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Niederlande

Migranten fahren mehr Fahrrad, wenn die Infrastruktur gut ist

Ein Fahrrad mit Fahrradkorb
© Ralf Winkler

Niederlande: Integration durch Fahrradnutzung? Auch Türken und Marokkaner fahren mehr Fahrrad, wenn die Infrastruktur gut ist (Ook Allochtonen fietsen meer bij goede fietsinfrastructuur)

Die aus nicht-westlichen Ländern in die Niederlande zugereisten Menschen fahren öfter mit öffentlichen Verkehrsmitteln und weniger oft mit dem Fahrrad als die übrige Bevölkerung. 25% der Haushalte dieser Menschen sind ohne Fahrrad – unter den eingesessenen Niederländern dagegen nur 3%. In Gemeinden mit einer guten Fahrradinfrastruktur ist die Fahrradnutzung von Zuwanderern jedoch ungefähr doppelt so hoch wie in Gemeinden mit schlechter Fahrradinfrastruktur.

Eine vom "Sociaal und Cultureel Planbureau" (SCP) im Auftrag des niederländischen Ministeriums für Verkehr und Wasserwirtschaft erarbeitete Vergleichstudie zum Mobilitätsverhalten von Allochtonen (Allochtonen = von fremdem Boden stammend) und Autochtonen (aus den Niederlanden stammende Personen).

Ein großer Teil der Bevölkerung der niederländischen Großstädte besteht aus nicht-westlichen Allochtonen. Während es in den vergangenen Jahren viele Untersuchungen über die Lebensverhältnisse dieser Gruppen gab, war über deren Mobilitätsverhalten noch wenig bekannt. Wir oft sind sie unterwegs, und zu welchen Tätigkeiten? Welche Entfernungen legen sie dabei zurück, und welche Fahrzeuge nutzen sie dabei? Ist das Mobilitätsverhalten anders als das von autochthonen Niederländern, oder stimmt es weitgehend überein? Die Untersuchung umfasst Daten zur Mobilität von Türken, Marokkanern, und Menschen aus Surinam, den Antillen und von Autochtonen aus den fünfzig größten niederländischen Städten 2004 und 2005. Erhoben wurden dabei unter anderem Daten zum Fahrrad-, Auto- und Führerscheinbesitz, und zur Nutzung von Autos, öffentlichen Verkehrsmitteln und Fahrrädern für unterschiedliche Aktivitäten.

Die Ergebnisse zeigen, dass ein Viertel der Türken, ein Drittel der marokkanischen und surinamesischen und fast die Hälfte der Haushalte der von den Antillen stammenden Menschen über kein Auto verfügen. Unter den untersuchten städtischen Haushalten der Autochtonen besitzen dagegen nur 15% kein Auto. Der autochtonen Bevölkerung stehen 97% ein oder mehrere Fahrräder zur Verfügung. Für Allochtonen gilt dies in viel geringerem Maße: nur in drei Viertel aller Fälle gibt es ein Fahrrad im Haushalt.

Allochtonen unternehmen weniger häufig Wege als Autochtonen. Besonders Türken und Marokkaner sind weniger oft unterwegs. Das kommt vor allem daher, dass türkische und marokkanische Frauen oft nicht aus dem Haus gehen. Die Wegelängen, die Allochtonen zurücklegen, sind auch relativ geringer als bei Autochtonen: Türken und Marokkaner legen pro Tag im Mittel 18 Kilometer, die Menschen aus Surinam und von den Antillen 24 Kilometer und Autochtone 34 Kilometer zurück.

Türken fahren zwar öfter Auto (64% aller Fahrten) als Autochtone (55%). Marokkaner (51%), Surinamer (50%) und Antillianer (43%) fahren aber deutlich weniger Auto. Die Unterschiede im Autogebrauch können teilweise durch sozio-ökonomische und räumliche Unterschiede zwischen Allochtonen und Autochtonen erklärt werden, beispielsweise mit dem Anteil an Berufstätigen und dem genauen Wohnort. Das gilt jedoch nicht für die Türken: sie sind auch bei gleich bleibenden übrigen Umständen öfter mit dem Auto unterwegs (64% der Fahrten) als Autochtone (55%).

Vor allem Menschen aus Surinam und von den Antillen reisen oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln, ungefähr ein Fünftel bis ein Viertel aller durchgeführten Fahrten werden mit Bus, Tram, Metro oder Zug gemacht. Bei den Türken sind es 11%, bei Marokkanern 16%. Die Autochtonen unternehmen kaum ein Zehntel aller Fahrten mit dem öffentlichen Verkehr. An den Fahrten der türkischen Frauen hat der ÖV einen Anteil von 15%, und bei autochtonen Frauen 6%.

Vor allem Türken und Marokkaner fahren viel seltener Fahrrad (ungefähr 10% aller Fahrten per Rad) als Autochtone (27% der Fahrten). Auch türkische und marokkanische Frauen sowie Türken der zweiten Generation fahren weniger Fahrrad. Mögliche Erklärungen hierfür sind kulturspezifische Faktoren, zum Beispiel der niedrige Status, den das Fahrrad unter Allochtonen hat, die aus Gewohnheit schlechthin nicht gewöhnt sind Rad zu fahren.

