Sie sind hier

Den Alltag mit dem Fahrrad organisieren

Familien aufs Rad bringen

Kinder auf Fahrrädern
Kinder auf Fahrrädern © Sabine Schulten
Die Mobilität von Familien ist vielfältig und von komplexen Wegeketten geprägt. Oft geht es um die Herausforderung, die täglichen Wege möglichst effizient zu gestalten und zu kombinieren, um so viel Familienzeit wie möglich zu haben. Das Auto ist für viele Familien daher die Lösung. Es geht aber auch anders, wenn das Angebot stimmt.

Einführung

Die Definition der Familie „verheiratetes Paar mit Kindern und einer klaren Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau“ hat sich aufgrund von Arbeitsteilung und dem Aufbrechen der althergebrachten Geschlechterrollen verändert. Nicht nur das, Familie ist heutzutage vielfältiger denn je: Patchworkfamilien, Alleinerziehende, Regenbogenfamilien – um nur einige Beispiele zu nennen. In der Organisation und dem Zusammenspiel von jeder Art von Familie spielen Mobilität, alltägliche Aktivitäten und Zeitbudgets eine wichtige Rolle. Familienmobilität ist dabei von einer großen Spannbreite außerhäuslicher Pflicht- und Arbeitsaktivitäten geprägt, die etwa zwei Drittel aller Wege ausmachen.

Mobilitätsverhalten

Wie mobil sind Familien und wie sind Familien mobil?

Eltern

Eltern sind hochmobil – vor allem im Vergleich zu Singles und Paaren ohne Kinder in der gleichen Altersgruppe legen sie mehr Wege je Tag zurück. Dabei sind Alleinerziehende mit durchschnittlich 4,2 Wegen pro Tag die Mobilsten, Eltern in Paarhaushalten kommen täglich auf 3,7 Wege. Im Vergleich dazu kommen Paare (im Elternalter) ohne Kinder auf 3,2 Wege pro Tag. Zwei Drittel aller Wege innerhalb der Familienmobilität nehmen außerhäusliche Pflicht- und Arbeitsaktivitäten ein. Dazu gehören beispielsweise Erwerbsarbeit und Ausbildung, aber auch Familien- und Haushaltsarbeit, zu der die Begleitung von Kindern und anderen Angehörigen zählt [BMVI 2015].

Die Verkehrsmittelwahl von Eltern ist eindeutig: 98% der Familien in Deutschland besitzen mindestens einen Pkw (alle Haushalte: 82%), und mehr als die Hälfte der Familienhaushalte besitzen zwei oder mehr Pkw. Dabei geben etwa 80% der Eltern an, jederzeit über einen Pkw verfügen zu können. Denn darin sehen viele Menschen für die sich mit Familienzuwachs verändernden Wege die Lösung, die Mobilitätsbedürfnisse der Familie mit den eigenen beruflichen zu vereinbaren. Und dennoch: Eltern legen – trotz dieser hohen Pkw-Verfügbarkeit – ein Drittel ihrer Wege mit einem anderen Verkehrsmittel zurück: 20% zu Fuß, 9% mit dem Rad und 5% mit öffentlichen Verkehrsmitteln [MiD 2008].

INFOBOX: Radfahren in der Schwangerschaft und mit Baby

Wieso steigen so viele Eltern bei der Geburt eines Kindes vom Fahrrad auf das Auto um? Welche Hindernisse gibt es, die Radfahren in dieser Umbruchphase offensichtlich unattraktiv erscheinen lassen? Welche Möglichkeiten gibt es, Eltern die Fahrradnutzung zu erleichtern? Und ist es dazu sinnvoll, werdende und junge Eltern über Kurse der Geburtshilfe und Hebammen anzusprechen? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich das NRVP-Projekt „Fördern und Stärken der Fahrradnutzung bei jungen Familien nach der Geburt von Kindern“. Das Gesamtziel des Projektes ist in drei Teilziele unterteilt:

  • Was hemmt junge/werdende Eltern, Fahrrad zu fahren?
  • Wie können diese Hemmnisse überwunden werden?
  • Wie kann gemeinsam mit Hebammen und Geburtskliniken die Fahrradnutzung gefördert werden?

