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Parlamentarischer Abend der Fahrradakademie 2018

Gesundheitlicher Nutzen des Radfahrens – ein Gewinn für alle

Parlamentarischer Abend der Fahrradakademie 2018
Parlamentarischer Abend der Fahrradakademie 2018 © Doris Reichel

Parlamentarischer Abend der Fahrradakademie 2018 - "Gesundheitlicher Nutzen des Radfahrens – ein Gewinn für alle"

Beim Parlamentarischen Abend der Fahrradakademie am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), der vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) gefördert wurde, trafen sich am 27. November 2018 in der Französischen Friedrichstadtkirche am Berliner Gendarmenmarkt rund 60 Experten aus Politik, Wissenschaft und Verbänden. Sie diskutierten über den gesundheitlichen wie auch volkswirtschaftlichen Nutzen des Radfahrens, über dessen Potenziale und wie diese noch stärker genutzt und gefördert werden können. Durch den Abend führte Prof. Dr. Arno Bunzel, stellvertretender Institutsleiter des Deutschen Instituts für Urbanistik.

Sabine Weiss MdB (Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit) und Thomas Hartmann (BMVI, Leiter des Referats RV 1 Radverkehr) begrüßten die anwesenden Gäste. Staatssekretärin Weiss betonte die gesundheitlichen Effekte von körperlicher Aktivität, die neben Sport auch durch Bewegung im Alltag wie Radfahren erzielt werden können. Sie wies darauf hin, dass die Beliebtheit des Radverkehrs – auch Dank des BMVI und der Fahrradakademie – seit Jahren steigt, betonte aber auch, dass es noch großes Steigerungspotenzial gibt. Das Bundesministerium für Gesundheit setze sich ebenfalls seit Jahren für das Thema Bewegungsförderung ein.

Thomas Hartmann, der an diesem Abend Enak Ferlemann MdB (Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur) vertrat, wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass die Hauptgründe, weswegen das Rad nicht genutzt würde, schlechte Infrastruktur und zu langsames Fortkommen seien. Genau an diesen Punkten würde sein Ministerium ansetzen, unter anderem durch das Förderprogramm für Radschnellwege sowie das Entflechtungsgesetz. Auch die StVO solle auf eine fahrradfreundlichere Auslegung hin geprüft werden.

Im ersten Impulsreferat "Die gesundheitliche Bedeutung des Radfahrens" erläuterte Prof. Dr. Klaus-Michael Braumann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP), warum Bewegung so wichtig für den menschlichen Körper ist. Bereits 30 Minuten langsames Gehen am Tag vermindert das Risiko eines Herzinfarktes um 15 Prozent, 30 Minuten schnelles Gehen sogar um 40 Prozent. Diese nötige Bewegung kann einfach im Alltag untergebracht werden, auch durch das Nutzen des Fahrrads auf dem Arbeitsweg. Durch regelmäßige Bewegung kann einer Vielzahl unterschiedlichster Krankheiten vorgebeugt werden, es wird aber auch die Stressfähigkeit gesteigert sowie die kognitive Leistungsfähigkeit erhöht. Prof. Braumann wies darauf hin, dass die Umgestaltung von Straßen hin zu einer für Radfahrenden sicheren und attraktiven Infrastruktur über die nächsten 40 Jahre Einsparungen in Höhe des 10-25fachen der Investitionen bringen würde.

Dr. Bernhard Ensink, Generalsekretär der European Cyclists Federation (ECF), unterstrich im zweiten Impulsreferat "Der volkswirtschaftliche Gewinn des Radfahrens" ebenso die These, dass die Investitionen in den Radverkehr mit großen Gewinnen, unter anderem im Gesundheitsbereich (Einsparpotenzial von 54 Milliarden Euro) oder im Bereich der Luftreinhaltung (Einsparpotenzial von 430 Millionen Euro), an die Gesellschaft zurückfließen würden. Er betonte aber auch, dass eine gute und sichere Infrastruktur das A und O der Radfahrpolitik sei und forderte auf, das Thema Radfahren zur Chefsache zu machen und im Kanzleramt anzusiedeln.

In der abschließenden Podiumsdiskussion stellte Moderator Prof. Bunzel die zentrale Frage, wie es gelingen kann, mehr Bewegung im Alltag der Menschen zu fördern.

