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Radverkehrsförderung in Kiel

Das Kieler Fahrradforum

Radfahrstreifen zwischen Autoverkehr und Busspur im Sophienblatt vor dem Bahnhof
Radfahrstreifen zwischen Autoverkehr und Busspur im Sophienblatt vor dem Bahnhof © Redecker/Tiefbauamt LH Kiel

1. Ausgangslage

Die Landeshauptstadt Kiel, im Osten von Schleswig-Holstein, umfasst 30 Stadtteile, die in enger Verflechtung zu den Umlandgemeinden stehen und eine Stadtregion mit ca. 400.000 Einwohnern bilden. Die maximale Entfernung aus den Randbereichen Kiels zur Innenstadt beträgt 14,5km, wobei ein Großteil der Einwohner weniger als 6km zurücklegen muss. Zwischen der Innenstadt an der Förde und den umliegenden Stadtteilen gibt es Höhenunterschiede von 20-30m, die für den Radverkehr noch gut zu überwinden sind.
Seit den 60er Jahren hat sich das Verhältnis zwischen motorisierten Individualverkehr (MIV) einerseits und dem Umweltverbund aus Bus, Bahn, Fahrrad und Fußverkehr andererseits zugunsten des Pkws verschoben. Die im Generalverkehrsplan (GVP) von 1988 beschlossene Förderung der Pkw-Alternativen konnte diesen Trend in den 90er Jahren durch die Erweiterung der Fußgängerzonen im Bereich der Innenstadt, durch eine flächendeckende Einführung von Temp-30-Zonen sowie durch eine Ausdehnung der Parkraumbewirtschaftung abschwächen. 1989 wurde mit dem Verkehrsverbund Region Kiel (VRK) ein ÖV-Tarifverbund mit dem Umland eingerichtet. Seit 2005 besteht der landesweite Tarifverbund "Schleswig-Holstein-Tarif". Busspuren und die Einführung von Busvorrangschaltungen an wichtigen Ampelkreuzungen trugen zur Beschleunigung des Busverkehrs gegenüber dem Kfz bei.
Der 1997 fertig gestellte erste regionale Nahverkehrsplan (RNVP) der Landeshauptstadt baut in seinen nahverkehrsbezogenen Aussagen auf dem GVP 1988 auf, ebenso der aktuelle RNVP für den Zeitraum 2003 bis 2008. Ziel ist es das Veloroutennetz weiter auszubauen und Fahrradstraßen zu errichten. Dennoch konnte die dominierende Rolle des Pkws nur abgeschwächt werden.
Im Rahmen des neuen Verkehrsentwicklungsplans von 2007 (mit Zeithorizont bis 2010) soll der ÖPNV in Qualität und Quanität weiter entwickelt und der Rad- und Fußverkehr deutlich mehr, auch in gesonderten Maßnahmen, berücksichtigt werden.
Im Modal Split der Bewohner Kiels entfallen im Jahr 2002 47% aller Wege auf den MIV. Der Fußweganteil liegt bei 24%, auf das Fahrrad entfallen 17% und auf den ÖPNV 12% aller Wege. Im Vergleich zu 1988 hat sich der Radverkehrsanteil von 8% auf 17% verdoppelt.