Im Rahmen einer Onlinebefragung wurden Schwangere und Eltern mit Baby zum Thema Radfahren befragt, um Hemmnisse und Bedürfnisse zum Radfahren in der Schwangerschaft und mit Baby herauszufinden. Aus der Anzahl der ausgefüllten Fragebögen (ca. 650) und der ablesbaren hohen Fahrradaffinität lassen sich zwar keine repräsentativen Daten ableiten, aber es wurde selbst unter den radaffinen Umfrageteilnehmenden eine hohe Anzahl an Hemmnissen und Bedürfnissen genannt, die das Mobilitätsverhalten in der Schwangerschaft und im Anschluss mit Baby zu Ungunsten des Fahrrades verändern. Auf der Grundlage dieser Aussagen könnten Maßnahmen zur Radverkehrsförderung abgeleitet werden [Gering/Eberhardt 2017].

Um die Hemmschwelle beim Radfahren mit Baby zu verringern, gibt es im Rahmen des Projektes Proberadel-Aktionstage. Dabei haben Schwangere und Eltern mit Baby die Möglichkeit, kostenlos Lastenräder und Fahrradanhänger Probe zu fahren. Es stehen Modelle für die Mitnahme von einem Kind und von zwei Kindern bereit, um so auch deutlich zu machen, dass Radfahren im Alltag auch mit Geschwisterkindern möglich ist.

Kinder und Jugendliche

Kinder und Jugendliche legen ihre individuellen Wege überwiegend zu Fuß oder mit dem Rad zurück. Die Kampagne „Zu Fuß zur Schule“, die seit 2009 gemeinsam vom Kinderhilfswerk und dem Verkehrsclub Deutschland e.V. (VCD) durchgeführt wird, hat im Rahmen einer Umfrage unter den Teilnehmenden diese These untersucht und festgestellt, dass vier von fünf Kindern am liebsten ge­mein­­sam mit Freunden oder Ge­schwistern zur Schule gehen und nicht mit dem Auto ge­fahren werden wollen. Allerdings sind Kinder heutzutage selten allein unterwegs: Auf fast allen Wegen werden sie von Eltern oder Großeltern begleitet. Im Jahr 2000 waren nur 17% der Erstklässler ohne Begleitung zur Schule unterwegs, während es 1970 noch 91% waren. Abhängig vom Alter der Kinder werden zwischen 36% und 57% der Schulwege im Auto der Eltern zurückgelegt. Die Begleitmobilität nimmt mit dem Alter der Kinder zwar ab und ist bei Mädchen stärker ausgeprägt als bei Jungen. Im Trend jedoch nimmt sie weiter zu [Hänel 2012].

Um die Motivation der Kinder und Jugendlichen, ihre Wege mit dem Rad oder zu Fuß zurückzulegen zu fördern und sie gleichzeitig an eine nachhaltige Mobilität heranzuführen, muss die Gestaltung der Fuß- und Radverkehrsinfrastruktur auf die spezifischen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen abgestimmt sein.

Familienmobilität mit dem Fahrrad

Fahrradnutzung insgesamt und in der Familie variiert stark von Stadt zu Stadt, aber auch innerhalb der ländlichen Regionen gibt es Unterschiede. Räume wie das Emsland beispielsweise werden in der Studie „Familienmobilität im Alltag“ durchaus als sehr fahrradorientiert bewertet, gleichzeitig gibt es Städte in anderen Regionen, die aufgrund der jahrelangen Pkw-orientierten Verkehrspolitik als wenig fahrradfreundlich und entsprechend verkehrsunsicher geschildert werden. Es sind jedoch nicht nur externe Faktoren, die eine Rolle bei der Fahrradnutzung spielen, es geht beispielsweise auch um die als angemessen empfundene Entfernung, die mit dem Fahrrad zurückgelegt werden kann [Bauer et al. 2017].

