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Radfahrgerechte Fußgängerüberwege

Das Göttinger "Doppel-Zebra"

"Doppel-Zebra" in der Geismar Landstraße
"Doppel-Zebra" in der Geismar Landstraße © Burkhard Horn

1. Ausgangssituation

Die Stadt Göttingen in Niedersachsen weist ein hohes Aufkommen an Radverkehr auf. Der Radverkehrsanteil an allen Wegen liegt bei ca. 25 Prozent, so dass ca. 100.000 Wege pro Tag durch seine Bürger per Rad erledigt werden. Der qualitative Maßstab für Radverkehrsförderung in Göttingen lässt sich nicht an der Länge von Radwegen in km oder der Anzahl neuer Fahrradständer messen – entscheidend ist die Qualitätsverbesserung für den Radverkehr im Alltag.

Die Querungen von stark frequentierten Radverkehrshauptrouten über Hauptverkehrsstraßen bergen nicht nur in Göttingen besonders hohe Sicherheitsrisiken – innerhalb von Knotenpunktsbereichen wie außerhalb. Gleichzeitig gibt es hier häufig Konflikte zwischen Fuß- und Radverkehr aufgrund unklarer Flächenzuordnungen und beengter Verhältnisse. Nicht immer kann durch Lichtsignalanlagen Abhilfe geschaffen werden.
Die Straßenverkehrsordnung (StVO) weist hier ein Regelungsdefizit bezüglich realitäts- und akzeptanzorientierter Lösungen auf.

Der Göttinger "Doppel-Zebrastreifen", die mittige Integration separater Radverkehrsfurten in Fußgängerüberwege, schafft zusätzliche Verkehrssicherheit, Übersichtlichkeit und Akzeptanz seitens der Verkehrsteilnehmer an hochfrequentierten Querungsstellen von Radverkehrshauptrouten über Hauptverkehrsstraßen, auch außerhalb von Knotenpunkten. Die Stadt will damit auch eine längst überfällige Anpassung der StVO in dieser Richtung anstoßen. Ziel des neuen "Doppel-Zebras" ist somit die Erhöhung der Verkehrssicherheit für den Radverkehr sowie die Verringerung der Konflikte zwischen Fußgänger/-innen und Radfahrer/-innen. Gleichzeitig soll die Attraktivität für die Radverkehrshauptrouten gesteigert werden, indem Querungsmöglichkeiten für den Radverkehr in nicht signalisierte Fußgängerüberwege eingebunden werden.

2. Projektdurchführung

Im Jahr 2000 wurde erstmals in Göttingen in Abstimmung mit der Polizei, der Straßenverkehrsbehörde sowie der Verkehrsplanung eine Lösung erarbeitet und umgesetzt, die durch den Umbau einer hochbelasteten Kreuzung am Göttinger Innenstadtring bei der Querung eines "freien" Rechtsabbiegers zur Erhöhung der Radverkehrssicherheit beitragen sollte.

Bei diesem so genannten Göttinger "Doppel-Zebra" wird eine separate Furt für den Radverkehr mittig in einen Fußgängerüberweg ("Zebrastreifen") integriert. Neben der Erhöhung der Verkehrssicherheit ergab sich dadurch (auch im Vergleich zu einer "davor" oder "dahinter" liegenden Furt) eine klarere und konfliktfreiere Flächenaufteilung zwischen Fuß- und Radverkehr, vor allem auf der angrenzenden Dreiecksinsel.

Durch die positiven Erfahrungen bestärkt, wurden in den folgenden Jahren weitere ähnliche Situationen an stark belasteten Knotenpunkten als "Doppel-Zebra" umgestaltet.
In den Jahren 2004 und 2005 wurden dann erstmals im Zuge eines großräumigeren Umbauprojekts im Bereich "Geismartor" mit quer zu zwei Hauptverkehrsstraßen laufenden Radverkehrshauptrouten "Doppel-Zebras" bei Fußgängerüberwegen außerhalb von Knotenpunkten eingesetzt.
Die Finanzierung des "Doppel-Zebras" erfolgte im Rahmen von Straßenumbaumaßnahmen und verursachte keine Mehrkosten – "normale" Fußgängerüberwege bestanden bereits und wären ohnehin wieder hergerichtet worden.

Während die ersten "Doppel-Zebras" noch im weitesten Sinne als Maßnahmen im Zuge straßenbegleitender Radwege angesehen werden konnten, wurde damit jetzt Neuland betreten – auch hinsichtlich der Regelungslücke in der StVO.

