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Radverkehr als Perspektive für den innerstädtischen Einzelhandel

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© TU Berlin

Die Schönhauser Allee in Berlin-Prenzlauer Berg ist eine der übergeordneten Straßen in Berlin, die mit vielen anderen Straßen in Berlin und anderen deutschen Großstädten vergleichbar ist: Viel Verkehr, viele Besucherinnen und Besuchern, aber keine Raumaufteilung, die es erlauben würde, alles reibungslos abzuwickeln. Es existiert eine vielfältige Einzelhandels- und Gastronomiestruktur mit inhabergeführten Geschäften wie auch großen Ketten und einem Shopping-Center. Die Straße verfügt mit ihrer besonderen städtebaulichen Situation mit der Hochbahn über ein großes identitätsstiftendes Potenzial, das aktuell durch die Dominanz des motorisierten Verkehrs nicht ausgeschöpft wird. Vielmehr ist die Situation geprägt von Konflikten zwischen den Verkehrsteilnehmern, fehlenden Abstellmöglichkeiten für Fahrräder, schwierigen Querungsmöglichkeiten und ungenutzten Flächenpotenzialen. Seit ca. 2015 wird vermehrt über mögliche Umgestaltungen der Straße diskutiert. Gerade in Geschäftsstraßen führen solche Diskussionen und Planungen rund um Straßenraumumgestaltungen oft zum Widerstand des Einzelhandels. Der Ansatz des Projekts war deshalb, genau hier anzusetzen und schon bevor es zu konkreten Planungen kommt, die Händlerinnen und Händler der Schönhauser Allee in Berlin-Prenzlauer Berg (zwischen Eberswalder/Danziger Str. und Schivelbeiner/Wichertstr) zusammenzubringen und ihnen die Möglichkeit zu bieten, den Weg zur Fahrrad- und Fußgängerfreundlichkeit selbst aktiv mitzugestalten.

In einem ersten Schritt wurden objektive Eigenschaften in Bezug auf Verkehr, Stadtstruktur und Einzelhandel erfasst. Zusätzlich wurden subjektive Wahrnehmungen von Expertinnen und Experten, Passantinnen und Passanten sowie Einzelhändlerinnen und Einzelhändlern über Interviews und eine Fokusgruppendiskussion eingefangen.

Ein Kernanliegen des Projekts war es, den lokalen Handel von der Problemerfassung über die Ideenentwicklung bis hin zur -umsetzung mit in den Prozess einzubinden. Um eine wirkliche Beteiligung des Einzelhandels zu erreichen, wurden unterschiedliche Kommunikationswege des Feldzugangs gewählt und verschiedene Methoden angewandt, um überhaupt eine Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen (Verkehrs-)Situation auf der Schönhauser Allee anzuregen. Methodische Beispiele sind das fotobasierte Interview (Photo-Voice) und persönliche Gespräche bzw. Diskussionen.

Ziel war es, ein Bewusstsein bei den Händlerinnen und Händlern dafür zu erzeugen, dass innerstädtische Einkaufsstandorte von einer Neuverteilung des öffentlichen Stadtraums profitieren können, wenn sie sich entsprechend positionieren und selbst aktiv den Weg in Richtung einer umweltverträglichen Mobilität mitgestalten.

Dabei sollten das Potenzial und der Nutzen des Rad- und Fußverkehrs für den Handel im Vordergrund stehen. Denn Menschen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind tragen zu einem lebendigen öffentlichen Raum bei und erhöhen damit die Attraktivität innerstädtischer Zentren. Dies ist besonders in einer Straße wie der Schönhauser Allee zu betonen, wo der Großteil der Kunden ohnehin schon zu Fuß, mit dem Rad oder dem öffentlichen Verkehr kommt, die infrastrukturelle Situation aber dennoch den motorisierten Verkehr priorisiert. Studien aus anderen Städten belegen zudem, dass Radfahrer einen ökonomischen Nutzen für den Handel haben. Da der Einkauf mit dem Rad spezifische Anforderungen mit sich bringt, kann der Handel durch entsprechende Serviceangebote fahrradaffine Kundschaft gezielt ansprechen.

