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Radialenverknüpfung RE 1 - RE 7 im Zuge der Radroute "Historische Stadtkerne im Land Brandenburg"

Bahntrassenradweg Görzke - Köpernitz

Herbstweg
Herbstweg © Landesbetrieb Straßenwesen, 2016

1. Einleitung

Der für den Bau von Radwegen an Bundesstraßen zuständige Landesbetrieb Straßenwesen hat bei der bedarfsgerechten Ausstattung der Bundesstraße B 107 im 9 km langen Abschnitt zwischen Görzke und Köpernitz gezielt die vom BMVI in den "Grundsätzen für Bau und Finanzierung von Radwegen im Zuge von Bundesstraßen" eingeräumte Option genutzt, sinnvolle alternative Wegeführungen dem herkömmlichen straßenbegleitenden Radweg vorzuziehen. Dafür bot sich die stillgelegte Bahntrasse Buckautalbahn an - einstmals Bestandteil der Strecke Wusterwitz - Görzke. Die Landkarte des westlichen Brandenburg offenbart den Verlust für die Erschließungsqualität der Region um den historischen Bischofssitz Ziesar infolge des Wegfalls der Bahn. Sie ist durch die Randlage weiter ins Abseits geraten.

In der Auseinandersetzung mit diesem Standortnachteil berühren sich die konzeptionellen Ansätze der Verkehrs- und Regionalentwicklungsplanung: Der Raum zwischen den von Berlin ausstrahlenden Regionalexpresslinien RE 1 (nach Magdeburg) und RE 7 (nach Dessau) muss vitalisiert werden, zumal er historisch und landschaftlich sehr interessant ist. Die Verbindung zwischen Wusterwitz und Wiesenburg (Mark) als Tor zur Tourismusregion des Fläming ist aus gutem Grund Element des Hauptroutennetzes für den touristischen Radverkehr in Brandenburg. Die Strecke gehört zur Radwegroute 4 der touristischen Radweg-Hauptroute "Historische Stadtkerne im Land Brandenburg", die durch die historischen Stadtkerne von Potsdam, Werder (Havel), Brandenburg a.d. Havel, Ziesar, Belzig Treuenbrietzen, Jüterbog und Beelitz führt. Das Potenzial der ehemaligen (in den 70er Jahren für den Personenverkehr und nach 1990 endgültig stillgelegten) Buckautalbahn (Wusterwitz - Ziesar - Görzke) für die Entwicklung des Radverkehrs liegt auf der Hand.

Der Projektstart im Dezember 2008 war richtungsweisend für die enge Kooperation der beteiligten Verwaltungen, Interessenverbände und Planer, die zur Voraussetzung für das Gelingen des Projekts wurde. Zu diesem Zeitpunkt fehlte die Ausstattung in dieser Region mit einer komfortablen Radverkehrsinfrastruktur in dieser Relation so gut wie gänzlich. Im Jahr 2010 wurde der Radweg von Ziesar nach Köpernitz fertig gestellt und eingeweiht. Dieser Radweg ist zum Anker für die schrittweise Vervollständigung des Lückenschlusses der Hauptroute "Historische Stadtkerne" durch die Radwegroute 4 zwischen den Regionalexpresslinien RE 1 und RE 7 geworden. Von ihm gingen die wesentlichen Synergieimpulse für die Komplettierung der Radialenverknüpfung aus. Es folgte das nächste Teilstück bis Görzke. Das Besondere an dieser Strecke ist der Verlauf auf der alten Bahntrasse. Eine sorgfältige, bis ins Detail liebevolle Planung und Bauausführung führten zu nachhaltigen Effekten. Diese bestehen darin, dass die ehemalige Bahn sich in neuer Gestalt als umweltfreundliche Verkehrstrasse sowohl in der Landschaft wie auch im Mobilitätssystem der Region etabliert hat. Zudem hat sie in der Region Maßstäbe für die Ansprüche an die Qualität der sich anschließenden Radverkehrsprojekte gesetzt.

2. Durchführung

Federführend erfolgte die Realisierung des Bahntrassenradwegs als Verkehrsanlagenbaumaßnahme der Bundesrepublik Deutschland durch den Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg. Der Radweg gehört zur Infrastruktur der Bundesstraße B 107. Im Vorfeld gab es bereits Intentionen von Seiten der Gebietskörperschaften (Amt Ziesar und Landkreis Potsdam-Mittelmark), die auf eine Nutzung der Bahntrasse für den regionalen Alltags- und Freizeitradverkehr zielten. Nach einem Initialtreffen in Bad Belzig, im Dezember 2008, mündeten diese Intentionen in einem Vorbereitungsprozess. Diese Veranstaltung bedeutete auch den Startschuss für die konkrete Objektplanung des Bahntrassenradwegs unter Verantwortung und in Baulastträgerschaft des Landesbetriebs Straßenwesen.