Anlass waren die komplexen Routenverläufe des Radverkehrs im Planungsbereich. Sowohl unter Sicherheits- wie unter Komfortaspekten erschien eine direkte Führung des Radverkehrs mit dem "Doppel-Zebra" ohne Umwege und komplizierte Abbiegebeziehungen als die bessere Lösung. Dadurch konnte auch den Belangen des Fußverkehrs am besten Rechnung getragen werden. Die mittige Radverkehrsfurt wird jeweils beidseits von zwei schmalen Zebrastreifen eingefasst. Die Belagsfarben und -strukturen (auch beim Bord) schaffen eine eindeutige Orientierung für den Fuß- und Radverkehr. Je nach Wegebeziehung können Fußgänger/-innen dem Radverkehr beim Aufstellen und Queren besser "aus dem Wege gehen".

3. Ergebnisse und Ausblick

Durch die Errichtung des "Doppel-Zebras" konnte ein erheblicher Sicherheitsgewinn in Göttingen konstatiert werden. Bisher gab es keinerlei Auffälligkeiten im Unfallgeschehen trotz sehr hoher Radverkehrsmengen. Durch eine klarere Verkehrsführung und Eindeutigkeit für Rad-, Fuß- und Autoverkehr konnten die Konflikte zwischen Fußgänger/-innen und Radfahrer/-innen deutlich reduziert werden. Der "Doppel-Zebra" erfährt eine hohe Akzeptanz bei allen Verkehrsteilnehmer/-innen. So wurden bei Verkehrsbeobachtungen in der Mittagszeit ca. 300 Querungen pro Stunde beobachtet, etwa zu gleichen Teilen Fußgänger und Radfahrer. Zwischen Fußgängern und Radfahrern gab es keine Konlikte. Lediglich einmal im Beobachtungszeitraum wurde der Querungswunsch eines Radfahrers durch einen Autofahrer bewusst missachtet.

Aufgrund der außerordentlich positiven Erfahrungen wird das Göttinger "Doppel-Zebra" auch bei zukünftigen Maßnahmen zum Planungsrepertoire zählen. Derzeit sind weitere Maßnahmen bereits in der Umsetzung. Die Stadt Göttingen wird sich darüber hinaus im Rahmen ihrer Möglichkeiten dafür einsetzen, dass diese Lösung mittelfristig über die StVO eindeutig abgedeckt ist.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Bei der Maßnahme handelt es sich um den gelungenen Versuch, für eine Regelungslücke im Bereich der Radverkehrsführung eine innovative und akzeptanzorientierte Lösung zu finden. Auch deshalb wurde das Projekt beim bundesweiten Wettbewerb "best for bike" 2007 für die fahrradfreundlichste Entscheidung des Jahres mit einem 2. Preis ausgezeichnet.
Diese Lösung ist aber nicht auf sämtliche Fußgängerüberwege oder Querungsstellen des Radverkehrs übertragbar. Eine sorgfältige Einzelfallprüfung ist in jedem Fall erforderlich. U. a. müssen folgende Rahmenbedingungen gewährleistet sein:
  • Hohe Bedeutung für den Radverkehr im Zuge eine Hauptroute mit größerem Radverkehrsaufkommen
  • Gute Sichtbeziehungen
  • Langsame Geschwindigkeiten im Radverkehr durch Art der Wegeführung

Finanzierung

Finanzierung: 
Landesmittel
Kommunale Mittel
Erläuterungen: 
Umgestaltung im Rahmen eines Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes (GVFG)-geförderten Straßenbauvorhabens

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Verkehrsbeobachtungen, Unfallanalyse

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Stadt Göttingen
Projektbeteiligte: 
Stadt Göttingen (Verkehrsplanung, Straßenverkehrsbehörde, Tiefbau), Polizei; im Rahmen des Beteiligungs- und Beschlussverfahrens wurde auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) gehört

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Januar 2000
Projektende: 
März 2005

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Herr Christian Zürch
Stadt Göttingen
FD Stadt- und Verkehrsplanung
Neues Rathaus Hiroshimaplatz 1-4
37083 Göttingen
Postfach 3831
37028 Göttingen
Telefon: +49(0)551/4002588
Telefax: +49(0)551/4002810
E-mail: c.zuerch@goettingen.de

Kommunale Ansprechpartner: 
Herr Christian Zürch
Stadt Göttingen
FD Stadt- und Verkehrsplanung
Neues Rathaus Hiroshimaplatz 1-4
37083 Göttingen
Postfach 3831
37028 Göttingen
Telefon: +49(0)551/4002588
Telefax: +49(0)551/4002810
E-mail: c.zuerch@goettingen.de

Meta-Info
Stand der Information
10. März 2008
Autor
Burkhard Horn, Stadt Göttingen
NRVP-Handlungsfelder
Infrastruktur
Fahrradthemen
Infrastruktur
Schlagworte
Radverkehrsanlage
Komfort
Straßenraum
Radfahrerfurt
Knotenpunkt
Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz
Nutzungskonflikt
Fußgänger
Land
Niedersachsen