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Verkehrsgutachten "Mobilität der Zukunft in Schleswig-Holstein"

Handlungsempfehlungen für eine moderne Mobilität

Titel des Gutachtens "Mobilität der Zukunft in Schleswig-Holstein"
Titel des Gutachtens "Mobilität der Zukunft in Schleswig-Holstein" © Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Technologie, Ramboll Management Consulting GmbH

Verkehrsgutachten gibt Handlungsempfehlungen für eine moderne Mobilität in Schleswig-Holstein

Erstmals in der Landesgeschichte haben Verkehrswissenschaftler und Ökonomen grundlegend aufgearbeitet, wie die Weichen für eine moderne Mobilität in Schleswig-Holstein in den nächsten 15 bis 25 Jahren gestellt werden müssen. In einer von Verkehrsminister Reinhard Meyer in Auftrag gegebenen Studie analysiert die Hamburger "Ramboll Management Consulting" die derzeitigen Rahmenbedingungen für den Verkehr sowie künftige Mobilitätsanforderungen und -ansprüche der Bevölkerung und leitet daraus 15 konkrete Handlungsempfehlungen ab. Auch zum Radverkehr wird der Ist-Zustand dargelegt und mithilfe von positiven Praxisbeispielen wurden unter anderem die Empfehlung "Ab auf's Rad - Mit landesweitem Ansatz und Austausch den Radverkehr stärken" entwickelt.

Auszüge aus dem Gutachten "Mobilität der Zukunft in Schleswig-Holstein":

Momentane Nutzung von Verkehrsträgern in Schleswig-Holstein

Der MIV wird in Schleswig-Holstein für mehr als die Hälfte aller Fahrten genutzt. Rund ein Viertel der Wege werden zu Fuß zurückgelegt. Der Radverkehr deckt 13 Prozent der Fahrten ab, der ÖV einen im Bundesvergleich geringen Anteil von nur 8 Prozent. In den ländlich geprägten Teilräumen Schleswig-Holsteines ist die MIV-Nutzung deutlich ausgeprägter als in den kreisfreien Städten. Elektrische Fahrzeuge werden im Personenverkehr und im ÖV zunehmend eingesetzt und auch Car-Sharing-Angebote verstärkt genutzt – beides jedoch noch nicht in maßgeblichem Umfang. Im Personenverkehr werden bis 2030 die stärksten relativen Zuwächse im Schienenverkehr erwartet, während die stärksten absoluten Zuwächse im MIV prognostiziert werden.

Gegenwärtige Ansätze, Maßnahmen und Optimierungsbedarfe - Vernetzung von Auto, Fahrrad und öffentlichem Nahverkehr

In Schleswig-Holstein werden derzeit im Rahmen der B+R-Offensive des Landes bereits 22 Bike+Ride-Anlagen an Bahnhöfen in ganz Schleswig-Holstein geplant. Kommunen konnten hierfür im Jahr 2015, sowie auch für Park+Ride-Anlagen, einen Antrag auf Förderung durch das Land bei der NAH.SH GmbH einreichen (NAH.SH 2014). Das Förderprogramm soll im Jahr 2017 erneut aufgelegt werden. Durch die Errichtung von B+R-und P+R-Anlagen an Bahnhöfen werden relativ einfach gehaltene Mobilitätshubs eingerichtet. Die Auswahl von Mobilitätsangeboten an diesen beschränkt sich jedoch auf private und öffentliche Nutzungen und schließt gemeinschaftliche Nutzungen wie Car-Sharing und Bike-Sharing bisher noch nicht mit ein.

Ausbau der Radinfrastruktur und Verbesserung der Sicherheit des Rad- und Fußverkehrs

Um Schleswig-Holsteins Spitzenposition im Bereich der Fahrradinfrastruktur weiter auszubauen, wird das vom MWAVT im Jahr 2004 entwickelte und im Jahr 2008 fortgeschriebene Landesweite Radverkehrsnetz derzeit überarbeitet. Es legt auf Basis von Strukturdaten zur Bevölkerung, Einrichtungen und Schülerzahlen fest, welche Fahrradstrecken an Bundes- und Landesstraßen potenziell gebaut werden könnten und an welchen kommunalen Straßen Radwegebauvorhaben durch das Land in Frage kommen. Zudem wird vom MWAVT derzeit eine Arbeitsgemeinschaft "Fahrradfreundliche Kommunen" ins Leben gerufen, die zum Ziel hat, die Planung und Durchführung von Maßnahmen zur Verbesserung der Fahrradnutzung auf kommunaler Ebene zu stärken.