Radfahrer mit Kind auf dem Kindersitz
Radfahrer mit Kind auf dem Kindersitz © Doris Reichel

Wie kann das Fahrrad den Mobilitätsansprüchen einer Familie gerecht werden?

Familien stehen also vor großen Herausforderungen, wenn sie ihr Mobilitätsverhalten nach nachhaltigen Gesichtspunkten ausrichten möchten: Wie kommt das Kind sicher in die Schule und danach zur Musikschule? Wie kann der Großeinkauf mit dem Rad bewältigt werden? Wo kann das hochwertige Lastenrad untergestellt werden? Dies sind nur drei von vielen Fragen, die sich Eltern dabei stellen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Mobilität von Eltern und Kindern die wertvolle verfügbare Zeit in Familien bestimmt. Daher ist es für die Förderung einer nachhaltigen Familienmobilität von hoher Bedeutung, dass Wege effizient und sicher miteinander verbunden werden können. Um dies zu unterstützen, sollte die bisherige auf die automobile Gesellschaft ausgerichtete Verkehrs- und Siedlungsstruktur sowie der öffentliche Raum in Städten und ländlichen Regionen verändert werden.

Netzgestaltung und Gewährleistung der Verkehrssicherheit

Eine familiengerechte Radverkehrsplanung sollte neben den bereits angesprochenen Aspekten auch eine sichere Infrastruktur und ein flächendeckendes Rad- und Fußverkehrsnetz bieten. Um Kinder und Jugendliche in ihrer eigenständigen Mobilität zu unterstützen und Eltern gleichzeitig davon zu überzeugen, dass ihre Kinder die Wege nicht mit dem Auto zurücklegen müssen, sollte dieses Netz relevante Aufenthalts- und Spielorte direkt miteinander verbinden. Darüber hinaus ist es von Bedeutung, wichtige Quell- und Zielorte – also Orte aus dem Arbeits-, Einkaufs- und Freizeitbereich – miteinander sowie mit den Wohnvierteln in diesem Netz zu verbinden. Eine verständliche Beschilderung und eine sichere Nutzung sowohl tagsüber als auch bei Dunkelheit sollten ebenfalls Bestandteil des Fuß- und Radverkehrsnetzes sein.

Zusammengefasst geht es insbesondere

  • um ein flächendeckendes sicheres Fuß- und Radwegenetz, unterteilt in Haupt- und Nebenrouten,
  • um sichere und möglichst direkte Wege zwischen allen relevanten Quell- und Zielorten,
  • um eine sichere Führung des Radverkehrs an Knotenpunkten und
  • um fuß- und radverkehrsfreundliche Ampelschaltungen.

Bei einer familienfreundlichen Fuß- und Radverkehrsplanung zu berücksichtigen sind dabei insbesondere auch Rad fahrende Kinder auf Gehwegen.

  • Kinder unter 8 müssen auf dem Gehweg fahren und dürfen von Erwachsenen begleitet werden,
  • Kinder dürfen auf den Gehwegen in beide Richtungen fahren,
  • Kinder dürfen ab 8 auf sämtlichen Radwegen (baulich sowie Rad- und Schutzstreifen) fahren, müssen dies jedoch erst ab 10.

Entsprechend sind Gehwege, Furten und Sichtachsen so zu planen, dass weder Kinder noch deren Begleitpersonen und auch keine anderen Verkehrsteilnehmenden gefährdet werden.

INFOBOX: Verkehrsverhalten – Fähigkeiten zur sicheren Verkehrsteilnahme

Gefahren- und Sicherheitsbewusstsein

mit 5-6 Jahren:

akutes Gefahrenbewusstsein

mit ca. 8 Jahren:

vorausschauendes Gefahrenbewusstsein

mit ca. 9-10 Jahren:

Präventionsbewusstsein

Entfernungs- und Geschwindigkeitsschätzung

ab ca. 7 Jahren:

realistische Entfernungsschätzung

mit ca. 10 Jahren:

realistische Geschwindigkeitsschätzung

Soziale Fähigkeiten

ab ca. 8 Jahren:

Einfühlungsvermögen in andere Personen

Aufmerksamkeit und Konzentration

ab ca. 8 Jahren:

Konzentrationsfähigkeit über längere Zeit (z.B. Dauer des Schulweges), jedoch leicht ablenkbar

ab ca. 14 Jahren:

Konzentrationsfähigkeit voll ausgebildet

Verkehrsverhalten: Fähigkeiten zur sicheren Verkehrsteilnahme nach Verkehrsmitteln

Zu Fuß gehen:

ab 8 Jahren „einigermaßen sicher“

Radfahren:

ab 8 Jahren deutliche Verringerung des Fehlverhaltens
ab 14 Jahren sicheres Radfahren
jungenspezifisches Risikoverhalten führt zu erhöhtem Unfallrisiko

ÖV nutzen:

im Grundschulalter Fähigkeit zur selbstständigen ÖV-Nutzung
ab 11 bis 12 Jahren Fähigkeit zur umfassenden ÖV-Nutzung

[FGSV 2015]

Entgegen der subjektiven Annahmen vieler Eltern verunglücken die meisten Kinder im Alter zwischen 6 und 14 Jahre weder zu Fuß (23,2%) noch mit dem Rad (33,3%), sondern als Insassen in einem Pkw (37,5%) [Stete/Schober 2016]

Eigenständige Mobilität fördern

Wie eingangs beschrieben, hat die eigenständige Mobilität von Kindern deutlich abgenommen. Es ist unter anderem die Sorge um die Sicherheit der Kinder im Straßenverkehr, die Eltern dazu veranlasst, den selbständigen Aktionsradius zu beschränken, und ein wichtiger Grund für die hohe Anzahl der Wege, auf denen Eltern ihre Kinder im Alter bis zu zehn Jahren per Pkw bringen oder holen. Dieses Schutzbedürfnis findet sich mit den unterschiedlichsten Ausprägungen sowohl in der Großstadt z.B. mit ihrer sozialen Heterogenität und Kriminalität, aber auch im ländlichen Raum insbesondere hinsichtlich der Hauptverkehrsstraßen und der Geschwindigkeit des Pkw-Verkehrs. Dabei wird jedoch oftmals ignoriert, dass Verkehrssicherheit nur durch Praxis erworben werden kann. Je früher ein Kind herangeführt wird und lernt, sich selbständig und sicher im Straßenverkehr zu bewegen, desto besser kann es Risiken und Gefahren wahrnehmen und einschätzen [Stete/Schober 2016].

Kinder alleine unterwegs
Kinder alleine unterwegs © Sebastian Bührmann

Deutschlandweit gibt es unterschiedlichste Projekte und Kampagnen, die sich direkt an Schülerinnen und Schüler wenden, um eine eigenständige und nachhaltige Mobilität zu fördern. So möchte z.B. der VCD mit seiner Jugendkampagne FahrRad! Fürs Klima auf Tour Schülerinnen und Schüler motivieren, möglichst viele Schul- und Freizeitwege eigenständig mit dem Fahrrad zurückzulegen. Kommunen können diese und ähnliche Initiativen dadurch unterstützen, dass sie schulische und außerschulische Einrichtungen über derartige Angebote informieren und zur Teilnahme auffordern.

INFOBOX: Sicherer Schulweg

Ein Großteil der Verkehrsunfälle ereignet sich auf dem Weg zur bzw. von der Schule. Um Familien darin zu unterstützen, nachhaltig mobil zu sein, sollte die Erhöhung der Schulwegsicherheit zentraler Ansatzpunkt für Maßnahmen darstellen.