Die Umgestaltung der vor vielen Jahren stillgelegten Bahntrasse stellte sich durchaus als anspruchsvoller und komplizierter dar, als es die bereits vorhandene Gründung in Form des bereits vorhandenen Gleisbetts aus Schotter für die Gründung hätte vermuten lassen. Seit der Stilllegung der Bahn hatte sich dieses zu einem vitalen Habitat für streng geschützte Zauneidechsenpopulationen entwickelt. Diese mussten fachgerecht umgesiedelt werden. Des Weiteren musste der stark von der Vegetation durchwachsene Schotter im Verlauf der gesamten Strecke gereinigt und zu einem neuen Planum profiliert werden.

Bei der Streckenführung kam es partiell zu Überlagerungen mit Erschließungsverkehr (z.B. im Bereich eines Sportplatzes), was im Routenverlauf zum abschnittsweisen Einsatz spezieller Formen der Radverkehrsführung führte. Im Fall des Sportplatzes musste extra eine kurze Fahrradstraße errichtet werden. In Bereichen ehemaliger Bahnübergänge mit spitzen Kreuzungswinkeln wurden spezielle bauliche Lösungen entwickelt, die die Bedingungen für die gegenseitige Wahrnehmbarkeit von Kfz-Verkehr auf der B 107 und kreuzendem Radverkehr optimieren. Die Lösung setzt auf konsequente Sichtfeldfreihaltung und auf eine bauliche Unterstützung der verkehrsrechtlich geregelten Vorrangsituation im Querungsbereich. Dem Radverkehr wird durch Beschilderung und Belagwechsel seine Wartepflicht aufgezeigt, dem Kfz-Verkehr durch Beschilderung und dreidimensionale Betonung des Konfliktbereiches die Botschaft vermittelt, dass mit querendem Radverkehr zu rechnen ist. Das für wartepflichtige Radquerungen über die B 107 zwischen Ziesar und Görzke speziell entwickelte bauliche Element erhielt schon sehr bald nach seiner Erstanwendung den Spitznamen "Schildkröte".

Im Zuge der Planung entwickelte sich ein "Baukasten" mit Gestaltungselementen, die entlang der Strecke an die Vergangenheit als Eisenbahnanlage erinnern sollen. Hierzu zählen Elemente wie Schwellenstapel, Bahnzeichen und Signaltafeln oder in Kreuzungsbereichen mit Wirtschaftswegen eingelassene Gleisstücke. In ähnlicher Weise erfolgte die Einbeziehung von künstlich geschaffenen ökologischen Landmarken in den Streckenverlauf mit Hecken, unterschiedlichen Ersatzhabitaten für die Zauneidechsen o.a. auch die Bankettausbildung mit Grobschotter. Als nicht unkompliziert erwies sich auch der Umgang mit kontaminiertem Bahnbaumaterial, wie getränkten Holzschwellen und Befestigungsdübeln für den Oberbau von Betonschwellen. Die Betonschwellen an sich erwiesen sich im Hinblick auf Schadstoffbelastung unbedenklich, mussten aber in großen Mengen entsorgt und recycelt werden. Sie im Schotterbett zu belassen, hätte langfristig den Radweg zu einer "Buckelpiste" werden lassen.

Um möglichst alle bestehenden und potenziellen, an der B 107 gelegenen Ziele des Alltags- und Touristikradverkehrs erschließen zu können, gibt es einige Abzweige von der auf der ehemaligen Bahntrasse verlaufenden Hauptlinie. Die Lage innerhalb des Landschaftsschutzgebiets Buckautal erforderte im Zuge dieser Abzweige z.T. die Ausstattung mit Amphibienleiteinrichtungen und Amphibiendurchlässen.