Durchgeführt wurde das Projekt von den Fachgebieten Integrierte Verkehrsplanung sowie Stadt- und Regionalökonomie der TU-Berlin. Vor dem Hintergrund einer möglichen zukünftigen Neustrukturierung des Straßenraums haben die lokalen Händlerinnen und Händler in einem Zukunftsworkshop eine gemeinsame Zukunftsvision zur Schönhauser Allee als Ort des Einkaufens, des Flanierens und des Radelns erarbeitet. Die „Schönhauser-Rad-Allee“ soll sich als fahrradfreundlicher Standort von anderen Einkaufsstraßen abheben. Dafür muss die Qualität des Einkaufserlebnisses für Fahrradfahrende verbessert werden. Mit diesem Ziel vor Augen haben die Händlerinnen und Händler mithilfe von customer journeys den Weg und den Einkaufsprozess vor Ort mit dem Fahrrad durchgespielt. Wichtig war hierbei, einzelne mögliche Handlungen während des Einkaufsprozesses abzubilden (z. B. das Wechseln der Straßenseite, das Verstauen und der Transport der jeweiligen Einkäufe, ggf. der Umgang mit Kindern) und dabei auftretende Interaktionen, Emotionen, Hürden und Gelegenheiten sichtbar zu machen, um schließlich mögliche Maßnahmen abzuleiten.

Im Laufe des Projekts wurden dann die entwickelten Maßnahmen gemeinsam mit dem Einzelhandel umgesetzt. Dabei handelt es sich einerseits um Serviceangebote für Radfahrerinnen und Radfahrer wie spezielle Einkaufstaschen für das Fahrrad, Luftpumpen, Flickzeug und Warnwesten. Für Kundinnen und Kunden des Shopping-Centers vor Ort wurde an einem Wochenende als besonderer Service ein einmaliger Testlauf mit einem Lieferdienst per Lastenrad durchgeführt. Daneben wurde für größere Transporte in Kooperation mit dem ADFC Berlin dauerhaft ein kostenfrei ausleihbares Lastenrad auf der Schönhauser Allee platziert. Um infrastrukturelle Veränderungen anzustoßen, wurde dem Bezirk Standortvorschläge für zusätzliche Fahrradbügel und fest installierte, öffentliche Luftpumpen vorgelegt. Auch die Prüfung von neuen Verfahren zur effizienteren Beseitigung von Schrotträdern wurde initiiert. Um die Situation für Radfahrerinnen und Radfahrer vor dem lokalen Shopping-Center zu verbessern, wurden verschiedene Vorschläge entwickelt, die vom Centermanagement im Nachgang des Projekts umgesetzt werden.

Der Zukunftsworkshop mit den Einzelhändlerinnen und Einzelhändlern bildete die Keimzelle der gemeinsamen Arbeit. Sie dafür zu gewinnen erforderte eine wiederholte, persönliche Ansprache. Trotz intensiver Bemühungen konnten letztlich nur zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewonnen werden, die allerdings äußerst engagiert waren und kreative Ideen entwickelten, um den Einkauf mit dem Rad attraktiver zu gestalten. Um die Umsetzung der Ideen zu strukturieren gab es regelmäßige Arbeitstreffen mit den Händlerinnen und Händlern, an denen meist nur ein kleiner Kern teilnahm. Zusätzlich wurde der Arbeitsfortschritt über vor Ort verteilte Newsletter und persönliche Gespräche kommuniziert. Hier zeigte sich, dass sich viele gedanklich durchaus mit dem Vorhaben auseinandersetzten, auch wenn sie nicht zu den Arbeitstreffen kamen. Auch konnten durch die zügige Umsetzung erster Service-Angebote und die Kommunikation dieser weitere Händlerinnen und Händler dafür gewonnen werden, sich zu beteiligen.

Gefördert wurde das Projekt im Rahmen des Nationalen Radverkehrspland 2020. Es wurde angestrebt, dass die umgesetzten Lösungen von einer dann etablierten Interessengemeinschaft des Einzelhandels weitergeführt und weiterentwickelt werden. Dies ließ sich nicht realisieren. Dennoch greift das Centermanagement des lokalen Shopping-Centers zentrale Gedanken und Maßnahmen aus dem Projekt auf und setzt sie um.

Es gab regelmäßigen Austausch mit verschiedenen relevanten Ämtern auf Bezirksebene sowie mit der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Zudem wurde von Beginn an eine breite Vernetzung mit lokalen Initiativen, Institutionen aus dem Bereich Mobilität/ Radverkehr, Wirtschaftsverbänden und anderen Händlergemeinschaften hergestellt.

