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Lust aufs Radfahren wecken

4. Leeraner Fahrradfestival mit Liegerad-Weltmeisterschaften 2013

Logo und Plakat
Logo und Plakat © Helma Janssen

Ausgangssituation

Die Stadt Leer liegt im südlichen Ostfriesland und wird auch das "Tor Ostfrieslands" genannt. Sie liegt ca. 20 km von der niederländischen Grenze entfernt, an den Flüssen Ems und Leda, etwa auf halben Weg zwischen Oldenburg und Groningen. Leer ist Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises.

Insgesamt ist Leer trotz erheblicher Zuwächse eine "kompakte" Stadt, der größte Teil des Stadtgebiets liegt nicht weiter als 2-3 km vom Zentrum entfernt. Auch die Mehrzahl der Bevölkerung wohnt nicht mehr als 5 km vom Zentrum entfernt. Die Altstadt mit ihren zahlreichen sehenswerten Häusern, Kirchen und kleinen Gassen ist neben dem Hafen das Herzstück der Stadt.

Das Fahrrad spielt schon traditionell eine große Rolle, die Nähe zu den benachbarten Niederlanden ist spürbar. Die Rahmenbedingungen für den Radverkehr sind angesichts der günstigen Topografie, der Kompaktheit der Stadt und einem Radwegebestand von mehr als 90 km Länge überdurchschnittlich gut.

Bereits 1989 wurde das Programm Fahrradfreundliche Stadt Leer durch den Rat ins Leben gerufen, 1996 wurde das erste Radverkehrskonzept erstellt, auf dessen Basis gemäß dem Motto "Radverkehr als System" sukzessiv radverkehrsfördernde Maßnahmen auf allen Handlungsfeldern umgesetzt wurden. 2001 ging die Stadt Leer aus dem erstmals durchgeführten Landeswettbewerb als fahrradfreundlichste Kommune Niedersachsens hervor. Aktuell (2012/13) erfolgt die Fortschreibung des Radverkehrskonzepts.

Ziel der Radverkehrsförderung ist ein möglichst hoher Anteil des Radverkehrs am städtischen modal split. Mit der konsequenten Radverkehrsförderung werden vor allem positive Effekte in den Bereichen Stadtentwicklung und Lebensqualität, Klima- und Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Gesundheit angestrebt. Die Effekte wirken sich auf unterschiedlichsten Ebenen positiv aus: Sowohl der einzelne Verkehrsteilnehmer als auch die Gemeinschaft (Kommune) als auch der Planet profitieren in vielfältiger Weise davon.

Fahrradfestival als Teil der kommunalen Radverkehrsförderung

Für eine erfolgreiche Förderung des Radverkehrs genügt es nicht allein, die bauliche Infrastuktur zu verbessern. Ebenso wichtig ist es, ein positives Fahrradklima in Stadt und Region zu erzeugen. Es geht darum, das Fahrrad als absolut zeitgemäßes, Lebensqualität förderndes und gerade in der Stadt höchst konkurrenzfähiges Verkehrsmittel zu vermarkten. Letztlich geht es schlicht darum, die Lust aufs Fahrradfahren zu wecken und zu fördern. Und was wäre besser dazu geeignet als das unmittelbare Erleben, wie es ist, sich im Rahmen eines Fahrradfestivals in einer fahrradgeprägten Stadt mit dem Fahrrad zu bewegen...

Neben anderen Formen der Öffentlichkeitsarbeit wurde seitens der Stadt Leer bereits 1998 das Leeraner Fahrradfestival ins Leben gerufen. Zwei Tage lang gehörten große Teile der Innenstadt den Fahrradfahrern, unzählige Aktionen rund um das Thema Fahrrad wurden angeboten wie z.B. Fahrradflohmarkt, Fahrradzirkus, Codierung, Grundschulkorso mit geschmückten Rädern, Ausstellungen, Probe fahren, Seniorenfahrten oder unterschiedlichste Radrennen auf den Straßen der Innenstadt. Etwa ein dutzend Liegeradfahrer trug die erste ostfriesische Liegerad-Meisterschaften aus.

Die Durchführung der Fahrradfestivals liegt federführend bei der Stadt Leer. Allerdings ist eine gute Kooperation mit den verschiedensten Akteuren notwendig und auch sinnvoll, da das Fahrradthema auf diese Weise eine wesentlich stärkere Verankerung in der Stadt erfährt. Bereits beim ersten Fahrradfestival waren u.a. ADFC, Polizei, das Stadtmarketing, die Volkshochschule, die Verkehrswacht, der Fahrradhandel sowie etliche Schulen eingebunden.

