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CycleDataHub, Snuffelfiets, SmartHelm

BITS - Europäische Fahrraddaten verfügbar machen

Das europäische BITS-Projekt sammelt Radverkehrsdaten, um den Radverkehr innerhalb des multimodalen Verkehrssystems zu positionieren und das System als Ganzes zu verbessern.
Das europäische BITS-Projekt sammelt Radverkehrsdaten, um den Radverkehr innerhalb des multimodalen Verkehrssystems zu positionieren und das System als Ganzes zu verbessern. © https://northsearegion.eu/bits/about/

Studierende der Wirtschaftsinformatik an der Universität Oldenburg (VLBA) präsentieren Ergebnisse zu offenen europäischen Fahrraddaten

Projektgruppe Bicycle Data im Forschungsprojekt BITS: Die studentische Projektgruppe Bicycle Data der Universität Oldenburg (Wirtschaftsinformatik - VLBA) präsentierte im April 2021 ihre Endergebnisse zur Analyse europäischer Fahrraddaten der interessierten Öffentlichkeit. Die knapp zweieinhalbstündige digitale Veranstaltung war eingebettet in eine BITS-Akademie, die im Rahmen des EU-geförderten Projekts BITS - Bicycles and Intelligent Transport Systems stattfand. Fast 200 Teilnehmende aus ganz Europa hatten die Möglichkeit, mehr über das Potenzial der vorverarbeiteten Fahrraddatensätze zu erfahren sowie interaktiv mitzuwirken und Feedback zum Projekt zu geben. Ein Jahr lang arbeiteten die Studenten intensiv mit den Fahrraddaten der Forschungsprojekte BITS und SmartHelm, letzteres wird durch das mFUND-Programm des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) gefördert. Die Ergebnisse der entwickelten Projektwebsite www.bicycle-data.de wurden ausführlich vorgestellt.

Das BITS-Projekt: Das BITS-Projekt wird durch das Interreg-Programm für die Nordseeregion der Europäischen Union mitfinanziert. Dieses Programm will einen Einfluss auf nachhaltigen Transport und grüne Mobilität schaffen. Das Projekt hat zehn Partner aus mehreren Ländern rund um die Nordsee. Sie konzentrieren sich unter anderem auf saubere Luft durch die Reduzierung von Emissionen. Angestrebt wird beispielsweise, die Nutzung des Fahrrades um mindestens 10 Prozent zu steigern.

Die Aufzeichnung der digitalen BITS-Akademie kann bei Youtube angesehen werden:

SmartHelm

Kevin Mayne (Cycling Industries Europe) und Johannes Schering (VLBA) wiesen in ihrer Einführung auf das große Potenzial des Radverkehrs in Corona-Zeiten und die Relevanz der Verfügbarkeit von zugehörigen Fahrraddaten für Städte und Regionen hin. Im SmartHelm-Teil der Präsentation wurden erste Ergebnisse des Cognitive Systems Lab der Universität Bremen im Rahmen einer aktuell laufenden Augmented-Reality-Studie vorgestellt. Urban Plangger vom Projektpartner UVEX SPORTS präsentierte einen ersten Prototyp des aufmerksamkeitssensitiven SmartHelms, der Fahrradkuriere durch EEG-Messung, EyeTracking und ein AR-Display (Microsoft Hololens2) bei ihrem Arbeitsprozess unterstützen soll. Die Studierenden haben sich selbst intensiv mit den vom Helm gesammelten EEG-Daten auseinandergesetzt. Mit verschiedenen Machine-Learning-Ansätzen wurde untersucht, ob auf Basis der ersten Daten der Laborstudie der Universität Bremen Ablenkungen identifiziert und Arten von Ablenkungen bestimmt werden können. Dazu wurden verschiedene künstliche neuronale Netze trainiert, die von Teilnehmer*innen der Projektgruppe vorgestellt wurden.