Der Aspekt Bürgerbeteiligung nahm einen eher eigentümlichen Verlauf. Anfangs ist die Umwandlung der Bahnstrecke zum Radweg in der öffentlichen Wahrnehmung eher argwöhnisch betrachtet worden, zumal es in der Region einen sehr aktiven Eisenbahn-Traditionsverein gibt, der mit einer Wiederbelebung des Eisenbahnbetriebs auf der stillgelegten Bahntrasse liebäugelte. Im Zuge des Gestaltannehmens des Radwegs kippte diese Reserviertheit in wachsende Akzeptanz und steigerte sich nach Fertigstellung in eine ausgesprochen innige Identifikation mit dem regionalen Radverkehr. Der Wunsch nach Radwegen ist bei der Bevölkerung inzwischen sehr stark ausgeprägt. Einmal, weil das Bewusstsein für den sanften Tourismus wächst und, weil dadurch die Sicherheit im täglichen Straßenverkehr für Radler und Kraftverkehr gewährleistet wird. Es gibt mittlerweile organisierte Veranstaltungen mit Teilnehmerzahlen von bis zu 400. Die jährlich stattfindenden Fläming-Brandenburgtouren und die Sternradtouren werden nicht nur von den an der Bahnradtrasse liegenden Gemeinden gerne genutzt auch überregional werden diese Fahrten wahrgenommen und angenommen. In diesem Zusammenhang üben auch die Verdichtung der gesamten Radinfrastruktur im Umfeld von Ziesar und die Vernetzung der Initiativen der umliegenden Gemeinden einen förderlichen Einfluss aus. Der Ausbau des Flämings und den Randgebieten wie Ziesar und dem Fiener Bruch zu touristischen Zielen muss weiter vorangetrieben werden. Auch die Bevölkerung begrüßt den Ausbau, weil eine weitere Verbindung zu den Regionen und den Orten geschaffen wird. Fahrradtouristen aus der Region Berlin und Magdeburg profitieren durch die gute Erreichbarkeit mit den Zuganbindungen in Wusterwitz, Belzig und Genthin.

3. Fazit

Der neue Radweg ist rund 9 Kilometer lang und 2,5 Meter breit, wobei in der Ortslage Rottstock eine 3,5 Meter breite Fahrradstraße entstanden ist. Am 26.11.2011 wurde der Radweg auf einem alten Bahndamm entlang der B 107 zwischen Köpernitz und Görzke von Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger eröffnet. Das Besondere an dieser Route 4 der touristischen Radweg-Hauptroute ist, dass der Verlauf auf der alten Bahntrasse und die Möglichkeit, mit dem Fahrrad mehrere Städte mit historischen Stadtkernen zu erkunden. Unter anderem bewirkte er, dass:

  • die objektive Verkehrssicherheit im Zuge der Bundesstraße optimiert werden konnte, was auch durch die Zielgruppe (Alltags- und Touristikradverkehr) subjektiv wahrgenommen wird und zu einer deutlichen Steigerung der Radverkehrsfrequenz beigetragen hat
  • alle radverkehrsrelevanten Quellen und Ziele für den alltags- und touristischen Radverkehr an die Route angebunden sind
  • die ohne schwierige Steigungen und Gefälle durch einen abwechslungsreichen Landschaftsraum führende Trasse, sich als attraktive Alternative im Rahmen der regionalen Alltagsmobilität etabliert hat
  • der Radweg durch seine Linienführung und die Wiederverwendung von historischen Ausstattungselementen als eine Hommage an die regionale Eisenbahngeschichte wahrgenommen wird
  • ein weiterer Schritt getan worden ist, die vorbildlich umgesetzte Radwegweisung nach den HBR Brandenburg (Hinweise zur wegweisenden Beschilderung für den Radverkehr im Land Brandenburg) in der Planungspraxis und öffentlichen Wahrnehmung zu verankern
  • durch einige experimentelle Ansätze (z.B. der hervorstechenden Betonung von Querungsbereichen durch die vom Planungsbüro kreierten Aufstellbereiche mit reflektierenden Pflastersteinhügeln am Fahrbahnrand, den so genannten "Schildkröten" und den Reinigungsdurchlauf für den Bahnschotter) hilfreiche Erkenntnisse zur Gestaltung von Radwegquerungen und für den Umgang mit dem Bahnköper als Gründung gewonnen werden konnten
  • der Nachweis für die Nachnutzbarkeit der Bausubstanz alter Bahnbrücken mit relativ kostengünstigen Modernisierungsmaßnahmen erbracht werden konnte
  • durch das Schaffen attraktiver Infrastrukturangebote Nutzerpotenziale in großem Umfang aktiviert werden können und
  • sich der Umbau von Bahntrassen zu Radwegen relativ kostengünstig realisieren lässt.