4. Leeraner Fahrradfestival und Liegerad-Weltmeisterschaften 2013

Die Verknüpfung des 4. Leeraner Fahrradfestivals mit einem so herausragenden Ereignis wie den Liegerad-Weltmeisterschaften des HPV Deutschland e.V. (HPV = human powered vehicles) war nur möglich, weil das Liegerad im Zuge der bisherigen Fahrradfestivals in Leer eine immer größere Bedeutung gewann. 2001 wurden bereits die Deutschen Liegeradmeisterschaften ausgetragen, 2009 die Europameisterschaften... Die Stadt Leer erwarb sich nach und nach einen hervorragenden Ruf in Liegeradkreisen und konnte besonders damit punkten, dass die Liegeradmeisterschaften mitten im Stadtzentrum mit einer entsprechenden Fahrradfestivalatmosphäre ausgetragen werden konnten. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang eine jahrelange ausgezeichnete Kooperation mit dem HPV Deutschland!

Im Kern geht es der Stadt Leer weniger darum, herausragende sportliche Ereignisse zu veranstalten. Eher ist es die bunte Vielfalt von Liegerädern und deren Fahrer/innen, die eine enorme Bereicherung für das Fahrradfestival darstellten und mit ihrem riesigen Spektrum an unterschiedlichsten pedalgetriebenen Fahrzeugen Teilnehmer und Besucher gleichermaßen begeistert. Erfahrbar wird, dass Fahrräder keinesfalls Verkehrsmittel der Vergangenheit sind, sondern in immer wieder neuen Variationen für die verschiedensten Zwecke weiterentwickelt werden und dabei gleichzeitig für ein modernes urbanes Lebensgefühl mit einem hohen Nachhaltigkeitsfaktor stehen.

Da Leer mitten in der Stadt einen Hafen besitzt, dessen Umfeld zurzeit starken Wandlungsprozessen unterworfen ist - weg von Gewerbe und Industrie hin zu Wohnen, Dienstleistungen und Freizeit -, konnten erstmals nach längerer Zeit wieder sogenannte Doppelweltmeisterschaften ausgerichtet werden. Nicht nur auf dem innerstädtischen Straßen-Rundkurs fanden unterschiedlichste Wettkämpfe statt, sondern auch auf dem Hafen. Spektakuläre pedalgetriebene Wasserfahrzeuge fuhren in verschiedenen Disziplinen um WM-Ehren.

Insgesamt mehr als 200 Teilnehmer aus 14 Nationen konnten zur WM vom 21.-23. Juni 2013 in Leer begrüßt werden. Hymnenklänge und Grundschulkinder auf Einrädern begleiteten die Sportler/innen beim olympisch anmutenden Einmarsch der Nationen auf dem zentralen Platz der Stadt. Der abendliche Lichterkorso der Liegeradfahrer durch die gesamte Innenstadt vermittelte einen Eindruck, wie ein umwelt- und menschengerechter Verkehr in einer fahrradfreundlichen Stadt für hohe Lebensqualität und Attrakivität sorgen kann.

Drei Tage lang prägten Fahrradfahrer und insbesondere die Liegeradler das Bild der Stadt. Fast alle Rennen fanden mitten im Stadtzentrum statt, lediglich das 200m Sprintrennen mit einem kilometerlangem Anlauf musste bei Höchstgeschwindigkeiten bis zu 87 km/h an den Stadtrand verlagert werden. Allerdings ging nicht allein um sportliche Spitzenleistungen. Auch die sogenannten "Alltagslieger" lieferten sich ihre WM-Rennen und zeigten sich im Geschicklichkeitsparcours.

Einer der Höhepunkte war zudem das "Rennen" unter dem Motto "Gemeinsam mobil sein". Menschen mit und ohne Behinderungen bewegten sich gemeinsam auf einer Vielzahl von unterschiedlichsten Fahrzeugen auf dem Stadtkurs. Mit Rollstühlen kombinierte Fahrräder, unterschiedlichste Arten von Lastenrädern, Dreiräder in herkömmlicher Ausprägung oder als Liegerad und etliche andere Spezialräder sorgten für eine bunte Vielfalt. Gleichzeitig konnte man im Rahmen eines Mitfahrparcours als Besucher per Rikscha, Konferenzrad oder auch auf einem 13sitzigen "Fahrradschiff" Inklusion live und mit viel Spass erleben.

Eine ähnliche Ausrichtung hatte auch das sogenannte JEIWI-Rennen. In früheren Ausgaben des Fahrradfestivals wurden noch die sog. VIP-Rennen ausgetragen, um auch Prominente aufs Rad zu bekommen. Die Beschränkung auf Prominente wurde 2009 aufgehoben, gemäß dem Motto "JEder Ist Wichtig" durfte fortan jede/r am JEIWI-Rennen teilnehmen. In 4er Staffeln fahren seitdem Teams möglichst viele Runden für einen guten Zweck - auf Rennrädern, Tourenrädern, Liegerädern, Lastenrädern, Hochrädern... Das gemeinsame Fahrerlebnis, nicht der Wettkampf steht im Vordergrund. Mit den Einnahmen aus 2013 soll mit Hilfe des ADFC Leer ein Lastenrad angeschafft werden, welches dann von Leeraner Bürger/innen bei Bedarf kostenlos ausgeliehen werden kann.