2. Projektdurchführung

2.1 Organisations- und Beteiligungsstruktur

Das "Kieler Fahrradforum" ist seit 1988 das Gremium zur Förderung des Radverkehrs und fungiert als Beirat für die zuständigen Selbstverwaltungsgremien Bau-, Innen- und Umweltausschuss. Die Vertreter aus Politik, Verwaltung (Tiefbauamt, Ordnungsamt/Verkehrsaufsicht, Radverkehrsbeauftragter), Polizei, ÖPNV, Verbänden (VCD, ADFC, BUND, Beirat für Seniorinnen und Senioren) und der Universität beschäftigen sich mit allen radverkehrsrelevanten Planungen der Stadt und erarbeiten Vorschläge zur Förderung des Radverkehrs. Das Fahrradforum kommt ca. sechs mal im Jahr für etwa zwei Stunden zusammen. Die Geschäftsführung wird durch den Radverkehrsbeauftragten der Stadt wahrgenommen. Der Vorsitz wird von der stärksten Fraktion der Kieler Ratsversammlung gestellt. Die aktuelle Tagesordnung wird zwischen der Geschäftsführung und dem Vorsitzenden abgestimmt.
Empfehlungen des Fahrradforums sind von der Verwaltung zu bearbeiten und dem Bauausschuss zur Stellungnahme vorzulegen, der auch den jährlichen Bericht über Maßnahmen zur Förderung des Radverkehrs von Seiten der Verwaltung zur Kenntnis nimmt.
Die Vertreter der beiden stärksten Fraktionen im Fahrradforum sind auch Mitglieder im städtischen Bauausschuss. Diese personelle Kontinuität stellt in gewisser Weise auch eine inhaltliche Kontinuität sicher. Neben den bereits angesprochenen Empfehlungen wird auch das Protokoll jeder Sitzung des Fahrradforums dem Bauausschuss vorgelegt.
Einmal im Jahr macht das Fahrradforum mit Mitgliedern des Bauausschusses eine sogenannte "Mängeltour" an der auch die poltischen Vertreter aus den Ortsteilen teilnehmen. Der ADFC bereitet diese gemeinsame Radtour durchs Stadtgebiet vor.
Das Kieler Fahrradforum diente der Stadt Rostock und der Hansestadt Hamburg als Vorbild bei der Bildung eines vergleichbaren Gremiums.

2.2 Konzepte und Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur

2.2.1 Radverkehrsnetz und Wegweisung

Das im Generalverkehrsplan 1988 entwickelte Kieler Radverkehrsnetz besteht aus folgenden Elementen:

  • 11 Hauptrouten (Velorouten), die die wichtigen Ziele miteinander verbinden und das Stadtgebiet sowohl tangential als auch radial erschließen.
  • Feinmaschiges Netz von Nebenrouten, die zum Großteil durch verkehrsberuhigte Wohnquatiere führen.

Folgende chronologisch aufgeführte Maßnahmenschwerpunkte dienten der Vervollständigung des Radverkehrsnetzes:

  • 1990/91: Flächendeckende Errichtung von Tempo-30-Zonen in Wohngebieten, ca. zwei Drittel aller Straßen in Kiel liegen damit in Tempo-30-Zonen
  • 1992: Ausweisung der ersten Fahrradstraße zu einer parallel verlaufende Hauptverkehrsstraße
  • 1993: Öffnung von fast allen Einbahnstraßen für den Radverkehr
  • 1994: Entwicklung des Ostseeküstenradwegs auf Kieler Stadtgebiet, der in großen Teilen auf Velorouten verläuft
  • 1998: Ergänzung der Sackgassenbeschilderung um Zusatzaufkleber, die auf die Durchlässigkeit von Sackgassen für Fußgänger und Radfahren hinweisen
  • 2000: Ratsbeschluss zum weiteren Ausbau des Veloroutennetzes
  • 2004: Im Jahr 2004 gibt es 12 Fahrradstraßen mit einer Gesamtlänge von 7,8km, die zum Großteil Bestandteile von Velorouten sind. Neben einer eigenen Beschilderung wurden Kreuzungsbereiche aufgepflastert, Parkplätze reduziert oder neu geordnet und Breitstriche am Fahrbahnrand aufgebracht.

Zwischen 1987 und 2004 wurden im Stadtgebiet zahlreiche Radverkehrsanlagen ausgebaut bzw. neu gebaut. Straßenbegleitende Radwege fanden überall dort Verwendung, wo die Verkehrssituation eine bauliche Trennung zur Fahrbahn aus Sicherheitsgründen erforderte und genügend Platz vorhanden war. An mehreren Stellen kam es zum Umbau von Kreuzungsbereichen, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Bis 2006 wurden in Kiel 14 vorgezogene Aufstellstreifen in Kreuzungsbereichen realisiert.
Neu errichtete Bauwerke, ausschließlich für Fußgänger- und Radfahrer vorgesehen, sind die Hörnbrücke (1997) bzw. die Gardener Brücke (2005). Durch die Brücken wurden neue Wegebeziehung zwischen dem West- und Ostufer der Förde mit Anbindung an die neu gestaltete Kaistraßenpromenade ermöglicht. Die durch die Brücken realisierte fußgängerfreundliche Anbindung des Stadtteils Gaarden an die Innenstadt führte zu einem Anstieg des Fußverkehrs in die Innenstadt.
Alle Velorouten sind in Kiel mit einer Radwegweisung in Form von Tabellenwegweisern ausgestattet. Die Standorte sind in einem eigens entwickelten Wegweiserkataster verzeichnet, das an das der Straßenverkehrswegweisung angelehnt ist.