In der Metropolregion Hamburg werden derzeit 35 Strecken für eine Eignung als Fahrradschnellstraßen geprüft, von denen fünf als besonders aussichtsreich identifiziert werden sollen. Eine Finanzierung für die Errichtung der Fahrradschnellstraßen ist jedoch noch nicht sichergestellt. Auch in der Landeshauptstadt Kiel werden Fahrradschnellwege geplant. Fahrradschnellstraßen, die die Innenstädte mit dem Umland verbinden gibt es in Schleswig-Holsteins größeren Städten jedoch in dieser Form bis dato noch nicht.

Zur Verbesserung der Sicherheit des Rad- und Fußverkehrs hat die Landesregierung im Jahr 2014 erfolgreich eine Bundesratsinitiative gestartet, die auf die erleichterte Einrichtung von Tempo-30-Zonen abzielte. Infolge dessen wurde die Straßenverkehrsordnung geändert. Die Stadt Schleswig strebt an, einen großen Teil des Verkehrs in der Stadt auf Tempo 30 zu begrenzen. Hinzu kommen Überlegungen für eine optimalere und sichere Ausnutzung der bestehenden Infrastruktur durch die Umgestaltung zur Schaffung von Räumen, die allen Verkehrsteilnehmern mit gleichen Rechten genutzt werden können (Shared Space). Diese werden bereits in mehreren Kommunen diskutiert. Diese Maßnahmen werden flankiert von der "Gesamtstrategie für mehr Fairness und Sicherheit im Straßenverkehr", die das MWAVT im Jahr 2014 dem Landtag vorgelegt hat. Diese setzt sich sowohl mit der Sicherheit im Rad- und Fußverkehr als auch mit der im motorisierten Verkehr auseinander.

Dringlichkeit und Empfehlungen im Handlungsfeld "Innovative und umweltfreundliche Verkehrsträger"

Die Empfehlung "Ab auf’s Rad" zielt darauf ab, den Radverkehr durch die Entwicklung einer landesweiten Strategie zu stärken. Wir empfehlen, die konkreten Bedarfe für den Fahrrad- und Pedelec-Verkehr durch einen breiten Beteiligungsprozess zu ermitteln und bedarfsgerechte Maßnahmen zu entwickeln, um Hindernisse für die Nutzung des Fahrrads im Alltag und für Freizeit- und Urlaubszwecke abzubauen. Auch diese Maßnahme erachten wir als wichtig, aber nicht prioritär.

Empfehlung: Ab auf's Rad - Mit landesweitem Ansatz und Austausch den Radverkehr stärken

Ansatz

Mit der hohen Anzahl der Fahrräder pro Kopf, der gut ausgebauten überregionalen Fahrradwege und der im Bundesvergleich überdurchschnittlichen Fahrradnutzung ist Schleswig-Holstein bereits ein Fahrradland. Zudem erfreut sich das Fahrrad in den letzten Jahren wachsender Beliebtheit, die wiederum durch das Aufkommen von Elektrorädern in den letzten Jahren auch in Zukunft weiterhin hoch bleiben dürfte.

Auf der anderen Seite befindet sich ein guter Teil der Fahrradwege in sanierungsbedürftigem Zustand und es gibt weitere Aspekte, wie die Verkehrssicherheit, Abstellmöglichkeiten, Beschilderung, oder Gebühren für die bzw. Beschränkungen bei der Fahrradmitnahme im öffentlichen Verkehr, die die Attraktivität der Fahrradnutzung teilweise schmälern.

Um Schleswig-Holsteins Stellung als Fahrradland weiter zu stärken und den Austausch zwischen den relevanten Akteuren weiter zu forcieren, schlagen wir vor, gemeinsam mit den Kommunen eine landesweite Fahrradstrategie zu entwickeln. Darin können Leitlinien und Zielsetzungen für den Radverkehr formuliert und definiert werden. Die Strategie sollte sich mit den Bedarfen in den einzelnen Regionen des Landes und für einzelne Mobilitätsanlässe wie im Tourismus, Freizeitverkehr und Alltagsverkehr zur Schule und zur Arbeit auseinandersetzen und dabei den Radverkehr mit dem klassischen Fahrrad und mit Elektrorädern in seiner Gesamtheit betrachten.

