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Sicherheit des zukünftigen Radverkehrs

Einfluss von Radverkehrsaufkommen und Radverkehrsinfrastruktur auf das Unfallgeschehen

Titelblatt des Forschungsberichts "Einfluss von Radverkehrsaufkommen und Radverkehrsinfrastruktur auf das Unfallgeschehen
Titelblatt des Forschungsberichts "Einfluss von Radverkehrsaufkommen und Radverkehrsinfrastruktur auf das Unfallgeschehen © Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V., Unfallforschung der Versicherer

Der Bereich Infrastruktur der Unfallforschung der Versicherer hat eine Studie zur Sicherheit der Radverkehrs-Infrastruktur abgeschlossen. Aus den Erkenntnissen der Studie wurden im Mai 2015 zusammenfassende Schlussfolgerungen und Empfehlungen veröffentlicht. Die Studie sollte klären wie die Kommunen auf zunehmende Radverkehrsstärken, den demografischen Wandel und unterschiedliche Radverkehrs-Geschwindigkeiten reagieren können.

Kurzfassung der Studie "Einfluss von Radverkehrsaufkommen und Radverkehrsinfrastruktur auf das Unfallgeschehen"

Durch den demografischen Wandel, die zunehmende Verbreitung von Pedelecs sowie die in mehreren Städten stark gestiegenen Anteile des Radverkehrs am Gesamtverkehr unterliegen die Stärken, Zusammensetzungen und Geschwindigkeiten des Radverkehrs derzeit einem erheblichen Wandel. Künftig werden insbesondere im Stadtverkehr zunehmende Radverkehrsstärken und stärker differenzierte Geschwindigkeiten von Radfahrern erwartet. Die Studie sollte klären, ob sich daraus ein Einfluss auf das Unfallgeschehen ergeben wird und welche Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit des Radverkehrs zu ergreifen sind.

Die Untersuchung sollte zunächst für den heutigen Radverkehr bei unterschiedlichen Radverkehrsanlagen, Einflüsse aus Radverkehrsstärken, Radverkehrsgeschwindigkeiten und der Altersstruktur auf die Anzahl, die Schwere und die Typen von Radfahrer-Unfällen ermitteln. Aus Verkehrszählungen, Verhaltensbeobachtungen, Geschwindigkeitsmessungen und Unfallanalysen für Radfahrer ergaben sich folgende wesentlichen Erkenntnisse:

  • Die mittleren Geschwindigkeiten des Radverkehrs haben sich gegenüber früheren Untersuchungen um etwa 1,5 km/h erhöht und liegen nun bei etwa 18,2 km/h.
  • An Streckenabschnitten mit Anschlussknoten bedingten höhere Radverkehrsstärken mehr Unfälle und höhere Anteile von Unfällen mit schwerem Personenschaden. An lichtsignalgeregelten Knotenpunkten konnten keine Zusammenhänge zwischen Radverkehrsstärken und Unfallbelastungen bzw. der Unfallschwere ermittelt werden.
  • Bei höheren Radverkehrsstärken verschoben sich die Unfalltypen an Streckenabschnitten von Abbiegen- und Einbiegen-/ Kreuzen-Unfälle hin zu Unfälle im Längsverkehr und Unfälle durch ruhenden Verkehr. Besondere Sicherheitsprobleme bestanden durch das regelwidrige Linksfahren und vor allem bei Führung des Radverkehrs auf Radwegen.
  • An Streckenabschnitten hatten Über-65-Jährige ein etwa doppelt so hohes mittleres Unfallrisiko wie 25- bis 65-Jährige. An lichtsignalgeregelten Knotenpunkten konnte kein Zusammenhang zwischen dem Alter der Radfahrer und der Anzahl der Unfälle festgestellt werden.
  • An Streckenabschnitten traten bei Unfällen älterer Radfahrer anteilig häufiger schwere Unfälle auf. Ein ähnliches Bild zeigte sich an lichtsignalgeregelten Knotenpunkten.
  • Bei höheren Geschwindigkeiten von Radfahrern auf Streckenabschnitten stieg die Anzahl der Unfälle leicht an. Dieser Einfluss war jedoch durch die Radverkehrsstärke überlagert. In Straßen mit höheren Radfahrergeschwindigkeiten ereigneten sich vermehrt Unfälle im Längsverkehr sowie Unfälle durch ruhenden Verkehr.

In sechs Szenarien wurden anschließend mögliche Entwicklungstendenzen des Radverkehrs entwickelt und deren Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit abgeschätzt.

  • S1: Kurzfristig moderate Zunahme des Radverkehrs
  • S2-A: Mittelfristige Veränderung der Altersstruktur
  • S2-A-20: Veränderung der Altersstruktur und moderate Zunahme des Radverkehrs
  • S2-A-20-V: Veränderung der Geschwindigkeiten aufgrund einer veränderten Altersstruktur und veränderter Fahrradtypen bei moderater Zunahme des Radverkehrs
  • S2-A-40: Veränderung der Altersstruktur und erheblich höhere Stärken des Radverkehrs
  • S2-A-40-V: Erheblich höhere Stärken und Veränderung der Geschwindigkeiten des Radverkehrs

Die Szenarienberechnungen beruhten auf der heute üblichen Mischung teils anforderungsgerechter, teils aber auch mängelbehafteter Radverkehrsanlagen.