Die Gemeinschaftsgrundschule Hand und die Katholische Grundschule Hand in Bergisch Gladbach beispielsweise nehmen sich im Rahmen des Pilotprojektes „Geh-Spaß statt Elterntaxi“ das morgendliche Verkehrschaos vor den Schulen aus zwei verschiedenen Perspektiven vor. Zunächst ist der Verkehrsfluss infrastrukturell zu optimieren. Um das Chaos vor den Schulen zu entzerren, sollten in circa 300 bis 400 Meter Entfernung sogenannte Hol- und Bringzonen für die Eltern eingerichtet werden. Diese Zonen befinden sich bestenfalls in einer Lage, in der der Verkehr gut abfließen kann. Außerdem ist der restliche Fußweg für die Kinder bis zur Schule bzw. nach Unterrichtsende möglichst nicht auf den Hauptverkehrsachsen und gut zu beleuchten. Die andere Perspektive des Projektes ist die der Mobilitätserziehung. Das Mobilitätsverhalten eines Kindes ist meist geprägt durch das von den Eltern vorgelebte Mobilitätsverhalten. Die Eltern gelten in jeglicher Hinsicht als Vorbilder, so auch in Ihrem Verhalten, Wege im Alltag zurückzulegen. Daher sollte es schon frühzeitig Bestandteil sein, Kindern ein umweltbewusstes und nachhaltiges Verkehrsverhalten vorzuleben. Direkt nach Inbetriebnahme der Elterntaxihaltezonen hat die Schule das Verkehrszähmer-Programm des Zukunftsnetzes Mobilität NRW eingesetzt. Im Rahmen eines Belohnungssystems sammelt die Klassengemeinschaft „Sterne“, wenn sie zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem Bus zur Schule kommen oder an den Haltezonen von ihren Eltern herausgelassen werden.

Ein weiteres wichtiges Instrument sind Schulwegpläne für den Rad- und Fußverkehr unter Beteiligung der Kinder und Jugendlichen. Das Ellentalgymnasium in Bietigheim-Bissingen z.B. gründete 2011 unter Beteiligung der Schüler, Eltern, Lehrer und der Schulleitung eine Arbeitsgemeinschaft Radschulwegplan. Ziel war es, die Schüler zum Radfahren zu animieren und sichere Verbindungen zwischen der Schule und den Wohnorten der Schüler zu schaffen. Grundlage dieses Radschulwegplans ist ein webfähiges Geoinformationssystem, mit dem Schülerinnen und Schülern ihre täglich gefahrenen Radschulwege digital erfassen und auf Problemstellen entlang ihres Schulweges aufmerksam machen können. Die Bundesanstalt für Straßenwesen (bast) hat 2012 den Leitfaden „Schulwegpläne leicht gemacht“ herausgegeben. Der Radschulwegplaner Baden-Württemberg ermöglicht seit dem Schuljahr 2016/17 Schulkindern und Eltern die digitale Erfassung von Schulwegen. Problemstellen können markiert und kommentiert werden. Die Erkenntnisse fließen in die Erstellung von Radschulwegplänen ein, die betroffene Kommune kann Gefahrenstellen entschärfen. Damit erhalten Schulkinder und ihre Eltern die Möglichkeit, aktiv an der Verbesserung der Verkehrssicherheit mitzuwirken. Mit Hilfe der Schulwegcheck-App können sich Kinder und Jugendliche ebenfalls aktiv an der Erstellung von Kinderstadtplänen und Schulwegplänen beteiligen. Es ist möglich, neben Mängeln auch interessante Orte in Kommunen zu markieren. Alle Einträge sind auf der Webseite des Projektes dargestellt. Interessierte können sich so ihren eigenen, den persönlichen Bedürfnissen entsprechenden Schul- oder Freizeitplan ausdrucken [Leven 2014].

Stadtentwicklung, Aufenthaltsqualität und Wohnumfeld

In suburbanen, ländlichen Räumen, aber auch in städtischen Randlagen mit weniger dichten ÖPNV-Angeboten ist die Mobilität insgesamt und der Familien insbesondere stärker durch das Auto geprägt. Daher sollten Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit Familien – unabhängig von ihrem Wohnort – ihre Mobilität auch ohne Auto optimal koordinieren können und Kinder und Jugendliche sicher und eigenständig mobil sein können. Zentrales Element ist dabei die Förderung der Nahmobilität. Daneben ist eine gute Bildungs- und Nahversorgungsinfrastruktur von hoher Bedeutung, um ein Wohnquartier zu einem Lebensraum zu machen. Damit sich Kinder und Jugendliche frei entfalten können, sind Aufenthaltsqualität des Wohnumfeldes sowie das vorhandene Flächenangebot für den nicht-motorisierten Verkehr wesentlich.

