
Telefon: 02241 - 132332
Telefax:  02241 - 132430
E-Mail: sven.habedank@rhein-sieg-kreis.de

Meta-Info
Stand der Information
28. Juni 2019
Autor
Petra Gloge, Referat für Wirtschaftsförderung und Strategische Kreisentwicklung, Fachbereich Verkehr & Mobilität
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Nordrhein-Westfalen