Die Teilnehmerzahlen an Fahrradaktionen der Bevölkerung in der Region sind beeindruckend. Aus dem "Einweihungsradeln" wurde inzwischen ein traditioneller "Jährlicher Fahrradtag". Im Gesamtnetz der touristischen Radrouten Brandenburgs wurde so eine wichtige Verknüpfung zwischen den Regionalexpresslinien RE 1 und RE 7 geschaffen. Der Landesbetrieb Straßenwesen nutzt die Chance, eine Radverkehrsbeziehung zwischen der B 107 und der Bahntrasse, zwischen Köpernitz und Görzke als Radverkehrsanlage mit hohem Nutzungs- und Sicherheitsstandard anzubieten.

4. Ausblick

Seit 2015 ist mit Fertigstellung des Radwegs Neuehütten - Börnecke, entlang der B 107 auf der Radweg-Hauptroute 4 von Ziesar nach Süden zum Bahnhof Wiesenburg (Mark), ein mit durchgehend hohem routengerechten und baulich hohem Komfortstandard, Radweg entstanden. Die angebotenen Breiten entsprechen im Wesentlichen den Empfehlungen der ERA 2010. Die Schnittstellen zwischen Radverkehr und Kfz-Verkehr sind regelkonform konfliktminimierend ausgebildet. Die Wegweisung entspricht dem aktuellen "Stand der Technik" (HBR und FGSV-Merkblatt für die wegweisende Beschilderung des Radverkehrs).

Aktuell befindet sich in Baulast von Kommunen und Landkreis auch der nördliche Lückenschluss zum Bahnhof Wusterwitz in der konkreten Vorbereitungsphase. Auch hier zeichnet sich, nach langwierigen Kontroversen mit dem Denkmalschutz, der weitere Ausbau der Radweg-Hauptroute auf der Trasse der Buckautalbahn ab.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Dieses Projekt ist ein "Leuchtturmprojekt" für Koordinierte Netzentwicklung - in diesem Fall eine (Bundes)straßenbegleitende Radverkehrsinfrastrukturmaßnahme des Landes Brandenburg - mit hohem regionalen Identifikationswert. Des Weiteren werden Synergieeffekte für die Wirtschafts- und Tourismusförderung freigesetzt.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Landesmittel
Gesamtvolumen: 
1 550 000 €

Evaluation

Evaluation: 
nein
Erläuterungen: 

Es war vorgesehen, den Radweg in das System der Radverkehrsanalyse Brandenburgs einzubeziehen und eine automatische Erfassungsstation zu installieren. Derzeit sind bezüglich der Fortsetzung der Radverkehrsanalyse jedoch keine gesicherten Aussagen möglich.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg

Projektbeteiligte: 
  • Landkreis Potsdam-Mittelmark
  • Amt Ziesar
  • Planungsbüro IBS Beelitz

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Oktober 2010
Projektende: 
Oktober 2011
Info zur Laufzeit: 

Mit der Fertigstellung (2015) des straßenbegleitenden Radwegs Neuehütten - Börnecke an der B 107 ist der Aufgabenanteil des Landesbetriebs Straßenbau an der Schaffung der durchgängigen Verbindung Wiesenburg - Wusterwitz für den Radverkehr erfüllt.

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

  • Geschäftsbericht Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg 2012, S. 28-31, Fachartikel "Heraus aus eingefahrenen Gleisen - der Radweg an der B 107 zwischen Köpernitz und Görzke"
  • Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg, Der Vorstand, Lindenallee 51, 15366 Hoppegarten; Kontakt: Öffentlichkeitsarbeit/Presse, Frau Dr. Cornelia Mitschka, cornelia.mitschka@ls.brandenburg.de

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Frank Schmidt
Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg
Dezernatsleiter Planung, Region West
Steinstraße 104 – 106
14480 Potsdam
Telefon: +49 (0) 331/2334-277
E-Mail: frank.schmidt@ls.brandenburg.de

Kommunale Ansprechpartner: 

Norbert Bartels
Amt Ziesar
Amtsdirektor
Mühlentor 15A, Ziesar
Telefon: +49 (0) 33830/654209
E-Mail: amt@ziesar.de
Internet: www.amt-ziesar.de

Meta-Info
Stand der Information
6. Oktober 2016
Autor
Frank Schmidt, Dezernatsleiter Planung, Region West
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradtourismus
Infrastruktur
Fahrradthemen
Infrastruktur
Tourismus
Schlagworte
Bahntrasse
Fahrradroute
Fahrradroutennetz
Fahrradwegebau
Fahrradwegenetz
Umnutzung
Land
Brandenburg