Sie zeigten, dass an Streckenabschnitten in Zukunft die Anzahl der Radverkehrsunfälle mit Personenschaden und noch stärker die Anzahl der Radverkehrsunfälle mit schwerem Personenschaden, vor allem bedingt durch den Anstieg der Radverkehrsstärken, stark zunehmen werden, wenn keine geeigneten Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Unter den Bedingungen des Szenarios S2-A-40-V wird sich die Anzahl der Radverkehrsunfällemit Personenschaden sogar mehr als verdoppeln und sich die Anzahl der schweren Radverkehrsunfälle im Vergleich zu den heutigen Zahlen um den Faktor 2,4 erhöhen. Bei Führung des Radverkehrs auf der Fahrbahn wie auch auf Radfahrstreifen ist mit Anstieg der Radverkehrsstärke die stärkste, auf Radwegen die geringste Zunahme an Radverkehrsunfällen zu verzeichnen.

An lichtsignalgeregelten Knotenpunkten konnte kein Anstieg der Unfallanzahl ermittelt werden, durch den demografischen Wandel können allerdings Unfälle mit schwerem Personenschaden auf einen Anteil von 16 Prozent an den Unfällen mit Personenschaden steigen.

Die Empfehlungen der Untersuchung beruhten auf den Erkenntnissen über den heutigen Radverkehr. Bereits heute bestehen Radverkehrsanlagen mit starkem Radverkehr bzw. mit höheren Geschwindigkeiten des Radverkehrs. Bereits heute sind alteMenschen im Radverkehr besonders gefährdet. Die Empfehlungen für den künftigen Radverkehr sind daher bereits heute relevant und sollten Anwendung finden, um einem Anstieg der Unfallzahlen entgegenzuwirken.

Grundsätzlich kommen in Zukunft an Verkehrsstraßen weiterhin alle bislang gebräuchlichen Führungsformen für den Radverkehr wie Radwege, Radfahrstreifen, Schutzstreifen und Mischverkehrs-Führungen in Betracht. Wegen ihrer niedrigen Unfallzahlen und geringer Zunahme der Unfallbelastung auch bei steigenden Radverkehrsstärken sollten Fahrradstraßen - soweit sich die Struktur des Straßennetzes dafür eignet, auch als Netzalternative zu Verkehrsstraßen - verstärkt Einsatz finden.

Zur Reduzierung der besonders zunehmenden Längsverkehrsunfälle sollten bei Mischverkehr (Unfälle mit überholenden Kfz) Geschwindigkeitsbegrenzungen auf 30 km/h geprüft werden. Bei Radwegen sind Breiten, die ein Überholen unter Radfahrern zulassen und damit Überholunfälle unter Radfahrern reduzieren, erforderlich. Bei Radfahrstreifen sind besonders ausreichende Sicherheitsräume zu Kfz-Parkstreifen erforderlich.

Bei isolierter Betrachtung des demografischen Wandels (Szenario S2-A) sollten Streckenabschnitte und Knotenpunkte gleichermaßen auf die Sicherungsmaßnahmen hin betrachtet werden. Einem überproportionalen Anstieg von Abbiegen- und Einbiegen-/ Kreuzen-Unfällen muss unter anderem mit Sicherungsmaßnahmen an Einmündungen und Grundstückszufahrten begegnet werden. Hier besteht insbesondere bei Radwegen Handlungsbedarf.

Bei künftig erhöhten Geschwindigkeiten kann eine noch stärkere Zunahme von Längsverkehrs-Unfällen und ein erhöhter Anteil von Unfällen durch ruhenden Verkehr erwartet werden. Dies unterstreicht zum einen die Notwendigkeit ausreichender Überholbreiten von Radwegen und Radfahrstreifen. Auch bei Mischverkehrsführungen sollten Sicherheitsräume zwischen der Fahrbahn und Parkstreifen geprüft werden. Radfahrergruppen, die - wie insbesondere jüngere Erwachsene oder Pedelec-Nutzer - mit höheren Geschwindigkeiten fahren, sollten verstärkt für besondere geschwindigkeitsbedingte Risiken sensibilisiert werden.

Downloads:

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Quelle und weitere Informationen: udv.de/de/mensch/radfahrer/strasse/planung-und-betrieb/sicherheit-des-zukuenftigen-radverkehrs

Meta Infos
Stand der Information
2. Juni 2015
Quelle

Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. - Unfallforschung der Versichere (http://udv.de)

Land
Deutschland
Handlungsfelder NRVP
Fahrradthemen
Schlagworte