Um Anknüpfungspunkte für die Politik zu identifizieren, hat der Fietsberaad eine ergänzende Studie zum Zusammenhang zwischen der Fahrradnutzung von Allochtonen und Merkmalen wie Alter, ethnischer Hintergrund, Integrationsgrad und Qualität der Fahrradinfrastruktur in den Wohngemeinden durchgeführt, die auf der SCP-Untersuchung "Anders Onderweg" (Anders Unterwegs) aufbaut.

Die Ergebnisse zeigen, dass auch Allochtonen bei guter Fahrradinfrastruktur häufiger Fahrrad fahren. Die Fahrradnutzung von Allochtonen ist in Gemeinden mit guter Fahrradinfrastruktur ungefähr doppelt so hoch wie in Gemeinden mit schlechter Fahrradinfrastruktur. Aber auch in diesen fahrradfreundlichen Gemeinden ist der Anteil der Fahrradnutzung an allen Wegen unter Allochtonen relativ geringer als unter Autochtonen.

Gemäß der zusätzlichen Analyse, die der Fietsberaad in Zusammenarbeit mit dem SCP durchgeführt hat, kann die Stimulierung der Fahrradnutzung unter Allochtonen kurzfristig zur sozialen Entwicklung und Gesundheit von Allochtonen beitragen. Das gilt vor allem für Türken und Marokkaner.

Eine hohe Fahrradnutzung unter Allochtonen hat kurzfristig relativ geringe Wirkung auf die Lebensqualität und Erreichbarkeit der Städte, weil die Autonutzung unter Allochtonen relativ gering ist. Die Erwartung ist jedoch, dass die Autonutzung von Allochtonen zukünftig vermutlich steigt, wenn sich ihre soziale Stellung verbessert oder sie aus den großen Städten wegziehen. Wenn die Fahrradnutzung nun stimuliert wird, kann so z. B. die Autonutzung unter Türken - einschließlich der damit verbundenen externen Effekte (Stau, Emissionen, usw.) - vermindert werden.

Im Allgemeinen sind junge Erwachsene (sowohl allochton wie autochton) eine interessante Zielgruppe der Fahrradpolitik, weil die Fahrradnutzung nach dem 18. Lebensjahr stark zurückgeht. Das gilt in verstärktem Maße für türkische und marokkanische junge Erwachsene, weil bei diesen die bereits niedrige Fahrradnutzung nochmals stark sinkt.

Türkische und marokkanische Männer, die jünger als 50 Jahre sind, fahren noch weniger Fahrrad als ihre weiblichen Lebensgefährtinnen. Über 50 Jahre ist das Bild gerade umgekehrt. Ältere Frauen aus marokkanischer und türkischer Herkunft fahren kaum noch Fahrrad.

Unter Surinamern und Antillianen nimmt die Fahrradnutzung mit zunehmendem Alter ab. Die zweite Generation von Surinamern und Antillianen radelt etwas mehr als die erste. Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt es nicht.

Soziokulturelle Integration

Es gibt eine stark positive Beziehung zwischen dem Maß der Integration einer allochtonen Gruppe und deren Fahrradnutzung. Antillianen und Surinamer sind im Mittel besser integriert als Marokkaner und Türken. Sie fahren dementsprechend mehr Fahrrad. Innerhalb der Gruppe der Menschen von den Antillen und aus Surinam gibt es wiederum keine Verbindung zwischen Fahrradnutzung und Integration. Schlecht integrierte Antillianen und Surinamer fahren genauso viel Fahrrad wie gut integrierte.

Bei schlecht integrierten Türken und Marokkanern ist die Fahrradnutzung vermutlich viel tiefer. Sie verdienen extra Berücksichtigung in der Politik. Möglicherweise kann die Stimulation der Fahrradnutzung auch die Integration befördern. Bedenkenswert ist jedoch, dass auch Türken und Marokkaner, die gut integriert sind, zu weniger Fahrradnutzung neigen – möglicherweise, weil sie öfter über ein Auto verfügen können.

Die im November 2006 erschienene Publikation "Anders onderweg: de mobiliteit van allochtonen und autochtonen vergeleken" ist im Buchhandel erhältlich (ISBN 9037702813) und bei Sociaal und Cultureel Planbureau (SCP) www.scp.nl. Die ergänzende Untersuchung des Fietsberaad "Het Fahrradnutzung van allochtonen nader belicht" (fietsberaadpublicatie 11a des Fietsberaad) steht zum Download unter fietsberaad.nl zur Verfügung.

Quelle:

Sociaal und Cultureel Planbureau, Pressemitteilung vom 07/11/2006: Allochtonen reizen vaker met het öffentlicher Verkehr und minder vaak per fiets, Fietsberaad, "Het fietsgebruik van allochtonen nader belicht", Fietsberaad publicatie No. 11a, 2006 und Fietsberaad 07-11-2006

Meta Infos
Stand der Information
7. November 2006
Quelle

Sociaal und Cultureel Planbureau, Pressemitteilung vom 07/11/2006 Allochtonen reizen vaker met het öffentlicher Verkehr und minder vaak per fiets, Fietsberaad, ‘Het fietsgebruik van allochtonen nader belicht’, Fietsberaad publicatie No. 11a, 2006 und Fietsberaad 07-11-2006

Land
Niederlande
Handlungsfelder NRVP
Fahrradthemen
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