Für die Stadt Freiburg z.B. besteht mit der Einrichtung verkehrsberuhigter Bereiche eine wichtige Möglichkeit, die Umfeldqualität in Wohnquartieren zu verbessern. Seit Anfang der 1980er-Jahre werden in Neubaugebieten vermehrt verkehrsberuhigte Bereiche ausgewiesen. Ergänzend dazu entwickelte die Stadt für den Bestand der Straßen in älteren Wohngebieten ein besonderes Konzept. Auf Antrag der Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner in bestehenden Wohnstraßen werden diese mit kostengünstigen Maßnahmen so umgestaltet, dass sie als verkehrsberuhigte Bereiche ausgewiesen werden können. Dazu dienen beispielsweise Querstreifen, Markierungen, Poller oder auch versetzte Parkplätze. Die Vorgehensweise bei einer Umwandlung einer bestehenden Wohnstraße in einen verkehrsberuhigten Bereich finden die Anwohner auf den Internetseiten des Garten- und Tiefbauamtes der Stadt Freiburg.

Anhänger, Lastenräder und hochwertige Fahrradabstellanlagen

Wie soll ich den Wochenendeinkauf mit dem Fahrrad bewerkstelligen, und wenn ich mir ein teures Lastenrad kaufe, wo stelle ich es dann sicher unter? Diese Fragen stellen sich viele Familien, die ihre Mobilität unter nachhaltigen Gesichtspunkten verändern möchten. In Kopenhagen z.B. haben 28  % aller Familien mit zwei Kindern ein Lastenrad [Behrensen 2017]. Das Projekt cyclelogistics kommt im Rahmen einer Untersuchung von 6.000 Einkäufen an Super- und Baumärkten zu dem Ergebnis, dass 51 % aller motorisierten Transporte in europäischen Städten auf Fahrräder, Radanhänger oder Lastenräder verlagert werden könnten. Das tatsächlich größte Potenzial zur Verlagerung haben die privaten Fahrten mit 69 %. Das Fahrradportal-Schwerpunktthema „Die (Wieder-)Entdeckung der Transporträder. Alternativen für den privaten und wirtschaftlichen Lastentransport“ gibt zahlreiche Informationen zu Lastenrädern, angefangen bei den unterschiedlichen Arten bis hin zu Lastenrad-Sharing.

In Städten wie Berlin, München, Hamburg oder Köln gehören mittlerweile Familien, die mit einem Lastenrad unterwegs sind, zum Stadtbild. Seit dem 01.01.2017 fördert neben Wien und Oslo auch die Stadt München den privaten E-Lastenradkauf mit 1.000 Euro, als Grundlage dafür dient die Förderrichtlinie Elektromobilität. Mit einem finanziellen Anreiz können Kommunen es schaffen, Familien in ihrer nachhaltigen Mobilität zu unterstützen.

Großeinkauf mit dem Fahrrad
Großeinkauf mit dem Fahrrad © Jörg Thiemann-Linden

 