Podiumsgast Mathias Stein MdB (SPD-Bundestagsfraktion) stellte fest, dass noch mehr Abgeordnete das Fahrrad statt der Fahrbereitschaft nutzen könnten, um mit gutem Beispiel voran zu gehen. Auch die Ministerien könnten hier eine Vorreiterrolle übernehmen und beispielsweise die Nutzung von Diensträdern fördern. Herr Stein wies auf die Gründung des "Parlamentskreises Fahrrad" im vergangenen Oktober hin, in dem sich Bundestagsabgeordnete fraktionsübergreifend für die Förderung des Radverkehrs einsetzen wollen. Dabei müsse der Fokus auf den Menschen liegen, die bisher kaum oder nur wenig Rad fahren.

Stefan Gelbhaar MdB (Bündnis 90/Die Grünen-Bundestagsfraktion) vertrat die Meinung, dass seit den 1950er Jahren ausschließlich der passive statt des aktiven Verkehrs gefördert würde. StVO, Bau- und auch Gesundheitspolitik sei rund um das Auto erstellt worden. Auch beim Thema Fahrverbote vermisse er eine Ansage von Gesundheitsminister Spahn. Herr Gelbhaar betonte, dass auf sehr vielen Ebenen Dinge angegangen oder geändert werden müssten, wie z. B. die Errichtung von Duschen am Arbeitsplatz oder die Abschaffung der Förderung von Dienstwagen. Aktuelles Problem sei aber auch der Personalmangel, um das vorhandenen Geld in konkrete Maßnahmen umzusetzen.

Maria Becker, Leiterin der Unterabteilung Prävention im Bundesministerium für Gesundheit, erläuterte, dass es in Ihrem Ministerium sowohl am Standort Berlin wie auch am Standort Bonn bereits Diensträder gebe, die auch gut genutzt werden würden. Sie verwies darauf, dass die Themen Gesundheitsförderung und Prävention viele Schnittstellen zu anderen Ministerien hätten, unter anderem zum Landwirtschaftsministerium (Ernährung) oder zum Umweltministerium (Luftqualität). Sie wolle sich in Zukunft dafür einsetzen, dass es auch mit dem BMVI einen Austausch zum Thema geben werde und gemeinsam über mögliche Fördermöglichkeiten nachgedacht würden.

Thomas Hartmann erwähnte, dass sein Haus versucht, den Kommunen Hilfestellung zu geben, um den Radverkehr zu fördern. Ein von der Universität Kassel durchgeführtes und vom BMVI gefördertes Forschungsprojekt habe errechnet, dass der Radverkehr in der Stadt Kassel mit nur 600.000 Euro pro Jahr gefördert werde und Unfallkosten von 2 Millionen Euro erzeuge, aber alleine im Gesundheitsbereich einen Nutzen von 13 Millionen Euro erwirtschafte. Diese Zahlen sollen helfen, Kommunen zu ermuntern, Radverkehrsinvestitionen zu tätigen. Auch der Bund könne innovative Pilotprojekte in Kommunen fördern. Herr Hartmann schlug zudem vor, Rad fahrende Menschen beispielsweise durch Bonusprogramme zu belohnen.

Prof. Braumann wies darauf hin, dass die Nutzung von Pedelecs aus medizinischer Sicht ebenfalls sinnvoll sein, denn das Wichtigste sei, dass die Menschen sich bewegen. Allerdings gab er auch zu bedenken, dass man den Trainingseffekt beim Radfahren in der Stadt nicht überbewerten solle, da oft an roten Ampeln gehalten werde müsse. Zudem forderte er auf, nicht alles neu zu erfinden. Weltweit gäbe es viele tolle Beispiele, die die aktive Mobilität fördern. Diese müsse man nur zentral sammeln und sich bei geplanten Projekten daran orientieren.

Dr. Ensink forderte dazu auf, sich an Städten mit sehr hohem Radverkehrsanteil zu orientieren. Dort würden die meisten Menschen Rad fahren, weil es Spaß mache – und nicht aus Umweltgründen. Die Menschen in Städten mit hohem Fahrradanteil seien genauso wie die Menschen in Städten mit niedrigem Radverkehrsanteil. Deshalb müsse man sich an den Bedingungen vor Ort orientieren, um den Radverkehrsanteil zu steigern. Dabei wären aber zwei Dinge entscheidend: Die nötige Umverteilung des Raums, um aktive Mobilität zu fördern und die Bereitschaft der Industrie, Techniken wie die automatische Geschwindigkeitsreduktion bei PKW einzuführen.

Im anschließenden informellen Teil der Veranstaltung wurde in diversen Gesprächen deutlich, dass das Fahrrad ein enormes Potenzial hat, es aber Anstrengungen auf allen Ebenen bedarf, dieses auch wirklich zu nutzen.

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Stand der Information
28. November 2018
Weitere Informationen
Quelle
Difu/Fahrradakademie (nationaler-radverkehrsplan.de/de/fahrradakademie)
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