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Bauliche Maßnahmen allein reichen nicht

Quantitative Studie zu Motiven und Barrieren des Radfahrens in Deutschland

Studie "I want to ride my bicycle" 2018
Studie "I want to ride my bicycle" 2018 © GIM l Gesellschaft für Innovative Marktforschung mbH

Die im September 2018 veröffentlichte GIM-Studie "I want to ride my bicycle - Quantitative Studie zu Motiven und Barrieren des Radfahrens in Deutschland" beantwortet unter anderem folgende Fragen:

  • Welche verschiedenen Nutzertypen existieren? 
  • Was sind ihre spezifischen Bedürfnisse und Anforderungen beim Radfahren? 
  • Welche Einstellungen und Werte bestehen mit Blick aufs Radfahren? 
  • Was treibt die Typen im Rahmen der Fahrradnutzung an, was hemmt sie?
  • Welche spezifischen Funktionen erfüllen Fahrräder für sie?

Neben der Typologie präsentiert die Studie auch generelle Fakten darüber, wie in Deutschland Rad gefahren wird. So nutzt beispielsweise knapp die Hälfte aller Deutschen (49 Prozent) ein Fahrrad im Alltag - was es nach dem Auto zum meist verbreiteten Verkehrsmittel macht. Besonders häufig kommt das Fahrrad bei Wegen im Kontext von Sport (45 Prozent Radnutzung) oder Erholung (34 Prozent Radnutzung) zum Einsatz. Viel Potenzial besteht hingegen mit Blick auf den Arbeitsweg: lediglich 16 Prozent aller Arbeitswege werden mit dem Fahrrad zurückgelegt. Die Top-Barrieren lauten hier: zu weite Wege (44 Prozent), zu lange Dauer (43 Prozent) und verschwitzt bei der Arbeit ankommen (27 Prozent).

Zusammenfassung der Studie

Es gibt "5 Types of Cyclists"
Die bundesdeutsche Bevölkerung lässt sich in 5 Radfahrertypen unterteilen, die sich in Bezug auf ihre Einstellung zum Radfahren (Hedonistisch vs. Pragmatisch) und ihr Verhalten (Häufigkeit des Radfahrens) unterscheiden: die Young Urban Bikers, die Everday Bike Troupers, die Bike Refuseniks, die Pragmatic Cyclists und die Sunday Bike Enthusiasts.

Je weniger man Rad fährt, desto eher nimmt man die Mängel der Infrastruktur wahr
Die wahrgenommene Sicherheit beim Radfahren unterscheidet sich auch bei der vorliegenden Studie zwischen den Segmenten – auch wenn sie nicht die einzige trennende Dimension ist. Es zeigt sich, dass Wenigfahrer die Fahrradinfrastruktur ihrer Stadt häufiger schlechter bewerten, als Vielfahrer. Interessanterweise spiegelt sich diese Bewertung aber nicht in den anlassbezogenen Barrieren wider. Es scheint eher so, als ob das Rad im konkreten Anlass einfach nicht im unmittelbaren Bewusstsein der Wenigfahrer ist und somit weniger habitualisiert genutzt wird.

Mobilitätsrevolution: Das E-Bike/Pedelec als ernstzunehmende Alternative zum Auto?
Viele der von fast allen Radfahrertypen aufgeführten Barrieren gegenüber dem Radfahren (weite & lange Strecken, schwitzen beim Radfahren, sich nicht fit genug fühlen etc.) können vom E-Bike/Pedelec ausgeglichen werden. Man schwitzt nicht mehr, die Distanzen und Zeiten schrumpfen in der Wahrnehmung u.v.m. Diese mögliche Revolution wird verstärkt, indem die Young Urban Bikers (jüngste Zielgruppe) schon jetzt den höchsten E-Bike/Pedelec-Share aufweisen (und höchsten Lastenräder-Anteil): es wächst sozusagen eine Generation heran, für die das Auto nicht mehr die Lösung aller Mobilitätsprobleme ist, sondern die viel eher im Fahrrad – egal, in welcher Gestalt – eine Lösung sieht.

Empfehlungen der Autoren

Ausbau der Fahrradinfrastruktur erforderlich
In Anbetracht dessen, dass über die Hälfte der Deutschen die Fahrradinfrastruktur als befriedigend und schlechter erlebt und dass vor allem Wenigradfahrer die Infrastruktur als schlecht erleben, muss natürlich weiterhin alles dafür getan werden, die Fahrradinfrastruktur zu verbessern. Dass dies nicht immer mit teuren baulichen Maßnahmen einhergehen muss, zeigen die Anfänge der Kopenhagener Fahrradpolitik (Umwidmung von Autospuren zu Fahrradspuren).

Bauliche Maßnahmen nicht alleiniges Mittel, es müssen Motive gefördert werden
Es zeigt sich aber auch, dass auf den konkreten Anlass bezogen, eine schlechte Infrastruktur selten als Top-Barriere für die Fahrradnutzung betrachtet wurde. Immerhin zwei Typen, die nicht häufig im Alltag Radfahren, dies aber nicht kategorisch ablehnen (Sunday Bike Enthusiasts, Pragmatic Cyclists), könnten auch mit anderen Lösungen (ob kommunikativ oder serviceorientiert) an das Thema Alltagsradfahren herangeführt werden. Dabei sollte der Blick auch mal auf die Motive für das Radfahren im Alltag gelegt werden (z.B. Kaufprämien für E-Bikes, steuerliche Begünstigung des beruflichen Pendelverkehrs mit dem Fahrrad, kostenlose Fahrtrainings durch die Kommune, Leihmöglichkeit für E-Lastenräder etc.). Hier gilt es typenspezifische und je nach Kommune angepasste Lösungen zu suchen!

Die Fahrradindustrie muss umfassende Mobilitätslösungen anbieten
Der Fahrradmarkt floriert und die Kategorien differenzieren sich täglich aus. An was es jedoch mangelt, sind Mobilitätslösungen aus einer Hand. Das Auto wird zur Zeit noch als umfassender Mobilitätsproblemlöser wahrgenommen (zumindest im ländlichen Raum), das Fahrrad im Gegensatz dazu noch immer als "Sportgerät" (Sunday Bike Enthusiasts) oder "umständliches Alltagsgefährt" (Pragmatic Cyclists). Smarte Lösungen in Bezug auf das sichere Parken, die allgemeine Verkehrssicherheit der Räder, das Angebot an bürotauglicher Radkleidung etc. sind nur einige Ideen, die gebündelt und typengerecht angeboten werden müssen. Hier gilt es Lösungen gemeinsam mit den jeweiligen Radfahrertypen zu entwickeln

Für die Studie wurden 1.900 Erwachsene ab 18 Jahren online befragt. Die Gesellschaft für Innovative Marktforschung ist ein international agierendes Marktforschungsunternehmen mit Sitz in Heidelberg und Niederlassungen in Berlin, Nürnberg, Lyon, Zürich und Shanghai.

Meta Infos
Stand der Information
24. September 2018
Weitere Informationen
Quelle
Studie "I want to ride my bicycle" - GIM l Gesellschaft für Innovative Marktforschung mbH
Land
Deutschland
Handlungsfelder NRVP
Fahrradthemen
Schlagworte