2.2.2 Fahrradparken

Die Kapazität an Fahrradabstellplätzen, insbesondere in der Innenstadt, wurde in den 90er Jahren erheblich ausgebaut. Mittlerweile gibt es im zentralen Innenstadtbereich ca. 2.800 Abstellplätze – hauptsächlich "Kieler Anlehnbügel".
Nach der Landesbauordnung ist beim Neubau von Gebäuden eine bestimmte Anzahl von Abstellplätzen vorzusehen. Zusätzlich trägt die Stadt beim Einbau von Anlehnbügeln an bestehenden Gebäuden von Privatpersonen die Baukosten. Gewerbliche Kunden hingegen müssen die Baukosten selbst tragen, sie erhalten jedoch eine kostenlose Umsetzungsberatung mit Klärung der Standortfrage für die Platzierung von Anlehnbügeln. Auf diese Weise werden im Stadtgebiet jählich ca. 20 bis 25 Fahrradbügel realisiert.
Der Radpark am Hauptbahnhof/ZOB hat 200 Fahrradparkplätze, zusätlich werden 54 Fahrradboxen vermietet. Eine vollautomatisch betriebene Fahrradstation mit 630 Stellplätzen, Fahrradwerkstatt und integrierter Mobilitätsberatung wird voraussichtlich noch in 2008 in Betrieb genommen.

2.2.3 Intermodalität

Im Lauf der letzten Jahre wurden mehrere Bike+Ride-Anlagen an Verknüpfungspunkten zum Öffentlichen Verkehr geschaffen. Dabei reicht das Spektrum von Haltestellen mit einer geringen Anzahl von Fahrradbügeln, über überdachte Abstellanlagen mit bis zu 100 Stellplätzen an wichtigen ÖPNV-Umsteigepunkten bis zum oben genannten Radpark am Hauptbahnhof.

2.3 Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation

Die städtische Radverkehrsförderung wird seit einigen Jahren durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit begleitet:

  • Begleitend zur Änderung des Straßenverkehrsordnung 1997 wurde mittels Flyer auf die geänderten Bedingungen für den Radverkehr hingewiesen.
  • Zur Einführung neuer Fahrradstraßen bzw. von Velorouten gibt die Stadtverwaltung Informationsflyer heraus, die u.a. durch Briefkasteneinwurf an den betroffenen Straßenzügen verbreitet werden.
  • Kiel hat eine ganze Serie von Flyern zu verschiedenen Themen: Einbahnstraße, Wegweisung, Fahrradparken, Schutzstreifen etc. herausgegeben.
  • In Zusammenarbeit mit den Verbänden hat die Stadt auch einen Radverkehrsstadtplan "Radwege in Kiel" entwickelt, der die Qualität der Radverkehrsanlagen und sonstigen fahrradfreundlichen Straßen nutzerorientiert darstellt.
  • Zusammen mit verschiedenen Partnern aus der Privatwirtschaft legt die Stadt immer wieder Werbepostkarten auf, die zur Bewusstseinsbildung für Verkehrsregelungen bzw. zur sicheren Teilnahme am Straßenverkehr aufrufen. In hoher Auflage gedruckt, werden sie an vielen Stellen der Stadt kostenlos verteilt.

Auf der Homepage der Stadtverwaltung steht ein Mängelbogen zur Verfügung, der es ermöglicht, Mängelpunkte im städtischen Radverkehrssystem zu melden und Kritik anzubringen. Durchschnittlich erhält der Radverkehrsbeauftragte auf diesem Weg 10 bis 12 Rückmeldungen pro Monat.
Zur Vorbereitung des neuen Verkehrsentwicklungsplans 2007 fand im Rahmen verschiedener "Mobilitätsreports" eine Gesamtschau der heutigen Verkehrssituation statt. Die Hefte "Mobilität in der Region Kiel", "Fahrradmobilität" und "Kinder im Strassenverkehr" enthalten die Dokumentation von Fachveranstaltungen, schildern die aktuelle Radverkehrssituation und zeigen mögliche Entwicklungspotentiale auf.