Als erstes empfehlen wir, auf Basis der derzeit in der Durchführung befindlichen Neuauflage der deutschlandweiten Befragung zur Mobilität in Deutschland eine Datengrundlage zu schaffen über das Fahrradnutzungsverhalten und die Anforderungen der Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner sowie von Urlaubsgästen an die Fahrradnutzung. Diese kann dann mit der Datengrundlage des Landesweiten Radverkehrsnetzes kombiniert werden. Die Strategie sollte sich damit auseinandersetzen, wie das Land die Kreise und Gemeinden bei der Umsetzung einzelner Maßnahmen und Pilotprojekte finanziell und technisch unterstützen kann. Mögliche Maßnahmen, mit denen sich die Fahrradstrategie auseinandersetzen könnte, umfassen beispielsweise:

  • die Einrichtung von Fahrradschnellstraßen im Stadt-Umland Bereich, die zu einer Entlastung viel befahrener Straßen führen könnte,
  • die Umsetzung von Verkehrsberuhigungsmaßnahmen in Städten, die die Verkehrssicherheit erhöhen und die Belastungen durch den Verkehr für Anwohner senken können,
  • die Einrichtung von sicheren Stellplätzen für Fahrräder und Pedelecs an Mobilitätshubs, um die Vernetzung mit und damit die Erreichbarkeit durch den ÖV zu verbessern. Insbesondere für Pedelecs werden sichere und überdachte Stellplätze benötigt, da diese sonst von Nutzerinnen und Nutzern kaum an Haltestellen des ÖV zurückgelassen werden,
  • die Mitnahme von Fahrrädern im öffentlichen Verkehr durch Fahrradabos für die Bahn und/oder Fahrradanhänger an einzelnen Bussen verbessern, um gleichfalls die Vernetzung mit und damit die Erreichbarkeit durch den ÖV attraktiver zu gestalten,
  • die Beschilderung an überregionalen Fahrradwegen verbessern, um das Erlebnis von Fahrradtouren zu verbessern,
  • die Einrichtung von Fahrradverleihsystemen an Mobilitätshubs in den Städten und im ländlichen Raum.

Bei der Erarbeitung der Strategie sollte sichergestellt werden, dass sie sich nahtlos in die landesweite verkehrsträgerübergreifende Konzeption der Mobilität einordnet und aus dieser hervorgeht.

Ziel

Die landesweite Fahrradstrategie verfolgt mehrere Ziele. Einerseits soll sie durch die aufeinander abgestimmte Entwicklung eines Konzeptes für den Fahrradverkehr dazu beitragen, in der Verwaltung ein stärkeres Bewusstsein für den Fahrradverkehr zu verankern. Andererseits kann die Strategie selbst als Orientierungsrahmen für andere fachpolitische Konzepte dienen. So können z.B. in der Strategie formulierte Leitlinien und Maßnahmen im Tourismusbereich dazu genutzt werden, die Attraktivität Schleswig-Holsteins als Land für den sanften Tourismus zu stärken. Darüber hinaus könnte die Stärkung des Radverkehrs dazu beitragen, die Verkehrssicherheit für schutzbedürftige Verkehrsteilnehmer zu verbessern.

Zudem könnte sie dabei unterstützen, den motorisierten Verkehr zu Spitzenzeiten (insbesondere im Berufs- und Ausbildungsverkehr) einzuschränken. Diese Einschränkung hat positive Effekte in Form eines besseren Verkehrsflusses für die verbliebenen Verkehrsteilnehmer auf der Straße und verringerter Umwelt- und Lärmbelastungen. Relevant sind diese Aspekte vor allem in den großen Städten Schleswig-Holsteins sowie in deren Stadt-Umland-Bereichen und im Umland von Hamburg. Daher wäre hier auch die Einrichtung von Radschnellwegen besonders interessant.

Zusätzlich dazu trägt eine Stärkung der Rolle des Fahrrads in der Verkehrsmittelwahl der Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner auch dazu bei, die Umwelt- und Lärmbelastungen durch den Verkehr und somit den Handlungsdruck für die Landesregierung zur Einhaltung von Klimaschutzzielen zu senken.

Ideengeber

In Schleswig-Holstein selber werden bereits einzelne Maßnahmen geplant, bzw. durchgeführt, um den Fahrradverkehr zu stärken. Zu erwähnen sind beispielsweise die vom Ministerium geförderte Einrichtung von Bike+Ride Anlagen an Bahnhöfen, die Prüfung des Baus von bis zu fünf Radschnellwegen in der Metropolregion für den Stadt-Umland Verkehr von und nach Hamburg, oder die Einführung von Verkehrsberuhigungsmaßnahmen innerorts, wie dies in Schleswig mit der Ausweitung der Tempo 30 Zonen der Fall war. Ein landesweites Konzept gibt es mit dem Landesweiten Radverkehrsnetz, das für den Bau und Erhalt in Frage kommende Radwege festlegt. 