Feedback erwünscht: Für die Weiterentwicklung der Website und die damit verbundene Verbesserung der Nutzerorientierung ist das Feedback potenzieller zukünftiger Nutzer, insbesondere von Kommunen, Verkehrsplaner*innen oder Softwareentwickler*innen, sehr erwünscht. Daher bestand die Abschlusspräsentation nicht nur aus PowerPoint-Präsentationen, sondern die Teilnehmer konnten ihre Ideen aktiv einbringen. In diesem Zusammenhang wurde das Publikum in einer Umfrage gefragt, 1.) welche Informationen idealerweise auf dem Helm-Display visualisiert werden sollten, 2.) welche potenziellen Datenquellen für die Visualisierung genutzt werden könnten und 3.) in welchen anderen Anwendungsszenarien neben der Stadtlogistik der intelligente Helm potentiell eingesetzt werden könnte. Das Feedback wurde anhand eines interaktiven Miro-Boards eingeholt, auf dem die Teilnehmer ihre spezifischen Ideen einbringen konnten. Aus Sicht der Teilnehmer*innen lag der Fokus insbesondere auf der Verkehrssicherheit: So könnten z.B. Unfallschwerpunkte oder andere kritische Punkte in der Infrastruktur, Kfz-Überholabstände, Infos zum Straßenzustand oder das Stresslevel der Radfahrenden angezeigt werden. Auch Navigationsvorschläge, Wetterinformationen oder für Freizeitradler*inne interessante Ziele könnten angezeigt werden. Für Fahrradpendler*innen könnten Informationen zu ÖV-Schnittstellen wie Zugabfahrtszeiten oder freie Fahrradparkplätze angezeigt werden. Eine Mängelmeldefunktion wäre ebenso denkbar.

Aufbereitung, Harmonisierung und Veröffentlichung: Ein großer Teil der Präsentation konzentrierte sich auf die Aufbereitung, Harmonisierung und Veröffentlichung von europäischen Fahrraddaten auf der Bicycle-Data-Website im Rahmen des BITS-Projekts. Die Arbeit des Studierendenteams zeigte sehr deutlich, dass Fahrraddaten auf viele verschiedene Arten gesammelt und veröffentlicht werden, die sich von Land zu Land und von Stadt zu Stadt unterscheiden (z.B. durch Fahrradzählstationen oder Apps). Weil Radverkehrsdaten aber so unterschiedlich erhoben werden, ist es zurzeit noch sehr schwierig, verschiedene Städte zu vergleichen. Um Korrelationen zwischen verschiedenen Datensätzen finden zu können, war eine umfangreiche Datenvorverarbeitung notwendig.

Offene Daten: Die Projektwebsite www.bicycle-data.de bietet sogenannte "Key Performance Indicators" (KPIs), Grafiken und Visualisierungen zur Fahrradnutzung (z.B. Apps, Sensoren, Fahrradparken) oder zur Verkehrssicherheit (Beinahe-Unfälle) in Europa. Um allen Interessierten die Möglichkeit zu geben, die aufbereiteten Datensätze für weitere Zwecke wie Verkehrsplanung oder Softwareanwendungen zu nutzen, können diese als offene Daten von der Website heruntergeladen werden. Die Funktionen der Website wurden im Rahmen einer Live-Demonstration ausführlich vorgestellt. Die KPIs und die weiteren Funktionen der Website müssen von Praktiker*innen evaluiert und entsprechend angepasst werden. Dementsprechend wurden die Themen Fahrradzählung, Tracking/Sensordaten, Verkehrssicherheit (Beinahe-Unfälle) und die technischen Hintergründe bei der Entwicklung der Website in vier Break-out-Sessions intensiv diskutiert. Mit den Teilnehmenden wurden verschiedene Potenziale für technische Weiterentwicklungen und Verbesserungen identifiziert.

CyclingDataHub - Europäische Fahrraddaten verfügbar machen

Das gesamte BITS-Projekt arbeitet an einem europäischen Open-Data-Portal mit speziellem Fokus auf Fahrraddaten, dem sogenannten CycleDataHub (CDH). Die BITS-Akademie wurde daher mit einer Live-Demonstration des auf ArcGis basierenden Hubs durch Kim Verbeeck (Provinz Antwerpen) abgerundet. Ähnlich wie bei der mCLOUD des BMVI können auch externe Radverkehrsdatensätze von anderen externen Webseiten mit dem CDH verknüpft werden. Interessierten Akteuren aus Kommunen, Verkehrsplanung, Wirtschaft, Forschung oder anderen interessierten Teilen der Gesellschaft wird so ermöglicht, ihre Radverkehrsdaten als offene Datensätze zu veröffentlichen. Ein entsprechender Aufruf zur Datenbereitstellung ist im Fahrradportal zu finden.

Knotenpunkt für alle Fahrraddaten in Europa: Im Rahmen des europäischen BITS-Projekts zu Fahrraddaten hat die Provinz Antwerpen mit Partnern in Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, Großbritannien und Belgien einen europäischen Knotenpunkt für Fahrraddaten cycledatahub.eu entwickelt. Ziel ist es, einen zentralen Knotenpunkt zu schaffen, an dem jede/r Interessierte verfügbare Daten zum Thema Radfahren recherchieren kann. Jeder kann sich auf dem CycleDataHub registrieren und vorhandene und verfügbare Weblinks hochladen. Dieser Beitrag ist ein wichtiger neuer Schritt in Richtung einer Welt, in der Fahrraddaten ganz oben auf der Agenda stehen. Denn nur relevante und vergleichbar vorhandene Fahrraddaten können vernünftig in der Mobilitätspolitik Berücksichtigung finden.

