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Gestaltung nutzerfreundlicher Lastenradabstellanlagen

ALADIN – Abstellanlagen für Lastenfahrräder in Nachbarschaften

Ein Lastenfahrrad
© Doris Reichel

Die Bedeutung des Fahrrads als Verkehrsmittel für den Alltag ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Insbesondere im großstädtischen Kontext zeigt sich ein steigender Anteil der Fahrradnutzung. Die Gründe dafür liegen zum einen im Wandel des individuellen Mobilitätsverhaltens und damit einhergehend in sich verändernden Einstellungen, welche in einem an Bedeutung gewinnenden neuen, umweltbewussteren Mobilitätsstil münden. Zum anderen bemühen sich zunehmend mehr Kommunen um eine aktive Förderung des Radverkehrs, um ihre eigenen Klimaschutzziele zu erreichen, aber auch um ihr Image zu verbessern und langfristig die Lebensqualität in den Städten zu erhöhen. Vor diesem Hintergrund ist auch die „Renaissance der Lastenfahrräder“ zu sehen.

Transportfahrräder, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts als gängiges Verkehrsmittel verbreitet waren und mit Aufkommen des Automobils fast vollständig von unseren Straßen verschwunden sind, bieten im Kontext des innerstädtischen (Wirtschafts-)Verkehrs ein enormes Potenzial zur Einsparung von CO2-Emissionen und anderen Luftschadstoffen. So konnte im Rahmen des EU-Projektes „Cyclelogistics“ bereits ein Verlagerungspotenzial von 51 % aller städtischen Transporte auf Fahrräder oder (e)Lastenfahrräder identifiziert werden. Alle diese Transporte sind unter sieben Kilometer weit, das zu transportierende Gut ist kleiner als ein Kubikmeter und leichter als 200 Kilogramm. In den Niederlanden sowie in Dänemark sind Lastenräder bereits seit längerem verbreitet, insbesondere im Rahmen der Familienmobilität. So besitzen in Kopenhagen 25 % der Haushalte mit zwei und mehr Kindern ein Lastenrad. In Deutschland erlebt das Lastenfahrrad aktuell vor allem in den Metropolen ein Comeback. Zunehmend sieht man auch in deutschen Großstädten häufiger Transporträder im Stadtbild – wenngleich auf einem sehr geringen Niveau. Beleg für dieses „Comeback“ ist auch die Nachfrage nach kommunalen Kaufprämien für Lastenräder, wie sie u.a. Berlin und München anbieten. Der Zuwachs an Lastenrädern erhöht dabei einerseits den Druck auf die Bereitstellung von Abstellanlagen im öffentlichen Raum, andererseits sind Abstellanlagen im öffentlichen Raum erforderlich, um die Voraussetzungen für die weitere Durchdringung des Lastenrades in der Stadt zu schaffen. Hier setzt das NRVP-geförderte Vorhaben „ALADIN – Abstellanlagen für Lastenfahrräder in Nachbarschaften“ an.

Im Rahmen des Projektvorhabens erarbeitet das Projektteam an der FH Erfurt Empfehlungen für nutzerfreundliche Abstellanlagen für Lastenfahrräder im öffentlichen Raum. Die zunehmende Nutzung von Lastenrädern durch Privatpersonen erhöht die Notwendigkeit der Kommunen, insbesondere in dicht bebauten Straßenzügen der Innenstädte der Nachfrage nach Abstellanlagen auch im öffentlichen Raum nachzukommen, da neben den hohen Anschaffungskosten der Mangel an Abstellanlagen ein erhebliches Problem für die Nutzenden von Lastenrädern darstellt. Durch fehlende, unsichere oder schwer zugängliche Abstellmöglichkeiten verliert das Lastenrad an Attraktivität und Potentiale zur Förderung nachhaltiger Mobilität gehen verloren.