Mit dem Aufruf zu einem autofreien Sonntag unterstützte die Stadt die Großveranstaltung. Da ohnehin viele innerstädtische Straßen als Rennstrecke, Ausstellungsfläche oder Probeparcours gesperrt waren, konnten Tausende von Besuchern das Erlebnis einer weitgehend autofreien Innenstadt genießen. Zahlreiche Aussteller aus der Fahrradwelt waren vertreten, insbesondere die Stände der Liegeradhersteller und der angrenzende Probeparcours waren sehr gut besucht!

Mit Lutz Eichholz war ein mehrfacher Einrad-Weltmeister mit spektakulären Vorführungen zu Gast, Kinder konnten sich auf Mikrorädern oder auch Mini-Liegerädern ausprobieren, ein Dunkeltunnel des ADFC verdeutlichte die Bedeutung einer guten Beleuchtung am Fahrrad, kurzum: für alle Fahrradinteressierten gab es an diesem einzigartigen Fahrradwochenende ein pralles Angebot.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Mit einem Fahrradfestival lässt sich eine ganze Stadt vorübergehend in ein anderes Licht tauchen. Für Teilnehmer und Besucher wird erfahrbar und vorstellbar, wie sich eine fahrradfreundliche Stadt anfühlt, welche Potentiale sie bietet.

Die Verknüpfung mit der Liegerad-WM sorgte dafür, dass dieser Effekt noch einmal erheblich verstärkt wurde. Insbesondere die Allgegenwärtigkeit der unterschiedlichsten, häufig sehr futuristischen Liegeräder im gesamten Stadtgebiet, aber auch die Fülle von Angeboten zum Mitmachen oder Zuschauen stellten eine einzige Werbung für das Fahrradfahren dar.

Die Lust aufs Fahrradfahren wecken und fördern, das ist das Hauptziel einer solchen Großveranstaltung. Werden dabei möglichst viele unterschiedliche Akteure aus Stadt und Region in die Vorbereitung und Durchführung einbezogen, entsteht zusätzliche Identifikation, die wiederum für die Entwicklung eines guten Fahrradklimas in einer Stadt von Vorteil ist.

Ein weiterer Nebeneffekt liegt in der Außenwirkung solcher Großveranstaltungen: Das Image einer Fahrradstadt verbreitet sich weit über die Grenzen der Region hinaus und zieht unter anderem auch Positiveffekte für den Radtourismus nach sich.

Prinzipiell lassen sich Veranstaltungen dieser Art bundesweit auf nahezu jede Stadt übertragen, wobei selbstverständlich eine individuelle Ausrichtung da sein sollte. Aktuell sind Veranstaltungen dieser Art in Deutschland noch sehr selten gesät.

Finanzierung

Finanzierung: 
Kommunale Mittel
Sponsoring, Spenden
Sonstige
Erläuterungen: 

Mittel des HPV Deutschland e.V.

Evaluation

Evaluation: 
nein
Erläuterungen: 

Eine wirkliche Evaluation wäre nur mit großem Aufwand durchführbar. Nutzen und Akzeptanz sind allenfalls über Stimmen von Beteiligten und Gästen, über Presseresonanz sowie über die Anzahl der Teilnehmenden "messbar". Grundsätzlich war die Resonanz in all diesen Bereichen positiv bzw. sehr positiv. Sehr verbreitet ist zudem der Wunsch nach häufigerer Durchführung.
Die Anzahl der Besucher/innen ist generell stark von den jeweiligen Wetterbedingungen abhängig.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Stadt Leer (Ostfriesland)

Projektbeteiligte: 
  • HPV Deutschland e.V.
  • Niedersächsische Landesschulbehörde
  • Stadtwerke Leer AöR
  • ADFC Leer
  • Polizei Leer
  • Ruderverein Leer
  • Radsportverein Leer
  • Grundschulen aus Leer
  • zahlreiche Ehrenamtliche

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Januar 1998
Info zur Laufzeit: 

Das Fahrradfestival in Leer hat bisher unregelmäßig im Abstand von mehreren Jahren stattgefunden, zukünftig ist ein Rhythmus von vier Jahren angedacht.

Das hier aufgeführte letzte Fahrradfestival 2013 in Kombination mit den Liegerad-Weltmeisterschaften hatte eine Vorbereitungszeit von ca. 18 Monaten.

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Ehler Cuno
Stadt Leer
Fachdienst Energie, Klima- und Umweltschutz
Rathausstr. 1
26789 Leer
Telefon: +49 (0)491/9782496
Telefax: +49 (0)491/9782481
E-mail: Ehler.Cuno@Leer.de
WWW: www.leer.de
 

Meta-Info
Stand der Information
30. August 2013
Autor
Ehler Cuno, Stadt Leer (Ostfriesland)
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Niedersachsen