Aufruf zur Datenabgabe: Durch die Kombination verschiedener Datenquellen auf dem CycleDataHub ergeben sich innovative Erkenntnisse. Deshalb sind alle Fahrraddaten-Profis aufgerufen, Weblinks zu ihren Daten auf dem CycleDataHub zu teilen. Je mehr Daten zu Verfügung stehen, desto besser kann eine gemeinsame Fahrraddatensprache gefunden und somit die Daten grenzüberschreitend und in statistisch validen Zahlen verglichen werden. Alle Datensätze im Hub werden mithilfe von Labels wie Fahrradinfrastruktur, Fahrradnutzung, Gesundheit, Sicherheit, Umwelt/Emissionen usw. kategorisiert. Im Moment enthält der CycleDataHub hauptsächlich Daten der BITS-Partner*innen, und natürlich aus den Pilotprojekten.

SnuffelFiets

Sniffer-Bikes in Utrecht: Das "Schnüffel-Fahrrad-Projekt" (SnuffelFiets), das 2019 zuerst in Utrecht ins Leben gerufen wurde, gibt Einblicke in die Quellen, Ziele, Routen, Wegelängen und Reisezeiten bzw. Wartezeiten Radfahrender. Die Sensordaten lassen auch Analysen der Luftqualität und anderer Umweltdaten wie Hitze oder Fahrbahnunebenheiten zu. Das Sniffer-Bike-Projekt bietet für alle Interessierten/Beteiligten eine Plattform zum Ideen- und Erfahrungsaustausch. Die Provinz Utrecht möchte diese Form der digitalen Beteiligung und Zusammenarbeit weiter ausbauen.

Sniffer-Bikes in Zwolle: Seit Ende 2019 sind Sniffer-Bikes auch in Zwolle Teil des BITS-Projekts. Hier tragen die Schnüffel-Fahrräder zum größeren Projekt SensHagen bei, in dessen Rahmen Daten über das Wohnumfeld gesammelt und mit den Daten fester Messpunkte in der Nachbarschaft kombiniert werden. Für eine bessere Nutzung der Daten soll außerdem eine intelligente Kombination mit weiteren – in anderen Zusammenhängen erfassten oder gemeldeten – Datenquellen erfolgen. Durch die geplante Entwicklung eines personalisierbaren Mobilitäts-Dashboards könnn die Radfahrenden nicht nur Einblicke in die schnellsten Routen erhalten, sondern auch Ratschläge zu den gesündesten und attraktivsten Strecken.

Sniffer-Bikes bei Deelfiets Nederland: Das Fahrradverleihsystem rüstet seine elektrischen Leihfahrräder mit eingebauten Schnüffelsensoren aus. Sie investieren auch in die Weiterentwicklung des Konzepts, wie ein eigenes Armaturenbrett, kleinere Platinen, die Möglichkeit, die Sensoren mit einem Dynamo zu betreiben und die Möglichkeit, auch Stickstoffdaten zu sammeln. Diese Aktivitäten lohnen sich auuch wirtschaftlich für Deelfiets Nederland, denn der Fahrradverleiher ist auf Kommunen und andere Partner angewiesen, wenn es um Standorte geht, an denen sie ihre Fahrräder anbieten können.

Lärm-Erfassung mit Sniffer-Bikes: Auch im Ausland gibt es Interesse am Sniffer-Bike-Konzept. Ein Partner im BITS-Projekt hat beispielsweise vor Lärmdaten zu sammeln, denn Lärm hat einen großen Einfluss auf die Lebensqualität.

Zukunft des Sniffer-Bike-Konzepts: Die Schnüffelfahrrad-Idee ist noch lange nicht ausgereift. Es gibt noch viele Möglichkeiten, wenn es um den Einsatz anderer Sensoren, neue Datenanwendungen und neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Verwaltungen, Bürger*innen, Unternehmen und Forschung geht. Eine Herausforderung bei der digitalen Partizipation ist es, einen fairen Ausgleich zwischen den individuellen Interessen der Datennutzung und anderen Interessen (Datenschutz, kommerzielle Nutzung usw.) zu finden.