Das Vorhaben widmet sich der skizzierten Fragestellung aus zwei Perspektiven: Einmal die Perspektive der funktional-praktischen Aspekte der Verkehrsplanung – wie die Bedarfsermittlung, die Umwidmung von Stellplätzen oder Nutzungsregelungen. Zum anderen die ästhetischen Aspekte der Gestaltung von Abstellanlagen, damit sich die Anlagen in das Straßenbild einfügen. Das Vorhaben konzentriert sich auf Stadtteile mit einer dichten Bebauung und prägnantem Straßenbild, in denen die Abstellmöglichkeiten auf privaten Flächen eingeschränkt sind.

Zentraler Punkt der Untersuchung ist die stadtgestalterische Integration von Abstellanlagen im öffentlichen Raum. Am Beispiel verschiedener städtebaulicher Kontexte (Siedlungen im ländlichen Raum, Altstädte, Gründerzeitquartiere) werden gestalterische Leitlinien entwickelt. Dafür arbeitet das Vorhaben mit Modellkommunen (München, Leipzig, Nordhausen und der Region Hannover) zusammen, welche die verschiedenen zu untersuchenden städtebaulichen Kontexte möglichst umfassend widerspiegeln und zugleich die Förderung des Radverkehrs als strategisches Ziel verfolgen. Als methodologischer Ausgangspunkt steht das Konzept des Mobilitätsdesigns, das die emotional besetzten Qualitäten von Infrastrukturen und deren Wirkung auf die Nutzenden konzeptioniert. Ein erster Schritt ermittelt die Bedarfe und Anforderungen. Danach werden Regelwerke hinsichtlich rechtlicher Bedingungen sowie der Dimensionierung von Anlagen ausgewertet und Good-Practices analysiert. Abschließend werden Organisations- und Betreibermodelle erörtert.

Als Ergebnis des Vorhabens ist die Publikation einer Planungshilfe für nutzerfreundliche, gemeinschaftliche Abstellanlagen im öffentlichen Raum geplant. Diese Planungshilfe adressiert kommunale Entscheidungsträger*innen und Planer*innen. Sie wird in kleiner Auflage in gedruckter wie digitaler Form erscheinen und kostenfrei zur Verfügung gestellt. Neben einer systematischen Aufarbeitung von Good-Practice-Beispielen aus dem nationalen wie internationalen Kontext enthält sie einen Überblick zu geltenden planungsrechtlichen Vorgaben und Rahmenbedingungen sowie den Anforderungen an nutzerfreundliche und sichere Abstellanlagen für Lastenräder. Die Planungshilfe enthält zudem Designvorschläge, die einerseits Empfehlungen für funktional-praktische Aspekte einer Abstellanlage berücksichtigen, andererseits gestalterische Optionen für eine Integration in verschiedene städtebauliche Kontexte aufzeigen. Dabei wird auf verschiedene räumliche Kontexte anhand der Beispielkommunen Nordhausen, Leipzig sowie München und der Region Hannover eingegangen: Innenstadt und Gründerzeitviertel sowie Kleinstädte im ländlichen Raum. Damit wird die Übertragbarkeit für eine Bandbreite an städtebaulich sensiblen Kommunen sichergestellt. Langfristiges Ziel ist der Aufbau von Pilotanlagen nach den erarbeiteten Empfehlungen in den beteiligten Modellkommunen. Durch eine Kooperation mit Modellkommunen und die hohe Umsetzungsorientierung gewinnt das Vorhaben an praktischer Relevanz.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

In der Vergangenheit sind bereits Modellvorhaben und Forschungsprojekte zu Abstellanlagen für (Lasten-)Fahrräder durchgeführt worden. Diese Arbeiten und Vorhaben zeichnen sich häufig darin aus, dass sie entweder das Fahrradparken allgemein in städtischen Kontexten thematisieren und Lösungen wie auch Betreibermodelle vorschlagen oder aber konkret auf Lastenräder als Element von städtischen, nachhaltigen Mobilitätssystemen konkretisieren. Damit legen sie das Fundament für das vorgeschlagene Vorhaben aus funktional-technischer und organisatorischer Perspektive. Ausführungshinweise und -empfehlungen zum Fahrradparken führen die technischen Veröffentlichungen der FGSV aus, insbesondere die EAR - Empfehlungen für Anlagen des ruhenden Verkehrs (FGSV-Nr. 283; Ausgabe: 2005), ERA - Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (FGSV-Nr. 284; Ausgabe: 2010) oder Hinweise zum Fahrradparken (FGSV-Nr. 239; Ausgabe: 2012). Darüber hinaus sind die Technische Richtlinie TR 6102 des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) sowie die daraus hervorgegangene DIN-Norm 79008 aufzuführen. Insbesondere bei den technischen Ausführungen zum Fahrradparken ist auffällig, dass die Anforderungen, welche ein Lastenrad an die Infrastruktur stellt, bisher kaum in die Regelwerke eingegangen sind.