Im MWAVT gibt es zudem derzeit einen Fahrradbeauftragten, der sich in Abstimmung mit dem Städteverband Schleswig-Holstein und dem Schleswig-Holsteinischen Landkreistag mit der Planung des Fahrradnetzes und fahrradfördernder Maßnahmen auseinandersetzt. Darunter fällt u.a. die Erstellung und Aktualisierung des Landesweiten Radverkehrsnetzes. Zudem wird derzeit vom MWAVT die Einrichtung einer Arbeitsgemeinschaft "Fahrradfreundliche Kommunen" initiiert, um den institutionellen Austausch zwischen dem Land, den Kommunen und den Verbänden im Bereich des Fahrradverkehrs zu verbessern.

Des Weiteren lohnt ein Blick nach Baden-Württemberg, wo das Verkehrsministerium im Jahr 2015 mit breiter Beteiligung der Öffentlichkeit und von Experten eine RADStrategie Baden-Württemberg herausgegeben hat, die Ziele, Leitlinien und Maßnahmen zur Förderung des Radverkehrs definiert. Auch einige europäische Städte wie Groningen in den Niederlanden und Kopenhagen in Dänemark haben Fahrradstrategien entwickelt. Neben der Fahrradstrategie der dänischen Hauptstadt hat auch das dänische Verkehrsministerium im Jahr 2014 eine Fahrradstrategie für das gesamte Land vorgestellt.

Näher an Schleswig-Holstein gelegen findet man in Hamburg mit der kürzlich geschaffenen Stelle der Fahrradkoordinatorin eine zentrale Stelle, bei der alle Fäden im Bereich des Radverkehrs zusammenlaufen und die Maßnahmen im Bereich des Fahrradverkehrs zusammen mit den Bezirken öffentlichkeitswirksam vorantreibt.

Was konkrete Maßnahmen angeht, werden in immer mehr Stadt-Umland-Bereichen Fahrradschnellwege oder Fahrradautobahnen eingerichtet. Bestes Beispiel sind die Fahrradautobahnen in Kopenhagen, die das Umland mit der dänischen Hauptstadt verbinden und es den Bewohnerinnen und Bewohnern des Umlands ermöglichen, täglich sicher mit dem Fahrrad zur Arbeit zu pendeln. Mit der Fahrradschnellstraße zwischen Frankfurt am Main und Darmstadt in Hessen, sowie dem Radschnellweg Ruhr in NRW findet man gute Beispiele dafür, dass sich dieses Konzept auch gut auf deutsche Städte und ihr Umland übertragen lässt. In NRW wird komplementär zu dem Bau des Radschnellwegs Ruhr mit den Radschnellwegen eine neue Wegekategorie als "Radschnellverbindungen des Landes" in die Straßenordnung eingeführt.

Rolle des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Technologie (MWAVT)

Das Ministerium sehen wir bei der Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Land und Kommunen sowie der Entwicklung einer übergeordneten und öffentlichkeitswirksamen Strategie in einer federführenden Rolle. Unterstützt werden könnte es dabei von dem neu zu schaffenden Kompetenzzentrums Mobilität. Bei der Entwicklung von Leitlinien für den Fahrradverkehr sollten Verbände und die Bürgerinnen und Bürger frühzeitig in den Prozess mit einbezogen werden. Bei der Umsetzung der einzelnen Maßnahmen sehen wir das Ministerium in einer Impulse setzenden und unterstützenden Rolle für die Kommunen.

Dringlichkeit und Umsetzungshorizont

Die Entwicklung der Fahrradstrategie sehen wir als wichtig, jedoch nicht prioritär an. Für Schleswig-Holstein als beliebtes Fahrradland ist es mittelfristig wichtig, seine gute Position im Bundesvergleich auszubauen, gerade wenn es darum geht, den Touristensegment der Aktivurlauber an Schleswig-Holstein zu binden und den sanften Tourismus zu stärken. Auch kann die Stärkung der Rolle des Radverkehrs punktuell zu einer Entlastung der Straßen- und Schieneninfrastruktur beitragen, insbesondere im Stadt-Umland Verkehr. Dabei sollte die Entwicklung der Fahrradstrategie erst im Anschluss an die landesweite verkehrsträgerübergreifende Konzeption des Verkehrs erfolgen.

Quelle: Gutachten: "Mobilität der Zukunft in Schleswig-Holstein"; Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Technologie, Ramboll Management Consulting GmbH; September 2016

Meta Infos
Stand der Information
5. Oktober 2016
Weitere Informationen
Quelle

Gutachten: "Mobilität der Zukunft in Schleswig-Holstein"; Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Technologie, Ramboll Management Consulting GmbH; September 2016

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