3. Fazit

Die erfolgreiche Radverkehrsförderung ist auf die konstruktive Zusammenarbeit der Verwaltung, der Politik sowie der Bürgervertreter im Fahrradforum zurückzuführen. Die Arbeitsergebnisse fließen direkt in die Beratungen des Bauausschusses ein. Die kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit trägt zu einem positiven Radverkehrsklima bei und ist fester Bestandteil der städtischen Radverkehrsförderung.
Die konsequente Radverkehrsförderung in Kiel wurde jeweils mit dem zweiten Platz der beiden Städtetests, dem ADAC-Test "Radfahren in Städten" (2003) und dem ADFC-Klimatest (2005) ausgezeichnet.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Der starke Anstieg des Radverkehrsanteils bei der Verkehrsmittelwahl in den vergangenen Jahren lassen die Bemühungen um den Ausbau des Radverkehrsnetzes in Kiel erkennen. Hervorzuheben ist hierbei die kontinuierliche und flächendeckende Umsetzung des Veloroutenkonzepts. Die erfolgreiche Radverkehrsförderung ist auch auf die konstruktive Zusammenarbeit der Verwaltung, der Politik sowie der Bürgervertreterinnen und Bürgervertreter im Fahrradforum zurückzuführen. Die Arbeitsergebnisse fließen direkt in die Beratungen des Bauausschusses ein. Hervorzuheben ist die integrative Bearbeitung des neuen Verkehrsentwicklungsplans, der auch einen Baustein Radverkehr mit dem Schwerpunkt "Optimierung des Radverkehrssystems" enthält. Dem Erhalt der geschaffenen Infrastruktur (Qualitätssicherung) sowie der Ergänzung auf Stadtteilebene (Fahrradfreundlicher Stadtteil) kommt eine stärkere Bedeutung zu.

Finanzierung

Finanzierung: 
Kommunale Mittel
Gesamtvolumen: 
350 000 €
Erläuterungen: 
Trotz der angespannten Haushaltslage konnten insbesondere im Rahmen von Maßnahmen von Leitungsträgern (Fernwärme, Stadtentwässerung) im Rahmen der Wiederherstellung der Fahrbahnoberfläche viele Synergieeffekte genutzt werden. Ein Großteil von Kiels Fahrradstraßen sind im Anschluss an Maßnahmen der Stadtwerke entstanden. Aber auch im Rahmen von Straßenneubau- und Unterhaltungsmaßnahmen konnten zahlreiche Radverkehrsanlagen neu- und ausgebaut bzw. saniert werden. Ein eigener Haushaltstitel zum Ausbau des Radwegenetz bzw. Veloroutennetzes steht darüber hinaus in wechselnden Größenordnungen zur Verfügung (350.000 Euro in 2005). Dieser Titel bietet die Möglichkeit, im laufenden Haushaltsjahr beschlossene Maßnahmen auch zeitnah umzusetzen.

Evaluation

Evaluation: 
nein

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Landeshauptstadt Kiel

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Januar 1998

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Kommunale Ansprechpartner: 
Radverkehrsbeauftragter
Herr Uwe Redecker
Landeshauptstadt Kiel
Tiefbauamt
Fleethörn 9
24103 Kiel
Telefon: +49(0)431/901-2251
Telefax: +49(0)431/901-62280
E-mail: Uwe.Redecker@Kiel.de

Meta-Info
Stand der Information
14. Januar 2008
Autor
Uwe Redecker (Radverkehrsbeauftragter der Landeshauptstadt Kiel), Dankmar Alrutz (Planungsgemeinschaft Verkehr - PGV), Juliane Krause (plan&rat): Zweiter Fahrradbericht der Bundesregierung, Auftraggeber: Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwick
NRVP-Handlungsfelder
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