Neben den technisch-funktionalen Anforderungen, und damit der Nutzungsfreundlichkeit, ist die Kenntnis über die Bedeutungszuweisungen und Sinnzusammenhänge entscheidend für die ästhetische Ausgestaltung der Elemente von Infrastruktursystemen. Anknüpfend an das Konzept des Mobilitätsdesigns, welches sich als Vermittlung zwischen Technik und Funktion sowie Bedeutung und Mensch versteht, begreift das Vorhaben ALADIN Infrastruktur für Lastenräder damit innerhalb eines sozial-kulturellen Verständnisansatzes und greift die Bedingungen kollektiver Sinnzuschreibungen mittels des Ansatzes des Mobilitätsdesigns auf. Unter diesen Gesichtspunkten verstehen sich Abstellanlagen für Lastenräder als Elemente der Gestaltung öffentlichen Raumes, die sich sowohl einfügen in das Bild der Stadt, aber auch nachhaltige, urbane Mobilität in der gebauten Stadt sichtbar und somit erfahrbar machen. Diese Polyvalenz einer solchen – vergleichsweise auffälligen – Infrastruktur wirkt in soziokultureller Perspektive wie ein Katalysator, der als bauliches Element die Mobilitätskultur einer Stadt hin zu einer nachhaltigen Transformation begünstigt.

Das Projektvorhaben vereint so auch die Fachdisziplinen „Mobilitätsforschung/Verkehrsplanung“ und „Stadtgestaltung/Architektur/Produktdesign“ bzw. planerische Aspekte mit stadtgestalterischen Ansätzen. Durch diese innovative Vorgehensweise können passgenaue Lösungen für Abstellanlagen in verschiedenen städtischen bzw. räumlichen Kontexten entwickelt werden.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Gesamtvolumen: 
111 359 €
Erläuterungen: 

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans 2020 gefördert.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Es ist eine begleitende Prozessevaluation geplant. Zu diesem Zweck wurden im Vorfeld zu allen definierten Arbeitspaketen messbare Indikatoren der Zielerreichung bzw. Meilensteine definiert. Am Projektende werden die Ergebnisse in Form eines Evaluationsberichts (als Teil des Projektberichts für das Gesamtvorhaben) zusammengetragen. Wesentliche Komponente dieses Evaluationsberichts ist eine Beurteilung der Übertragbarkeit des Vorhabens auf Anschlussprojekte oder ähnliche weiterführende Vorhaben.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Institut Verkehr und Raum der Fachhochschule Erfurt

Projektbeteiligte: 

Die Kommunen München, Leipzig sowie Nordhausen und die Region Hannover sind als Modellkommunen im Projekt vorgesehen und haben Ihre Bereitschaft zur Mitarbeit erklärt. Sie werden als Projektpartner allerdings nicht finanziell durch das BMVI gefördert.

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Januar 2020
Projektende: 
September 2021

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Prof. Dr. Matthias Gather / Dipl.-Soz. Claudia Hille
Institut Verkehr und Raum der Fachhochschule Erfurt
Professur für Verkehrspolitik und Raumplanung
Altonaer Straße 25, 99085 Erfurt
Telefon: 0361 – 6700 758
Telefax: 0361 – 6700 757
E-Mail: info@verkehr-und-raum.de

Kommunale Ansprechpartner: 
Meta-Info
Stand der Information
19. Februar 2020
Autor
Dipl.-Soz. Claudia Hille – Institut Verkehr und Raum der Fachhochschule Erfurt
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Deutschland