Ein zentrales Ergebnis aus dem Projekt ist, dass sich durch den Aktivierungsprozess das Bewusstsein der Beteiligten in Bezug zur verkehrlichen Situation und zu den Bedarfen der Radfahrerinnen und Radfahrer durchaus verändert hat – ein zunächst unscheinbarer Erfolg, der allerdings mit Blick auf zukünftige Neuplanungen noch von großem Wert sein kann. Darüber hinaus galt es, tatsächliche Einflussmöglichkeiten für den Handel zu schaffen und dabei verlässlich zu handeln. Dies gelang im Rahmen des Projekts zumindest immer dann, wenn die Maßnahmen unabhängig von der öffentlichen Hand durchgeführt werden konnten. Durch eine zügige Umsetzung von Service-Angeboten, die die Händlerinnen und Händler und die TU Berlin in eigener Regie implementieren konnten, wurde eine gewisse Sichtbarkeit und Bekanntheit erreicht. So wurde den Beteiligten deutlich, dass die Ideen, die sie gemeinsam entwickelt haben, ernstgenommen und realisiert werden. Die implementierten Serviceangebote für Radfahrende sind auch nach Projektende weitgehend noch verfügbar.

Das Projekt stieß immer dann an seine Grenzen, wenn es um Maßnahmen und Veränderungen im öffentlichen Straßenland ging. Viele der Ideen für eine „Schönhauser-Rad-Allee“ bezogen sich neben den bereits erwähnten Service-Angeboten auf funktionale, verkehrliche Aspekte und gestalterische Elemente. Gerade solche sicht- und spürbaren Eingriffe in den öffentlichen Raum wären für die Ausgestaltung der Schönhauser Allee im Sinne eines Ortes zum „flanieren, radeln und einkaufen“ wichtig gewesen. Es zeichnete sich jedoch ab, dass aufgrund unterschiedlicher Planungsprozesse, -horizonte, -prioritäten und -ressourcen auf Seiten der öffentlichen Verwaltung solche Maßnahmen im Rahmen der Projektlaufzeit nicht umgesetzt werden konnten.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Zentraler Aspekt des Projekts „2Rad 1Kauf 0Emission“ ist die Ertüchtigung von Einzelhändlerinnen, gemeinsam Initiativen ins Leben zu rufen, um den Einkauf mit dem Rad gezielt attraktiver zu gestalten und somit ihren Einkaufsstandort als fahrradfreundlich zu positionieren. Bezüglich der Übertragbarkeit geht es dabei in erster Linie um den Prozess der Aktivierung, Sensibilisierung und Maßnahmenentwicklung und nur nachrangig um die konkreten Maßnahmen. Die Herangehensweise aber auch die entwickelten Lösungen lassen sich auf andere innerstädtische Einkaufsstraßen anwenden. Insbesondere bei anstehenden räumlichen Umgestaltungen bietet ein integrierter Planungsansatz mit umfassenden Aktivierungs- und Mitgestaltungsprozessen auch in anderen Kontexten zahlreiche Potenziale.

Finanzierung

Finanzierung: 
Bundesmittel
Gesamtvolumen: 
324 584 €
Erläuterungen: 

Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans 2020 gefördert.

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 

Qualitative Kurzinterviews am Ende des Projekts mit den beteiligten Einzelhändlerinnen und Einzelhändlern.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 

Technische Universität Berlin, Fachgebiete "Integrierte Verkehrsplanung" und "Stadt- und Regionalökonomie"

Projektbeteiligte: 
  • Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin
  • Bezirksamt Pankow von Berlin
  • Einzelhandel
  • Interessenverbände

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Mai 2016
Projektende: 
August 2018

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 

Prof. Dr. Oliver Schwedes
Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung
Salzufer 17 / 19,  10587 Berlin
Telefon: +49 30 314 - 78767
Telefax: +49 30 314 - 27875
oliver.schwedes@tu-berlin.de
https://www.ivp.tu-berlin.de/

Meta-Info
Stand der Information
31. Januar 2019
Autor
Benjamin Sternkopf (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung der TU-Berlin), Susanne Thomaier (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Stadt- und Regionalökonomie der TU-Berlin)
NRVP-Handlungsfelder
Mobilitäts- und Verkehrserziehung
Fahrradthemen
Ausgewählte Zielgruppen
Mobilitätsverhalten
Schlagworte
Einkauf
Einzelhandel
Land
Berlin