Wenn sich eine Familie beispielsweise für ein teures Elektrolastenrad entschieden hat, steht häufig die Frage im Raum, wo es sicher abgestellt werden kann. In vielen Städten fehlen sichere und ausreichend dimensionierte Abstellmöglichkeiten für Lastenräder oder Räder mit Anhänger – sowohl an wichtigen Quell- und Zielorten im Straßenraum als auch bei Wohngebäuden. Die Stadt Potsdam hat sich dem Thema Fahrradparken bei Wohngebäuden angenommen und in enger Zusammenarbeit mit der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft ProPotsdam einen Leitfaden zur Planung von Fahrradabstellplätzen bei Wohngebäuden erstellen lassen. Der Leitfaden richtet sich an Wohnungsbauunternehmen und soll ihnen für unterschiedliche Aufgaben (Neubau, Bestandsentwicklung) und für unterschiedliche Gebäude- und Siedlungstypen Möglichkeiten der Integration von sicheren und gut nutzbaren Fahrradabstellplätzen aufzeigen. Wichtig sind aber eben auch ausreichend dimensionierte Abstellmöglichkeiten im Straßenraum. Die Stadt Osnabrück hat beispielsweise im Rahmen des Projektes Mobile Zukunft unter dem Motto „Lass dein Lastentier hier“ im Innenstadtbereich 32 Anlehnbügel installiert, die durch einen vergrößerten Abstand auch für das gesicherte Abstellen von Lastenrädern geeignet sind.

 

CHECKLISTE: Planung einer familienfreundlichen Radverkehrsinfrastruktur

  • Familienfreundliche und kindgerechte Straßenraumgestaltung.
  • Bei Rad- und Fußverkehrsplanung Kinderradverkehr auf Gehwegen berücksichtigen (Freihalten von Sichtachsen, Gestaltung von Furten etc.).
  • Stadtumfassendes Netz sicherer und qualitativ hochwertiger Rad- und Fußwegeverbindungen.
  • Regelgeschwindigkeit von 30 km/h innerorts.
  • Einführung familienübergreifender Kooperationsmodelle, z.B. walking bus, cycling bus.
  • Sichere Radverkehrsführungen (unter Berücksichtigung der ERA 2010).
  • Finanzielle Anreize für den Privatkauf von Lastenrädern.
  • Einrichtung hochwertiger Fahrradabstellanlagen – auch für Kinderräder und Räder mit Anhängern oder Lastenräder – im gesamten kommunalen Raum, insbesondere an neuralgischen Punkten.

Zusammenfassung und Ausblick

Familien können auch ohne Auto mobil sein – dafür müssen allerdings viele Faktoren in der Stadt- und Verkehrsplanung berücksichtigt werden und ineinandergreifen. Einer der wichtigsten Punkte ist dabei, Kindern und Jugendlichen durch eine entsprechend sichere und zuverlässige Infrastruktur wieder die Möglichkeit zu geben, eigenständig mobil zu sein. So kann es funktionieren, dass einerseits die gesammelten positiven Erfahrungen in Kindheit und Jugendzeit maßgeblich für ihr künftiges nachhaltiges Verkehrsverhalten sind. Andererseits können die Eltern so auch sicher sein, dass ihre Kinder entsprechend sicher zur Schule, zu Freunden oder einfach nur zum Spielplatz kommen.

Literatur

[Bauer et al. 2017]
Bauer, Uta, Melanie Herget, Wilko Manz, Joachim Scheiner (2017)
[Behrensen 2017]
Behrensen, Arne (2017)
[BMVI 2015]
abgerufen am 22.09.2017; Bearb.: Uta Bauer, Melanie Herget, Wilko Manz, Joachim Scheiner
BMVI (2015) (Hrsg.)
[FGSV 2015]
abgerufen am 10.07.2017
Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (2015)
[Gering/Eberhardt 2017]
abgerufen am 31.08.2017
Gering, Anna, und Hannah Eberhardt (2017)
[Hänel 2012]
in: AKP, Fachzeitschrift für Alternative Kommunal Politik, 4/2012, S. 46-47
Hänel, Anja (2012)
[Leven 2014]
in: mobilogisch 3/2014, S. 43 f.
Leven, Jens (2014)
[MiD 2008]
infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft; Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
[Stete/Schober 2016]
in: Straßenverkehrstechnik, 8/2016, S. 509-516
Stete, Gisela, und Anna Schober (2016)
Meta Infos
Nummer
SPT 10
Stand der Information
6. November 2017
Handlungsfelder NRVP
Radverkehrsplanung und -konzeption
Fahrradthemen
Ausgewählte Zielgruppen
Mobilitätsverhalten
Schlagworte
Kinder / Jugendliche